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November 2009
Von einem, der auszog das Flirten zu lernen
von Angela Schlenker

Es war einmal vor langer Zeit, da lebte in einem herrlichen Schloss ein wunderschöner, junger Prinz. Er besaß die prächtigsten Kleider, aß mit goldenem Besteck die erlesensten Speisen vom feinsten Porzellan. Ferner nannte er das edelste Ross sein eigen. Dies alles hatte nur einen einzigen Schönheitsfehler, er hatte darüber hinaus noch einen älteren Bruder! War auch der Bruder weniger schön, hatte er doch mehr Rechte.
So kam es, dass Prinz Heinrich, kaum den gröbsten Flegeljahren entwachsen, sein Schwert gürtete, sein Ross sattelte und Abschied nahm.
„In die Fremde will ich reiten, mein Glück zu machen“, sprach er zu dem Bruder, „es heißt, im Finsterwald an einer tiefen Quelle lebe eine holde Jungfrau. Zu ihr will ich reisen!“
„Solltest du nicht erst ein Schloss erobern und anschließend um die Jungfrau freien?“, spöttelte der Bruder, der weder an Erfolg noch an Ausdauer des Jüngeren glaubte.
Dem jungen Prinzen entging die Ironie keineswegs. Hatte der Bruder mit der Reihenfolge auch Recht, so war die Eroberung eines Schlosses ohne Heer nicht machbar, die Eroberung einer Jungfrau hingegen schon. Da wäre ein Heer sogar eher hinderlich. Also blieb er bei seinem Entschluss.
Der schöne Prinz kam alsbald in eine kleine Stadt, in der er nach dem Weg fragte.
„Wehe, edler Prinz! Ihr fraget nach der Jungfrau? Ihr fraget nach dem Tod! Niemals kehrte einer heim!“
Das klang äußerst bedenklich! Der junge Prinz sah sich schon ohne Erfolg sowie gesenkten Hauptes zum Schloss zurückkehren, kniffe er jetzt. Das durfte nicht sein! Folglich ritt er weiter. Weit führte der Weg über hügelige, sonnige Fluren, bis sich am Horizont endlich die dunkle Mauer des Finsterwaldes abzeichnete. Je näher sie rückte, umso bedrohlicher wirkte sie und umso mehr sank der Mut des Prinzen, eingedenk der Warnungen der Stadtbevölkerung. Die Schande einer vorzeitigen Rückkehr aber trieb den Jüngling unerbittlich weiter.
Schließlich ragten uralte Bäume vor ihm weit hinauf in die Höhe, wo sich die Kronen endlich zu einem dichten Dach schlossen. Der Waldrand jedoch war behütet durch ein Gewirr dorniger Ranken. Der Finsterwald selbst schien ihn abweisen zu wollen, kaum war sein Zugang zu erkennen. Ganz klar, hier war lange niemand mehr durchgekommen. Heinrich bekämpfte entschlossen seine Bedenken, stieg vom Pferd und bahnte sich seinen Weg mit Hilfe des Schwertes durch das Gerank. In des Waldes Inneren umhüllte schattiges Dämmern ihn, doch zwischen den mächtigen Stämmen fiel der Ritt überraschend leicht. Nun, so schlimm ist der Finsterwald gar nicht, machte Heinrich sich selbst Mut.
Leider waren es nicht nur die Schatten der Bäume, welche das Zwielicht erzeugten, denn auch draußen verschwand die Sonne hinter den Hügeln. Also saß der Prinz ab, teilte ein Abendbrot mit dem getreuen Reittier, hüllte sich in seine Decke und legte sich nieder. Eben wollte Schlaf ihn umfangen, als er direkt neben seinem Ohr ein dünnes Stimmchen vernahm.
„Seid gegrüßt, oh edler Ritter! Welches Begehr nur treibt Euch in unseren Finsterwald?“
Ritter hatte den unfertigen Jüngling bislang noch niemand tituliert, doch momentan war es die falsche Zeit, um sich in der neuen Ehre zu sonnen. Der so Bezeichnete fuhr stattdessen aufgeschreckt hoch, sein irrender Blick blieb letztlich auf einem weißen Häschen haften, welches der Sprecher sein musste, da kein anderer sich fand.
„Ich bin Clara, die Häsin“, stellte das Tierchen sich vor.
Mühsam klaubte Heinrich die erforderliche Höflichkeit zusammen: „Sei herzlich gegrüßt, oh Häsin Clara! Ich bin Prinz Heinrich und suche nach der holden Jungfrau im Finsterwald!“
„Wehe dir, Heinrich, kehre um! Du fragest nach der Jungfrau, du findest nur Verderb! Niemand kehrte je zurück! Kehre um!“
Damit hoppelte Clara von dannen. Mit dem Schlaf war es für Heinrich vorbei. Stattdessen wälzte er sich auf der harten Erde hin und her und fragte sich, ob es besser wäre, auf die Warnungen zu hören. Schließlich aber redete er sich ein, nur einem Traum erlegen zu sein.
Kaum dämmerte der Morgen heran, da ritt Heinrich nach einer unbehaglichen Nacht missmutig weiter. Er schämte sich seiner immer wieder aufwallenden Ängste. Schon die abergläubischen Stadtleute hatten ihn um seine Zuversicht gebracht, nun litt er auch noch unter Trugbildern. Bald aber besserte sich seine Laune, nicht länger mehr finster war der Wald, sondern licht und heiter. Der Ritt führte erst über eine sonnige Waldwiese, danach entlang eines Baches in Richtung seiner Quelle, denn sollte nicht dort die Jungfrau zu finden sein? So wurde es erneut Abend und gerade war Heinrich dabei, sein Pferd abzusatteln, als er wieder eine Stimme vernahm.
„Seid gegrüßt, oh edler Ritter! Welches Begehr nur treibt Euch in unseren Finsterwald?“
Abermals durchfuhr Heinrich das nackte Entsetzen. Diesen Satz kannte er doch! Hinter sich aber erblickte er statt eines weißen Hasen eine Hirschkuh gleicher Farbe.
„Ich bin Sina, die Hindin“, sprach diese freundlich.
Da man sich an alles gewöhnen kann, fasste sich der Prinz an diesem Abend schneller.
„Sei herzlich gegrüßt, Hindin Sina! Ich bin Prinz Heinrich und suche nach er holden Jungfrau im Finsterwald!“
„Oh wehe dir, Heinrich, kehre um! Du fragest nach der Jungfrau, uns grauet es vor ihr! Kein Mann verließ sie je wieder! Kehre um!“
Damit verschwand Sina zwischen den Stämmen, ein paar Mal knackten leise Zweiglein, dann war der junge Freier wieder allein mit seinen Gedanken. Eine weitere unbequeme Nacht erfüllt mit Selbstzweifeln schloss sich an. Neuerlich zwang er sich, im frühesten Morgengrauen den Ritt fortzusetzen. Wieder offenbarte sich der Finsterwald als heiter und angenehm. Neben ihm gluckste fröhlich das Bächlein und hoch in den Zweigen zwitscherten die Vöglein. Abermals besserte sich die Laune des Reiters mit jedem Schritt des Pferdes.
Dieses erklomm nun einen felsigen, nicht sehr hohen Hang, über den der kleine Bach in schäumenden Strudeln zu Tal schoss. Oben blinkte ein idyllischer Weiher, bewachsen mit gelben Teichrosen, im warmen Sonnenschein. Am jenseitigen Ufer strebten helle Felsen lotrecht in die Höhe, zu ihren Füßen durchbrachen flache Steine das glitzernde Wasser. Auf dieser Seite jedoch breitete sich eine bunte Blumenwiese am Seeufer aus. Während der Prinz sich noch dieses Idylls erfreute, zerriss plötzlich eine keifige Stimme die Harmonie.
„Ihr jungen Männer hört auch nie auf Warnungen!“
Entgeistert fuhr der ohnehin nicht gerade in sich gefestigte Prinz herum. Auf den flachen Steinen im Wasser war eine uralte Frau erschienen. Graue Haare hingen wirr um ihren Kopf, gehüllt war sie in unansehnliche Fetzen. Bestürzt glotzte der schöne Eroberer die Alte an, sollte er tatsächlich um etliche Jahrzehnte zu spät eingetroffen sein? Zur Steigerung seiner Verwirrung drang unversehens von irgendwo ein belustigtes Kichern an sein Ohr. Hektisch drehte Heinrich den Kopf, konnte jedoch niemanden erspähen.
„Ehrwürdige Greisin...“, wollte er sich fragend an die Alte wenden, allein, die flachen Felsen waren leer.
Alles nur Hirngespinste? Erschüttert setzte sich Prinz Heinrich direkt ans Ufer, um seinen Gedanken nachzuhängen. Immerhin hatte er das Ziel erreicht und nicht seiner Feigheit nachgegeben, obschon er oft kurz davor stand. Sofort jedoch wusste er, genau das war längst geschehen. Er hatte nur deshalb der Jungfrau im Finsterwald nachgejagt, um seine ersten Erfahrungen nicht vor dem versammelten Hofstaat machen zu müssen. Nun endlich fragte sich der jugendliche Prinz auch, wieso eigentlich eine Jungfrau mutterseelenallein mitten im Wald hausen sollte. Während er da so grübelte, spielte seine Hand im kühlen Nass. Sanfte Wellen plätscherten ans Ufer und zwischen ihnen nahm ein Gesicht verschwommene Formen an. Das faltige Gesicht der Greisin, umflossen von grauen Haaren. Hastig riss Heinrich seine Hand an sich. Die Wellen verliefen, das Gesicht aber blieb. Mit glatter werdendem Seespiegel verjüngte sich zusehends auch das Antlitz, bis es sich am Ende wunderschön darbot, umwallt von einer Flut schwarzer Haare. Genauso hatte er sich die Jungfrau vorgestellt. Trugbild!! Heinrich nahm sich mit aller Macht zusammen, als erneut spöttisches Lachen erklang.
Das Ziel seiner Wünsche! Die holde Jungfrau, sie stand hinter ihm! Ihre zarte Figur umspielte ein in Blau- und Grüntönen schillerndes Kleid aus vielen Schleiern. So war nicht einmal erkennbar, ob die Stoffe Beine oder gar einen Fischschwanz bargen. Der unerfahrene Prinz indes dachte ohnehin nichts mehr, stattdessen lief er knallrot an und suchte vergeblich nach Worten. Doch solche waren nicht nötig, die Betörende glitt neben ihn ins Gras, ihre Finger zausten sein Haar, zuletzt beugte sie sich über ihn.
„Liebster! Folge mir in mein Schloss!“, hauchte sie, während ihre schlanke Hand auf die Felsen wies.
Es gab kein Schloss! Ihn an der Hand führend, sprang die männermordende Nymphe über die Steine im Wasser und steuerte stattdessen eine feuchte Felshöhle an. Des Prinzen Verstand aber hatte längst ausgesetzt, schwebte er doch im siebten Himmel. Eben dort fühlte sich auch die Unirdische. Sie würde ihn so lange lieben, bis sie seiner überdrüssig ward, genau wie alle seiner Vorgänger. So sicher war sie der Beute gewesen, dass sie sich sogar den Spaß mit dem Trugbild der Greisin erlaubt hatte. Und doch war dieses Mal etwas anders als sonst.
Denn auch sie übersah etwas Wesentliches, nämlich das treue Ross. Alleingelassen von seinem Reiter machte sich dieses alsbald auf den Heimweg. Sina und Clara halfen ihm, den kürzesten Weg aus dem Finsterwald zu finden, sodann trabte es durch die kleine Stadt. Als die Leute das reiterlose Pferd sahen, nahmen die Männer ihre Mützen ab und die Frauen bekreuzigten sich. Sobald aber der Bruder das Pferd erblickte, rüstete er noch zur selben Stunde einen Stoßtrupp aus. Er wusste nicht, was Sache war, aber er würde ihr auf den Grund gehen.
Denn wenn Heinrich nicht gestorben war, so lebte er noch immer.

Letzte Aktualisierung: 19.11.2009 - 10.37 Uhr
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