Ganz schön bissig ...
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Dezember 2009
Rot
von Marcus Watolla

Ich liebte meine Frau über alles. Seit dem ersten Tag, als wir zusammen kamen, waren wir wie Topf und Deckel. Wir ergänzten uns und liebten uns innig. Der einzige Nachteil an meinem Leben war, dass ich hoch verschuldet war und wir wenig Geld hatten.
Wie die meisten schrägen Dinge im Leben passierte mir das auch unerwartet. Ich bekam Besuch. Von IHM. Ich lag abends im Bett und dachte an nichts Böses, da gab es einen Knall, Rauch stieg auf und vor mir stand der Teufel.
Erschrocken fuhr ich im Bett auf.
Er sah so aus, wie ich ihn mir immer vorgestellt hatte. Rote Haut, Hufen, Hörner und gespaltenen Huf.
„Was … was willst du von mir?“ fragte ich verschreckt.
„Ich bin gekommen, um Dir einen Wunsch zu erfüllen“, erklärte der Gehörnte.
„Einfach so?“ fragte ich misstrauisch.
Belzebub lachte. „Natürlich nicht. Dafür bekomme ich deine Seele.“
Das schien mir ein faires Geschäft zu sein, glaubte ich ohnehin nicht an die Existenz einer Seele. „Gut“, nickte ich, „einverstanden.“
„Dann lass mal deinen ersten Wunsch hören.“
„Ich wünsche mir Geld. Ganz viel. Tausende. Hunderttausende. Millionen.“
„So sei es.“
Er schnippte einmal mit seiner Rechten.
„Ich werde bald wiederkommen“, erklärte er breit grinsend, „dann werden wir weiter sehen.“
Er verschwand. Im ersten Moment dachte ich, ich hätte geträumt. Doch am nächsten Tag schon wurde ich eines besseren belehrt. Denn als ich im Lottogeschäft meinen Tippschein abgeben wollte, erklärte mir die freundliche Bedienung: „Sie haben gewonnen. Sechs richtige.“
Fassungslos starrte ich sie an.
Die nächsten Wochen waren wie ein Rausch. Meine Frau und ich lebten in Saus und Braus. Wir kauften uns zwei Sportwagen, ein Haus und richteten uns fürstlich ein. Wir genossen unseren Wohlstand und feierten ein Fest nach dem nächsten.
Uns ging es richtig gut.
So verstrich ein Jahr. Von Kamerad Belzebub war noch immer nichts zu sehen, so vergaß ich ihn irgendwann.
Als ich eines Tages vom Golfspielen nach Hause kam, fand ich die Wohnung leer vor. Ich ging ins Badezimmer um mich frisch zu machen, da sah ich auf einem Handspiegel, der auf dem Waschbecken lag, eine weiße pudrige Substanz, die in einer langen Linie zusammengekehrt worden war. Ich tauchte den Finger in das Pulver und benetzte meine Zunge. Sie wurde taub.
Ich fiel aus allen Wolken.
Kokain.
Als meine Frau abends nach Hause kam, stellte ich sie zur Rede. Erst bestritt sie, das Kokain würde ihr gehören, doch als ich nicht locker ließ, gestand sie schließlich.
Entsetzt fragte ich: „Mein Gott. Wie lange nimmst du dieses Zeug schon?“
„Seit knapp vier Monaten.“
„Und wie oft?“
„Mittlerweile drei bis vier Mal am Tag.“
Ich traute mich gar nicht weiter zu fragen. „Und kommst du ohne das Zeug mittlerweile aus?“
Langsam schüttelte sie den Kopf und dieser Bewegung lag etwas Endgültiges. Mir zerriss fast das Herz. Meine geliebte Frau …
„Du musst unbedingt einen Entzug machen!“ forderte ich.
„Ich weiß nicht, ob ich die Kraft dazu habe.“
Ich redete stundenlang auf sie ein. Schließlich stimmte sie mir zu. Ich machte einen Termin in einer Entzugsklinik und da wir Privatpatienten waren, ging alles sehr schnell. Das war auch die Zeit, als mir Satan zum zweiten Mal erschien.
„Nun“, fragte er süffisant grinsend, „bist du zufrieden?“
„Nein!“ knurrte ich. „Du hast mich betrogen! Durch unseren Reichtum ist meine Frau drogenabhängig. So haben wir nicht gewettet. Ich trete vom Vertrag zurück!“
„Das kannst du nicht.“
„Oh doch! Du hast mich betrogen. Ich mache den Vertrag rückgängig!“
Der Teufel knurrte: „So, so. Hintergehen willst du mich? Na warte. Dafür belege ich dich mit einem Fluch. Ab jetzt soll rot dein Schicksal sein. Wann immer du rot siehst, wirst du zum Tier.“
Er verschwand.
Verdutzt blieb ich zurück. Was sollte das denn jetzt?
Na egal. Hauptsache ich war aus dem Vertrag entlassen. In den darauffolgenden Tagen verlor ich all mein Geld. All meine Anlagen platzten oder die Aktien, in die ich investiert hatte, gingen bankrott. Die Autos fuhr ich zu Schrott, das Haus brannte ab. Das war mir jedoch egal. Hauptsache meine geliebte Frau wurde wieder zu dem Menschen, den ich in Erinnerung hatte und den ich so sehr liebte.
Ich machte mich bereit, sie zu besuchen. Stieg in die Bahn. Da stand dieser Mann mit der schwarzen Jeans und der roten Jacke. Mit einem Mal überkam mich maßlose Wut. Eine Wut, die ich noch nie zuvor gefühlt hatte. Sie stieg in mir auf und griff nach meinen Gedanken. Sprengte alles andere mit unnachgiebiger Gewalt fort. Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug. Spürte, wie sich meine Fäuste verkrampften.
Ich sah nur noch diese rote Jacke.
Mit einem Sprung war ich bei dem jungen Mann. Der wusste gar nicht, wie ihm geschah. Ich packte ihn. Schlug auf seinen Kopf ein. Brutal. Hart. Immer wieder. Blut spritzte mir ins Gesicht. Ich schlug zu. Mein Zorn ließ nur noch eines zu: dieses rot vernichten.
Als ich von dem Mann abließ, war sein Kopf nur noch eine rote, unförmige Masse. Wie aus weiter Ferne hörte ich jemanden furchtvoll, fast panisch schreien. Menschen stoben von mir zurück. Fassungsloses Entsetzen herrschte.
Erst da wurde mir klar, was ich getan hatte.
Hals über Kopf floh ich aus der Bahn. Rannte. Rannte bis ich mich in einem Hinterhof verbergen konnte. Schwer atmend lehnte ich mich gegen die Wand.
Mein Gott.
Was hatte ich getan?
Ich hatte völlig die Kontrolle verloren. Wegen einer roten Jacke. In diesem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die Worte des Teufels: „Ab jetzt soll rot dein Schicksal sein. Wann immer du rot siehst, wirst du zum Tier.“
Entsetzt floh ich durch die Straßen. Doch vor wem flüchtete ich? Oder besser gefragt vor was? Vor mir selbst? Meine Gedanken rasten.
Dann plötzlich ein Quietschen.
Neben mir stand ein Fahrzeug. Ein roter VW. Der Fahrer hatte mich wohl im letzten Moment gesehen und hatte gebremst.
„Hey Mann!“ fluchte er, „Bist du verrückt! Fast hätte ich dich umgefahren!“
Rot.
Und abermals stieg in mir jene ungebändigte Wut auf. Sie überflutete mein Gehirn. Ließ keinen anderen Gedanken mehr zu.
Rot.
Wie in einer ammokähnlichen Trance packte ich den Fahrer am Hals. Meine Finger drückten zu. Immer fester. Der Mann röchelte. Verdrehte die Augen. Fiel schlaff in meinen Griff. Mit einer Mülltonne schlug ich auf den Wagen ein.
Rot.
Als der Wagen nur noch Schrott und der Fahrer leblos war, ließ ich ab. Wurde wieder klar. Wurde mir bewusst, dass ich abermals ein Leben ausgelöscht hatte. Der Fluch nahm langsam uneingeschränkte Ausmaße an. Ich verlor die Kontrolle.
Wie ein gehetztes Tier kam ich zu Hause an.
Verkroch mich in der Wohnung.
Traute mich nicht mehr hinaus.
Entfernte alles Rote. Schwor mich immer wieder ein: „Du musst die Kontrolle bewahren!“
Versteckte mich unter der Bettdecke. Nur der Hunger trieb mich hinaus. Ich ging in die Küche. Öffnete den Schrank. Nur Konserven da. Man merkte, dass meine Frau fehlte. Ich nahm mir eine Dose. Öffnete sie. Sah hinein.
Dosentomaten.
Das nächste an das ich mich erinnere, ist dass ich neben der tomatenverschmierten Wand zu mir kam, in die ich einige Löcher geschlagen hatte. Mit der bloßen Faust. Floh wieder ins Bett.
So verbrachte ich die nächsten Tage.
Es verging eine Zeit, da hörte ich den Schlüssel im Schloss. Meine Frau. Erleichtert und erfreut sprang ich aus dem Bett. Eilte zur Schlafzimmertür. Ich hörte sie schon am Eingang rufen: „Schatz! Wo bist du? Ich habe eine Überraschung für dich!“
Ich eilte in den Korridor.
Dort stand sie.
Ich wurde fahl. Mein Mundwinkel klappte nach unten.
Sie sagte nur: „Ich habe mir ein neues Kleid gekauft. Steht mir das Rot?“

Watolla
2009

Letzte Aktualisierung: 18.12.2009 - 20.21 Uhr
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