Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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November 2009
Ein Hoch auf die Traumfabrik
von Patricia Kohnle

Marga Müller drückt Knopf "6". Der Fahrstuhl schnurrt langsam nach oben; zum Kundenzentrum der AV-Bank. Endlich kann sie versuchen, ihre verkrampften Zehen in den selten getragenen, spitz zulaufenden Schuhen millimeterweise nach vorne zu bewegen. Mist! Wie das drückt! Genauso eng wie dieser Blazer, dessen Knöpfe sie nur mit angehaltenem Atem mühsam zusammenhalten kann.

Gleichzeitig fühlt sich Herr Reis entspannt. Sehr entspannt. Im offenen Bürobereich der AV-Bank erwartet er Marga Müller, seine letzte Kundin dieses Tages. Zeit, um mit seiner Kollegin ein wenig zu flirten und einen kleinen, faszinierten Blick in ihr offengelegtes Dekolletee zu werfen. Sein Kennerblick weiss, da ist kein push-up nötig zum Heben und Tragen. Alles ist "natürlich", umrahmt von schwarzer Spitze. Das kleine Tattoo auf...

"Herr Reis? Herr Reis?"

Er schreckt hoch. Der Wechsel in die Wirklichkeit ist abrupt. Er blickt in ein ungeschminktes Gesicht, umrahmt von einem ausgewachsenen Haarschnitt in fadem Aschton. Das ist wohl Frau Müller.

„Ah, guten Tag Frau Müller. Sehr erfreut, Sie endlich persönlich kennenzulernen. Haben Sie gut hierher gefunden?“

Herr Reis braucht dieses Mal keinen Kennerblick, um festzustellen: „Flacher Hängebusen mit Erdenschwere, ohne Tattoo.“

Soll er trotzdem die übliche Flirtverkaufsmasche abspulen? Ein zweiter Blick auf die Erdenschwere und seine Zehennägel rollen sich, entsetzt und unwiderruflich, auf. Nein, er wird sich d a s nicht antun, so kurz vor Feierabend. Er wird es auch so schaffen, dieser kleinen, unscheinbaren grauen Maus, ohne das übliche Geplänkel, einen Vertrag unterzujubeln. Er kann sogar darauf wetten, dass er es schafft. Fade, wie die ist. Da hört er sie auch schon sagen:

"Gerne nehme ich eine Tasse Kaffee. Aber nur, wenn Sie auch eine trinken und es keine Umstände macht. Wegen mir müssen Sie keine extra aufbrühen."

Na bitte, er kennt doch seine Pappenheimer.


Um die Sache schnell hinter sich zu bringen, führt er Frau Müller in das Beratungszimmer. Alle wichtigen Daten sind in seinem Kopf: Marga Müller, 51 Jahre, verwitwet, halbtags berufstätig, zwei Kinder, interessiert an Riester Rente.

Wie bei jedem Kundengespräch beginnt sich sein Kopfkino in Gang zu setzen. Verkaufsinstinkt. Ein Ergebnis langjähriger, erfolgreicher Verkaufsschulungen:

Wirkt ziemlich angespannt, diese Müller. Vielleicht wegen dem Bauch, den sie einzieht. Meine Herren, hat die fette, aufgeblasene Backen. Die sieht aus wie ein Frosch mit Schwimmblase. Eklig. Jetzt nur nicht angenervt schauen. Ich bin Profi. Das überspiele ich. Ich kann das: Freundlich, immer freundlich bleiben. Am besten schwenke ich jetzt gleich auf die familiäre Situation über. Ich fresse einen Besen, das ist genau das Terrain, auf dem sich so eine graue Maus wie die sicher fühlt.

„Es freut mich, Frau Müller, dass Sie die staatlich geförderte Altersvorsorge für sich nutzen möchten. Wie Sie bereits wissen, orientieren sich die staatlichen Zulagen an der Anzahl der Kinder, die in Ihrem Haushalt leben. Wenn Sie mir kurz die Namen und Geburtsdaten Ihrer Kinder nennen können. Ich nehme an, die wohnen beide noch bei Ihnen zuhause."

"Zum Glück, Herr Reis, zum Glück. Ohne die beiden hätte ich diese schwere Zeit nie durchgestanden. Eine Stütze sind sie mir. Eine unentbehrliche Stütze. Auch jetzt noch. Immer noch. Auf sie kann ich mich verlassen. Was wäre ich ohne sie. Was wäre das Leben ohne sie. Wie? Ach ja, meine Clara ist am 5.5.1985 geboren und mein Jonas am 3.3.1989."

Na bitte, läuft doch wie geschmiert. Da lehnt sich dieses Muttchen doch gleich entspannt zurück und knöpft das Jäckchen auf … Puh, das würde sie besser bleiben lassen. Da kann einem ja glatt der Appetit vergehen. In spätestens zehn Minuten habe ich sie in der Tasche. Läuft doch wie geschmiert. Jetzt nur nicht nachlassen. Ich muss weiterhin sympathisch rüberkommen. Verbindlich. Interessiert. Lachen, breit lachen, ein bisschen Jungenhaft. Das kommt immer gut an.

"Ach wirklich, Frau Müller, das ist ja witzig. Die Geburtsdaten Ihrer Kinder, das sind ja alles Schnapszahlen. Wie bei unseren Zwillingen. So ganz im Vertrauen, eigentlich erzähle ich das sonst nicht, wir haben Zwillinge, die sind auch an einem "Schnapszahlendatum" geboren. So ein Zufall aber auch! Sind wir beide, Sie und ich, doch tatsächlich „Schnapszahleneltern“ von „Schnapszahlenkindern“. Wenn das nicht besondere Kinder sind, unsere Kinder. Nicht wahr?! Dann ist es doppelt wichtig, dass man im Alter abgesichert ist. Um ihnen nicht zur Last zu fallen, meine ich."

"Ja, das stimme ich Ihnen voll und ganz zu, Herr Reis. Nicht zur Last zu fallen, das ist sehr, sehr wichtig. Wie oft wünsche ich mir, mein verstorbener Mann hätte ebenso darauf geachtet, dass wir einmal versorgt sind, falls … er einmal nicht mehr ... ist ... . Wissen Sie, an manchen Tagen weiß ich fast nicht mehr, wie wir von der kleinen Witwenrente und meinem schmalen Halbtagsstellengehalt überleben sollen. Mein Mann war immer so ein Kerngesunder. Nie krank. Und dann aber ... dieser schwere Unfall ... er war nicht einmal schuld."

Mist, die wird doch nicht noch die ganze Leidensgeschichte abspulen. Darauf habe ich heute Abend wirklich keinen Bock mehr. Schließlich will ich raus aus dem Laden, bevor die Autobahn nach Frankfurt wieder total verstopft ist.

"Wohnen Sie auch außerhalb, Herr Reis? Ach, Sie wohnen in Heppenheim? Das ist ja ganz in unserer Nähe. In Heppenheim wohnen Freunde von uns. Exclusive Gegend! Wir haben allerdings nur ein kleines Reihenhaus. Ganz hübsch, leider ohne Garten, aber dafür mit einer Hollywoodschaukel auf dem Balkon. In Grün. Das musste sein.“

Uff, Glück gehabt. Jetzt hat sie gerade noch die Kurve gekriegt. Beinahe wäre das Geheule und Gerotze losgegangen. Dann hätte ich mir die Heimfahrt für heute abschminken können. Am besten lasse ich sie jetzt quatschen und tue so, als ob ich zuhöre. Verständnisvoller großer Bruder … das kommt immer gut. Wenn ich es richtig anstelle, unterschreibt die blind … die würde sogar ihr Todesurteil für ein bisschen Anteilnahme unterschreiben. Wetten? Puh, aber das muss ich mir heute Abend hart erkaufen. Meine Güte kann die quasseln. Ich glaube, ihr Mann ist nicht an einem Unfall gestorben; sondern die hat den ins Grab gelabert.

„Wissen Sie, Herr Reis, das Reihenhaus … wir mussten Schulden auf das Haus aufnehmen. Mein Mann ... er … starb ... nicht sofort an den Folgen des Unfalls. Ich dachte, uns würden noch einige gemeinsame Jahre verbleiben. Ich pflegte ihn so gut ich konnte. Aber, da waren die Kosten für die Sozialstation, den Ergotherapeuten, für den behindertengerechten Umbau des Hauses. Aber in allem hielt ich zu ihm. Er konnte sich auf mich verlassen. Über 25 Jahre verheiratet; da rennt man nicht einfach auseinander. Aber wissen Sie, in der Selbsthilfegruppe der Unfallgeschädigten, der ich angehöre, ist ein Mann, der sitzt im Rollstuhl. Arbeitsunfall. Den hat doch tatsächlich seine Frau verlassen..."

Selbsthilfegruppe? Da treffen sich bestimmt so Weicheier, die sich zur Begrüßung alle erst einmal abknutschen. Auch die Männer. Ist doch klar, dass den seine Frau verlassen hat. Pah. - Ob Sonja schon zuhause ist? Ihr Tattoo ist fast so sexy wie … Da muss ich nachher gleich nachschauen. Unter der Decke. Tief unter der Decke. Mal unauffällig auf die Uhr schielen. Bin ganz schön kribbelig. Die Müller guckt so komisch. Lächeln nicht vergessen. Lächeln. Sonjas Möpse. Geile Möpse. Die würde sie über mir breit machen, selbst … wenn ich in einen Gipsverband gewickelt wäre, wie eine Pellwurst. Braves Mädchen. Die würde mich nie verlassen. Nie! Oder … ? Na ja, … unsere offene Ehe. Und wenn schon. Aber wie Gerd sie letzthin taxiert hat. Es schien ihr gefallen zu haben. Was hat die Olle gerade gesagt?

"Und finden Sie einmal jemanden, der Sie Tag und Nacht pflegt. Nicht nur, dass Sie das nie bezahlen können. Wer macht das denn schon?"

Sonja ... würde bei ihm bleiben ... bestimmt … oder … wenn er nach einem Unfall … die Fahrt immer auf der Autobahn … ein Krüppel war ... er nicht mehr konnte … da war Gerd besser in Schwung. Würde sie trotzdem mit ihm fliegen … auf die Malediven, wie letztes Jahr … auch wenn er ... wenn er … den gewohnten Stand … den Ständer … verloren … nicht mehr hochbekam ... die Malediven nicht mehr bezahlen … das Haus verlieren … würde sie dann ... lieber mit Gerd …

Ein lautes Geräusch lässt ihn zusammenzucken.

Meine Herren. Die hat sie nicht mehr alle. Wo hat denn die alte Scharteke plötzlich den Laptop her? Und warum donnert sie den jetzt auf den Tisch?

"Wissen Sie, Herr Reis; vor genau solchen Situationen kann ich Sie bewahren. Bei Unsicherheiten, Zweifel hilft eine private Erwerbs- und Berufsunfähigkeitsversicherung. Wenn Sie mir kurz ihre persönlichen Daten nennen, kann ich ihnen sofort die Beitragshöhe berechnen. Dass der Geburtstag Ihrer Zwillinge eine Schnapszahl ist, weiß ich ja bereits.“

Sie lächelt verbindlich.

Aus ihrem Kostümärmel schiebt sich eine Hand mit dem Visitenkärtchen:

LV - KL
Länger Versichern -
Kürzer Leben
Marga Müller

Marga klimpert Herrn Reis mit ihren Augen an: „Wie schön, als Kollegin auf einen so netten, sympathischen, verständnisvollen und dazu noch ausnehmend, sie schlägt die Augen nieder, gutaussehenden Kollegen getroffen zu sein.



Er schaut ihr tief in die Augen und streift, wie unbeabsichtigt, kurz ihren Kostümärmel, als er nach ihrem Visitenkärtchen greift.

Und in diesem Moment weiß er: Der Weg zur Riester-Rente wird der Erdenschwere nicht entbehren und der Abend dorthin wird noch lang und beschwerlich werden. Scheiß Job!

© Patricia Kohnle 1999

Letzte Aktualisierung: 15.11.2009 - 19.05 Uhr
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