Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Dezember 2009
Dem Opa Kalle sein Enkel sein Dingens
von Helga Rougui

Für Eva Fischer


Beim Schellen der Türglocke war ich schnell in den Teddy auf dem unteren Etagenbett bei Hoffmanns Enkeln geschlüpft, und das war auch gut so.
Wußte ich doch, was kam.
Philipp machte noch einen Moment brrrmmm brrrmmm, ließ dann das rote Spielzeugauto - Gottseidank nicht mehr mit mir drin - fallen und sprang dem Besuch fröhlich entgegen. Es folgte das übliche Begrüßungszeremoniell, die Mutter, die die Enkel anwies, sich zu benehmen, die Verständigung über den Zeitpunkt der Rückkehr von irgendeinem kulturellen Ereignis und dann Opa Kalle pur, der seinen Enkeln vollmundig eine seiner Gruselgeschichten ankündigte.

Ich ächzte tief hinein ins Kuscheltier.
Ogottogottogott, nicht schon wieder.
Philipp, der so cool und abgeklärt tat, würde mich erneut bis zur Besinnungslosigkeit würgen, wenn sein Opa wieder mit seiner sehr beliebten Hundegeschichte anfing. Philipp konnte riesige Hunde nun mal nicht leiden, nicht in Geschichten und nicht in Wirklichkeit, besonders die Dogge von Müllers machte ihm Angst, obwohl er das seinem Bruder niemals zugegeben hätte. Aber irgendwann kam natürlich in der Erzählung wieder die Stelle mit dem Hund, dem sich sein Opa mutig entgegenstellte. Und sein Enkel würde sich nicht etwa vor den Bäumen fürchten, die in den nächtlichen Geschichten mit lauter toten Seelen bestückt waren, sondern vor so einem ominösen Köter namens Dogge Müller – und – würg würg würg das Stofftierhälschen - - -

Es war jedesmal dasselbe.

Aha, da fühlte ich schon, wie kleine Hände mich kneteten, bis mir jede Faser meiner - bzw des Teddys - Sägespänefüllung wehtat. Hatte denn niemand diesem Anfänger von Großvater erklärt, daß es Millionen von Bibi-Blocksberg-Kassetten gab, die alles in allem wesentlich unterhaltsamer rüberkamen als seine gräßlichen Stahlkocher-Ich gehe einsam durch den Park-Geschichten???

Ich hatte genug. Ich brauchte eine Auszeit.

Ich verließ den Teddy und Philipp Hoffmann. Eine kleine Weile würde er schon ohne mich zurechtkommen.
Und flocht mich vorläufig in eine schlanke Buche im Hanielpark hinein.

… … …

hilfe ich kriege keine luhuft

Was war das? Sprach da ein Baumgeist?

nein kein baumgeist aber ein menschengeist
ich bewohne diesen baum seit meinem ableben
und du machst dich sehr breit


Ach so. Na, dann mache ich mich etwas kleiner.
Gut so? Nicht gut?

Keine Antwort mehr.
Manchmal lande ich halt in seltsamen Wesenheiten.

Goldene Frösche krabbelten am Stamm der Buche hoch, sie gluckste vor Glückseligkeit und hatte mich im Nu vergessen.

Ein Igel kam des Wegs, ich ging auf ihn über und scharrte in ihm durch die tiefen, schlammigen Lachen brackigen Regenwassers und hochaufgetürmten Wehen rotbraunen Herbstlaubs, fing und verspeiste Unmengen von Würmern, Asseln und Käfern.
Ahhh, das tat gut, einfach leben, sich nähren, nicht vorausdenken müssen, nicht aufpassen müssen.

Stunden vergingen.

Durch das Blut der Insekten war ich zwar ein bißchen zu Kräften gekommen, aber mein Gehör war noch nicht wieder intakt, und so machte mich die Ringelnatter, der jede Ablenkung recht war, weil ich sie gerade verspeisen wollte, auf nahende Schritte aufmerksam. Zum Dank ließ ich sie entkommen und stellte meine Ohren auf den Rhythmus der sich nähernden dumpfen Geräusche ein.
Wahrhaftig, Schritte auf dem weichen Waldboden.

Und – noch etwas weiter entfernt – Getrappel. Ein Vierfüßer.

Plötzlich erhob sich um mich herum ein Geflüster aufgeregter Stimmen – leise Laute, die wie Dampfwolken aus den Bäumen stiegen -

er läßt sie nicht ruhen die seelen die einst uns gehörten

jedesmal weckt er mich und ich soll mich erinnern

weh durchzieht mich so ich das leben auch nur für sekunden schmecke

es schmeckt so bitter das leben bitter wie purpur und dynamit

kann er uns nicht in unseren schimmernden träumen lassen

kommt zurück ihr goldenen frösche und silbernen eidechsen


Nun konnte ich durch das wirre Geschwätz der Baumbewohner hindurch die Schritte deutlich hören, und über mir ragte wie aus dem Nichts erwachsen ein dunkler Turm in die Höhe – noch ein Baum?
Nein, hörte ich die müde Stimme seines diensthabenden Dingens, der, wie ich nun sah, auf halber Höhe als grünlicher Fetzen hinter ihm schwebte, das ist nur Opa Kalle, und ich hab gleich Feierabend auf ewig.
Befehl vom G.O.T.T.*, gegen diese – er nickte mit dem Kopf hinter sich, wo geifernd und schnaubend ein niedriger dunkler Schatten herangeschlichen kam – Höllenkreatur nicht vorzugehen. Der arme Mann.

Ich rollte den Igel zusammen und stellte seine silbrigen Stacheln auf, und während Opa Kalle das Schauspiel noch bewundernd betrachtete und im nächsten Moment das Schicksal seinen blutigen Lauf nahm, verließ ich das Tier, ließ die Kreatur und ihr alle verfügbaren Körperflüssigkeiten von sich gebendes Opfer unter mir zurück, um zu Philipp zurückzukehren.
Opa Kalles furchtbare Schreie verfolgten mich, um dann in ein gräßliches Röcheln überzugehen, das schließlich erstarb, aber in meinen Ohren noch lange nachklang.
Ich flog, so schnell ich konnte - ich floh wie mit Engelsflügeln geschwind, ich fühlte mich klein, so klein, ich Floh vor dem Allmächtigen Schicksal.

Endlich konnte ich in die milchigmiefigwarme Luft des Kinderzimmers eintauchen und mich neben Philipp auf der Bettdecke zusammenrollen. Mir war noch immer hundeelend, ja! ha ha!! Ich hatte mir vorher niemals Gedanken darüber gemacht, wie diese Verhältnisse zwischen Beschützern und Schutzbefohlenen endeten. Mich schauderte. Und was hatte mein Kollege mit "Feierabend auf ewig" gemeint?
Hoffentlich hatte der G.O.T.T.* für Philipp eine angenehmere Endstation eingerichtet?
(Und für mich??)
Andererseits – warum sollte er?

Egal.
Philipp und ich waren jung.
Bis zum Ende war noch viel Zeit.**


_____________________________
*Ganz Oben Tot-o Tipper (… dessen Ratschluß oft unergründlich ist …)

**Anweisung vom G.O.T.T. an den Dingens am nächsten Morgen: "Nach dem gestrigen Ableben des Großvaters richte sich der diensthabende Schutzengel von Philipp Hoffmann darauf ein, daß der Enkel diesem binnen einer Woche nachzufolgen habe und ableben soll wie hier im Folgenden beschrieben: '… … …' " (… wie gesagt, unergründlich …)

Letzte Aktualisierung: 12.12.2009 - 22.15 Uhr
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