Ganz schön bissig ...
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Dezember 2009
Besessen
von Sabine Barnickel

Ich grinse, frage mich, wie ich diese Runde mit einem simplen Zwilling gewinnen konnte.
„Sag ‘mal, hast du irgendetwas genommen?“ Flo mustert mich. „Mann, du siehst aus, als hättest du seit Wochen nicht geschlafen. Und trotzdem schaffst du es, uns alle abzuzocken.“
„Ich bin nicht auf Drogen.“
Warum wärmt er alte Geschichten auf? Ich nehme seit Jahren nichts mehr, nicht einmal Aspirin. Früher. Ja. Aufputschmittel, um die Nächte durchzumachen, Schlaftabletten, um zwischendurch wieder runterzukommen und was auch immer, um gut drauf zu sein. Bis ich vor sechs Jahren am Abgrund stand. Überdosis. Das ist vorbei. Flo sollte das wissen.
„Ist ja schon gut, Chris. Komm‘ wieder runter.“
Die anderen aus unserer Pokerrunde starren mich an. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich aufgesprungen bin. Meine Augen brennen vor Müdigkeit.
„Okay, ich mache Schluss für heute.“ Ich spüre ihre Blicke in meinem Rücken, als ich gehe.

Ich schrecke hoch, mein Blick fällt auf den Wecker. Zwei Uhr dreiundvierzig. Ich habe maximal eine halbe Stunde geschlafen. Jeden Tag betrügt mich mein Körper um mehr Schlaf, jeden Tag schreit er mehr danach. Von Unruhe getrieben wandere ich durch meine Wohnung. Klick. Klick. Klick. So geht das schon seit Wochen. Ich bleibe stehen, es hört auf.

Ich versuche, wieder einen Menschen aus mir zu machen. Dusche und rasiere mich. Ein Blick in den Spiegel zeigt mir, dass es bei einem Versuch geblieben ist. Die Erschöpfung zeichnet dunkle Ringe unter meine Augen, die trotzdem hellwach leuchten. Kein Wunder, dass Flo denkt, ich nehme wieder etwas. Mein Körper lechzt nach Schlaf. Ich melde mich krank.

Zwei Stunden später klingelt es an der Tür. Klick. Klick. Klick. Ich muss mich zusammenreißen. Mein Vater steht vor der Tür. Er hat mir gerade noch gefehlt.
„Hallo Christian. Du siehst …“
„… Scheiße aus. Sag’s ruhig.“ Würde er nie tun. „Willst du Kaffee?“
Er nickt, folgt mir zur Küche.
„Du siehst schon seit ein paar Tagen so … müde aus“, sagt er, während ich uns zwei Kaffee mache. „Und dann deine Krankmeldung heute. Was ist los mit dir?“
„Nichts. Ich brüte nur eine Erkältung aus.“
„Sicher? Ich habe vorhin mit deinem Freund Florian gesprochen. Er macht sich Sorgen um dich.“
Und mein Vater macht sich Sorgen um seinen guten Ruf. Was fällt ihm eigentlich ein, meine Freunde über mich über mich auszufragen?
„Sei ehrlich, nimmst du wieder etwas?“
Ich knalle die Kaffeetöpfe auf Tisch, die heiße Flüssigkeit schwappt mir auf die Hände. Es tut nicht weh.
„Einmal mit Koffein für dich, einmal ohne für mich. Kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Tabletten. Nichts.“
Er glaubt mir nicht.

Klick … Klick … Klick … Klick. So muss sich ein Tiger im Käfig fühlen. Ich pfeife auf die Krankmeldung.

Ich treffe mich mit Flo im Club. Die Musik dröhnt in meinen Ohren, reißt an meinen Trommelfellen. Seit wann bin ich so empfindlich? Sein prüfender Blick nervt.
„Siehst heute ja direkt ‘mal wieder aus wie ein Mensch.“
„Findest du?“
„Zum Weiberaufreißen wird es reichen.“ Er grinst mich an.
Ich verdrehe die Augen. Was will ich mit diesen billigen Tussis? Ich tanze mit der ein oder anderen um des Tanzens Willen. Am Ende der Nacht schleppe ich eine ab.

In meinem Kopf rasen die Gedanken, mein Körper droht zu streiken.
„Wie wär’s damit?“ Sie hält mir ein Tütchen mit bunten Pillen hin, den Kopf zur Seite geneigt. Sie will mich in Versuchung führen. Ich schlage ihr das Beutelchen aus der Hand.
„Das brauchen wir nicht.“ Ein Funke Furcht zündet in ihren Augen. Das macht uns an.

Ich begleite sie zur Tür. Im Garderobenspiegel sehe ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung hinter mir. Klick. Klick. Klick. Beherrschung. Sie dreht sich noch einmal zu mir um, jegliche Farbe weicht aus ihrem Gesicht.
„Was …?“ Doch dann schüttelt sie sich wie ein junger Hund und lächelt wieder.
„Sehen wir uns wieder? Im Club?“, fragt sie noch.
Ich zucke mit den Schultern.

Klick. Klick. Klick. Das treibt mich langsam aber sicher in den Wahnsinn.
„Zeig‘ dich endlich, wer immer du bist!“ Nichts. Ich drehe mich im Kreis. „Lass‘ mich in Ruhe. Verschwinde.“ Nichts.

Im Büro spule ich mein Programm wie der Computer vor mir, versuche vor meinem Vater den Schein zu wahren. Es geht mir gut. Ich spiele mit meinen Freunden bis zum Morgengrauen, ziehe mit Flo durch die Clubs, tanze die Nächte durch, laufe auf Vollgas bis an den Rand der Erschöpfung. Doch egal was ich tue, der Schlaf will nicht kommen, stattdessen unterhält er mich mit seinem rhythmischen Klicken. Egal was ich tue, er lässt mich nicht allein. Mein Arzt weigert sich, mir etwas zu verschreiben. Empfiehlt mir etwas Homöopathisches.

Er verfolgt mich auf Schritt und Tritt, wenn ich zu Hause bin. Klick. Klick. Klick.
„Was willst du?“
Das weiß du doch.
Ich halte es nicht mehr aus, flüchte in den Club.

Das Mädchen liegt nackt in meinem Bett und schläft. Er sitzt neben mir, trommelt ungeduldig mit den Fingern. Klick-klick, klick-klick, klick-klick.
„Hör‘ endlich auf damit“, flüstere ich.
„Wenn du mir endlich gibst, was ich brauche.“ Er lacht.
Sie wacht auf, Irritation in ihren verschlafenen Augen. Wir nehmen sie noch einmal. Er ist wütend, als ich sie gehen lasse.
„Gib mir endlich, was ich brauche!“
Ich fürchte mich.

Sein Verlangen brennt in meinem Inneren, als wäre es mein eigenes. Ich zerre an ihrer Kleidung.
„Ich will das nicht“, sagt das Flittchen.
Ach ja? Warum ist sie dann mitgegangen? Wir ignorieren ihr Nein. Sie schlägt nach mir, schreit. Meine Hände umschließen ihren Hals. In der Hoffnung auf Erlösung bringe ich ihm das erste Opfer dar.

***
Ich bin verflucht. Das war bereits die Dritte, die ich diese Woche in seinen gierigen Schlund gestopft habe. Er fordert mehr, braucht sie zum Überleben, und ich brauche ihn. Er hat kein Erbarmen, nicht mit ihnen, nicht mit mir.
„Lass‘ mich schlafen. Bitte. Ich kann nicht mehr.“ Ich bettle ihn an.
„Du kannst“, antwortet der Verführer.
„Sie werden nicht mehr mitgehen, wenn ich aussehe wie ein Zombie“, versuche ich es.
Er lacht mich aus.
„Sieh in den Spiegel“, er grinst mich mit seiner hässlichen Fratze an. „Sie lieben die Gefahr.“
Er wird mich nicht in Ruhe lassen. Draußen geht die Sonne auf. Ich gehe auf meinen kleinen Balkon. Er, klick, klick, hinterher. Das Morgenlicht spiegelt sich auf den nassen Dächern, blendet mich für einen Augenblick. Ich lehne mich über das Geländer, sehe hinunter auf die Straße. Vier Stockwerke.
„Was meinst du, reicht das?“, frage ich ihn.
„Wofür?“
„Weißt du noch? Vor sechs Jahren?“
Ein Lächeln schleicht sich auf meine Lippen. Das erste gute Gefühl seit Wochen. Dann lasse ich mich fallen.
Der Dämon lacht.

Letzte Aktualisierung: 30.11.2009 - 23.18 Uhr
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