Sexlibris
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Dezember 2009
Real life
von Patricia Kohnle

Dhaka … ungeduldiges Fahrradgeklingel, feilschende Verkäufer, hupende Autos … laut pulsierendes Leben. Ich trete vom Fenster zurück. Ich schließe es aus. Ich will kein Leben mehr spüren. Ich spüre kein Leben mehr.

Ich bin zuhause in der Totenstille: Ein kleiner Raum, aufgedämpft von gleißender Hitze und stinkendem, rohen Fleisch. Dort liegt meine Matte. Neben den anderen Mädchen. Blutjung. Bildhübsch. Ehemals.

Auch ich hatte zarte, feine Haut. Samtig fühlte sie sich an, wenn ich mit meinen Fingerspitzen darüber strich. Meine Mutter kämmte mein langes, schwarzes Haar und rieb es mit duftenden Ölen ein. Ein Sari schmiegte sich an meine zierliche Figur. Und ich lief hoch erhobenen Hauptes durch unser Dorf.

Heute fliehe ich mein Spiegelbild. Es zeigt kein Gesicht mehr. Es zeigt einen vernarbten, von Säure verätzten Fleischklumpen. Das Stück Fleisch eines Viehs, das keine Träne weinen und keinen Seufzer mehr von sich geben kann. Zur Schlachtbank wurde ich geführt … von Afsanuddin. Hätte er mich nur getötet, um zu erreichen, dass kein anderer als er mich jemals berühren wird. Afsanuddin, ein alter Mann, der mich besitzen wollte. Und ich, ein Mädchen noch, das vor ihm floh. Und vor dem Ekel. Zu Recht. Recht?

Niemand wollte es sehen, als Afsanuddin zu dem lächerlichen Preis einer kleinen Handvoll Reis Säure kaufte und über mein Gesicht goss, das schmolz - wie Teer an der Sonne -. Und in den Staub tropfte. Alle schauten sie zur Seite. Ein Mädchen unter vielen. Mein Schreien ging in der Menge unter. Aber Afsanuddin kehrte zurück in sein Dorf; angesehen und hochgeachtet.

Doch ich habe überlebt. Überlebt? Die Schwester schneidet die verätzten Hautfetzen von meinem Körper. Schwarz verkohlt. Wie verbrannte Erde, auf der nichts mehr wächst. Ohne ein Wort drückt sie Watte in meine Nasenlöcher, um sie gegen Vernarbungen offenzuhalten. Ich schnappe röchelnd nach Luft. Sie verdreht meine Arme, damit die Muskeln nicht verkürzen. Ich beobachte. Wie von Ferne. Ohne Schmerzen. Bis ich erbreche.

In drei Tagen wird meine Haut operiert werden. Wissenschaftliche Hände, geschulte Hände, präzise Hände, ausländische Hände werden es tun … für unvorstellbar viele Rupien Spendengelder. So viel bin ich plötzlich wert.

Aber für wen bin ich wert? Unbezahlbar wert? Für liebende Hände, streichelnde Hände, verstehende Hände, tröstende Hände?

Niemand will mich mehr berühren.


Entschuldigt. Das Thema war ja „Gruselmonat“. Da bin ich jetzt glatt daneben gelegen. Denn was soll schon gruselig sein an ein bisschen Hautfetzen, ein bisschen Säure, ein bisschen „real life“. Leben in Echtzeit, das gruselt doch schon lange nicht mehr; schon gar nicht, wenn es so weit weg ist.

© Patricia Kohnle

Letzte Aktualisierung: 27.12.2009 - 14.53 Uhr
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