Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Dezember 2009
Höllenhund
von Ingo Pietsch

Dr.Sarah Bates sitzt auf dem Bett. Sie hat die Arme um die Beine geschlungen und wiegt ihren Oberkörper hin und her. Ihre geröteten Augen zucken bei jedem Geräusch zum Fenster, um sich anschließend wieder im Nichts zu verlieren. Der ganze Leib zittert vor Angst. Die ehemals lockigen Haare hängen fettig ins Gesicht und bis auf ihre Schultern herunter. Dr. Bates’ Kleidung ist zerschlissen und verdreckt.
In dem Raum riecht es nach Schweiß und Urin. Eine einzige noch intakte Birne der Deckenlampe verbreitet fahles Dämmerlicht. Die Fenster des Motelzimmers sind vernagelt, die Tür mit Möbeln zugestellt.
Sarahs Körper erbebt, als ein abgrundtiefes Knurren durch die Bretter nach innen dringt. Der Höllenhund hat sie gefunden! Eine dieser Bestien, die sie selbst geschaffen hat.

***

Sarah Bates arbeitete in der pharmazeutischen Medizin und hatte ihren Doktortitel im Bereich Schmerzmittel erworben.
Sie war von einem Privatunternehmen abgeworben worden, das sich auf Militär-Projekte spezialisiert hatte. Es wurde an einem Arzneistoff gearbeitet, der das Schmerzempfinden unterdrücken, gleichzeitig aber Beweglichkeit und Verstand unbeeinflusst lassen konnte.
Das Ziel der Experimente: der ultimative Soldat, der auch mit schwersten Verletzungen den Kampf noch fortsetzt.
Erste Versuche am lebenden Objekt waren an Kampfhunden vorgenommen worden, die schon von klein auf zum Töten trainiert waren.
Ein kleines Rudel von ihnen war mit dem Wirkstoff behandelt worden. Sie wurden dadurch noch aggressiver und entwickelten beängstigende Kräfte. Schließlich brachen sie aus.
Die Hälfte floh in den nahe gelegenen Wald. Die anderen konnten nur unter größten Anstrengungen getötet werden. Erst nach massivem Blutverlust und Versagen von lebenswichtigen Organen starben die Tiere.

***

Dr. Sarah Bates weint. Sie weiß, dass ihr Ende gekommen ist. Verstecken macht keinen Sinn, da der Hund ihren Geruch kennt und sie überall wiederfinden würde. Allein und ohne Waffen hat sie keine Chancen.
Männerstimmen schreien draußen vor dem Motel. Schüsse aus großkalibrigen Waffen schallen über den Parkplatz, gefolgt von Hundegebell und Hilferufen.

***

Einer der Wächter wurde von den Kampfhunden gebissen. Untersuchungen ergaben, dass er Spuren des neuen Serums in seinem Blut hatte. Er war wahrscheinlich durch den Biss oder die Blutübertragung infiziert worden.
Doch anstatt ihm zu helfen, wurde er als Versuchskaninchen benutzt.
Es wurde herausgefunden, dass der Wirkstoff, je länger er aktiv war, die klaren Gedanken unterdrückte und den inneren Trieben freien Lauf ließ.
Nachdem der Wächter aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte, befreite er sich mit übermenschlichen Kräften, die Angst und Adrenalin in ihm hervorgerufen hatten, von seinen Fesseln und fiel über die Forscher her.
Seine sensorischen Nerven waren so stark geschädigt, dass er dabei keine Schmerzen mehr spürte, während die motorischen Nerven noch einwandfrei den Befehlen des Gehirns gehorchten. Allerdings hatte seine Stimme nichts Menschliches mehr, sondern ähnelte dem Knurren eines urzeitlichen Ungetüms.
Wie auch die Hunde konnte er nur durch starken Waffeneinsatz aufgehalten werden.

***

Der Hund fliegt durch das vernagelte Fenster, zertrümmert dabei die Bretter, als wären sie aus Papier, und wird noch im Sprung durch einen der Schüsse getroffen.
Sarah zieht sich die Decke über den Kopf, was ihr allerdings wenig Schutz bietet.
Die Tür wird eingetreten. Mehrere Bewaffnete drängen in den Raum und schießen ohne Unterlass auf die Bestie, die sich, Schaum vor dem Maul, vergeblich aufzurichten versucht.
Erst als nur noch ein zerfetztes, blutiges Bündel übrig ist, lassen die Männer von dem Höllengeschöpf ab.
Der Raum ist von Qualm geschwängert und es riecht nach Schießpulver. Leere Magazine und Patronenhülsen fallen dumpf zu Boden, als die Männer nachladen.

***

Dr. Bates erinnerte sich an diesen Geruch, als sie aus der Forschungseinrichtung fliehen musste. Die Seuche breitete sich unter allen Angestellten aus, weil die Hunde zurückgekommen waren, um ihr Revier zu verteidigen. Erst griffen sie die Menschen an und infizierten sie durch ihre Bisse, bis diese schließlich selbst über einander herfielen.
Die Anlage riegelte sich vollautomatisch selbständig ab und vergaste systematisch alle Räume.
Nur wenige, wie Dr. Bates, konnten entkommen. Leider auch ein paar von den Erkrankten und auch die Hunde.
Sarah Bates flüchtete Richtung Stadt, weil sie dort auf Hilfe hoffte.
Immer wieder kam sie an ausgeweideten Tierkadavern vorbei, die die Bestien zurückgelassen hatten.
Sarah hatte sich mehrere Schnittwunden zugezogen. Immer wieder schaute sie beim Laufen über ihre Schulter. Sie stolperte und stürzte in eine Blutlache. Ohne sich Gedanken zu machen, rappelte sie sich wieder auf und lief weiter. Schließlich gelangte sie zu einem verbarrikadierten Motel am Rande der Stadt und rettete sich in eins der Zimmer.

***

„Hey, da ist was unter der Bettdecke!“ Einer der Uniformierten zieht die Decke von Sarah herunter. „Oh mein Gott, noch so ein Monster!“
Die Männer richten ihr Gewehre auf die hilflose Person mit dem ausgemergelten Gesicht unter ergrauten Haaren. Die tief in den Höhlen liegenden Augen starren ausdruckslos auf die Überreste der Bestie.
„Danke!“, sagt sie und streckt ihren Arm aus. Sie ist gerettet.
Doch für die Männer klingt es nur wie ein langgezogenes, kehliges „Gruuuh!“
Den Soldaten sind schon mehrere Gestalten wie Dr.Bates begegnet, als sie die Gegend erforscht haben. Eine Verständigung war nicht möglich. Und aufgrund ihres aggressiven Verhaltens, wurden sie als Feinde eingestuft.
Bei klarem Verstand, aber ohne sich artikulieren zu können, vernimmt Sarah Bates den Feuerbefehl. Das Letzte, das sie hört, ist eine Gewehrsalve. Ohne jedes Schmerzempfinden spürt sie für die Dauer eines letzten Atemhauchs den Kugelhagel in ihren Körper einschlagen. Dann nichts mehr.

Letzte Aktualisierung: 19.12.2009 - 22.29 Uhr
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