Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Dezember 2009
Lecker Kekse
von Karl-Heinz Manier

„Hier liegt einer.“
„Wo?“
„Im Keller.“
„Ein Einbrecher!“
„Hat nichts in den Taschen – aber von den Keksen gegessen.“
„Viel?“
„Eine ganze Menge, fürchte ich.“
„Lebt er noch?“
„Ja.“
„Hat er die Bilder gesehen?“
„Bestimmt.“
„Auch die vom Bahnhof?“
„Das ist doch nur eine Ruine!“
„Egal. Gib ihm eine Spritze und leg ihn in den Bach.“
„Er hat Alkohol getrunken, er wird sich nicht erinnern,.“
„Gregori, du bist viel zu emotional für dieses Geschäft.“
„Nein, Großvater.“
„Also gut, bleibt er eben am Leben.“
„Ich stell eine leere Flasche Schnaps neben ihn.“
„Und wenn er gar keinen Schnaps trinkt?“
„Einem, der sich an nichts erinnert, kann man hinterher alles erzählen.“
„Und wenn er sich doch erinnert?“
„Wir wollten das Haus eh räumen.“
„Gregori, Gregori!“

Dieses Mal erwischte es ihn während der herbstlichen Regenzeit. „Was für ein Scheißwetter!“, dachte er.„Warum soll ich zu Hause herumsitzen und Trübsal blasen, wenn ich mir genauso gut des Nachbarn Räumlichkeiten ansehen kann?“
Zumal der Typ von schräg gegenüber, bei dem immer die schwarzen Limousinen hielten, unterwegs zu sein schien.
Florian Mädesüß, klein und schmächtig, war eine umgängliche Persönlichkeit. Von morgens bis abends ließ er sich bei der Bearbeitung von Hartz-IV-Anträgen Frechheiten an den Kopf werfen; zahlte brav seine Steuern und brachte es fertig, sich in den Nachrichten mit anzusehen, wie Lobbyisten sich gegenseitig dafür belohnten, einer Lobby anzugehören; half höchstpersönlich in der neu errichteten Tafel im Stadtteil, den Leuten, die ihn ein paar Tage vorher wüst beschimpft hatten, Lebensmittel zukommen zu lassen.
Manchmal allerdings spürte er eine Unruhe in sich. Alles in ihm schrie danach, sich das Innenleben fremder Häuser anzusehen. Nicht zu stehlen, wohlgemerkt! So etwas tat er nicht. Das überließ er Leuten, die sich damit auskannten. Er stieg nur einfach in die Häuser ein, sog die fremde Atmosphäre in sich auf; versuchte sich vorzustellen, wie die Personen in diesem Umfeld lebten, sich ein Bild zu machen von einem Leben, das nicht seins war. Und er naschte gern – seine zweite große Leidenschaft - Kekse, sollten welche leichtsinnigerweise herumliegen. Danach verschwand er wieder. Nur selten bemerkte man überhaupt, dass jemand im Haus war. Zum Beispiel an der leeren Keksdose. Und selbst dann war man sich nicht sicher.
Nach alter Tradition dieser Gegend waren die Gemäuer aus Sandstein errichtet, zweistöckig und mit Holz durchsetzt. Das hier hatte hölzerne Flügelfenster, mit Doppelverglasung; später nachgerüstet, ohne der Aura des Bauwerks zu schaden. Auch der Anstrich versprach Bodenständigkeit, gediegenes Ambiente.
Welch ein Gegensatz in seinem Inneren! Der gesamte Fußboden gefliest, kein einziger Teppich. Im Wohnzimmer abgestandene Luft, nur ein großer Tisch - hm, lecker Kekse, eine ganze Schüssel voll – und sechs Stühle, die bessere Zeiten gesehen hatten. Keine Bilder an den Wänden, keine Pflanzen, kein Fernseher, kein Computer. Und die Vorhänge hingen auch nur noch, weil sie vom Staub daran gehindert wurden auseinanderzufallen.
Im Bad eine Rolle Klopapier, aber kein Handtuch, keine Körperpflegemittel. Der Raum dazwischen war, bis auf die Einbauküche, leer. Im Kühlschrank ein paar Flaschen Bier, eine Tüte Milch, zwei Päckchen Müsli. Auf der Spüle ein Glas und ein Schlüsselchen mit einem Teelöffel darin.
Florian ging zurück ins Wohnzimmer, erlaubte sich noch einen Keks, auf dem ein großes „K“ eingeprägt war.
Dieses Haus – es war anders.
Er setzte sich auf einen Stuhl; schloss die Augen, versuchte in Bilder umzusetzen, was auf ihn einströmte.
Nichts als flacher Nebel, kalt und pfeifend. Das irritierte ihn. Florian hatte die Vorstellung einer Vibration. Ein ganz leises Zischen und Stampfen. Vage. Aber es war da.
Abrupt öffnete er die Augen.
Ihn fröstelte.
Möglich auch, dass ihn dieses Haus ablehnte. Weil nur ein Teil der Behausung eingerichtet war. Vorläufig. Vielleicht, bis die restlichen Möbel kamen.
Florian fand die übrigen Zimmer leer vor. Das Stockwerk darüber auch.
Er wollte gerade das Haus verlassen, als er links die offene Kellertür wahrnahm. „So viel Zeit muss sein“, dachte er, und wurde belohnt. Zweimal links surrte die Heizung, einmal links waren zwei Türen zu sehen. Die rechte davon war offen. Hinter der Tür ein kleiner Raum, eine Luftmatratze mit Schlafsack auf dem Fußboden. Ein offenes Päckchen Kekse auf einem Stuhl. Auf der Schachtel war aus einem kleinen „k“ mit einem roten Stift ein großes „K“ gemacht und die folgenden Buchstaben rosa nachgemalt. Vitamin „K“ekse. „Nie gehört“, sagte er sich, nahm einen. Er sah sich um und dachte, es wäre wohl an der Zeit, sich andere Gedanken über diesen neuen Nachbarn zu machen. Schlief im Keller auf dem Fußboden und futterte Vitamin-Kekse. Florian merkte leichte Übelkeit in sich aufkommen. „Vielleicht hätte ich doch vorher frühstücken sollen“, sagte er sich, „noch ein Keks und es geht mir gleich besser. – Obwohl, zwei haben mehr Nährstoffe als einer …“
Die andere Türe war auch nicht verschlossen, hinter ihr verbarg sich eine dunkle Kammer. Wieder diese Vibration und ein Pfeifen. Stärker noch als vorher. Es war aber nichts hier drinnen, was dieses Geräusch hätte auslösen können. Der Raum schien auch nicht besonders groß. Florian trat einen Schritt zurück, tastete nach dem Lichtschalter. Seine Umgebung wurde in einem roten Schimmer sichtbar. An der Wand vor ihm standen kleine Dosen mit Kurbeln, Wannen mit Flüssigkeit. Links neben ihm ein Gerät mit einem Objektiv an einer Stange. Ihm kam es vor, als stünde alles direkt vor ihm, als würde ihm die dritte Dimension verweigert. Rechts an der Wand stand eine kleine Wäschespinne, vollgehängt mit Filmstreifen. Florian ging auf die Fotostrecken zu, staunte, dass er doch vier Schritte bis dorthin brauchte, als plötzlich laut pfeifend und stampfend eine Lok auf ihn zugerast kam. Er warf sich auf den Boden, hatte aber das Gefühl, als schwebe er über diesem. „Da soll man sich nicht verarscht vorkommen!“, dachte er, „So ein mieses Karma kann nur eine missbrauchte Wohnstätte entwickeln.“ Er rappelte sich auf, in der Absicht, so schnell wie möglich diese Unwirtlichkeit zu verlassen. Auf einem Stuhl stand eine volle Flasche Bier. Er bekam sie zu greifen, entfernte mit seinem Schweizer Taschenmesser den Kronkorken und leerte sie in einem Zug. Die Flasche entglitt zetimeterweise seinen Fingern, löste sich in Einzelteile auf. „Da hört sich doch alles auf“, wollte er sagen, „da denkt man sich nichts Böses und wird dabei beinahe von einem Zug überrollt und die Flasche löst sich auch in ihre Einzelteile auf, kaum, dass man sie leergetrunken hat!“, aber er hatte dann doch keine Lust, das Gedachte zu verbalisieren. Zumal es sehr praktisch sein konnte, wenn sich das Leergut selbst wegbrachte. Florian machte seine Wahrnehmung an der Wäscheleine fest. Er entnahm ihr einen Filmstreifen und hielt ihn zum Licht. Das Bild zeigte, was einmal ein Bahnhof gewesen sein musste, von außen. Das zweite Bild war in einem Schalterinnenraum aufgenommen. Das dritte zeigte Gleise in Nahaufnahme, das vierte ihn selbst. Das fand er fast lustig – aber hatte er sich überhaupt fotografieren lassen?
Egal, Hauptsache, er fühlte sich gut. Leicht. Er fand keine Anhaltspunkte dafür, wo er selbst aufhörte und der Raum um ihn herum anfing. Fragmente bildeten sich und lösten sich wieder auf. Florian glaubte zu verstehen, warum sein Nachbar keine Möbel brauchte um sich wohl zu fühlen. Das Haus sorgte für einen, Materie war überflüssig. Florian beschloss, seinen Körper ganz abzulegen, er wollte ihn nicht mehr brauchen müssen. Aber so schnell ging das wohl nicht?
Der Zug kam zurück, riss ihn mit in einen Tunnel, ein Geräusch, als versuchte eine Lok aus voller Fahrt zu bremsen, ein Pfeifen und Quietschen, immer lauter.
Am anderen Ende der Röhre stand ein kleiner Kerl mit einem Dreizack. Und weil die Pike in seine Richtung zeigte, dachte Florian so laut er konnte: „Aus dem Weg! So was kann leicht ins Auge gehen!“ Der Lümmel lachte und zeigte ihm den Mittelfinger. Dann neigte er den Kopf nach vorn, packte den Spieß mit beiden Armen und kam auf Florian zugerannt.
Florian sagte: „Willst du es dir nicht doch noch einmal überlegen? Ich habe auch einen lecker Keks für dich!“
„Damit ich so werde wie du?“, antwortete der Unaufhaltbare. Unverhofft tauchten aus der Schwärze immer mehr dieser kleinen Gesellen auf.
Aber – Glück im Unglück – der Zauber mit dem Sichauflösen funktionierte endlich.
Florian merkte nicht, wie sein Körper an der Wand entlang auf den Boden rutschte.

Als er zu sich kam, lag er auf einer Parkbank. Durchnässt bis auf die Knochen. Das wunderte ihn, es entsprach nicht seiner Gewohnheit, bei Regen auf Parkbänken zu nächtigen. Auch nicht, Schnapsflaschen zu leeren. Er trank normalerweise gar keinen Alkohol. In einer Jackentasche fand er einen Geldschein, an den er sich nicht erinnern konnte, ging, wegen seinem überempfindlichen Kopf, sehr vorsichtig in die nächste Kneipe, bestellte sich einen Tee und ein Taxi. Der Wirt war sehr nett und schob ihm einen Teller mit Keksen zu. Florian sträubten sich die Haare, Schweiß brach an seinem ganzen Körper aus, er fror. Übelkeit übermannte ihn.

Als er aus dem Taxi stieg, kehrte der Nachbar den Bürgersteig. Das erste Mal, seit sich Florian erinnern konnte, grüßte er. „Oh Mann, wie viele Nächte haben Sie durchgemacht?“
„Welches Datum haben wir heute?“
„Den 18ten November.“
„Oh, doch nur eine.“
„Gestern wussten Sie es nicht.“
„Wir haben uns gestern gesehen?“
„Ja, unten am Bach, Sie hielten eine Flasche Schnaps in der Hand und wollten sich nie wieder die Menschheit antun.“
„Mit dem Alter wird man emotional …“
„Kommen Sie, ich koche uns einen Kaffee und ein paar Kekse habe ich bestimmt auch noch.“
Florian drehte sich um und zeigte dem restlichen Gebäck in sich den Weg nach draußen.
„Heute nicht“, sagte er zwischendurch, „vielleicht ein andermal.“

Karl-Heinz_Manier@web.de

Letzte Aktualisierung: 27.12.2009 - 20.12 Uhr
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