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Tante Käthe | Februar 2010
Auf Engelsschwingen
von Tanja Muhs

„Grüß Gott, was treibt Euch hinaus bei dieser Kälte? Frau, die Messe ist doch längst vorbei. Bringt das arme Kind zurück an den warmen Ofen. Schaut, es schlottert schon am ganzen Leib.“
Der Schnee umtanzt den Pfarrer wie den Teufel die Funken seines Höllenfeuers. Pfui, pfui, Grete, schilt sie sich, so etwas darfst du nicht denken.
„Ach, Herr Pfarrer“, antwortet die Mutter, „auf Besuch waren wir. Bei den Alten und Kranken. Es ist doch Sonntag und den Herrn schert das Wetter nicht, wenn es darum geht unsere Christenpflicht zu erfüllen. Der Herr wird’s vergelten.“
„Fürwahr, fürwahr, Müllerin“, sagt der Herr Pfarrer und ein Lächeln wärmt seinen Mund. „Sag, Kind“, fährt er fort, an Magareten gewandt, „wen habt ihr denn besucht? Den Bollacher Josef? Bei diesem Wetter bereitet sein Bein ihm sicher Schmerzen, gell? Und der alten Elisabeth habt ihr auch zu essen gebracht?“
„Muhme Käthe“, murmelt Margarete, „bei Muhme Käthe“.
„Bei der Hollweger Katharina seid ihr gewesen?“ Des Pfarrers Stirnenfurche wie eine Gletscherspalte nun, erfroren wie sein Lächeln. Schneidender als der Wind ist seine Stimme geworden, als er ihren Namen spricht. Eine Dämonenfratze nur, die ihr eisiges Feuer speit. Pfui, Grete, pfui, er ist doch ein Mann Gottes. Feuer windet sich bis tief in ihre Eingeweide. Ein brennender Schmerz.
„Bei Muhme Käthen, ja“, sagt jetzt die Mutter. „Alt ist sie geworden, alt und gebrechlich, sie sieht nicht mehr gut.“
„Nun, denn, Müllerin, geht jetzt und bringt Euer Kind ins Warme, denn selig sind die Unschuldigen.“ Die Flocken fallen dichter jetzt, die Hand vor Augen kann man nicht mehr sehen, die Luft ist voller Limbusfunken, aber Margarete schert es nicht, sie will nur heim, nur schlafen, schlafen.
„Na, komm denn, Kind“, seufzt Mutter.

Der Vater sitzt am Tisch, sagt nichts, als sie eintreten in die gute Stube. „Leg dich da her, Grete. Schlaf und mögen dich die Engel in Zukunft behüten. Schlaf. Morgen wirst du wieder der Engel sein, der du warst“, sagt Mutter, hebt die Hand, als wollte sie Margarete liebkosen. Dann lässt sie sie sinken. Margarete stolpert zum Bett, fällt hinein, ohne ihren dünnen Mantel auszuziehen, doch der Schlaf will sie nicht erlösen, bitteres Brennen in den Eingeweiden, das hinauf kriecht und hinunter.
Sie schläft und wacht und schläft und wacht, das Wispern der Eltern mischt sich mit ihren Träumen. Träumen von Weiß wie Schnee und Rot wie Blut, vom Höllenfeuer.
„Kind, Kind, was hast du getan? Warum, Herr, hast du mich mit diesem Kind gestraft?“ Das war die Mutter gewesen und sie hatte sich die Haare gerauft.
Johann, der Müllergeselle. Sein Haar von derselben Farbe wie das Stroh, auf dem sie lagen, seine Wangen rot entflammt.
„Wie?“, fragt der Vater, legt Scheite auf das Feuer dabei. Brennen, brennen muss es, alles verbrennen. Mutter sagt: „Peterchen und Brandkraut. Und die Nadel auch.“ Der Vater nickt. „So ist es wohl getan. Ruhig jetzt Mutter, wahrhaftig ist es dann getan.“

Als der Büttel an die Tür klopft, ist’s schon spät. Niemand öffnet, so tritt er ein. Bevor er spricht, muss er sich räuspern.
„Gevatter Müller, ich bin gekommen, auf Geheiß des Pfarrers Euer Weib zu holen. Rat und Dienste der Hollbacherin Katharina für das Mädchen Margareten soll sie angewendet und sich durch Magie und Hexerei an der heiligen, christlichen Kirche vergangen haben.“
Der Vater zuckt die Achseln, seine Augen sind rot und ausdruckslos. Der Büttel geht hinüber zum Bett, vor dem die Mutter wimmernd kniet, ihre Arme um ihr Kind geschlungen, das in seinem eigenen Blute liegt.

Margarete sieht es nicht, denn wahrhaftig ist’s getan, sie ist auf Engelsschwingen.

Letzte Aktualisierung: 25.02.2010 - 20.50 Uhr
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