Honigfalter
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Dezember 2009
Jenseits von Traurigkeit
von Renate Hupfeld

Als sie in ihrem schwarzen Fummel vor ihm stand und auf ihn hinunterblickte, kamen ihm Zweifel, ob sie eine gute Wahl gewesen war. Der rote Haarschopf ließ ihr hell geschminktes Gesicht aus der Nähe wie eine Maske erscheinen und die geschwungenen Wimpern waren auf keinen Fall echt. Trotz allem fand er sie nach wie vor auf eine Art anziehend.
Er reichte ihr den Arm und während sie auf hohen Hacken neben ihm über das Parkett stelzte, redete sie pausenlos auf ihn ein.
„Ich hatte Sie schon die ganze Zeit beobachtet, wie Sie mit Ihrem Freund an der Theke standen und nach einer Tanzpartnerin Ausschau hielten. Insgeheim hatte ich gehofft, Sie würden mich auffordern.“
Sie ahnte ja nicht, dass er sich seine Tänzerin kleiner und etwas fülliger vorgestellt hatte. Wie sollte er mit dieser Frau tanzen, ohne sich lächerlich zu machen? Die Band begann mit dem Lied vom Jungen mit der Mundharmonika. Ein langsames Stück. Das war ihm recht. So konnte es vielleicht ein Blues werden. Ein Foxtrott hätte wohl gleich in eine Katastrophe geführt. Als er seine Hand auf ihren Rücken legte, fühlte er durch den Stoff hindurch jede einzelne Rippe. Das musste er jetzt aushalten bis zur Tanzpause. Dann würde er sich etwas kleines Knubbliges suchen. Er dachte an den Tanzlehrer, der seine Partnerin manchmal ‚Gerät’ nannte und vorführte, wie man mit diesem geschmeidig über die Fläche schwebte. Sein Gerät ließ sich herumzerren wie eine überdimensionierte Holzpuppe, die sich nur unter Aufbietung aller seiner Kräfte bewegte. Um sie wenigstens annähernd im Takt zu halten, zählte er langsam mit: „Rechts und tap, und links und tap, und rechts und tap, und links und tap, und rechts …“
Nach einer Weile ging es auch ohne Ansage und sie konnten sich sogar miteinander unterhalten.
„Irgendwo haben wir uns schon einmal gesehen“, begann er.
„Ja, wir sind uns begegnet.“
„Wenn ich nur wüsste, wo und wann.“
„Sie wissen aber doch, dass wir alle schon einmal gelebt haben.“
„Manche glauben das, ich bin skeptisch. Was ich nicht sehe, kann ich nicht glauben.“
„Ich habe Sie gesehen“, fuhr sie fort. „Einmal saß ich unter der mächtigen Weide am Fluss und beobachtete Sie, wie Sie auf ihrem Schimmel am Ufer entlang ritten.“
„Ein Pferd? Nein, nein.“
„Ich wohnte in dem kleinen weißen Haus, dem letzten in der Straße.“
„Achtung!“ Er riss sie an sich, um den Zusammenstoß mit einem anderen Paar zu verhindern.
„Nachher weidete Ihr Schimmel in der Nähe des Ufers. Es war Sommer und sehr heiß. Da brachte ich ihn unter meinen Baum und tränkte ihn dort. Sie holten ihn abends ab.“
„Ach, ja!“
„Mich sahen Sie nicht und merkten somit auch nicht, wie ich Sie bewunderte.“
Wollte sie ihn nun mit ihren Augen verschlingen? Das lief nicht. Bei ihm tat sich nichts.
„Sie nahmen mich also gar nicht wahr. Das ist sehr schade. Sicherlich fragen Sie sich, warum Sie oft grundlos traurig sind.“
„Das tu ich in der Tat.“
„In Ihrem früheren Leben blieb Ihnen vieles verborgen, was Sie glücklich gemacht hätte.“
Spinnerin, dachte er.
„Noch was.“
„Was?“
„Ich bin Cindy.“
„Wohnen Sie hier im Ort, Cindy?“
„Nur einen Katzensprung von hier entfernt, am Ende der Straße.“
„Kürzlich eingezogen?“
„Ist schon eine Weile her.“
„Übrigens, ich bin Jim, alle nennen mich Jimmy.“
„Freut mich, Jimmy.“
Die Tanzpause begann schneller als erwartet. Nachdenklich begleitete er sie an ihren Tisch in der Ecke, stellte ihr den Stuhl zurecht und bedankte sich mit einer leichten Verbeugung.

„Was war los? Schwofen sieht bei dir sonst anders aus“, empfing ihn Theo.
„Das Grinsen kommt echt nicht gut, mein Freund. Ich habe vielleicht eine traurige Figur abgegeben. Was soll’s? Es gibt auch wieder bessere Tänze.“
„Ist ja okay. Sag mal, ist die von der anderen Sorte? Ich meine, die tickt doch nicht ganz frisch. Das sieht man schon von weitem.“
„Was weiß ich denn? Irgendjemand muss der den Kopf verdreht haben. Die redet jedenfalls ’ne ganze Menge seltsames Zeug, ist esoterisch veranlagt.“
„Mein ich doch, die ist nix für uns. Du siehst schlecht aus, Mann. Hier, trink erst mal ein Bier.“
Jimmy leerte das Glas in einem Zug und stellte es auf den Tresen. „Bestellst du mir noch eins? Ich geh ganz kurz vor die Tür, brauch mal ’ne Prise Frischluft.“
Der Traurigkeit entfliehen.

Das Lied der Mundharmonika ging ihm durch den Kopf, als er die Straße entlang ging. Doch am Ende war kein Haus. Hätte er sich nicht denken können, dass sie ihn auf den Leim führte? Schnell zurück zu seinem schäumenden Bier. Er wollte umkehren. Nur einen ganz kurzen Blick noch. Wenn es ihn schon mitten in der Nacht hierher gezogen hatte, konnte er es doch einmal wagen. Er öffnete das gusseiserne Tor zum Friedhof und schlich hinein, nach allen Seiten spähend. Genauso hatte er sich das als kleiner Junge vorgestellt, sternenklarer Himmel, über dem Baum zur Flussaue hin der Mond und auf dem Gottesacker bizarre Schatten und seltsam stilles Licht. Auf halbem Wege zur Leichenhalle blieb er vor einem Grab stehen und horchte den traurig gezogenen Tönen der Mundharmonika. Das schwarz glänzende Denkmal war ihm schon einige Male aufgefallen, wenn er mit der Gießkanne in der Hand vorbeikam. Die Inschrift las er nun zum ersten Mal und erschrak. Nein, das musste ein Irrtum sein. Er rieb sich die Augen, weil er nicht glauben konnte, was da eingemeißelt war. Kein Traum. In großen Buchstaben stand es da, grellweiß auf schwarzem Granit. Siebzehn Jahre alt war sie geworden und wurde schmerzlich vermisst. Neben dem Schriftzug in hellem Oval eingefasst ein Mädchenfoto. Es gab keinen Zweifel. Das war sie. Ihr Gesicht erschien im Mondschein noch blasser. Sie lächelte und ihre Augen hielten ihn gefangen. Plötzlich stand sie vor ihm. Wunderschön sah sie aus in dem silbrigweißen Gewand.
„Wie ich mich nach dir gesehnt habe, Jimmy“, flüsterte sie und streckte die Hand nach ihm aus. Ein kalter Hauch berührte ihn. Er zuckte zurück.
„Warum bist du hier?“
„Deinetwegen bin ich gekommen, Jimmy. Von weit her.“
„Aber wir haben doch gerade noch miteinander gesprochen.“
„Es war so schön. Lass uns tanzen.“
„Wie das denn? Was willst du von mir?“
„Schweben, nur wir zwei.“
„Cindy, du bist doch tot.“ Ihn schauderte, als er das aussprach.
Er wollte weglaufen, kam aber nicht von der Stelle.
„Ich sehne mich nach deiner Wärme.“ Ganz leise war ihre Stimme.
Sie kam näher.
„Umarme mich, drück mich an deinen Körper, Geliebter, bitte“, flehte sie.
„Ich kann nicht.“
Er ging einen Schritt zurück.
„Du kannst, Jimmy.“
„Lass mich gehen!“, wehrte er ab.
„Warum willst du vor mir fliehen? Wir könnten glücklich sein.“
„Ich bin noch nicht so weit, Cindy.“
„Begreife doch, mein Liebling. Ich will dich nicht hinüberziehen.“
„Wie soll ich begreifen?“
„Nur ab und zu lieben will ich dich, damit du nicht mehr traurig bist.“
„Was meinst du?“
„Nur ab und zu, Jimmy. Das reicht mir schon. Dann bin ich auch nicht mehr traurig.“
„Es geht nicht, ich muss jetzt zurück.“
Voller Sehnsucht sah sie ihn an, folgte ihm mit ausgestreckten Armen und blitzendem Lächeln. Je schneller er sich rückwärts bewegte, desto näher kam sie. Er wagte nicht, sich wegzudrehen und ging Schritt für Schritt weiter, so schnell er konnte, bis sein pochender Schädel an etwas Hartes stieß. Durch das Friedhofstor sprang er auf die Straße und rannte, ohne sich umzusehen.

Keuchend erreichte er die Theke. Von seinem Freund war nichts zu sehen. Er schaute in die Runde und fand ihn inmitten der Tanzenden. Mit ihr tanzte er. Ungläubig starrte er das seltsame Pärchen an. Da hatte Theo ihn entdeckt und gab ihm Zeichen, er sollte sich an ihren Tisch in der Ecke setzen.
Als Jimmy den Stuhl heranrückte, fühlte er den Riemen ihrer Tasche. Zitternd tastete er sich an den Klippverschluss, öffnete ihn, griff hinein und zog ein Foto heraus. Zwei kleine Mädchen, vier Jahre alt mochten sie sein. Warum trug sie das mit sich herum? War sie die eine von den Zwillingen? Rasch steckte er es in die Jackentasche, als Theo mit seiner Tänzerin an den Tisch kam. Die stürzte sich auf ihre Handtasche, riss sie von der Lehne und eilte davon. Laut stöhnend ließ sich Theo auf einen Stuhl fallen und fasste sich an den Kopf.
„Was ist eigentlich los heute Nacht?“
„Seltsame Nächte gibt es schon mal, ab und zu.“
Ab und zu lieben, nur ab und zu, hatte sie gesagt.
„Jedenfalls sag ich dir eins, die muss irgendwo ausgebrochen sein. Wer weiß, was die mit Friedhof meint. Ich tippe auf Irrenanstalt.“
„Ein idyllisches Plätzchen hat sie erwischt. Ich war dort und habe sie gesehen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schön sie aussieht in ihrem weißen Gewand.“
Theo war perplex.
„Auf dem Friedhof bist du herumgegeistert? Da hätte ich lange suchen können. Ich wollte nämlich schon losgehen, aber da kam diese schwarze Lady angeflattert und musste unbedingt mit mir tanzen. Eigentlich wollte sie das ja mit dir tun, hatte nämlich erst nach Jimmy gefragt. Ich habe mich geopfert. Und du erzählst mir was von einer weißen Schönheit aus der Gruft. Sag jetzt nur noch, der Mond schaute lächelnd auf euch beiden Liebenden herab.“
„So ungefähr war es. Woher weißt du? Süße Siebzehn ist sie geworden und wird schmerzhaft vermisst.“
Theo schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Verdammte Hacke. Heute hab ich’s wohl nur mit Bekloppten zu tun. In welchem Albtraum bin ich eigentlich?“
„Beruhige dich! Du kannst mir glauben. Cindy kommt aus einer anderen Welt.“
„Verstehe. Alles normal. Nur ich bin im falschen Film.“
Theo schaute ihn kopfschüttelnd an.
„Mann, halt die Luft an“, schrie er plötzlich. „Cindy hast du gesagt? Siebzehn? Da war mal was.“
Jetzt fiel auch Jimmy das Drama wieder ein. Überall hatte man es sich erzählt. Er zog das Foto hervor. Zwei glückliche kleine Mädchen, lachend und voller Zuversicht, dass das Leben ihnen nur Schönes bringen würde. Dann hatte der Fluss Cindy mitgenommen und alle Hoffnungen der beiden zerstört. Seitdem fanden sie keine Ruhe mehr. Die eine geisterte auf dem Tanzboden, die andere über den Gräbern. Ab und zu lieben wollten sie, nur ab und zu.

Letzte Aktualisierung: 18.12.2009 - 22.24 Uhr
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