Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Tante Käthe | Februar 2010
Prinzesschen
von Gisela Reuter

Ja, sie ist schön und ja, sie bewegt sich anmutiger, als es mir jemals gelingen wird. Sie hat diese zauberhafte bewundernswerte Ausstrahlung, die man nicht erklären kann. Ihre Aura ist einzigartig. Ihr Fell glänzt und schillert in den verschiedensten Braun- und Rot-Tönen. Anmutig und grazil springt sie auf die Couch, schließt ihre smaragdgrünen Augen zu Schlitzen und dreht sich zunächst einmal um sich selbst, um sich dann gemächlich auf einem der Seidenkissen niederzulassen. Bereits jetzt genießt sie den Augenblick, in dem Herrchen aufspringen und ihr verquirltes Ei mit Tartar auf einem güldenen Tablettchen reichen wird.

Mein Adrenalinspiegel steigt. Gestern Früh hat dieses verwöhnte Viech gekotzt und seitdem wird Prinzesschen königlich umsorgt, keine Sekunde aus den Augen gelassen und etliche Kilo Tartar sind bereits im Mülleimer gelandet, weil es die Nahrung verweigert. Andere Katzen fressen Dosenfutter, gehen tagsüber raus, prügeln sich mit den Nachbarkatzen, sind aber dennoch kerngesund und glücklich. Tante Käthe – noch nicht einmal gegen diesen Namen konnte ich mich wehren – rekelt sich den lieben langen Tag auf ihren Seidenkissen, lässt sich von ihrem Personal umsorgen und schleckt Tartar oder gekochtes Hühnchen und ist seit ihrem Brechanfall in den Hungerstreik getreten. Mich ignoriert sie komplett. Ich glaube, Tante Käthe ist eifersüchtig.

Mit angehaltenem Atem hockt Herrchen fürsorglich vor der Couch und taucht seine Zeigefingerspitze in das Ei-Tartar-Gemisch.
„Komm, es gibt Happi Happi“, säuselt er und mir wird übel.
Prinzesschen schmollt und straft ihn mit Nichtachtung.
„Soll ich einen Krankenwagen rufen?“, entfährt es mir boshaft.
Den bitterbösen Blick von Herrchen ignoriere ich, erkläre mich aber großherzig bereit, im Internet nach alternativen Maßnahmen zu suchen.
‚Die eifersüchtige Katze’ gebe ich in die Suchmaschine ein und lese laut vor:
„Sparen Sie nicht mit Aufmerksamkeit und Liebe. Ausreichende Zuwendung ist das Mindeste, was ein Stubentiger verlangen darf.“ Prinzesschen darf etwas verlangen? Mein Adrenalinspiegel nimmt nicht messbare Dimensionen an.
Au backe. Herrchen ist verzweifelt. Tante Käthe schmollt immer noch stumm vor sich hin. Ich lese weiter: „Wer großen Wert auf eine harmonische Beziehung mit seiner Katze legt, sollte die ersten Anzeichen aufkeimender Eifersucht erkennen und schnellstens handeln, damit die Situation gar nicht erst eskaliert.“

Mein Vorschlag, sie in den Garten zu schicken, wird im Keim erstickt. Schade. Vielleicht hätte einer der geschlechtsreifen Kater, die dort herumstreunen, sie aufgetan und geschwängert. Gebären macht robust.
Ich wage einen weiteren Versuch. „Tante Käthe ist sicher einsam und sehnt sich nach einem männlichen Beschützer. Und außerdem, die frische Luft –“
„Nein!“ Herrchen erblasst und wirft sich schützend über das arme, von Eifersucht geplagte Tier.
Tante Käthe faucht und zückt die Krallen.
„Ich glaube, sie mag dich heute nicht“, stelle ich gehässig fest. Ich begebe mich zu den beiden auf die Couch und beginne, Herrchens Rücken zu kraulen. Tante Käthes Augen scheinen Gift zu sprühen und ich strecke ihr heimlich die Zunge raus.

Ich kraule Herrchen und Herrchen krault Tante Käthe. Und mich krault niemand. Na warte. Meine Hand fährt unter Herrchens Hemd.
„Lass das“, zischt er, „damit machst du alles noch schlimmer.“
Will ich ja auch und kraule weiter. Tante Käthe richtet sich auf und ihre Augen werden noch schmaler. Ihr hasserfüllter Blick trifft mich bis ins Mark. Ich schaue genauso hasserfüllt zurück und beginne Herrchens Hemd aufzuknöpfen. Herrchen windet sich wie ein Aal.
„Bitte“, stammelt er, „sie ist doch krank.“
Krank. Pah. Er schiebt meine Hand weg und nun ist an mir, Gift zu sprühen. Tante Käthe beginnt triumphierend zu schnurren und Herrchen atmet erleichtert aus, flüstert ihr irgendetwas ins Ohr und krabbelt sie unter dem Kinn.
Mein Herzschlag vervierfacht sich, meine Muskulatur krampft und die Galle möchte überlaufen.
Wie viel Adrenalin verträgt eigentlich der normale Mensch?
Ich glaube, ich habe ab sofort ein gestörtes Verhältnis zu Katzen.

Der Moment, in dem es an der Haustüre klingelt, könnte meine Chance werden.
„Passt du mal auf sie auf?“, flötet Herrchen, haucht mir besänftigend einen Kuss auf die Wange und hechtet zur Türe.
„Gerne“, zische ich.

Ich habe einmal gelesen, dass, wenn man sich etwas ganz ganz feste wünscht, dieses in Erfüllung geht. Man muss daran glauben. Ganz intensiv. Ich glaube also und ich wünsche und hoffe und –

Ein ohrenbetäubendes Gebell durchdringt unser Haus.
Tante Käthe springt, ohne den Boden zu berühren, in die Gardine.
Der neuerworbene Pitbull vom tätowierten Nachbarn verfehlt sie um Haaresbreite und kläfft sich die Seele aus dem Leib.
„Tyson!“, brüllt sein Besitzer.
„Tante Käthe!“ Herrchens Stimme bebt.

Tyson lauert vor der Gardine und fletscht seine gelben Zähne.
Sein Speichel sabbert auf unser Parkett.
Tante Käthes Gesicht ist von Panik gezeichnet. Das von Herrchen auch.
Der tätowierte Hundebesitzer steht ratlos in unserem Wohnzimmer. „Oh je, dat hatter mit meene Schwiejamutta ihre Katze neulich och jemacht. Anschließend isse am Herzinfarkt jestorben“.
„Wer?“, entfährt es mir bissig.
Herrchen wird bleich.
Tyson knurrt und versucht, Tante Käthe an die Gurgel zu springen. Sie maunzt herzerweichend und verheddert sich.
Hektisch versucht sie, ihre Krallen aus der Gardine zu zerren.
Putz rieselt. Ich blicke hoch zur Decke. Die Gardinenstange löst sich in Zeitlupe.
Tyson bellt sich heiser und schnappt vor lauter Wut nach seinem Besitzer.
Der Nachbar kratzt unschuldig an seinem Oberarm. „Ick hab den Köter erst paar Tage“, entschuldigt er sich, „ick gloobe, der jehorcht nich.“

Ich rette mich vorsichtshalber auf den Wohnzimmertisch und Herrchen holt einen Eimer Wasser.
Drohend steht er vor Tyson.
Schwungvoll holt er aus. Und kippt.
Tyson flüchtet, so schnell es seine kurzen viereckigen Beinchen zulassen, unter die Couch.
Ich starre von meinem Wohnzimmertisch auf Tante Käthe, die samt Gardinenstange und Gardine in die Seiberlache von Tyson gestürzt ist und den Wasserschwall in vollem Umfang abbekommen hat.

Ein wohliges Gefühl der Genugtuung macht sich trotz der Trauer um die Gardine in mir breit. Dann bereite ich der Horrorshow ein Ende, indem ich vom Tisch springe und die Terrassentür öffne. Herrchen entwirrt derweil seine heiß geliebte und völlig durchnässte Tante Käthe aus der Gardine. Panisch stürzt sie nach draußen und wirft im Sprung noch eben meine teure Bodenvase um.
Tyson schält sich unter der Couch hervor und schießt keifend und blind vor Jagdfieber über die Terrasse. Der gusseiserne Grill steht im Weg, kippt durch den Hunde-Aufprall mit Getöse auf die Steinfliesen und reißt den Sonnenschirm mit.
Tante Käthe klebt im Apfelbaum. Tyson hält knurrend Wache und pinkelt innerhalb der nächsten drei Stunden ungefähr zwanzig Mal an den Stamm.

Unser Nachbar hat letzte Woche eine preiswerte Parterrewohnung in einem anderen Stadtviertel bezogen und der dritte Drohbrief an die Versicherung ist gestern raus gegangen.
Herrchen erholt sich zunehmend von seinem Infarkt und wird nächste Woche aus der Reha entlassen. Nach seiner endgültigen Genesung, sagt er, soll Tante Käthe Freigänger werden.
„Ah ja“, sage ich spitz, „Tante Käthe wird Freigänger.“
Und die Erde ist eine Scheibe.



© Gisela Reuter

Letzte Aktualisierung: 01.03.2010 - 00.47 Uhr
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