Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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November 2009
System Error
von Janine Gimbel

Neben ihr ertönte sonores Schnarchen aus den Kissen, gleichmäßiger Atem, der unter anderen Umständen als beruhigend hätte durchgehen können. Ruhe war jedoch das Letzte, was ihr zurzeit in den Sinn kam. Mit zittrigen Händen hielt sie sich das Buch vors Gesicht, lauschte angestrengt dem Ticken der Uhr. Es kann zu plötzlicher Aktivität kommen, hallte ein Rat in ihrem Kopf wider, den sie erst vor kurzem gelesen hatte. Nein, das konnte sie in diesem Moment wirklich nicht gebrauchen! Konzentriert arbeitete sie weiter, Seite um Seite, Minute um Minute, mit einem panischen Blick in seine Richtung.

Was hatte sie falsch gemacht? Die Teile waren in der richtigen Reihenfolge zusammengefügt, keine der Verbesserungen hatte sie übersprungen. Wehmütig schwelgte sie in Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit, an Küsse, Blicke, an zarte Berührungen, Streicheleinheiten, ein gut gemeintes Wort. Wohin war all das verschwunden? Damals, als sie den Schritt von Date zu Up-Date wagte, von Nähere Bekanntschaft 8.0 auf Fester Freund 1.0, zeigte er eine Veränderung, erst zum Guten, mit kleinen Aufmerksamkeiten, Geschenken, Überraschungsbesuchen und Pünktlichkeit, dann – nach und nach – zum Schlechten: Vergesslichkeit, wenn es um ihren Jahrestag ging, Ignoranz gegenüber ihrer Leidenschaft für kostspielige Schuhe. Das Up-Date auf Fester Freund 2.0 und 3.0 brachte nicht den gewünschten Effekt, so dass sie den Rezensentinnen eines Online-Shops zu glauben begann, die die Fehlerhaftigkeit der Serie bemängelten, ja, nicht müde wurden, die verbesserte Version anzupreisen.
Ehemann 1.0. Alles klang plausibel – Frau bestellte eine zusätzliche Fernbedienung und zwei Ringe, mit denen das Up-Date besiegelt wurde, sprach eine festgelegte Formel und – Tada! Alles funktionierte wieder wie am Schnürchen.

Drei Monate war es her, dass sie das gewagt hatte. Drei Monate mit Ehemann 1.0, und dieser hatte sein Verhalten bereits grundlegend geändert. In der Bedienungsanleitung musste etwas stehen von Befehlsverweigerung. Ihr Finger glitt suchend durch das Inhaltsverzeichnis, während sie sich angespannt auf die Lippe biss. Systemneustart, Rekonfiguration, Deinstallation.
Anfangs waren es Kleinigkeiten. Als sie ihn angewiesen hatte, den Müll zu entsorgen, war dieser immerhin von der Küche bis in den Flur gelangt, der Befehl „Bring den Müll raus!“ war augenscheinlich erfüllt. Das war also zu verstehen unter Geben Sie klare Instruktionen, damit es im System nicht zu Fehlinterpretationen kommen kann. Um die Fernbedienung anzuwenden, hatte sie erst einige Scheu überwinden müssen. Das Ergebnis war, milde ausgedrückt, ernüchternd. Es hatte in letzter Zeit zu ständigen Betriebsabstürzen geführt: Nichtreaktion und dauerhafter Ruhezustand, selten ein Standby-Betrieb, aus dem Ehemann 1.0 durch konstantes Drängeln in eine träge Haltung der eingeschränkten Befehlsaufnahme versetzen werden konnte. Erst nach Betätigung der Tastenkombination Strg, Alt und Entf – was nach mehrmaligem Gebrauch einem Neustart gleichkam – kam er wieder in Bewegung. Eine erneute Eingabe von Systeminformationen war danach meist unumgänglich.

Sichern Sie Ihr System mit einem Passwort, um es vor Fremdzugriffen zu schützen, las sie auf Seite 345 des umfangreichen Handbuches. Das hatte sie pflichtbewusst getan, genaue Details eingegeben, wann, wie und auf welcher Route Ehemann 1.0 den Heimweg anzutreten hatte, welche Abweichungen auf diesem zulässig waren. Mit der optionalen, zugegeben nicht gerade billigen Flirtwall hatte sie ihn vor Viren geschützt und zumindest mit diesen bisher keine Probleme gehabt. Daran lag es definitiv nicht! Sie wog die Fernbedienung unschlüssig in den Händen, traute sich nicht, zu fluchen, um Ehemann 1.0 nicht zu wecken – gesetzt den Fall, er würde überhaupt eine Reaktion zeigen!
So sehr sie auch das Kapitel Defragmentierung ausblendete, was blieben für Alternativen? Ein neues Betriebssystem? Im Anhang stand etwas von Liebhaber 1.0 und … sie wagte kaum, diese Möglichkeit auch nur gedanklich in Erwägung zu ziehen, Exmann 1.0! Nein, so weit wollte sie nicht gehen! Was das für Schwierigkeiten im Rückgabeprozess mit sich ziehen würde – nach drei Monaten einer nicht gerade zimperlichen Nutzung des Systems –, die Kommunikation mit dem estländischen Kundenservice, das Porto nach Südosteuropa, Fragen ihrer Freundinnen nach seinem Verbleib … Wie sollte sie ihn überhaupt verpacken? Es musste einen anderen Weg geben!
Ihre Suche ließ sie innehalten auf der Seite, die System Error 404 beschrieb. Häufiger Ruhezustand, Hardwareprobleme, Datenverlust. Sie drehte den Kopf leicht nach links, betrachtete Ehemann 1.0 erneut, der just in diesem Moment ein zustimmendes Grunzen ausstieß, nahezu als Bestätigung ihrer Befürchtung. Das musste es sein! System Error 404. Hastig überflog sie die weiteren Beschreibungen der Probleme – Verfallen in schwer überwindbare Routinen, Ausführen nicht autorisierter Prozesse –, um zum abschließenden Rat zu kommen: Setzen Sie sich mit dem Service in Verbindung, fahren Sie notfalls ein Up-Date auf Ehemann 2.0, bestellen Sie gegebenenfalls das Service Pack 2 zur Optimierung.
Beim Lesen dieser Zeilen schleuderte sie im Affekt die Fernbedienung von sich, die Sekundenbruchteile später mit einem Scheppern an der Wand abprallte. Ein Ruck ging durch die Matratze des Doppelbettes, Ehemann 1.0 setzte sich rasch auf. Sogar die Hardware war zu unverhofftem Leben erwacht, wie sie staunend an der Bettdecke ablesen konnte. Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen, als Ehemann 1.0 sie mit einem verwegenen Blitzen in den Augen bedachte und zum sofortigen Ablegen ihrer Benutzeroberfläche aufforderte. Zu Komplikationen mit der Hardware führte sein Zustand also nicht …

Sie zögerte nur einen Augenblick … Zeit für ein Up-Date war auch morgen noch!

Letzte Aktualisierung: 14.11.2009 - 23.51 Uhr
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