Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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November 2009
Glitzerstaub im Regenbogen
von Gerhard Fritsch

Der Winter war sehr streng in diesem Jahr, besonders hier am Rande des großen Zauberwaldes. Die Zeit war gekommen, in der die Menschen in ihren warmen Stuben blieben und das Weihnachtsfest feierten. Die Amseln berichteten, dass man hinter den mit Eisblumen verzierten Fenstern ihre Kinder beobachten konnte, wie sie mit großen Augen und roten Wangen Geschenke auspackten und gierig in dampfende, mit Zimt und Zucker bestreute Bratäpfel bissen.

Draußen aber, am Waldrand, erschwerte der gefrorene Boden und der tiefe Schnee die Futtersuche, so dass Fienchens Mama immer öfter ohne Essen für sie und ihre Geschwister zurückkam. Da sagte Fienchen eines Tages: „Mama, ich bin jetzt alt genug, ich will versuchen, für mich selbst zu sorgen. Ich gehe selbst auf Futtersuche.“
Schweren Herzens ließ Mama Fienchen ziehen, aber sie wusste, das es das beste sei, denn sie selbst war schon zu schwach, um alle Mäuler stopfen zu können, und ihr Lebensgefährte - Fienchens Stiefvater – half ihr nicht bei der Ernährung der Kleinen.
Als Fienchen nun zum Waldrand kam, stach ihr schon bald ein verlockender Duft in die Nase, und ganz außer sich vor Neugier und Hunger suchte sie nach dessen Quelle. Da plötzlich raschelte es im Gebüsch und ein graues, zerzaustes Etwas, kaum größer als sie selbst, kam knurrend auf sie zugeschossen. Fienchen wollte davonlaufen, prallte aber gegen einen Baum und purzelte direkt vor die Füße des struppeligen Unholds.
Jetzt bin ich verloren, dachte Fienchen, duckte sich zitternd auf den Boden und schloss die Augen.
„Bist Du aber ein hübsches Fuchsmädchen“, hörte sie da plötzlich die Stimme neben sich sagen. „Ich heiße Wuschel, und wer bist Du?“
Schüchtern blickte Fienchen auf. Vor ihr stand ein kratzborstiger, kurzbeiniger Hund mit zerknitterten Schnurrhaaren, hielt seinen Kopf schief, und versuchte, Fienchen mit einem freundlichen Lächeln die Angst zu nehmen.
„Ich heiße Fienchen“, antwortete Fienchen, „ich habe gesucht, wonach es hier so gut riecht.“ Und indem sie ihren Kopf zur anderen Seite neigte, ergänzte sie: „Du siehst lustig aus.“
„Das hast Du lieb gesagt“, entgegnete Wuschel, und man merkte ihm die Freude darüber an. Doch dann bogen sich seine Mundwinkel nach unten und mit erstickter Stimme klagte er Fienchen sein Leid: „Die meisten mögen mich nicht, nur weil mein Herrchen ein Jäger ist. Sie nennen ihn den >bösen Jäger Brozkott<.“
Als Wuschel bemerkte, dass Fienchen sich davonstehlen wollte, wurde er ganz traurig. Mutlos und mit niedergeschlagenen Augen sagte er: „Siehst Du, auch Du magst mich nicht; magst nicht einmal ein bisschen reden mit mir.“
„Doch, ich mag Dich schon“, antwortete Fienchen etwas unsicher, „aber ich bin sehr hungrig, ich muss mir etwas zu essen suchen“.
„Warte!“, rief Wuschel ihr nach, duckte sich aber sogleich und schaute schuldbewusst nach oben. Leise flüsternd fuhr er fort: „Das, was so gut gerochen hat, Du kannst es haben.“
„Oh“, schmeichelte Fienchen, „ist es denn Deins?“
„Es gehört ihm“, grummelte Wuschel und zeigte mit der Nase auf den Hochsitz. „Aber er schläft. Er hat eine ganze Flasche Rotwein getrunken.“
Nun holte Wuschel aus dem Rucksack des bösen Jägers zwei leckere Wurstbrote und ein extra saftiges Stück Speck hervor und legte es vor Fienchen hin.
„Da, iss!“, sagte er, konnte aber nicht widerstehen, selbst einmal vom Speck abzubeißen.
„Schimpft denn da Dein Herrchen nicht?“, fragte Fienchen, und Wuschel antwortete, dass es immer, wenn es betrunken war, sich hinterher an Nichts mehr erinnern könne, so dass es wahrscheinlich denken würde, es selbst gegessen zu haben.
Doch kaum hatte er das gesagt, grölte Brozkott, der Sprache nur eingeschränkt mächtig, von oben herab: „Wschl, wssn d’drundn los? Halt d’Schnauz’.“
„Schnell, Du musst weg“, flüsterte Wuschel und schleckte Fienchen mit der Zunge über die Nase. „Aber komm wieder - morgen um die gleiche Zeit.“
Fienchen nahm das übrige Wurstbrot und machte sich aus dem Staub.
Zu Hause gab es Streit, weil Fienchens Stiefvater das Wurstbrot fressen wollte, das sie ihrer Mama mitgebracht hatte, was sie nur mit vereinten Kräften verhindern konnten.
Am nächsten Abend traf Fienchen Wuschel erneut. Wieder war er sehr zuvorkommend zu ihr, was sie mit freudigen, wenn auch scheuen Blicken belohnte. Es gab Schmalzbrot mit Paprika, und sie wurden diesmal nicht gestört.
Am vierten Tag verabschiedeten sie sich voneinander mit einem Aneinanderdrücken ihrer Wangen.
Am fünften Tag aber geschah etwas Furchtbares. Brozkott, der böse Jäger, war misstrauisch geworden, denn er konnte nicht glauben, dass er den mitgebrachten Vesper jeweils selbst gegessen hatte. So legte er sich dieses Mal auf die Lauer, täuschte aber ein Schnarchen vor, so dass Wuschel glauben sollte, er schliefe. Als nun Fienchen und Wuschel in dieser Nacht beisammensaßen und sich die Semmeln mit warmem Leberkäse teilten, durchbrach ein lauter Knall die Stille des Waldes. Fienchen zuckte ängstlich zusammen, Wuschel aber schrie vor Schmerz. Der böse Jäger Brozkott hatte geschossen und seinen eigenen Hund am Bein getroffen. Zwei weitere Schüsse fielen, trafen aber nicht, denn Fienchen hatte Wuschel bereits ins Dickicht hineingezogen. Wütend stieg Brozkott vom Hochsitz herab und durchsuchte das dornige Gestrüpp. Doch seine Hoffnung, die beiden aufzuscheuchen, misslang, denn Fienchen stützte Wuschel, so dass er gemeinsam mit ihr davonhumpeln konnte.
Brozkott indes gab nicht auf, im Schein seiner Taschenlampe konnte er die blutige Spur seines Hundes leicht verfolgen.
In der Zwischenzeit war Fienchen mit ihrem verletzten Begleiter im Fuchsbau angekommen. Sie glaubte, Wuschel wäre dort sicher und sie könne ihn dort gesund pflegen. Aber kaum im Bau angekommen, fletschte Fienchens Stiefvater die Zähne und wollte sich auf Wuschel stürzen. Erst als Fienchen sich dazwischen warf, ließ er von seinem Vorhaben ab, beschimpfte beide aber aufs Übelste. Doch auch der böse Jäger Brozkott war mittlerweile am Bau angekommen.
Voller Wut hielt er den Gewehrlauf in die Röhre und drückte ab, was allerdings sinnlos war, denn außer die Fuchskinder zu erschrecken, erreichte er dadurch nichts. Nun machte er sich auch noch daran, den Bau auszuräuchern. Er holte eine Rauchkerze aus seinem Rucksack, zündete sie an, und warf sie in den Eingang. Drunten unter der Erde machte sich Panik breit. Die Bewohner wussten keinen Ausweg mehr, denn normalerweise stellte sich ein Jäger mit geladener Flinte vor den noch offenen zweiten Ausgang. Fienchen, ihre Mama und die anderen Fuchskinder weinten, und Wuschel machte sich arge Vorwürfe, glaubte er doch, dass nur er an dem ganzen Unglück schuld gehabt habe.
Doch wie so oft im Leben, kam die Rettung ganz unverhofft in letzter Sekunde. Es begab sich nämlich, dass gerade in jener Nacht die gute Fee Beorela auf ihrem strahlend weißen Einhorn mit dem dem golden glänzenden Horn einhergeritten kam und auf den Tumult am und im Fuchsbau aufmerksam wurde. Sofort erkannte sie, wer von den Beteiligten gute, und wer schlechte Absichten hatte.
Mit einer sanften Handbewegung streute sie farbige Lichtpunkte über das Feld, wobei die dunkleren davon auf den bösen Jäger Brozkott zusteuerten und ihn in seinem Tun lähmten. Die hellen aber suchten sich ihren Weg ins Innere des Fuchsbaus und brachten Fienchen und Wuschel die Gewissheit, dass sich nun alles zum Guten wenden würde.

Wenige Augenblicke später, sie wussten nicht, wie ihnen geschah, saßen Fienchen und der verletzte Wuschel vor Beorela auf dem Einhorn, und Fienchens Mama und die anderen Fuchskinder hinter ihr. Sie ritten die ganze Nacht hindurch, immer tiefer in den Wald hinein, der ihnen nun vollkommen unbekannt vorkam. Gegen Morgen kamen sie auf eine große Lichtung, die mit frischem grünen Gras bewachsen war, durch das das zarte Blau der Vergissmeinnichtblumen schimmerte. Die Sonne schien und über der Wiese erhob sich ein wunderschöner Regenbogen. Als sie abstiegen, wurden sie sogleich von einer Gruppe lustiger Gesellen umringt, die sie herzlich willkommen hießen. Rehe, Hasen, Waschbären und manch anderes Getier tanzte in buntem Reigen um sie herum, Vögelein sangen freudige Lieder dazu, und ein ganzes Heer bunter Schmetterlinge torkelte über ihren Köpfen. Am schönsten anzusehen aber war Beorela, die gute Fee, die in ihrem wallenden, halb durchsichtigen Gewand* in die Mitte des Kreises trat und die Arme über ihren Schützlingen ausbreitete. Der funkelnde Morgentau auf den Halmen des Grases stieg empor und bildete einen blendend weißen Nebel, der sich zu einem Ball formte und über ihnen plötzlich mit einem dumpfen Knall zerstob. Ein Glitzerregen aus Gold und Silber senkte sich nun über der versammelte Gesellschaft herab und hüllte sie in eine Aura der Glückseligkeit.
Wuschel, der einzige, der bislang die Freude der anderen nicht teilen konnte, stellte fest, dass sich seine Wunde im Bein mit einem Mal schloss und keine Schmerzen mehr verursachte. Er hakte sich bei Fienchen und ihren Geschwistern ein und tanzte mit ihnen um Beorela herum. Die gute Fee gebot ihnen aber, noch einen Augenblick ruhig zu sein, denn sie eröffnete ihnen, dass sie nun für immer im Land Hajoni bleiben dürften, dem Land der Feen und der Träume, in dem nur Geschöpfe reinen Herzens wohnen könnten und in dem alle Taten und Gedanken von einem guten Geist getragen würden.

Die Menschen, die hinter den mit Eisblumen verzierten Fenstern in ihren warmen Stuben das Weihnachtsfest feierten, bekamen von all diesen Ereignissen nichts mit. Nur später, als der Frühling Einzug hielt, wunderten sich die Leute über den seltsamen Jäger Brozkott, der niemals mehr ein Tier erlegte, wirres Zeug redete, und von einem schielenden Hund mit buschigem Schwanz begleitet wurde.

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*) auf eine detailiertere Beschreibung wurde hier verzichtet, weil nicht ausgeschlossen werden kann, dass auch Kinder den Bericht lesen, und weil unter Erwachsenen ohnehin bekannt ist, dass Feen normalerweise keine Unterkleider tragen.

Letzte Aktualisierung: 02.11.2009 - 23.29 Uhr
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