Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
Es knarrte in der groĂen morbiden Halle der SelbstgefĂ€lligkeit. Die Steine, aus denen die Halle errichtet worden war, stammten vom Mond. Man konnte erahnen, dass sie mit der Kraft ihrer Gedanken sich unterhielten und ĂŒber diese ehrwĂŒrdigen RĂ€umlichkeiten wachten. Sie plapperten doketisches Zeug dabei, was sie âOTâ nannten, aber ihm einen sehr wichtigen Anschein gaben.
Die WĂ€nde hatten Risse, weil durch sie manche Geliebte illustrer Musiker geflogen war. Der Flug direkt ins Grab, des Schostakowitsch, Grieg und Falco. Alle hatten irgendetwas miteinander, zumindest derart, dass sich Obsession als Fremdwort gut anwenden lieĂ. Einigen waren dabei sogar Pterygia gewachsen.
Vor der groĂen Halle stand eine alte Thuja, nicht etwa irgendeine aus der Familie der immergrĂŒnen LebensbĂ€ume, nein, eine Thuja occidentalis.
Diese zerhackte eine weibliche Gestalt laut schreiend im Schmerz unsÀglicher Liebe.
Ja aber findigen Gartenfreunden gelang es, sie in identischem Wuchs nachzuzĂŒchten, dass sie von Stund an von flappenden Engeln umflogen wurde, die Girlanden um sie drapierend schlangen.
In der Halle hatte zum wiederholten Male der fast eingerostete Roboter knarrend einen verwachsenen Frauenleib aus einer NĂ€hrlösung gehoben und geflĂŒstert:
âDu siehst aus, wie ein Engel!â
Dann quetschte der, so dem Rost immer mehr zum Opfer fallende Android, sich eine ĂltrĂ€ne aus den Sehschlitzen, wie er es einmal bei âFackeln im Sturmâ, einer touchanten TV-Serie gesehen hatte.
Der Wind strich um die rotten WÀnde des Hauses, in dem es dunkel wurde, dass man hÀtte meinen können, schlagartig erblindet zu sein, wenn man das Licht löschte.
Durch die Fenster drang kein Schimmer, sie waren einfach lange nicht geputzt worden.
An der Hauswand erklommen, als Bergsteiger verkleidet, zwei glitschige Nacktschnecken die Wand, hatten sie es versÀumt, vor Einbruch der Dunkelheit den Gipfel, das Fensterbrett vor den opaken Scheiben, zu erreichen.
Inzwischen erklang eine Sopranstimme, als wĂŒrde ihre Besitzerin es den Schnecken gleichtun und ebenfalls eine alpinistische Besteigung begehen. Kein Ton traf in der Leiter des Erklimmens, es war ein Keuchen und Jaulen zum Cerumen produzieren.
Der ölinkontinente Roboter hielt in seinen Bewegungen inne, da einer der Engel sich mit seiner Girlande verhedderte und wie eine Motte gegen die schmutzigen Scheiben flappte.
Aus der Hölle lachten zwei dulliĂ€he Hexen, die einen Vertrag mit Herrn Bohlen unterschrieben hatten. Sie sollten demnĂ€chst im Finale von DSDS einen neuen Gruselstil, Emo-Bohlen-Hardcore-Pop begrĂŒnden. Aber aristophanisch fanden das nur die beiden Hexen, zu zerschlissen der Witz auf Kosten eines Bohlen.
Der Blechmann, mit dem GemĂŒt einer Rosamunde Pilcher, ĂŒberlegte, was er als Erstes tun mĂŒsse. Es sollten Siedler den Planeten bevölkern, den er selbst mit Verplempern von schwer abbaubaren Mineralölen verseuchte. Das hatte ein Programmierer ihm eingegeben, ohne zu bedenken, dass diese Blechkanne rosten könne. Die Schaufensterpuppe lag in der degoutanten NĂ€hrlösung und gurgelte vor sich hin, da in ihre HohlrĂ€ume noch FlĂŒssigkeit eindrang.
Um das Haus schlich sich ein MillionÀr. Er witterte hier und schnupperte dort und hielt letztendlich sein Hinterbein an der Thuja in die Höhe, da er sie als FÀlschung erkannt hatte. Seine Hundepipi lief in sattem Strahl in den Boden, welcher die Thuja beheimatete.
Irgendein Tölpel hatte dem MillionĂ€rshund die FĂŒĂe blau angemalt, welche nun durch das seitliche Verspritzen des Harnstoffes abwusch und mit in den Boden einsickerte. Die weiland blauen FĂŒĂe nahmen die Farbe des restlichen Hundes an.
Eine Frau kam um die Ecke, die ein Schild trug, auf dem stand:
âAnna Politkowskaja starb am Kreuz!â
Diese Demonstrantin trug eine weite schwarze Soutane, welche um ihren massigen fleischigen Körper flatterte. Sonst trug sie nichts weiter. Ihre Mundwinkel wiesen nach unten. Sie stampfte betont mit jedem ihrer Schritte und verschwand, wie sie gekommen war.
Der Roboter, der das observierte, lieĂ aus seinem Datenspeicher sofort Kindertotenlieder erschallen und begann Ăl aus seinen Sehschlitzen in das Becken mit der NĂ€hrlösung und dem weiĂen fasrigen Soma zu spritzen.
Es krachte! Das Metallgebilde, keiner Hydraulik mehr fÀhig, sank in sich zusammen. Wodurch das NÀhrlösebecken umgerissen wurde und dessen Inhalt sich im gesamten Umfeld ergoss.
Ăberall wuchsen schlagartig kleine FrauenbĂŒsten, die wisperten, sie hĂ€tten eine angeborene Angst, die sich aus ihren Synapsen in die Hypophyse ergieĂe. Wodurch sich eine kropfartige Struma bildete, welche quinquilierten wie der Dudelsack des bedeutenden schottischen Musikers McNeal, welcher ein VerhĂ€ltnis mit der zufĂ€llig gleichnamigen noch bedeutenderen Harfenspielerin hatte, heimlich versteht sich.
Die Thuja wurde wegen des Stoffwechselproduktes des MillionÀrs und der NÀhrlösung schlagartig braun.
Schuld trugen die kontaminierenden FlĂŒssigkeiten, die nun das Erdreich erreicht hatte, denn die Szissuren hatten genĂŒgend Feuchtigkeit durchtrĂ€ufeln lassen.
WĂ€ren die hysterischen BĂŒrgerfrauen ihren haushĂ€lterischen Aufgaben nachgegangen, wĂ€ren ihrem Glauben treu ergeben gewesen, so wie ihrem Schicksal als Frauen, wĂ€ren sie auch nicht obsessiv in MusikergrĂ€ber enfiliert und hĂ€tten nicht derartige SchĂ€den im Mauerwerk aus Mondgestein hinterlassen.
Die flappenden Engel hatten nun auch keine Lust mehr und ritten auf dem RĂŒcken des millionenschweren Hundes in eine bessere, vegane Welt.
,BrrrrrÂŽ, was fĂŒr ein Grusel dachte sich Valhall und stĂŒrzte in sich zusammen!
Letzte Aktualisierung: 23.12.2009 - 20.47 Uhr Dieser Text enthält 5591 Zeichen.