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Dezember 2009
Der Messerwerfer
von Elsa Rieger

Auf dem Piccadilly Circus sich untergehen lassen im anonymen Treiben, das mag Helene. Obwohl sie ihre Freundin Beverly seit der Schulzeit liebt und gern die Ferientage bei ihr verbringt, braucht sie sich auch ganz allein in dieser Stadt. Sie zieht den Mantel aus – die Oktobersonne wärmt – und setzt sich auf die Stufen des Denkmals. Hoch über ihr schwebt Eros, breitet seine Schwingen ins Blau. Sein Pfeil wird sie jetzt mitten ins Herz treffen. Das muss sein, sie weiß es einfach.
„Hello.“ Ein Mann, schwarz gekleidet, mit einer roten Gladiole in der Hand steht vor ihr. Er streift das lange, dunkle Haar aus seinem Gesicht. Lächelt.
„Sie sind es, den Eros mir schickt“, sagt Helene und nimmt die schwere, voll erblühte Blume entgegen.

Im Pub, in das er Helene geführt hat, sagt sie: „Ihre Hände sind außergewöhnlich, Robert.“
Er legt sie ausgestreckt auf den Tisch. Sie sind vollkommen ruhig. Schmal, beinahe durchsichtig, die Finger lang, elegant. „Mein täglich Brot.“
Helene wollte immer schon einen Messerwerfer kennen lernen. Nun sitzt er ihr gegenüber, schenkt ihr zwei Karten für den Abend.
„Bitte.“ Roberts Augen glänzen wie frisch geschlüpfte Kastanien.

Bev ist begeistert. „Da kommst du einmal nach London, spazierst über den Circus und triffst auf einen Zirkuskünstler?“

Das Revuetheater liegt in der Nähe der Westminster Abbey. Die Plätze sind in der Mitte der ersten Reihe. Ein klassisches Zirkusprogramm läuft ab, in der Pause sagt Bev: „Jetzt bin ich gespannt auf deinen Robert.“
„Er ist nicht mein“, antwortet Helene, wünscht sich aber, es wäre so.

Vorn auf der Bühne steht ein kleiner Tisch, darauf in zwei akkurat ausgerichteten Reihen lange spitze Messer mit roten Griffen.
Robert tritt auf, in den Armen eine gigantische Menge roter Gladiolen. Lächelnd wirft er eine nach der anderen ins Publikum. Eine landet vor Helenes Schuhen. Als sie wieder aufblickt, steht Roberts Assistentin in einem hautengen, silbernen Overall neben ihm. Er führt sie zu einer schwarzen Holzscheibe, die an der hinteren Wand montiert ist, und schnallt sie mit Lederriemen daran fest. Arme, Beine, Taille, Stirn.
Helene vergisst zu atmen, als Robert auf die Finger haucht und das erste Messer ergreift. Still wird es rundum. Helene blickt auf Roberts Rücken, die gespannten Schultern. Plötzlich steckt das Messer mit zitterndem Griff neben dem linken Ohr der Frau. In rascher Folge fliegen die nächsten, die Scheibe beginnt sich zu drehen. Schneller und schneller wirbelt sie. Robert jagt ein Messer nach dem anderen über die Bühne. Helene sieht, wie ein Augenlid durchstochen wird, der rechte Schenkel, zuletzt steckt eine Schneide im silbrigen Bauch. Blut rinnt über den Frauenkörper, der sich dreht und dreht. Eine schöne Kombination, rot mit silber, findet Helene.
Die Scheibe kommt zur Ruhe, alle Messer sind geworfen. Robert befreit seine Assistentin, geleitet sie zur Rampe. Ihr Overall ist makellos, sie macht einen Knicks.
Robert breitet die Arme aus und verbeugt sich. „Yes!“, schreit er triumphierend. Applaus brandet auf.
Nach der Revue verabschiedet Bev sich. „Will dir ja nicht eine Liebesgeschichte ruinieren durch meine Anwesenheit.“
Helene klopft an Roberts Garderobentür. Er sitzt am Schminktisch, knetet Creme in seine Hände.
Mit einem „Danke, dass du hier bist“, geht er zum Vertrauten über.
„Ja“, sagt Helene. Sie knetet den Riemen ihrer Tasche.
Robert zieht sie an sich und gibt ihr einen Kuss, den sie erwidert. Was denn sonst, denkt sie und sagt: „Ich will dich.“
„Ich weiß. Komm, gehen wir.“

Das Hotelzimmer ist schäbig. „Yes“, flüstert Robert und küsst Helenes Tiefen.
Als er in ihr explodiert, brüllt er: „Yes!“, rollt sich neben sie.
Er streichelt ihre Wangen. Sein Körper ist drahtig, so blass wie die Hände.
„Deine Hände sehen so zart aus.“
„Sie sind stark.“ Robert stützt sich auf den Ellenbogen, mustert sie.
„Hau mir eine runter, beweise es.“ Kaum ist es gesagt, schämt sich Helene dafür und versteckt ihr Gesicht unter der Decke.
„Nein. Das ist platt. Primitiv. Ich schlage nicht, ich werfe.“
Da steht Helene auf und stellt sich an den windschiefen Schrank. „Dann das.“
Robert schüttelt den Kopf. Er kommt zu ihr, reibt sich an ihrem Leib. „Willst du morgen mein Modell auf der Bühne sein? Wagst du es?“
„Yes“, sagt Helene.

„Nun ist er mein“, sagt Helene zu Bev, die den Kopf schüttelt.
„Ich schau mir das bestimmt nicht an!“ Entschieden plustert sie ihre Üppigkeit auf, indem sie die Weite des violetten Samtkleides demonstrativ um sich ausbreitet, in die Kissen auf dem Sofa sinkt, theatralisch einen Arm über der Stirn drapiert.
„Hab dich nicht so, Bev“, lacht Helene. „Du tust so, als würde ich aufs Schafott geführt. Robert ist ein Künstler. Er kennt sein Geschäft.“

Aber dann in Roberts Garderobe trinkt Helene zwei Gläser Kir Royal hintereinander.
„Dein Körper muss ganz und gar ruhig bleiben“, mahnt Robert.
„Bin ich. Vielleicht sterbe ich heute. Ich will in einem Zustand der Erleuchtung ins andere Blau übergehen. Das klappt nur, wenn man ruhig ist.“
„Du bist verrückt“, sagt Robert und steckt ihr seine Zunge zwischen die Lippen.
Helene schminkt sich. Dunkelrot malt sie den Mund an. Die Kostüme seiner Assistentin sind zu groß für sie.
„Das ist dumm.“ Robert verzieht das Gesicht.
„Hast du vielleicht ein Messer hier?“, fragt sie. Darüber muss sie sehr lachen. Er auch. Sie schneidet die schwarzen Seidenhosen, ihre Bluse in Streifen. Sieht Robert an. „Heute nagelst du zur Abwechslung einen Punk an die Scheibe!“

In einem Aufwallen von Furcht will Helene hinter dem Vorhang nach Roberts Hand greifen.
„Nicht jetzt“, flüstert er heiser. In seinen dunklen Augen flackert Anspannung.
Auch er hat Angst, denkt Helene. Das beruhigt sie.
Als er sagt: „Du musst Arbeit und Liebe auseinanderhalten“, öffnet sich der Vorhang. Robert zaubert sein umwerfendes Lachen ins Gesicht, wirft dem Publikum rote Gladiolen zu, winkt dann Helene zu sich.
Während er ihr die Ledergurte umlegt, flüstert er erneut: „Das ist Arbeit. Ernst wie der Tod.“ Sie sucht seinen Blick, er sieht sie nicht an. Nun bin ich eine Sache, denkt Helene, eine Schießbudenfigur. Schwungvoll dreht sich der Geliebte weg, läuft zu seinen Messern. Helenes Schenkel fangen zu zittern an, der Tremor ergreift sie bis zu den Haarwurzeln. Robert tariert das erste Messer aus, wirft. Helene schließt die Augen. Ein Luftzug, ein Aufschlag neben dem linken Ohrläppchen. Die Schneide singt eine Zehntelsekunde. Ein Aufschlag nach dem anderen. Ein Messer streift Helenes Oberarm knapp neben der Achsel. Sie hält die Augen fest geschlossen. Schweiß sammelt sich zwischen ihren Brüsten, rollt abwärts zum Bauchnabel. Dann eine kühle Hand an ihrem Hals, erschreckt reißt Helene die Augen auf.
Robert sagt: „Ist gut. Alles gut“, drückt den Hebel, der die Scheibe in Bewegung setzt, rennt zu seinen Messern.

Die Welt zerfällt in bunte Wirbel, Strudel, Schlieren. So war sie einst, ehe der Mensch sie sich gefügt, verurteilt, gewertet hat. Durch die Lichtkreisel kriechen die Amphibien aus dem brodelnden Meer ans Land. Vulkane spucken Feuerfontänen, die Erde bebt unter den Schritten der Saurier. Ein Tyrannosaurus Rex beißt den Kopf vom langen Hals eines Dinos, als handle es sich um einen kandierten Apfel am Stiel. Mammuts wiegen sich vorbei und dahinter brüllen die ersten Menschen, bewaffnet mit Stangen. So klein ist der Mensch.

Die Scheibe wird langsamer, steht still. Applaus rauscht in Helenes Ohren. Robert löst die Fesseln. Jetzt sieht er ihr in die Augen. „Und nun kommt die Liebe“, sagt er und hebt sie herunter. In der Garderobe desinfiziert Robert den winzigen Schnitt auf Helenes Oberarm und klebt ein Pflaster darüber. Es ist eines für Kinder, Daisy Duck ist darauf, sie zwinkert mit ihren langen Wimpern.
Auf dem Weg in sein Hotel sagt Helene: „Ich kann immer mit dir auf die Bühne. Angst habe ich keine mehr.“ Bei jedem Schritt tanzen die Streifen der Hose um ihre nebelfeuchten Beine.
„Du frierst.“ Robert geht schneller.
„Warum wohnst du in dem schäbigen Hotelzimmer?“
„Das machen hier alle, die auf der Reise sind.“
„Wann reist du?“
Robert lacht leise. „Ich weiß es nicht.“

Heute Nacht ist es in dem Zimmer schön. Auf dem zerschlissenen Teppich, der Bettdecke, überall wo Helene hinsieht, rote Gladiolen hingestreut. In einer Dichte, die ihr den Atem raubt. „Ein Abschiedsritual?“
„Aber Helene! Ein Freudenfest, du hast einen Auftritt mit mir gehabt, verstehst du?“ Robert wirft sich aufs Bett. Er verschränkt die Arme im Nacken. „Bleib“, sagt er, „ich kündige meiner Assistentin.“
„Du meinst, deine Geliebte.“ Helene legt sich auf den Teppich, mit beiden Händen schaufelt sie Blumen über sich, bis sie ganz und gar bedeckt von ihnen ist. „Du bist doch auf der Reise, sagst du. Lass uns nach Rom fahren, da ist es wärmer als hier.“
„Ich bin kein Gigolo, der sich von einer reichen Bitch aushalten lässt.“
Helene schüttelt die Gladiolen ab. Robert steht über ihr, funkelt sie an, das Gesicht verzerrt.

Sie krümmt sich unter den Schlägen. Seine Fingernägel sind zehn Zentimeter lang, hart und spitz. Kratzen ihr den Rücken blutig, die samtweiche Innenseite ihrer Schenkel. Der Geruch von Schwefel benebelt Helenes Sinne, auf den kahlen Hügeln, in den schroffen Klüften lodern Feuernester. Nackthalsige Geier kreisen über der Schlucht, in der Helene an einen Felsen gekettet ist. Rundum kreischen und lachen die sieben Todsünden, am lautesten Superbia, die Messer nach Helene wirft.

„Kennst du Rom? Haben die Revuetheater dort?“ Robert hat sich zu ihr auf den Boden gesetzt und streichelt sie. Zart hängt der Duft der Gladiolen im Zimmer. Helene streift seine Hand ab, steht auf.
„Es ist zu spät.“ Sie kann die Tränen nicht verbergen, obwohl sie sich Mühe gibt. Sie neigt sich seinem Mund zu. „Lebe wohl.“
Robert bleibt zwischen seinen Gladiolen sitzen, als Helene zur Tür geht, sie leise hinter sich schließt, ihre Sehnsucht nach Liebe weiterhin ohne Erfüllung bleibt.

Letzte Aktualisierung: 12.12.2009 - 18.45 Uhr
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