Mainhattan Moments
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November 2009
Gott der Dichtkunst
von Patricia Radda

Weiß. Nur Weiß. Ich starre auf den Stift in meiner Hand. Dann wieder auf das Papier. Verdammtes Weiß. Es schlägt mir noch die Augen ein. Vielleicht macht es mich blind. Ganz blind. Dann stehe ich im Dunkeln.
Einige sagen, sie können nur schreiben, wenn sie unglücklich verliebt sind, wenn sie vor Sehnsucht vergehen und alles tun würden, um bei der Person zu sein, die sie lieben. Wenn sie darauf warten, dass sie endlich wieder zusammensind. Bei mir ist es anders.
Wenn er bei mir ist, kann ich schreiben.
Wenn er bei mir ist, kann ich reden.
Wenn er nur da ist.
Meine Worte passen zusammen und die Sätze bilden sich von ganz allein.

Wenn er jetzt da wäre, würde er in der Ecke dort drüben stehen. Er würde lächeln und dann würde er „Callie“ sagen, nur meinen Namen, nur einmal. Dann würde ich zurücklächeln und dann würden sie kommen. All die Buchstaben, Sätze, Wörter, Reime; alles, was in meinem Kopf vorhanden ist. Es ist in meinem Kopf und kommt nicht aufs Papier. Außer, wenn er da ist.
Er würde sich hinsetzen, mir gegenüber. Er würde mich anschauen, auf eine beruhigende Art.
Und dann würde er mich schreiben lassen. So lange ich schreiben muss.

Nachdem ich den Stift beiseite gelegt hätte, würde ich ihn anlächeln. Dann würde er aufstehen und zu mir kommen. Er wagt es nie mich zu berühren. Niemals. Wie sehr sehne ich mich nach seiner Berührung. Gerne würde ich seine Hände auf meiner Haut spüren oder gar seine Lippen an den meinen. Trocken wird mein Mund, wenn ich mich nach ihm sehne und heiß mein Körper. Komm zu mir.

Jetzt ist er da. „Callie“, sagt er. Und lächelt. Seine langen schwarzen Haare fallen ihm ins Gesicht, als er sich setzt. Und ich beginne zu schreiben. Langsam. Heute bin ich unruhig. Heute schreibe ich seitenlang.
Und er wartet.
Worauf wartet er?
Dass ich aufhöre?
Will er, dass ich aufhöre zu schreiben? Ich sehe ihn an. Er beobachtet mich sehr konzentriert. Er ignoriert meinen Blick, aber will, dass ich weiterschreibe. Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr schreiben.

Ich will zu ihm.
Ich will ihn berühren.
Ich lege den Stift beiseite. Er lächelt mich an. Und er kommt zu mir. Er nickt wie jedes Mal. Und dann verbeugt er sich leicht, wie jedes Mal. Als er sich umdrehen will, strecke ich meinen Arm aus. Meine Hand will seine fassen, doch er weicht zurück.
„Du weißt nicht, was du mir schenkst“, sagt er. Und ich begreife. Wenn er mir noch näher kommt, verliere ich die Worte. So nahe wird er mir nie kommen. Niemals. Aber ich würde alles aufgeben. Oder nicht? Die ganze Welt würde ich geben, nur um ihm zu gehören. Ich stehe auf. Er schüttelt den Kopf.

Ich erhebe meine Hände, ihn einladend. Er streckt seine Hände vor, tut so, als würde er mich nehmen. Und da sehe ich es; sehe ich in seinen Augen, dass er mich will. Er sehnt sich nach mir. Und dieses Wissen ist mir genug. Genug für heute. Zwischen unseren Händen bleibt ein Zentimeter Luft.

Ein bisschen Luft, die uns verbindet, weil sie uns trennt.

Letzte Aktualisierung: 25.11.2009 - 17.53 Uhr
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