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Tante Käthe | Februar 2010
Emmas Tagebuch
von Susanne Ruitenberg

Liebes Tagebuch,

ich weiß, es ist unklug, die ganze Geschichte aufzuschreiben, vor allem, im Hinblick auf ... Aber wenn ich es nicht tue, platze ich! Ich werde dich anschließend verbrennen.
Eines sage ich dir: Wenn ich das damals gewusst hätte, nie hätte ich ihn geheiratet! Ehrlich. Wie kann man das auch erahnen, dass so ein netter Kerl ein Monster als Tante hat. Wenn sie überhaupt verwandt sind. So wie sie sich benimmt ... aber der Reihe nach.
Am Anfang, bei Jans Eltern, das ging noch. Gut, ich hätte nicht unbedingt jeden zweiten Sonntag zum Familienessen gemusst, aber ich wollte sie ja davon überzeugen, dass ich die ideale Schwiegertochter bin. Da fand ich es noch amüsant, welch ein Theater sie um die schrullige alte Käthe machten. Vielleicht erben sie was, dachte ich, und bauchpinseln sie deshalb so.
Aber der Krampf mit dem Essen! Exotische Gewürze gingen nicht, weil sie es nicht vertrug. Zu fett war verboten wegen der Galle. Was mit Nüssen verhinderte das schlecht sitzende Gebiss. Gemüse, das noch knackig war, lehnte sie ab und Salat war Kaninchenfutter. Nach zwei Jahren zu Matsch gekochter gutbürgerlicher Küche mit Kartoffeln und brauner Soße bekam ich sonntags schon morgens beim Aufstehen Würgereiz. Dann wurde Jan zum Glück versetzt und wir hatten unsere Ruhe, weil wir zu weit weg wohnten. Ach, herrliche Zeit! Hätte ich sie nur mehr genossen!

Drei Monate vor unserer Hochzeit haben sie die Filiale dichtgemacht, und wir mussten zurück in die Heimat ziehen. Also wieder jeden zweiten Sonntag - ich beschloss, nach der Trauung ein Machtwort zu sprechen.
Dann kam unser großer Tag. Wir hatten alles so schön geplant und uns riesig darüber gefreut, dass Pfarrer Mercredi Ouguwambe noch da war. Er hospitierte an unserer Gemeinde und hatte einen Hochzeitsboom ausgelöst, weil er Leben in die Zeremonie brachte. Sagt doch Käthe mitten im Gottesdienst lauthals - sie ist schwerhörig und es gibt nur eine Lautstärke bei ihr, nämlich brüllend - zu Jans Vater, wie doof sie es findet, dass man nicht einmal im Haus des Herrn vor Buschmännern sicher ist, die kein anständiges Deutsch reden. So was von peinlich! Alle sind rot geworden vom Fremdschämen, und Jan fiel beinahe vom Stuhl.

Beim Buffet wetterte sie über das ganze neumodische Zeug und nahm sich nur Nudeln mit Braten in Soße. Das hatten wir extra wegen ihr im Programm. Davon blieb fast alles übrig, weil keiner unserer Freunde auf so was steht.
An ihrem Tisch riss sie die Konversation an sich und erzählte jedem, der es nicht hören wollte, Horrorstories aus dem Krieg; besonders, nachdem sie die erste Flasche Wein intus hatte. Als Tischgespräch für eine Hochzeit, ich bitte dich! Bei den Sketchen, die unsere Freunde aufführten, verstand man die Texte nicht mehr, weil ihr blökendes Lachen alles übertönte.
Als „Dies und Das“ gespielt werden sollte, drängelte sie sich vor, kapierte aber die Spielregel nicht. Dabei war der erste Auftrag so einfach. „Besorge einen Lippenstift.“ Bei so vielen anwesenden Frauen ein Leichtes. Sie kam mit einem Bierdeckel zurück und zeterte lautstark, weil sie ausgeschieden war. Am Ende der Feier hing sie schnarchend im Stuhl und musste von drei Männern ins Taxi getragen werden.

Leider lag unsere Wohnung bei Jans Eltern im Dachgeschoss. Und sie hatten einen Schlüssel. In der ersten Zeit nach der Hochzeit tauchte Käthe öfter ungebeten auf und lamentierte danach bei Jans Mutter, dass ich nicht anständig putzen würde. Samstags, wenn wir ausschlafen wollten, stand sie bei schönem Wetter in aller Herrgottsfrühe auf der Matte, weil sie auf dem Markt einen Blumenpott für unseren Balkon gekauft hatte, oder sonst irgendein unnützes Zeug. Ich traute mich nicht mehr, in Unterwäsche durch die Wohnung zu laufen, weil man sich nie sicher war, dass sie nicht auftauchen würde. Und wenn Jan und ich ... also, ich konnte gar nicht mehr, ohne das Schlafzimmer abzuschließen, und exotischere Orte verboten sich erst recht.
Als ich schwanger war, meinte Käthe urplötzlich, sich um mich kümmern zu müssen, und kam ständig mit selbst gekochten Suppen und Kräuter-Milch-Shakes nach oben, die ein Holzpferd zum Reihern bringen würden! Erst als ich meine Schwiegermutter bat, den Schlüssel zu verstecken, konnte ich meine Schwangerschaft einigermaßen genießen. Aber das Schlimmste: Meine Zwillingstöchter heißen jetzt Katharina und Elisabeth, statt Lea und Mia. Ich könnte heulen, jedes Mal, wenn ich sie rufe. Natürlich mischte sich die Alte von Anfang an auch in die Erziehung ein. Sie konnte es gar nicht verstehen, dass die Mädels mit zwei Jahren schon im Kindergarten waren und ich wieder arbeiten ging. Mit spitzen Fingern untersuchte sie die Bilderbücher und fand die meisten unpassend, weil sie falsche Fantasien anregen würden. Dafür versorgt sie uns mit „erbaulichem“ Buchmaterial. Zum Fortlaufen. Die Mädels hätte man auf den Stühlen festtackern müssen, damit sie sich das anhören.

So gingen die ersten Jahre ins Land. Als die Zwillinge in die Schule kamen, starb Jans Vater ganz plötzlich an einem Schlaganfall. Laut Käthe war das Gottes Strafe für ein liederliches Leben. Davon habe ich aber, ehrlich gesagt, nie etwas gemerkt. Im Gegenteil, Ernst war ein toller Schwiegerpapa und ich glaube, seine ältere Schwester war ihm selbst mehr als peinlich. Jans Mutter hat Ernsts Tod völlig aus der Bahn geworfen, die Arme. Wobei ich mich frage, ob da nicht auch Käthe zu beigetragen hat, denn sie hat Schwiegermama immer wie ihre Leibeigene behandelt; vor allem, nachdem sie es mit dem Herz bekam, scheuchte sie sie nur noch herum. Was die Alte aber nie davon abhielt, dauernd die Treppe hoch zu turnen und uns auf den Wecker zu gehen. Jedenfalls wurde Schwiegermama bald darauf schwer krank und ruht nun in Frieden neben ihrem Ernst.

Tja, und jetzt sind nur noch wir da. Von einem Heim will Käthe natürlich nichts wissen. Jans Dackelblick, als er mit einem „Wir müssen uns um sie kümmern, Schatz“, vor mir stand. Aber ich liebe ihn und kann ihm nichts abschlagen. Also haben wir die große Wohnung renoviert und sind runter gezogen. Was haben die Mädels geheult, weil ihre Meerschweinchen weg mussten. Wegen der Haare und den Allergien. Käthe ins Dachgeschoss zu verfrachten, ging natürlich gar nicht. Denn auf einmal waren ihr die Treppen zuviel.
Seit einem halben Jahr leben wir nun hier unten. Die Mädels bringen keine Schulfreundinnen mehr zum Spielen mit. Jan flieht um sechs ins Büro und kommt abends erst nach der Tagesschau nach Hause. Dass er eine Freundin hat, glaube ich nicht. Nein, es liegt nur an ihr. Ich muss jetzt jeden Tag kochen, was sie will. Für Extragerichte habe ich keine Zeit neben der Arbeit. Sonntags scheucht sie uns zur Kirche. Abends wird ihr langweilig, und sie kommt ins Wohnzimmer gepilgert. Ich halte das nicht mehr aus! Sie hat unser ganzes Leben vergiftet, dachte ich neulich, als ich ihr Lieblingsessen, Nudeln mit Schweinegulasch, rührte.
Da machte es bei mir „Klick.“
Seitdem habe ich immer wieder von ihren Herztabletten was abgezweigt. Die komplette Dosis ging heute Abend in ihren Kräutertee mit Honig, den sie als Schlummertrunk nimmt. Ich glaube kaum, dass man bei einer alten Frau mit Herzgeschichte groß eine Autopsie machen wird. Und wenn, werden sie es auf Schusseligkeit verbuchen. Schließlich hat sie sich immer selbst um ihre Medikamente gekümmert. Außerdem werden wir alle sooooo herzzerreißend um unsere gute Tante Käthe weinen. Jan, der erbberechtigt ist, ist auf Dienstreise. Die Zwillinge übernachten mit der ganzen Klasse in der Schule. Die Tasse ist in der Spülmaschine. Ich habe alles unter Kontrolle.
Den Tee habe ich ihr, wie immer, um zehn gebracht und die Tasse nach zwanzig Minuten abgeräumt. Dann habe ich mir mehrere Folgen „Desperate Housewives“ angesehen, wenn Jan schon mal nicht da ist. Natürlich mit Kopfhörer, um Madame nicht zu stören.
Jetzt ist es zwei Uhr nachts und aus der Drachenhöhle plärrt noch immer der Fernseher.
Ich glaube, ich werde jetzt mal nach ihr sehen ...

Letzte Aktualisierung: 25.02.2010 - 11.08 Uhr
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