Ganz schön bissig ...
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Tante Käthe | Februar 2010
So wie ein Sonnenschein
von Hajo Nitschke

Ming eetste Fründin,
dat wor et Meiers Kättche,
un ich fuhr mem Rädche
Daach vür Daach zo im …


„Und so befehlen wir Dir den Leib unserer Schwester Katharina Habedank, geborene …“

Et Meiers Kättche
fuhr dann mit om Rädche,
un dann dät et laache
su wie ne Sunnesching.“



Nicht ganz Meier: Müller hieß sie, Käthchen Müller. Der Rest passte, wie mir erzählt wurde und wie ihre Kinderfotos belegten. Sie und Onkel Heinz kannten sich von klein auf. Was im Sandkasten und auf dem Kinderrad begann, setzte sich später über den Traualtar fort und endete vor fünf Jahren mit Onkels Tod und dem Leichenwagen. Letzte Woche kam er erneut …
Die Worte der Pfarrerin wabern wie Nebel vorbei. Jetzt liegen sie nebeneinander, in wenigen Augenblicken werde ich als Erster Erde auf den Sarg werfen. Ach Tante, du hast deinen Wunschtod bekommen. Katharina stirbt als Katharina.

„Von Erde bist du genommen, zu Erde sollt du werden.“

Worte und Erinnerungen drehen sich wie ein Mahlstrom aus Gestern und Heute.
Heinz war ein miserabler Liebhaber, dessen Rolle ich nach seinem Tod später übernahm. Ich, der Neffe, muss lächeln bei dem Gedanken, Tantes Liebhaber gewesen zu sein, zuletzt als ungarischer Aristokrat Laszlo Almasy. Ich spielte die Höhlenszene so glaubhaft, dass Ralph Fiennes neidisch geworden wäre.

Der Onkel hätte mindestens hundert Jahre alt werden können. Nicht zu viel Fett, dafür Vitamine, Weißdorn fürs Herz, Magnesium für die Muskeln, Calzium für die Knochen, Aspirin zur Durchblutung, Prostatavorsorge, ausgeklügeltes Fitnessprogramm. Heinz ließ alles über sich ergehen und hätte dank Tantes Fürsorge auch nach seiner Pensionierung einen langen Lebensabend genießen können. Käthe wäre es recht gewesen, denn sie brauchte ihren Heinz, um die Leidenschaft ausleben zu können, ein Filmstar zu sein, die weibliche Hauptrolle der großen Liebesfilme zu spielen.

Es verging kaum ein Besuch, ohne dass uns die berühmten Liebesszenen präsentiert wurden.
Wir ertrugen es standhaft, auch wenn es sich wiederholte. Niemand aus der Familie wagte, Käthe Lob und Beifall zu versagen. Die Tante – Mutters Schwester – war eine solch liebenswerte Person und ihr Lächeln bei jedem Lob so strahlend, dass wir es nicht übers Herz brachten, sie zu verletzen. Wir hatten uns daran gewöhnt, und auch Heinz hatte sich resignierend mit seinen wechselnden Rollen abgefunden, wenngleich sein schauspielerisches Talent zu wünschen übrig ließ. Heinz und Katharina Habedank als Dieter Borsche und Ruth Leuwerik oder als O.W. Fischer und Maria Schell. Ich selber hatte das noch nicht miterlebt, aber Mutter hatte mir davon berichtet.

„Wie im Himmel, also auch auf Erden.“

Käthes Persönlichkeit erschöpfte sich nicht etwa in ihren Rollen und Träumen. Sie stand mit beiden Beinen im Leben und war mir eine liebevolle Tante. Als ich klein war, konnte sie mir die Arme kraulen, dass ich schnurrte, und Märchen vorlesen, dass mir die Ohren glühten. Auch als Erwachsener war ich mir stets ihrer Zuneigung gewiss. Legendär blieben bis zuletzt die Mensch-ärger-dich-nicht-Spiele. Verlor sie, knallte sie den Würfel beiseite und verkündete, erstmal Kaffee zu kochen. Wenn wir zu Besuch kamen, duftete es schon auf dem Flur nach versenkter Apfeltorte. Und nie wurden wir ohne ein „Passt-auf-euch-auf“ entlassen.

Andere besuchten Damenkränzchen, die Tante pflegte ihr Hobby. Auf verschiedenen Tonträgern hortete sie die Soundtracks, und ihre Regale bogen sich unter den einschlägigen Romanen. Stets hatte der Onkel die Anweisung, seine „Filmpartnerin“ besonders „männlich“ in die Arme zu nehmen und zu drücken. Manchmal wunderte es uns, dass sie ohne blaue Flecken davonkam. Nicht selten hörten wir ein leise gezischtes „Drück mich!“ oder „Drück fester!“ Die Tante war Aktrice und Regisseurin in Personalunion.
„Das Mädchen Irma La Douce“: Käthe aufgedonnert und geschminkt in den Armen Heinz’, der wenig Mühe hatte, das Ohrfeigengesicht Jack Lemmons vorzuzeigen, aber irgendwie etwas stoisch agierte. „Mehr Leidenschaft, Heinz! Fester drücken!“ Das war geflüstert, aber wir hörten es dennoch.

Mittlerweile war der Onkel pensioniert, aber darauf nahm Käthe wenig Rücksicht.
Dank ihres ausgeklügelten Gesundheitskontrollsystems war sie sicher, Heinz könne noch viele Jahre den Liebhaber mimen. Ihr eigenes, allmählich faltiger werdendes Äußere wusste sie bei ihren Rollen gut zu glätten.
Rhett Buttler und Scarlett O’Hara auf Tara, dem kleinen Einfamilienhaus. Er mit einem angeklebten Schnäuzer, sie in einer Art Südstaatenkostüm, die grau gewordenen Haare unter einem Tuch verborgen: „Nimm ein Taschentuch, mein Kind. In … äh …“ „In den entscheidenden …!“ (die Tante war gleichzeitig auch noch Souffleuse). „… den entscheidenden Augenblicken deines Lebens hattest du nie ein Taschentuch!“ Und Abgang. Onkels Freude an seinem Part hatte sich mehr und mehr gelegt. Eine vorangegangene leidenschaftliche Kuss-Rallye hatte ihm alles abverlangt und auf das unhörbar-hörbare „Fester drücken“ hatte er nur mit eiserner Energie zufriedenstellend reagieren können.

„In Ewigkeit. Amen.“

Die Ehe war nach einer Fehlgeburt kinderlos geblieben. Beide litten darunter. Wie sehr, wusste niemand. Die Tante behandelte ihren Heinz stets freundlich und respektvoll, und er tat sowieso alles, was sie sagte, ohne Murren. Staubsaugen, Brötchen holen, Wäsche aufhängen, Kartenspielen und Würfeln oder mit ihr zu ihren Wunschzielen verreisen (zumeist bestimmte historische Drehorte und zur Silbernen Hochzeit gar zu den Universalstudios Hollywoods). Streit erlebte ich nie, kann mich andererseits aber auch nicht erinnern, beide außerhalb ihrer „Filme“ bei einem Kuss oder einer Umarmung beobachtet zu haben.

Die „Titanic“ war Onkels letzte Rolle, Käthes Lieblingsfilm. Sie hatte aufgegeben zu zählen, wie oft sie ihn schon sah. Uns wurden gleich vier Szenen vorgesetzt.
Zuerst Onkel Heinz mit etwas unglücklichem Gesicht hinter seiner Gattin, beide auf demselben Sessel sitzend, in aufrechter Haltung, während ich diesen ganz langsam vorwärtsrollte. Käthes graues Haar war von einer Perücke verdeckt: „Ich fliege – Jack! Halte mich!“ Sie breitete die Arme aus wie ein Albatros, und ein strahlendes Lächeln brachte Sonnenschein aufs Schiff. Als nächstes eine angedeutete Liebesszene in den Polstern der Couch. Stürmische Umarmung, und natürlich das geflüsterte „Fester drücken, Heinz. Viel fester!“ Danach beide im Wasser treibend, das heißt, Rose auf der Couch liegend und Dawsons Hand haltend, der auf dem Teppich (deutlich widerwillig) gegen das Ertrinken ankämpfte. Sie (heiser): „Jack!“ Er (mit Fistelstimme): „Mir ist so kalt!“ Sie (heiser und flehend): „Jack!!“ Er (zähneklappernd): „Du wirst einmal … äh …“ „…als alte Frau“ (gezischt) … „als alte Frau in deinem Bett sterben, versprich mir das!“ Zuletzt verwandelte sich die Tante in die alte Rose, wobei sie, im Nachthemd und ohne Perücke, die Faltenparty der alten Dame perfekt imitierte. Sie nestelte das Herz des Ozeans hervor und warf die kleine Kette mit leuchtenden Augen in das gefüllte Waschbecken. Großer Beifall, sonniges Lächeln, halbherzige Verbeugung des Gatten, der wenige Tage später ganz überraschend starb. Niemand hatte das voraussehen können: Auf der Toilette zu fest gedrückt. Ader im Kopf geplatzt. Vorhang. Ein Jahr vor der Goldenen Hochzeit.

Die Witwe betrat lange Zeit kein Kino und sah auch zu Hause keinen Spielfilm mehr. Sie befestigte ein schwarzes Bändchen am Hochzeitsfoto, verhängte die Bücherregale und besuchte täglich sein Grab. Weinen habe ich sie in dieser Zeit nie gesehen, aber auch nicht lachen. Es fehlte mir, dieses zauberhafte Lächeln von „Müller-Meiers-Kättche“, in das ich mich als Bub verliebt hatte und das lange zuvor meinen Onkel hatte dahinschmelzen lassen. Ein Lächeln, das nicht nur ein Filmlächeln war, sondern Ausstrahlung ihres großen Herzens.

Dieses Sonnenscheinlächeln kehrte am (ausfallenden) Hochzeitstag zurück, an dem sie mich bat, einige Einstellungen mit ihr zu „drehen“. Ich brachte es nicht fertig, ihr den Wunsch zu versagen, und da war er wieder, dieser kleine Sonnenaufgang. Im Lauf der wenigen verbleibenden Jahre schafften wir zum Beispiel „Casablanca“. Auf dem Rollfeld ihrer Terrasse standen wir uns als Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann gegenüber. Sie: „Ich sagte, ich würde dich niemals verlassen“ Ich, sie behutsam bei den Schultern nehmend, theatralisch: „Und das wirst du nie! Aber ich hab einen Job zu erledigen. Wo … äh …“ („Wo ich hingehe …“) „… ich hingehe, kannst du nicht folgen. Ich seh dir in die Augen, Kleines!“
Es war atemberaubend, mit welchem Glanz in diesem Moment Tantes Lächeln auferstand. Aber sie würde mich verlassen, schneller als gedacht.

„Sie müssen jetzt die Schaufel nehmen!“

Unser letzter Dreh, „Der englische Patient“: Katharina als Katharina Clifton, die schwer verletzt in der lybischen Wüste vom Geliebten zurückgelassen werden musste. Während ich, der Graf, versuchte, Hilfe herbeizuholen, schrieb sie in ihrer Höhle, dass sie auf mich warte, der Vorrat an Kerzen zur Neige gehe, sie immer wieder lange Dunkelpausen einlegen müsse und bald den letzten Tropfen Wasser trinken werde. Aber sie liebe mich auf ewig und … Hier endete der Brief. Als ich am nächsten Morgen in ihrer Gartenlaube erschien, war sie tot. Ich hüllte sie filmgerecht in die bereitliegende Fallschirmseide, trug sie ins Haus und tätigte die nötigen Anrufe, Tränen in den Augen. Wie sich herausstellte, hatte sie Zucker gehabt, dies aber niemandem verraten. In ihrer Höhle ereilte sie ein Zuckerschock. Weder Brot noch Traubenzucker hatten zu den Vorräten gehört. Es muss schnell gegangen sein. Koma, nach einigen Stunden Herzstillstand. Filmriss. Es fällt mir schwer, mich aus der Erinnerung zu lösen …

„Die Schaufel!“

Wie durch einen Schleier schaue ich Juliette Binoche an. Sie trägt ein schwarzes Gewand: unüblich für eine Lazarettkrankenschwester. Meine Schmerzen unter den Verbänden sind unerträglich. Hana, bitte, die tödliche Morphiumspritze …

Un dann dät et laache, su wie ne Sunnesching …

Letzte Aktualisierung: 19.02.2010 - 10.54 Uhr
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