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Tante Käthe | Februar 2010
Die Erbschaft
von Anne Zeisig

Dorothea hatte das Schild mit dem Stellenangebot an der Eingangstür des Supermarktes gelesen.
Nun saß sie im Büro des Filialleiters und nestelte nervös an den abgeschabten Ärmelaufschlägen ihres Wintermantels.
„Ich will ehrlich sein.” Der junge Mann zog seine dunklen Augenbrauen hoch. „Sie sind Mitte Fünfzig.”
„Ich verstehe”, unterbrach Dorothea ihn leise und stand auf.
Er begleitete sie zur Tür und zuckte mit den Schultern: „Ich persönlich schätze die Erfahrung und Zuverlässigkeit von älteren Mitarbeitern sehr. Aber ich habe Anweisungen zu befolgen.”
Dorothea verließ das Büro und sah auf ihre Armbanduhr. Zuhause würde längst Tante Käthe warten. Sie lächelte, straffte ihren Oberkörper und holte sich einen Einkaufswagen. Geschwind eilte Dorothea durch die Gänge zur Frischfleischtheke. Mageres Hackfleisch vom Rind durfte sie nicht vergessen. Käthes Magen vertrug kein Fett. Und für morgen Hühnerbrust. Die käme zusammen mit weich gekochten Baby-Möhren in den Fleischwolf. Käthe hatte oft Beschwerden mit Zähnen und Zahnfleisch.
`Wehwehchen, die das Alter mit sich bringt ´, dache sie und überschlug in Gedanken den Preis der Lebensmittel. Schonkost und Medikamente rissen große Löcher in ihre Geldbörse.
`Ich habe noch ein paar Scheiben Brot und Käse für mich, das reicht für zwei Tage´, überlegte sie und ging zur Kasse.

Es hatte angefangen zu regnen. Eilig huschte sie über die Straße. Hatte da jemand gerufen? Dorothea drehte sich herum. Auf der anderen Straßenseite stand eine elegant gekleidete Dame und wedelte wild mit ihrer Handtasche: „Doro?” Sie kam herüber. „Na klar! Doro!” Die Unbekannte spannte einen Schirm auf und hielt ihn über Dorothea und sich. „Nun sag bloß, du erkennst mich nicht!”
„Doch. Doch”, stotterte Dorothea und überlegte, wann sie dieses Gesicht zuletzt gesehen hatte.
„Visagen-Clear-Kosmetics”, kam diese Frau ihr zuvor. „Die Spots im TV. Das bin ich!”
`Aus dem Fernsehen´, überlegte Dorothea und ihr fiel ein: „Falten-Creme.”
„Anti-Age”, wurde sie verbessert und am Arm in einen überdachten Hauseingang gezogen. Die Frau schloss den Schirm und fuhr sich mit der Hand über ihre Wangen: „Zart wie ein Baby-Popo.” Sie kicherte: „Ich hab́s leider eilig, weil ich zurück in den Salon muss.”
„Aha.” Dorothea wischte sich eine feuchte Haarsträne aus der Stirn. `Friseursalon. Es muss Ewigkeiten her sein, dass ich das letzte Mal ...́
„Sei mir nicht böse, aber mein Mann wartet.” Sie musterte Dorothea von oben bis unten und zeigte auf den Einkaufsbeutel: „Hast bestimmt was für deinen Mann und dich zum Mittag besorgt.”
Dorothea schüttelte den Kopf. `Es wird mir noch einfallen, wer sie ist.́
Die Dame drückte ihr eine Visitenkarte in die Hand. „Ruf mich an! Zum Quatschen, wie es uns so ergangen ist!”
. . .

Tante Käthe lag im Wohnzimmer auf dem Sofa und schlief. Dorothea lehnte leise die Tür an und ging in die Küche. Sie mischte ein Ei unter das Hackfleisch. Aus dem Wohnraum hörte sie leises Schnarchen. `Ohne Käthe wäre ich einsam.́
Die Begegnung ging ihr nicht aus dem Kopf. Die Clique in der Handelsschule hatte sie immer `Doro´ genannt. Dorothea seufzte, `das war eine unbeschwerte Zeit´. Danach die Ausbildung bei `Tiernahrung Wellmann & Sohn´. Bis zur Chefsekretärin hatte sie es gebracht und war mit ihrer Arbeit verheiratet gewesen. Der Junior hatte nach dem Tod
seines Vaters die Firma bankrott saniert. „Die Visitenkarte!”, entfuhr es ihr. Sie hatte sie achtlos irgendwo eingesteckt. Dorothea durchsuchte die Manteltaschen und im
Einkaufsbeutel wurde sie fündig. Sie setzte ihre Lesebrille auf.

Hundesalon Gisela & Werner
Trimmen
. . .
. . .
Bio-Tiernahrung

„Die Gisela!”, Dorothea schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Klassenschlechteste aus der letzten Reihe! Gilla! Dumm wie Bohnenstroh und dünn wie eine Bohnenstange!”
Sie besah sich das edle Papier der Visitenkarte. `Tiernahrung ´! Das Wort stach ihr wie ein Pfeil in die Augen.
`Fragen kostet nichts.́ Ihr Herz pochte bis zum Hals, als sie zum Telefon griff. Dorothea nahm die Brille ab und kaute nervös auf dem Bügel herum.
Gilla gluckste am anderen Ende der Leitung: „Was? Dreißig Jahre bei `Wellmann und Sohn´ biste gewesen? Dich schickt der Hundehimmel! Ich suche schon lange eine Fachfrau, die unsere Kunden in Sachen Tiernahrung kompetent beraten kann.”
Dorothea atmete erleichtert auf. „Könnte ich denn auch Tante Käthe mitbringen?”
„Eine Verwandte von dir?”
Dorothea lachte. ”Tante Käthe ist eine alte Pudeldame. Die hat mir der Seniorchef vererbt.”


Anne Zeisig, Februar 2010

Letzte Aktualisierung: 05.02.2010 - 23.58 Uhr
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