Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Dezember 2009
Lieben Sie Brahms?
von Hajo Nitschke

Denn alles Fleisch, es ist wie Gras,
und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blumen.
Das Fleisch ist verdorret
und die Blume abgefallen

(aus dem ersten Petrusbrief)


Jetzt

Die Nervosität war einer inneren Ruhe, einer heiteren Gelassenheit gewichen, nun, da sie den ersten Satz hinter sich hatten. Dorothea begann, in den Tönen zu versinken, Teil des Requiems zu werden. Die gedämpften Streicher, die im Dreivierteltakt den Trauermarsch des zweiten Teils einleiteten, legten einen Klangvorhang zwischen Chor und Zuhörer. Jetzt der Einsatz für die zweite Unisono-Stelle. „Denn alles Fleisch ….“
Beatmet sein, präsent sein! … Dorothea war präsent. Bis zur Unerträglichkeit anschwellendes Crescendo, sich verstärkender Rhythmus der Pauken. Einatmen. Jetzt!
„Denn alles Fleisch …“

Jeder Chor, jedes Orchester kennt sie auswendig, diese Mahler vorausahnende suggestive Phrase mit ihrem klagenden, melancholischen Gestus. Scheinbar einfach in ihrer Einstimmigkeit, tatsächlich aber jedes Mal wie eine alpinistische Erstbesteigung.
Ziiieeehen, Herrschaften, ziiieeehen! Dännaaaalläsflaiiiiischäsiiiissstwiegraaaß
Alle zogen die Vokale in die Länge, legten ihre Seelen in die Töne, jeder mit eigenen Gedanken. Hatte Dorothea schon mal im Geiste hier die Mauern Jerichos einfallen sehen, war es heute anders. Ihre Gedanken schweiften ab, verselbständigten sich, formten plötzlich das Bild des Komponisten aus: Fast brach ihr die Stimme, als alles um sie versank. Die Knie wurden weich, das Herz klopfte zum Zerspringen. Irgendetwas passierte in diesem Moment mit ihr.
„Das Gras ist verdorret …“

„… und die Blume abgefallen.“ Mitten im Takt verwandelt sich das Konzerthaus mit den Wiener Symphonikern in den Bremer Dom des Jahres 1868! Am Pult Brahms selber, den starren Blick auf Dorothea in der ersten Sopranreihe gerichtet. Andere Mitwirkende, ein anderes Publikum, das sich schweigend erhebt und auf das Podium eindringt. Sich in ein Totenheer verwandelt, das mit leeren Augen aus entfleischten Schädeln die Aufführung umringt. Auch der Meister, ihrMeister, verwandelt sich, die Aufführenden und ihre Instrumente ebenfalls.

„Du bist etwas überspannt, Doro, du musst zum Arzt.“ Sie hatte Gerhard von ihrer Vision erzählt, doch ihr Mann hatte mit Kopfschütteln reagiert. Schon in Deutschland, in Bonn, war er besorgt gewesen über ihre Obsession für Brahms. Sie hatten nahe am Alten Friedhof gewohnt. Eines Tages, nachdem Dorothea vor den Gräbern Robert und Clara Schumanns stand, hatte sie gespürt, dass etwas von ihr Besitz ergriff, das sie nicht beschreiben konnte. Aber ihre Leidenschaft für Brahms’ Werk war seither noch stärker geworden. Wie unter Zwang hatte sie mit Hilfe einschlägiger Zirkel begonnen, mit technikgestützter „Transkommunikation“ zu experimentieren. Parastimmen nannten sie das damals, Jenseitsstimmen. Zwar war ihre Mutter gestorben, das allein konnte aber nicht den Ausschlag gegeben haben. Ein so nüchtern denkender Mensch wie Dorothea hätte den Rat einer Freundin als esoterischen Humbug abgetan, wenn da nicht seit jenem Friedhofsbesuch alles anders geworden wäre.


Zwei Jahre zuvor

Dorothea wählt eine Frequenz auf der langen Welle zwischen zwei Sendern, in denen sich fremdsprachige Stimmen überlagern zu einem Hintergrundmaterial, das den Rohstoff für die paranormale Umformung von Jenseitsdurchsagen bildet. Sie aktiviert zusätzlich einen Feldgenerator und schaltet das Mikrofon ein. Ein beklemmendes Gefühl beschleicht sie. Zu Hause, ganz allein mit den Geistern der Toten – Wie wird sie es durchstehen? Dann ist ihr, als streiche eine fremde Stimme durch ihren Verstand: Mach schon! Zögernd drückt sie die Aufnahmetaste: „Hier spricht –“...

Nach sieben Minuten beendet sie die Einspielung, drückt erst die Repeat-, dann die Wiedergabetaste. Leises, unbekanntes Stimmengewirr. Ihre langsame Ansage:
„Hier spricht Do-ro-the-a Hölt-ge aus Bonn.“ Pause, Stimmengewirr.
„Es ist der dritte Dezember Zweitausendsieben.“ Stimmen wie zuvor.
„Ich grüße meine Mutter Lina Müller und die anderen Freunde. Wer meldet sich?“
Pause.
„Kon-takt.“ Ein kaum hörbares, computerhaft getaktetes Flüstern in deutscher Sprache. Nur den auf geduldiges Herausfiltern der Stimmen geschulten Ohren vertraut. Kontakt – Elektrisierendes Wissen, dass sich Warten und konzentriertes Abhören gelohnt haben. Dass sich die Toten melden, die von sich selber behaupten, zu leben. Tausende Beispiele sind archiviert, zum Beispiel Aussagen wie „Seid nicht traurig, siehe, wir leben!“ Und immer wieder persönliche Anreden an die Einspielenden, Antworten auf Fragen, deren Geheimnisse sich nur Frager und Befragter teilen.

Langsam gesprochen, immer wieder mit kleinen Pausen zwischen den Silben: „Möchte mir jemand von euch etwas mitteilen? Ich warte.“
Jäh zwischen zwei Silben ein lautes „Hö-re!“ Und in das Bandrauschen und die sich überlagernden Wortfetzen der Ostblocksender hinein ganz deutlich, wenn auch in eigenwilliger Betonung: „Grüß Jo-han-nes!“ Eine unbekannte weibliche Stimme. Dann, in typisch ungewöhnlichem Satzbau, noch eine Ergänzung, diesmal transportiert über die geisterhafte Singstimme eines Koleratur-Soprans: „Uns seee-hen wir wer-den!“
Danach nichts mehr. Ein Klick, die Aufnahme ist abgelaufen. Erst bei einem vierten Kontrolldurchlauf bemerkt sie, dass sie eine Durchsage überhörte, eine sehr leise allerdings, deren Lautstärke sie extrem verstärken muss. Die Silben des russischen Radiosprechers verwandeln sich ganz kurz, kaum wahrnehmbar, in ein gehauchtes „Ich hab dich!“
Wie vom Blitz getroffen kracht Dorotheas Finger auf die Stopp-Taste. Kann das ein Hörfehler gewesen sein! Sie springt auf. Diese Stimmen – doch nur Gaukelspiel des Unterbewusstseins? Und wenn nicht: Manipulation durch ruhelose Geister? Nein, sie wird sich weder ein zweites Mal diese Stelle noch erneut irgendeine Jenseitsbotschaft anhören. Schluss und aus!


Jetzt

Sie waren nach Österreich umgezogen, nachdem sich Gerhard dem Auftrag eines Außendienstjobs fügen musste. Asternweg in Grimming, elfter Wiener Bezirk. Die Aufnahme in der Singakademie schien Dorotheas Hang zur Unruhe, fast zum Morbiden, zu beenden. Nelsonmesse, Verdi-Requiem, aber auch Benjamin Britten oder Orff – Konzertluft, Abwechslung. Ihr Mann hatte davon abgesehen, sie zur psychiatrischen Konsultation zu drängen. Längst hatte sie das Stimmenphänomen nur ihren überreizten Nerven zugeschrieben und es dann verdrängt. Jetzt aber das deutsche Requiem und diese Vision. Fing alles wieder von vorne an? Sie hatte sich auf diesen Abend gefreut, war vor der Generalprobe an Brahms’ Grab gewesen und hatte zu Hause einen Strauß frischer Chrysanthemen auf den Flügel vor seine Gipsbüste gestellt.

Nach Mitternacht. Dorothea betritt auf Zehenspitzen das Schlafzimmer. Nur nicht Gerhard wecken! So aufwühlend der Brahms-Abend war, auch sie muss Schlaf finden. Stockdunkler Raum, der bekannte, nach Schritten abgemessene Gang zu ihrem Bett auf der Fensterseite. Zwischen Doppelbett und Schrank exakt sechs Schritte, bevor sie mit der Hand die Wand berühren, einen Schritt nach rechts abbiegen und das Fenster erreichen wird. Wie immer wird sie es schließen und sich neben Gerhard legen. Begleitet von ruhigen Atemzügen aus der vorderen Doppelbetthälfte tastet Dorothea sich mit der linken Hand am langen Kleiderschrank vorbei, die rechte nach vorne gestreckt. Noch drei Schritte, noch zwei, noch einer. Die Wand.

Doch wo diese sein sollte, umschließt eine knochige Hand die ihre. Fest wie ein Schraubstock. Die Kopfhaut ist plötzlich ein prickelndes Oval, auf dem sich wie elektrisch aufgeladen die Haare kringeln und erstarren. Wie ihr Herz, das unter der eisigen Faust des Entsetzens für einen Moment aufhört zu schlagen. Wie ihre Glieder, die nach einem ersten Zucken wie Wachs an und unter ihrem Körper hängen, der vorwärts in die Wand gezogen wird. Dann setzt der Herzschlag wieder ein, ihr Schrei füllt das nachtschwarze Zimmer mit Schallwellen, so laut, wie sie selbst bei der fortefortissimo-Stelle nicht zu singen vermochte. Nur ist dies keine Melodie. Es ist das Grauen! Gerhard, der, aus dem Schlaf gerissen, auf den Lichtschalter hämmert und aufspringt, findet seine Frau kalkweiß, schweißnass und mit wirrem Haar an die Tapete gelehnt. „Doro! Was machst du da?“ Sie keucht, doch allmählich beruhigen sich Herzschlag und Atem. Das kann nicht real gewesen sein! Sie muss schlafgewandelt sein.
„Ein Albtraum, Gerhard.“ Sie schlüpft unter die Decke.
„Alles in Ordnung, Doro?“
„Ja, alles in Ordnung.“
Gerhard nimmt zwei Schlaftabletten, löscht das Licht und ist schnell wieder im Reich der Träume. Sie aber liegt wach. Oder nicht?

Am nächsten Morgen ist das Bett neben ihm leer. Gerhard wundert sich, dass sie schon so früh auf ist. Ein Riss in der Tapete am Fenster, Krümel von Putz auf dem Teppichboden. Was ist passiert? Vage erinnert er sich an einen lang gezogenen Schrei in seinem Traum. Ob sie ein zweites Mal fantasierte? Höchste Zeit für einen Arztbesuch!
„Doro?“ Doch er findet sie nicht, dafür bietet die Brahmsbüste im Wohnzimmer einen seltsamen Anblick. Beziehungsweise die Chrysanthemen, die alle ihre Blüten über Nacht verloren. Sie liegen auf dem Holz des Flügels und zwischen den Tasten.


Später

Hinter Tor zwei des Zentralfriedhofs steht in der Nähe der letzten Ruhestätten Beethovens und Schuberts vor Grab 26 die Plastik eines weißbärtigen Brahms, der nachdenklich sein Haupt auf den Arm stützt. Als entwerfe er in Gedanken neue Symphonien oder Wiegenlieder. Vielleicht auch einen achten Teil des Requiems. So, als ob sich erst jetzt der siebente Teil „Selig sind die Toten“ erfüllte. Friedhofsarbeitern fällt auf, dass Gras, Ziersträucher und Blumenstauden um das Grab herum wie Stroh, wie abgeerntetes oder gar verbranntes Gras aussehen. Niemand misst den kleinen frischen Defekten im Marmor der Grabplatte eine Bedeutung bei.

Letzte Aktualisierung: 25.12.2009 - 11.04 Uhr
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