Honigfalter
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Dezember 2009
Fahrt zur Erinnerung
von Kerstin Jauer

Alles fühlt sich falsch an - an diesem Abend. Meine Bewegungen kommen mir merkwürdig verzögert vor, als bräuchten meine Arme und Beine zu lange, um meinen Befehlen zu gehorchen. Ich fühle mich wie in einen unsichtbaren Kokon gewickelt, der mich von der Außenwelt trennt und mich gleichzeitig mit ihr verbindet. Und doch scheint es niemand außer mir zu bemerken.
In dem großen Saal schweben die Tanzpaare über das Parkett. Die Frauen tragen leuchtende Abendkleider. Lange Haare und bunte Schals wehen durch die Luft. Vom Orchester dringt helle, fröhliche Musik herüber. In dem Stimmengewirr höre ich eine Frau lachen. Aber die Geräusche klingen seltsam dumpf, so als wäre ich unter Wasser. Ich schlucke einmal heftig, in der Hoffnung alles zu normalisieren, aber es hilft nichts.
Vor mir eine Frau. Volle Lippen lächeln mich an. Wie selbstverständlich ergreife ich ihre Hand und führe sie auf die Tanzfläche. Ihre Schritte sind leicht. Wir gleiten auf der Musik dahin, die sich noch immer weit entfernt anhört. Ich führe, sie lässt sich leiten. Aber es fühlt sich nicht richtig an. Ich habe das Gefühl, immer am falschen Fleck zu sein. Und doch fügt sich ihr Körper mühelos in meine Bewegungen.
Je länger ich tanze, um so klarer wird es mir: Etwas ist falsch! Etwas stimmt einfach nicht. In meinem Kopf spüre ich die Erinnerung. Sie ruft nach mir, aber sie ist weit weg. Verborgen hinter einer schwarzen Mauer.
Eben noch will ich mich nur erinnern, da verlassen die Frau und ich die Tanzfläche. Ihre warme Hand hält noch immer die meine. Ich greife zwei Gläser Sekt von einem silbernen Tablett und fühle ein Lächeln in meinem Gesicht. Die Frau spiegelt es mir wieder. Ihr Blick sagt noch mehr. Lass uns gehen.
„Zu dir.“
Ihre Lippen bewegen sich kaum.
Die leeren Gläser bleiben auf einem Tisch an der Treppe nach unten zurück. Es ist falsch.

Ich halte das Lenkrad umklammert. Warum kann ich mich nicht erinnern? Ich habe getrunken. Aber das ist es nicht. Die Frau neben mir, sie gehört nicht hier her und doch ist sie da. Ihre vollen Lippen schimmern rot. Ihr Mund formt ein Lächeln. Es soll verführerisch sein.
Das Auto rast über den Asphalt. Immer wieder reißen die gelben Lichter Einzelheiten aus dem Dunkel. Einen kahlen Kastanienbaum. Verlassene Felder. Ein Ortseingangsschild. Den Namen kann ich nicht entziffern. Ich sollte langsamer fahren. Aber der Fuß bleibt auf dem Gas. Die Frau neben mir stört es nicht. Die Welt schläft bis auf das Auto. Dann wieder ein Schild. Wir verlassen den Ort und die Erinnerung kehrt zurück. Sie schlägt mit einer Wucht auf mich ein, dass ich in den Sitz gedrückt werde. Die Frau wirft mir einen Seitenblick zu. Bilder prasseln auf mich ein. Eine Silvesterfeier. MEINE Frau und ich. Wir lachen, trinken und tanzen. Wir wollen nach Hause. Sie mit dem Taxi. Ich sage, ich kann noch fahren. Das Schild, der verschlafene Ort. Die Landstraße. Meine Frau nennt es lachend das Ende der Welt.
Dann höre ich meine Frau schreien. Immer und immer wieder sehe ich wie unser Wagen gegen den Baum rast. Höre die Schreie meiner Frau. Einen kurzen Moment gibt es nur dieses Schreien, dann gleiten Erinnerung und Jetzt ineinander und plötzlich passt die Welt wieder. Die Frau neben mir Schreit. Statt meiner Erinnerung sehe ich die Straße. Sehe in das kalte, tote Gesicht meiner Frau. Fahle Haut umrahmt von blonden, beinahe weißen Haaren. Der Mund ein tiefes, dunkles Rot. Blutunterlaufende Augen, in denen ich ihre stumme Anklage erkenne. Meine Schuld, meine Schuld, durchdringt es mich. Immer und immer wieder. Ihre leblosen Augen bohren sich in meine. Ich reiße das Lenkrad herum und die Erinnerung wird zum Jetzt. Der Baum rast auf mich zu. Die vollen Lippen kreischen. Sie kreischen immer. Jedes Mal. Ein Knall. Nichts existiert bis auf den Lärm, dann ist es still.

Es wird dunkel und es bleibt dunkel. Die Erinnerung löst sich langsam auf. Das lebendige Gesicht meiner Frau und ihre grauenhafte Totenfratze verblassen. Die Gesichter der anderen Frauen zerfallen in einen feinen Nebel und verlieren sich in der Dunkelheit. Ich will die Erinnerung aufhalten, aber sie zerfällt wie poröses Papier. Schwärze. Aber nicht vollkommen. Irgendwo ein heller Punkt. Er ruft mich. Lockt mich. Ein neues Silvester wartet bereits auf mich. Solange bleibt es dunkel. Bis alles von vorn beginnt.

Letzte Aktualisierung: 18.12.2009 - 22.23 Uhr
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