Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Tante Käthe | Februar 2010
Kiss the rain
von Patricia Kohnle

Der Rock flattert munter im Wind. Und alles ist perfekt, weil es gänzlich unperfekt ist. Es regnet in Strömen. Eigentlich mögen es die wenigsten, wenn der Himmel über ihnen die Gießkanne ausschüttet, sodass von einer Sekunde zur anderen aus ihnen platschnasse Pudel werden. Eigentlich. Nur wir … Herbert und ich, ich und Herbert. Wir lieben es. Ich umfasse seinen runden Bauch, den nur noch selten interessierte Blicke streifen. Aber mir gefällt er. Mehr, als alle anderen, schlanken, männlichen, durchtrainierten Muskelbäuche. Und so ist alles perfekt an diesem unperfekten Sonntagmorgen. Wir holpern mit dem Roller über die löchrigen Straßen Schottlands, obwohl die anderen über diese Löcher fluchen, wenn den Reifen darüber die Luft ausgeht und man sich davon blaue Flecken holt. Aber Herbert und ich pfeifen darauf. Wir sind glücklich. In diesem einen Moment, in dem sich ein Sturzbach in unsere Nacken ergießt und unsere Hinternknöchel auf den harten Sitzen scheuern. Scheiß Wetter! Aber was gibt es Schöneres, als, wie im wilden Westen, über die Prärie zu reiten? Frei. Ungebunden. „Born to be wild“.

Wieder in Deutschland, bin ich immer noch wild, aber anders wild, wild wie eine Furie, und schreie: „Das kannst du doch nicht machen! Bist du verrückt?“ Ich stupse Herbert spitz in seinen Bauch und sage dann, ein ganz klein wenig sanfter, zu ihm: „Schau, in drei Monaten sind wir bereits wieder in Schottland.“ Dabei streiche ich mit meinem Finger zärtlich von seinem Bauch abwärts zu seinen Kniekehlen und wieder hinauf zu seinen Schenkeln, unter seinen Rock. „Born to be wild“, hauche ich ihm ins Ohr und knabbere daran, bis ich seufze: „Aber hier, hier geht das nicht. Nie. Niemals.“ Herbert sieht mich an, grinst, und ist dann so sparsam mit seinen Worten wie es Männer in Schottenröcken sind, die für immer Schottenröcke tragen wollen. Als er das Zimmer verlässt, schwenkt sein kariertes Röckchen über seinen unvergleichlich strammen Waden. Ich seufze wieder. Und dann fällt die Tür ins Schloss.

Und so nimmt das Unglück bald seinen Lauf. Bald. Aber zunächst lässt sich die Werbeagentur, in der Herbert arbeitet, von seinem neuen Outfit inspirieren und startet für „Free men“ einen Werbefeldzug unvergleichlicher Art. Der hippeste Modetrend des befreiten Mannes: Schottenröcke. Exklusiv, von ausgesuchter Qualität und handgefertigt von Tante Käthe, die vor Jahrzehnten ausgewandert war, um ein kleines Cottage in den Highlands zu erstehen und nun männlichen Touristen, weit über Loch Ness hinaus, unvergessliche Souvenirs bescherte.

Und unvergesslich ist das mitgebrachte Souvenir, auch in unserem kleinen Dorf. So fragt mich Hilde, der jener kleine Laden mit Hustenbonbons, Schmierseife und dem neuesten Tratsch gehört, ob wir jetzt durchgehend Fasching feiern würden. „Obenrum“, meint sie, „wäre bei Herbert ja immer noch alles normal.“ „Obenrum“, das heißt für sie, oberhalb der Ladenthekenkante. „Aber „Untenrum“ … “, meint sie argwöhnisch.
Und damit ist das Spießrutenlaufen für uns eröffnet. Zwar versuchen sie im „Anker“, beim Männerstammtisch, alles noch mit derben Schottenwitzen geradezubiegen, wenn Herbert seinen Rock glattstreicht, bevor er sich zu ihnen setzt und ein Weizen bestellt. Aber spätestens, als er es ablehnt, im Gesangverein „Edelweiß“ den Dudelsack zur „Musi“ zu blasen und es verweigert, im Frauenkreis über die Stoffauswahl für Schottenröcke und das „Darunter“ zu referieren (natürlich nur aus näherischem Interesse), ist der ganze Ort in Aufruhr. Er steuert seinem Höhepunkt zu, als durchsickert, dass Herbert und ich uns zur Silberhochzeit traditionell in der Kirchengemeinde einsegnen lassen wollen. Wir beide. Beide im Rock. In dem entstandenen Tumult sammelt sich kurzfristig ein weibliches Sondergremium (die Männer befinden diesen Tagesordnungspunkt nicht für außerordentlich) mit der Frage: „Killt der Kilt die Moral unserer Kirchengemeinde?“

Wie jeden Mittwochnachmittag putze ich das Gemeindehaus. Die Stimmen sind laut und erregt. Und so muss ich manches mitanhören, das ich zeitweise lieber nicht mitanhören würde … .

„Meine verehrten Damen, wie Sie wissen, sind wir heute zusammengekommen, um zu prüfen, ob die bestehende Kleiderordnung in unserer Gemeindeordnung ordnungsgemäß ist oder, im aktuellen Fall, erneuert werden muss. Kurz: Sind Sie der Ansicht, dass die Einführung des Männerrocks in unserer bisher gesitteten und stets untadeligen Kirchengemeinde die Moral gefährdet? Ich bitte um Wortmeldungen.“

Räuspern

„Also, wie wir alle wissen, geht es ja nicht nur um einen Schottenrock. Das ist nicht so wichtig. Wir sind schließlich weltoffen. Es geht doch um den, der in dem Schottenrock drinsteckt. Um Herbert. Herbert Meiseglick. Äh, glock. Herbert Meiseglocken, eben. Der trägt das Zeuch, obwohl er verheiratet ist. Und seine Frau hat noch nicht einmal etwas dagegen. Im Gegenteil, die greift ihm manchmal sogar … ähem … darunter. Erst letzthin habe ich das ganz genau beobachtet. Das ist doch einfach unsittlich. Und dann auch noch vor der Grundschule. Vor den Kindern! Stellt euch das vor! Wo kämen wir denn hin, wenn … .“

Ich schlucke. Von irgendwoher setzt sich ein dicker Kloß in meinem Hals fest.

Zwischenruf

„Quatsch. Herbert ist doch kein Sittenstrolch . Ich habe ihn direkt angesprochen. „Herbert“, habe ich gesagt, „wie kommst du denn auf diese Schnapsidee?“ Seine Antwort war knapp. Herbert eben. Ihr kennt ihn ja. Er hat gesagt: „Meine Männlichkeit hängt eben nicht in der Hose.“

Erneuter Zwischenruf

„Die flattert jetzt wohl eher im Wind.“

Kichern. Erste Sprechchöre bilden sich:

„Flatterberti! Flatterberti!“

Dazwischendonnern der ersten Stimme.

„Meine Damen! Bitte! Die Frage ist doch allgemeiner Art und betrifft die Kleiderordnung unserer Gemeinde! Besinnen Sie sich! Frau Merkel, können Sie das Fenster bitte kurz öffnen. Wir haben alle eine kleine Abkühlung nötig.“

Füßescharren. Neue Wortmeldung.

„Also, ich bin gegen eine Kleiderordnung. Die Gemeindeleitung hat doch auch nichts dagegen, wenn im Sommer bei einigen Damen der Blusenausschnitt etwas großzügiger ausfällt. Manchmal kann man sogar den Busenansatz sehen und es stört niemanden. Im Gegenteil.“

Pikierte Stimme

„Wo fängt bei Ihnen denn der moralisch zu rechtfertigende Brustansatz an, Frau von Bernstorff, und wo hört er auf? Bezogen auf Ihre gute Erziehung?“

„Also, der Brustansatz beginnt für mich dort, wo man sieht, dass es zwei Stück hat. Ich meine, wenn man sieht, wo zwischen den Beinen, äh, beiden eine … Wölbung … äh … beginnt.“

Unterdrücktes Kichern. Dann eine Frauen-Altstimme.

„Sind wir nicht alle Geschöpfe Gottes? Sieht Gott nicht tiefer als wir Menschen; tiefer als in die tiefsten Wölbungen, nämlich in das Herz eines jeden, so auch dieses Mannes? Richten wir nicht, auf dass wir nicht gerichtet werden, liebe Schwestern im Herrn.

Chorus

“Amen.”

Abschlussgesang: „Gut, dass wir einander haben“; dann Schnattern, Trippeln, Türe schlagen.

Nach Auflösung der Versammlung marschiere ich, nun doch zufrieden, mit meinem Wischmop Richtung Toiletten. Na endlich, Herbert wird weiterhin seinen Schottenrock tragen dürfen! Allerdings erfahre ich erst Tage später, dass sich die geschwisterliche Liebe Herbert gegenüber nicht nur großmütig, sondern auch fürsorglich zeigt und deshalb die Empfehlung ausgesprochen wird: „Im Winter ist vom Tragen von Röcken bei empfindlichen Temperaturen wegen Abfrierens empfindlicher Teile abzusehen.“

Unser Silberhochzeitstag liegt -- im Winter.

Es ist ein klarer, klirrend kalter Tag. Wir, Herbert und ich, schreiten in die Kirche: Beide angemessen. Beide in Hosen. Wer wird sich schon geschwisterlicher Fürsorge widersetzen wollen. Ich schaue in die Reihen; nach links, nach rechts, zupfe an meinem Sträußchen und entdecke das erste Mal seit Monaten wieder hier ein aufmunterndes Lächeln, da ein gerührtes Tränchen, dort ein unterdrücktes Schluchzen. Neben mir Herbert. Das erste Mal seit wir zusammen sind, wie versteinert. Streit gab es, wegen des Schottenrockes. Heftiger als jemals in den 25 Jahren zuvor. Ich denke: „So, für dieses bisschen Gerotze der Leute hast du nun deinen eigenen Mann verkauft und deine eigene Seele gleich noch dazu.“ Wir schreiten weiter. Nebeneinander. Nicht untergefasst. Vorne am Altar erwartet uns bereits ein blutjunger Vikar, hochgewachsen, offenes Gesicht, vielleicht noch ein bisschen naiv, mit etwas zu kurz geratenem Talar. Den hat er sich wohl ersatzweise von unserem kleinen, beleibten Dorfpfarrer Huber ausgeborgt. Huber, der noch nie abkömmlich war, aber heute, angeblich wegen „dringender Geschäfte“, abkömmlich sein musste. Als Herbert und ich uns zur Einsegnung auf das rote plüschige Kirchenbänkchen niederknien, ist mir kalt und ich hefte meinen Blick fest auf den Boden, als der Vikar uns den Trauspruch vorschnarrt: „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ „Abgelegt die Freiheit“, denke ich, „mit der Motorradhose und dem Schottenrock. Ich muss von allen guten Geistern verlassen sein.“ Ich beiße mir auf die Lippen.

Die Orgel spielt: „Ich bete an die Macht der Liebe“. Die Gemeinde schnieft erneut rührselig. Nur wir … prusten. Plötzlich. Laut. Scheppernd. Durchgeknallt. Die Gäste zeigen sich später verständnisvoll: „Kein Wunder, die Nerven, nach der Anspannung in den letzten Wochen.“ Und sie tätscheln uns, gönnerhaft, während wohlgefällig ihre Blicke an unseren Hosen hängenbleiben. „Wird schon wieder“, meinen sie.

Aber wir wissen, es war ganz anders. Der Vikar. Seine nackten Füße. In den Jesuslatschen. Unter dem zu kurzen Talar. Ohne Socken. Ohne Hosen. Der Junge musste nackt darunter stecken … wie unter einem schick eingefärbten Schottenrock. „Hoffen wir, dass bei diesen empfindlichen Temperaturen nicht seine empfindliche Teile …“, zwinkere ich, geschwisterlich fürsorglich, Herbert zu, der pfeifend bereits seine eine Socke auszieht und mich dabei verschmitzt angrinst: „Jetzt sind wir schon zu zweit.“

© Pat Kohnle, 2010


Letzte Aktualisierung: 13.02.2010 - 23.30 Uhr
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