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November 2009
Darf's ein bisschen mehr sein?
von Marie Brand

Holger lauschte in die Dunkelheit und vernahm das gleichmäßige Kratzen seines altersschwachen Weckers. Kontrolliert füllte er seine Lungen mit der abgestandenen Luft einer Nacht kurz vor dem Aufstehen. Erst als der Wecker um sechs Uhr seinen durchdringenden Ton abgab, bewegte Holger eine Hand und drückte den Hebel herunter. Der Weckruf hallte noch ein wenig in ihm nach, bevor er langsam die Lider öffnete. Für einen Moment starrte er ins Dunkle, doch dann gewöhnten sich seine Augen an die verschiedenen Grautöne, die im matten Licht, das durch das Fenster einfiel, auszumachen waren. Mutter hatte immer darauf bestanden, dass die Jalousien heruntergezogen wurden. Das schickt sich so. Dann schläfst du besser.
„Mutter ist tot.“ Mit Schwung schlüpfte Holger in die Pantoffeln. Im nächsten Moment stand er schon auf. Der frühe Vogel fängt den Wurm. Langes Schlafen bringt einen nur aus dem Gleichgewicht. Beim Blick aus dem Fenster bemerkte er die erste Rötung am Horizont. Beinahe hätte er laut aufgejauchzt. Samstag. Einkaufstag. Einkaufen war seine Sache. Aber pass an der Fleischtheke auf! Immer soll es ein bisschen mehr sein! Heute dürfte es gern ein bisschen mehr sein.
„Mutter ist seit einer Woche tot.“ Im Badezimmer griff er zum neuen Trockenrasierer. Sein Rasierpinsel wanderte in den Müll. Nass rasieren ist gründlicher. „Pah!“ Holger zuckte zusammen, als er seinen Ausruf hörte. Einen Moment wartete er auf eine Reaktion. Dann ergötzte er sich am Summen und Vibrieren, am feinen Kratzen und der Wärme des Gerätes in seiner Hand. Mit der linken fühlte er immer wieder über Wangen und Kinn und spürte ihre Glätte. Er schloss die Augen. Bertes kräftige Finger, die sanft seine Konturen nachzeichnen würden.
Mit leichtem Bedauern öffnete er wieder seine Augen, nur um von seinem Spiegelbild eingefangen zu werden. Ihm gefiel, was er sah. Seine grauen Augen strahlten, die Wangen gerötet, die Nase passte harmonisch in ihre Umgebung, sein Mund lächelte ihm freundlich zu. Nur das schon leicht schüttere Haar machte ihm Sorgen. Mit dem Kamm setzte er seinen exakten Scheitel. So hatte Mutter es immer gern. Junge, achte auf dein Äußeres.
„Vor vier Tagen war die Beerdigung.“ Heute würde er die Jeans anziehen, die sich eng an seine Beine anschmiegte. Mit 39 Jahren konnte er es sich leisten, Jeans zu tragen. Aber die schwarzen Lederschuhe dazu mussten sein. Er hatte sie auf Hochglanz geputzt, wie Mutter es ihm beigebracht hatte. Die Schuhe sind die Visitenkarte eines Menschen. Sieh auf die Schuhe, und du weißt, mit wem du es zu tun hast.
Nach einem ordentlichen Frühstück machte er sich mit Korb und Tasche erwartungsvoll auf den Weg in den Supermarkt. Nach einer zähen Runde durch die Gemüseabteilung und ein paar Alibi-Möhren im Einkaufswagen begann sein Puls deutlich schneller zu schlagen. Nicht mehr weit. Er ließ die Kühltheken links liegen, sein Körper wechselte auf Brustatmung. Holger strebte direkt durch die Konservenabteilung, stockte kurz bei den Chipstüten. Nur noch eine Ecke. Beinahe wäre er mit dem Wagen einer jungen Mutter zusammengeprallt, denn seine Augen richteten sich schon auf die Fleischtheke.
Berte war da. Erleichtert sah er, wie sie ein ganzes Schweinefilet auf die Folie ihrer Waage fallen ließ und „Ein Kilo 580 Gramm“ rief. Ihre Wangen waren gerötet, eine Strähne fiel ihr ins Gesicht. Diese Strähne sanft zurückschieben!
„Darf's ein bisschen mehr sein?“
Holger musste lächeln. „Ja, gerne“, würde er heute sagen. Aber noch war er nicht dran. So konnte sich sein Puls beruhigen, wanderte sein Atem wieder in den Bauch und hatte er Muße zu sehen, wie Berte in ihrem weißen Kittel mit der rotkarierten Schürze drei rosige Koteletts aufspießte, mit beiden Händen kräftig Putenbrüste knetete. Oh, von Berte würde er sich auch kneten lassen. „Darf's ein bisschen mehr sein?“
Fasziniert sah Holger das Beil herunter sausen, als Berte Kasselerscheiben abtrennte. Ihre starken Finger glitten über die frischen Bratwürste und behände drehte sie die Stücke eng in Klarsichtfolie.
„Und für Sie? Was darf es sein?“
Rasch richtete Holger seine grauen Augen auf Bertes blaue. Die Frau ist nicht gut genug für dich. Das waren sie nie. Warte auf die Richtige. „Ich bin 39 Jahre alt!“
Erstaunt zog Berte die Stirn in Falten. „Bitte?“
„Oh, Verzeihung. Ich habe laut gedacht.“ Die Röte schoss Holger ins Gesicht. Schnell sah er sich um, aber er stand allein vor der Fleischtheke. Es galt. Mit einem Räuspern startete er seinen Versuch. „Darf ich Sie nach der Arbeit heute Abend abholen? Wir könnten ins Kino gehen.“
Unendlich langsam vergingen die nächsten zwei Sekunden, bis Berte anfing zu lachen.
„Sie kommen seit zehn Jahren jeden Samstag an meine Theke und fragen mich heute, ob wir ausgehen?“
Das Lachen erschien ihm ein wenig schrill, und die Frage verursachte leichtes Unbehagen. Doch schon wärmte er sich wieder an ihren knuddeligen Wangen und ihren blauen Augen.
„Darf's ein bisschen mehr sein?“
Jetzt zog Holger die Augenbrauen hoch.
„Wie wäre es mit einem Videoabend bei mir, und ich brate uns ein schönes Lendenstück? Können Sie Rotwein aussuchen?“
Benebelt starrte er auf ihren üppigen Busen. Sie trug oben herum nur einen BH unter ihrem Kittel. Er musste schlucken. „Am Weinregal komme ich noch vorbei“, brachte er heraus.
„19 Uhr 30, Wacholderstraße 10.“
Damit wandte sich Berte dem neu hinzutretenden Kunden zu und ließ Holger auf Höhe der marinierten Steaks zurück.
Punkt 19.30 Uhr klingelte Holger an der unbeleuchteten Haustür 10 und knisterte mit dem Papier seines Blumenstraußes. Samstags kaufte er immer Blumen. Das lockerte die Ordnung daheim ein wenig auf. Ein Strauß weißer Nelken stand bereits auf Mutters Grab. Gelbe Rosen hielt er für Berte im Arm. Nicht gleich übertreiben. Du musst nicht übertreiben. Eine Flasche Rotwein für 3,99 musste reichen.
Die Tür knarzte, und Berte füllte die Öffnung als dunkle Riesin fast vollständig aus. Er stand noch auf halber Treppe und seine Augen wanderten zu den Plüschpantoffeln mit Schweineohren an ihren Füßen.
„Pünktlich, wie schön.“
Damit gab sie den Weg frei. Holger flüsterte: „Guten Abend.“ Ganz dicht standen sie beieinander. Der Rücken seiner Hand, mit der er die Blumen hielt, berührte bereits ihren Bauch. Das gehört sich nicht.
Berte schob ihn weiter in den Flur. „Ist Ihnen in der Straße jemand begegnet?“
„Ich habe Ihnen Blumen mitgebracht“, antwortete er irritiert.
„Haben Sie jemandem erzählt, dass Sie zu mir gehen?“ Der Ton in ihrer Stimme ließ ihn aufhorchen.
„Sie sollten den Blumen Wasser geben. Sie müssen auch angeschnitten werden“, rettete er sich aus der Situation.
„Danke. - Es muss ja nicht gleich jeder wissen, dass wir uns treffen, nicht wahr? Ihre Mutter ist ja auch erst ein paar Tage unter der Erde ...“, wurde Bertes Tonfall verschwörerisch.
Als sie seine Mutter erwähnte, zuckte er zusammen. Heute morgen schien es noch genau das Richtige zu sein, Berte anzusprechen nach all den Blicken, die sie in den Jahren über die abgerundete Glastheke hinweg ausgetauscht hatten, nach Rinderzunge, Entenbrust, Lammkeule und Schweinehaxen, nach fetten Würsten, zartem Filet und weichen Innereien in strammer Klarsichtfolie.
Jetzt drängte sie ihn in die Küche, die er als unordentlich empfand. Es herrschte nicht nur das Chaos, das beim Kochen entstand, wobei auch das nicht sein musste. Ganz und gar nicht sein musste.
„Du kannst mir noch ein wenig helfen. Wir sagen doch 'du', oder?“ Im Grunde erwartete sie wohl keine Antwort, und er nickte nur.
„Ein Korkenzieher ist in der Schublade dort“, wies sie ihm den rechten Weg. Wieder berührte er sie kurz, diesmal mit seinem Hinterteil.
Ihr Schwung, als sie sich umdrehte, ließ ihn vor die Schublade prallen, die mit einem Krachen in den Schrank schoss. Beinahe hätte er sich die Hand eingeklemmt, doch es gelang ihm, sich auf der Arbeitsplatte abzustützen, wo er den Holzgriff einer Fleischgabel zu fassen bekam. Er erinnerte sich an das Aufspießen der Koteletts heute morgen. Als er sich umdrehte, waren sie sich sehr nahe. Holger musste den Kopf etwas heben, um in ihre Augen sehen zu können.
„Na, na, was wollen wir denn mit der Gabel? Ein gefährliches Ding sowas. Wir brauchen einen Korkenzieher“, dröhnte sie in sein Ohr, während sie vor seinem Gesicht mit einem dieser Hackbeile wedelte.
„Kasselerscheiben“, zuckte es durch sein Gedächtnis.
Berte lachte ihn an, und Holger roch ihren Atem. Eine Mischung aus Alkohol und Pfefferminz schlug ihm entgegen.
„Na, lass mal gut sein. Du kannst schon nach nebenan gehen, ich mache die Flasche auf. Hier ist nicht genug Platz für zwei.“ Sie nahm ihm die Gabel aus der Hand und bugsierte ihn, Fleischgabel in der linken und Beil in der rechten, mit dem Bauch in das nächste Zimmer.
Erleichtert atmete Holger auf und setzte sich brav. Seine Finger glitten vorsichtig über die Tischdecke, die mit Klarsichtfolie abgedeckt war. Er schüttelte kurz den Kopf. Essen hält Leib und Seele zusammen. Gespannt wartete er.
Ein wenig verschwitzt erschien Berte mit zwei Gläsern Rotwein.
„Wir wollen erst einmal anstoßen. Testen wir den Wein. Auf ex!“ Damit reichte sie ihm ein Glas, und sie tranken mit verschränkten Armen. Den Kuss, der folgen musste, fürchtete er fast ein bisschen, gleichzeitig erregte ihn aber auch der Gedanke daran. Seine Mutter hatte ihn Zeit seines Lebens auf die Wange geküsst. Sein Mund öffnete sich sogar, und ihre Lippen drückten sich auf seine.
Ein Nebelschleier blieb zurück, als sich ihre Münder trennten. Sie stützte ihn, doch er entglitt ihren Armen auf den Fußboden. Nur einen Moment die Augen schließen.
Als er sie noch einmal öffnete, beugte sich eine füllige Frau in einem weißen Kittel mit einer rotkarierten Schürze über ihn. In der Hand hielt sie ein Hackbeil, mit dem sie professionell seinen Arm aus dem Gelenk schlug.
Bevor er in seinen letzten Schlaf versank, hörte er sie noch murmeln: „Darf's ein bisschen mehr sein?“ Aber vielleicht bildete er sich das auch nur ein.

Letzte Aktualisierung: 26.11.2009 - 08.36 Uhr
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