Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Tante Käthe | Februar 2010
... und innen so heiß
von Elsa Rieger

Mit einem Seufzer richtet Tante Käthe sich auf. Mit der gesunden Hand reibt sie ihr Kreuz, schlurft zum Tisch und sinkt in einen Sessel, beobachtet den Himmel. Dunkle Gewitterwolken verdrängen allmählich die Bläue. Es ist schwül. Als sie den Schweiß von der Stirn wischen will, vergisst sie die Gipshand und stößt sich die Nase daran. „Au!“, sagt sie ärgerlich. Sie blickt auf das mit Mühe aus dem Boden gerissene Unkraut auf dem Rasen. Wieder steht sie auf, trägt es zum alten Garagenplatz – hier hatte das Auto gestanden, als ihr Mann noch lebte. Sie breitet die Ernte aus Löwenzahn und Disteln zum Trocknen aus. Später würde es sich besser zusammendrücken lassen, in der Mülltonne weniger Platz einnehmen.

Ja, sparsam war sie immer schon. Sie trennt sorgfältig ihre ‚Gartenstrümpfe‘ von den ‚Einkaufsstrümpfen‘ und den ‚Ausgehstrümpfen‘. Die Ausgehstrümpfe halten am längsten.
Ab und zu wird sie von ihrer Nichte ins Restaurant ausgeführt. Das mag sie gar nicht. Ihr wäre es lieber, Susi würde zum Essen kommen. Doch die tut so, als wären ihre Kochkünste nichts wert. Kaum sitzen sie im Restaurant, fangen nämlich die schrecklichen Hände zu zittern an. Je mehr Käthe daran denkt, desto stärker wird es und dazu steigt diese Hitze aus dem Bauch hinauf bis zum Kopf, macht sie konfus.
Oft muss sie auf das bestellte Essen verzichten, sie kann nicht einmal den Löffel zum Mund führen. Tante Käthe sagt dann trotzig, es schmecke ihr nicht und außerdem, bei diesen Preisen ... eine riesige Verschwendung. Aber auf die Restaurantbesuche will Susi, die großen Wert auf ihre Figur legt, nicht verzichten – sie meinte einmal, dass Tante Käthe zu gehaltvoll koche. Altmodisch und billig.
Schweineschmalz und Mehl haben noch keinem geschadet, du bist einfach verwöhnt, hat sie geantwortet und ging zur Strafe über ein halbes Jahr nicht mehr mit Susi aus. Zum achtzigsten Geburtstag gab sie der Bitte nach, sagte aber: Ich habe den Krieg erlebt; eine einfache Speise, die satt macht, ist das Beste.
Susi schien verstanden zu haben, denn sie antwortete nicht.

Dieses blöde Zittern, denkt Käthe, während sie ins Haus geht. Immerhin hat sie mit den unsicheren Händen ein Kind großgezogen, immerhin kann sie Teppiche knüpfen und schöne Sachen stricken, tröstet sie sich.
Der Doktor sagte damals, es wäre der Schock. Als ihr Sohn gestorben war, fing das an mit ihren Händen. Der Junge war erst sechs Jahre alt, mitten im Krieg, und sie konnten nichts für ihn tun im Spital. Sie dachten an eine Erkältung. Die Erkenntnis, dass es Diphtherie war, kam zu spät.

Wenn sie zum Friedhof geht, kommen die Einkaufsstrümpfe dran, denn Käthe verbindet den Besuch bei ihren Erinnerungen meist mit einem Gang auf den Markt.
In dem Familiengrab liegt auch ihre arme Mutter. Als Käthe dreizehn wurde, beerdigten sie sie.
Die neue Frau des Vaters, die er ins Haus geholt hatte, damit die fünf Halbwaisen versorgt wären, sagte: „Jeder der Fratzen muss gehen, sobald er vierzehn ist.“
Das war vor dem zweiten Weltkrieg.
Käthe fand Fließbandarbeit in einer Konservenfabrik. Sie trieb eine Unterkunft als Bettgeherin um einen Schilling monatlich auf. Das Mädchen Erna, mit der sie das Bett teilte – sie hatten wechselweise Schichten – zahlte die Hälfte. Denn obwohl die Arbeiterinnen die eingedellten Konserven zu einem geringen Preis kaufen durften, reichte der Lohn nie. In der Schlafkammer gab es vier Betten und acht Bettgeher, Schichtschlafen.
Käthe lächelt.
Es ist immer noch drückend heiß, sie geht ins Haus, kocht Kaffee. Ihre Hand zittert, sie verschüttet einiges auf dem Weg zum Mund – im Moment ist der Tremor schlimmer wegen der gebrochenen Hand – und schaltet den Fernseher ein. Straßenkinder in Ecuador. Notleidende Zivilisten im Irak. Verhungerte Babys in Afrika. Arbeitslosigkeit hier.
Sie steht aus ihrem abgewetzten Fernsehsessel auf und bestreicht ein Stück Brot mit Schmalz. Als sie zurückkommt, sind die Nachrichten zum Glück vorbei. Nur noch das Wetter, dann der Hauptabendfilm.
Käthe liebt es wie nichts auf der Welt, in Liebesgeschichten einzutauchen, da lebt sie richtig auf, als wäre sie dabei. Sie lächelt glücklich, als der Liebhaber das Mädchen umarmt. Weggefegt sind Armut, Kindstod, Witwenschaft, die Leere jetzt. Befriedigt, denn der Film war wirklich schön, drückt sie auf den Ausknopf.

Die plötzliche Stille ängstigt sie. Ihre Tochter, die in Sydney lebt, hat heute nicht angerufen. Käthe nimmt den Schlüssel vom Haken und dreht überall das Licht an. So sparsam sie sonst auch ist, aber allein im Haus, das Tor noch unversperrt, da fürchtet sie sich. Und schüttelt darüber den Kopf.
Damals bei Bombenalarm war sie nie in den Schutzkeller gegangen, hatte es einfach verweigert, weil ihre Tochter an einer Stauballergie litt und in den Katakomben schrecklich husten musste. Ausgerechnet sie hat Angst vor Einbrechern.
Beate, die vor zwei Jahren gegangen war, hatte Käthe immer bewundert. Sie sagte oft, wenn sie übers Erlebte sprachen: „Du bist eine, die all die Katastrophen einfach so hinnehmen kann. Und weitermacht.“ Käthe hatte bis heute nicht verstanden, was ihre beste Freundin damit gemeint haben könnte.

Als abgeschlossen ist, geht sie ins Badezimmer. Das Waschen fällt ihr schwer, nur mit der linken Hand. Manchmal vergisst sie den Gips und Wasser rinnt hinein. Das reibt und juckt. Eine Woche noch, dann bin ich den Gips los, denkt sie. Endlich liegt sie zwischen ihren geflickten Leintüchern, denn obwohl gute Bettwäsche vorhanden ist, wird sie nicht verwendet, solange die alte nicht zerfällt. Das Fenster hat sie einen Spalt offen gelassen. Käthe leidet schon wieder unter der Hitze, die mit der Außentemperatur jedoch nichts zu tun hat. Ihr ist immer zu heiß.

Sogar im Winter, wenn alle bereits vor Kälte bibbern – Käthe heizt sparsam – läuft sie in kurzärmeligen Pullovern herum. Einmal bei einer Familienfeier hörte sie zufällig zwei Verwandte in der Diele über sie reden. Sie hatten keine Ahnung, dass Käthe gerade auf dem Klo saß.
Die eine sagte: „Warum Tante Käthe in ihrem hohen Alter solche Hitzen hat?“
„Vielleicht gab es zu wenig guten Sex damals.“ Sie kicherten.
Nein, es hatte keinen Spaß gemacht. Rudi und sie gingen ohne Erfahrungen in die Ehe und dabei war es geblieben. Käthe dachte bis kurz vor ihrer ersten Niederkunft, dass ihr Baby durch den Bauchnabel geboren würde. Nachdem die Kinder da waren, gab es nur noch selten diese Sache zwischen den Eheleuten, den Alltag zu schaffen, verlangte ihnen viel ab. Als Rudi am Prostatakrebs erkrankte, ihn zum Glück überlebte, war es ganz aus damit.

Da ist jemand im Garten! Der Kies knirscht.
Jetzt sind Kratzgeräusche vor ihrem Fenster. Käthe nimmt allen Mut zusammen und dreht das Licht aus, damit man sie nicht sehen kann. Schweißnass klebt das Nachthemd an ihrem mageren Körper. Im Finstern tastet sie sich zum Fenster und späht angestrengt durch den Vorhangspalt in die Dunkelheit. Ein kleiner weißer Schatten springt auf dem Baum vor dem Haus von Ast zu Ast. Das Kätzchen hüpft auf den Kies zurück, spielt mit den Steinchen und trollt sich endlich. Käthe findet das gar nicht lustig. Sie ist wütend auf ihre Angst, auf das Vieh, das sie aus der Geborgenheit ihres Bettes getrieben hat. Sogar ein neues Nachthemd muss sie anziehen. Sie wirft das klamme in die Ecke, legt sich wieder hin.

Und die Nacht beginnt. Leise grollt der Himmel, das Gewitter entlädt sich anderswo und die Hitze lässt nicht ab von Käthe.

Letzte Aktualisierung: 14.02.2010 - 10.17 Uhr
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