Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Tante Käthe | Februar 2010
Karneval in Rio
von Marie Brand

Auf der Straße formierten sich bereits die Jecken. Die Stadt war zwar keine Karnevalshochburg, aber einen Rosenmontagszug gab es dennoch. Die Figuren der Mottowagen konnte niemand erkennen, es sei denn, er las die entsprechenden Bildunterschriften. Die Kamelle waren ungenießbare Bonbons, nach denen sich dennoch alle bückten. Konfetti, Helau und Marschmusik verbreiteten gute Laune.
Die hatte tatsächlich auch Herr Kierig. Das lag weniger am bevorstehenden Umzug als an dem frühen Feierabend, den der Rosenmontag in der Bank bescherte. In etwa zehn Minuten war es so weit, Frau Mulbach klapperte schon mit den Schlüsseln. Vor der Tür quäkten die Kinder, der Bäcker hatte neben seinem Berliner-Stand eine Stereoanlage aufgedreht, Erwachsene klopften kleine Feiglinge ans Fenster und ließen Sektflaschen kreisen.
Mit geübten Handgriffen verteilte Herr Kierig die Geldscheine mit dem jeweiligen Bild nach oben und alle gleich ausgerichtet in die entsprechenden Fächer seiner Theke. Erst nachdem er die Fünfziger mit dem Handrücken noch einmal nachgeschoben hatte, damit sie einen glatten Stapel bildeten, wandte er seine Aufmerksamkeit dem letzten Kunden zu und hob den Kopf.
Einen Moment dauerte es, bis er zusammensetzen konnte, was sich ihm darbot:
Ein Mensch, etwas kleiner als er selbst, mit einem Glockenrock, der bis zum Fußboden reichte, einer üppig ausgestatteten Bluse (daran war bestimmt nichts echt) und weißen Handschuhen drückte ihm durch den Spalt zwischen Theke und Glaswand einen verknitterten Zettel zu, auf dem stand: Keinen Mucks und Geld her!
Herr Kierig schüttelte den Kopf. „Das heißt: Geld her oder Leben! Weiß man doch.“
Leider konnte er nicht sehen, ob der Bankräuber sich die Belehrung zu Herzen nahm, denn dessen Gesicht war verdeckt mit einer Karnevalsmaske. Tante Käthe, alias Rudi Völler, der wuschelige Ex-Bundestrainer und Ex-Fußball-Nationalspieler, Weltmeister auch – Herr Kierig erinnerte sich nicht so genau, sein Steckenpferd war seit etlichen Jahren Sudoku. Darin brachte er es allerdings zu einiger Meisterschaft.
Der Gangster holte unter seinem Rock eine Pistole hervor, die sich zwischen den weißen Handschuhen besonders gut ausnahm.
„Ah, ist die auch echt?“, interessierte sich Herr Kierig. „Es ist schließlich Karneval, da könnte ja jeder kommen.“
Ein undefinierbares Grummeln fand seinen Weg unter dem Tante-Käthe-Wollschopf hindurch.
„Vielleicht könnten Sie kurz eine Probe zeigen? Nehmen Sie nicht das Glas, das ist Panzerglas. Wie wäre es mit der Kamera dort oben?“ Herr Kierig deutete mit den Augen auf die einzige Kamera des Raumes schräg über ihm. Schließlich gab es in ihrer kleinen Filiale auch nur einen Schalter.
Der Kriminelle verstand den Wink und traf tatsächlich auf Anhieb die Linse. Während das Glas splitterte, ging der Knall im Donner der Konfettikanone auf der Straße unter.
„Schauen Sie doch, Herr Kierig!“, jauchzte Frau Mulbach von der Glastür aus. Ein gewaltiger bunter Regen ging vor der Eingangstür nieder.
„Nun, sehr beeindruckend.“ Herr Kierig war mehr mit Tante Käthe beschäftigt. „Aber das hier ist, wie gesagt, Panzerglas, da kommen Sie mit Ihren Schießkünsten nicht weiter.“
„Ich mach’ Sie alle!“ Rudi Völler war eindeutig ein Mann.
Herr Kierig konnte sehr breit lächeln, fast schon grinsen.
Abrupt drehte sich der Kostümierte zur Tür und richtete seine Waffe auf die dickliche Frau Mulbach.
„Vorsicht, Frau Mulbach!“, rief ihr Herr Kierig pflichtschuldig zu und duckte sich halb hinter seine Theke.
Diese wandte sich nun endlich dem Geschehen in ihrer Bank zu und fing ungehörig an zu kichern. „Köstlich! Tante Käthe! Ich hatte immer eine Schwäche für Rudi Völler – dieses wuschelige Haar. Und wenn er so bös' guckte – herrlich. Wo bekommt man denn so ein tolles Kostüm?“
„Geld her oder Leben!“ Offenbar ließ sich der Maskierte doch belehren.
Wieder kicherte sie albern. „Der Rudi schießt aber nur mit Bällen – nicht mit Kanonen!“ Jetzt krümmte sie sich schon vor Lachen.
Das blieb ihr im nächsten Moment im Hals stecken, als die Kugel aus der echten Pistole neben ihr in die Wand einschlug. Und wieder knallte draußen die Konfettikanone.
„Gutes Timing“, dachte Herr Kierig in seiner Deckung.
„Jetzt aber Schluss mit den Faxen!“, klang die Stimme des Mannes in Frauenkleidern unwirsch und ungeduldig. „Beim nächsten Schuss ist die Alte dran!“
„Gut. Sie haben gewonnen. Höflichkeit ist zwar eine Zier, aber, na ja, weiter kommt man eben ohne ihr. Die Dame ist übrigens erst 46.“
„45“, ließ sich Frau Mulbach vernehmen.
„Oh, nur ein Jahr älter als ich“. Herr Kierig erlag der Versuchung, ihr zuzuzwinkern.
„Aber Herr Kierig!“ Sie errötete.
Der Rudi-Völler-Verschnitt drehte seinen Kopf von einem zur anderen und zurück.
„Noch ein einziger Ton, und ich puste euch alle beide weg!“ Damit kramte er eine weiße Plastiktüte hervor, die er unter der Glasscheibe durchzwängte. „Vollmachen!“ Die Pistole richtete er weiterhin auf Frau Mulbach, die mit ihrer Fülle die Eingangstür verdeckte.
Herr Kierig begriff den Ernst der Lage und füllte unterdessen sorgfältig die Tüte. Zweihunderter, Hunderter, Zwanziger verschwanden wohlsortiert.
„Wollen Sie sich auch mit dem Kleingeld belasten?“, fragte er vorsichtshalber nach. Zentimeterweise bewegte er sich dabei in Richtung Alarmknopf.
Der Maskierte winkte mit seiner freien Hand.
Die Geste verstand Herr Kierig als eindeutiges Nein. Er unterließ es, den roten Knopf zu drücken, und verließ seinen Panzerglaskäfig, um dem Revolverhelden den Beutel persönlich zu übergeben. Dieser schnappte sich die Tüte und zwängte sich an der bebenden Frau Mulbach vorbei. Dann drehte er sich noch einmal um, zielte auf Herrn Kierig und schoss. Diesmal blieb der Konfettiregen aus. Stattdessen stieß Frau Mulbach einen spitzen Schrei aus und stürzte sich mit dem Ausruf „Albert!“ auf den Umsinkenden, ohne sich um den Wuschelkopf zu kümmern, der augenblicklich in der Menge verschwand.
Die Polizei und auch die Presse waren schnell zur Stelle. Frau Mulbach schilderte den ganzen Vorgang, von dem sie weniger als die Hälfte mitbekommen hatte, in den schrillsten Karnevalsfarben, und so wurde der an der Schulter leicht verletzte Herr Kierig in den nächsten Tagen als Held vom Lüderplatz gefeiert. Frau Mulbach besuchte ihn jeden Tag im städtischen Krankenhaus und versäumte es nie, ein Sudoku-Heft mitzubringen.
Als er entlassen wurde, war sie selbstverständlich da und fuhr ihn und seine Aktentasche, die die Reise ins Krankenhaus mitgemacht hatte, im Taxi nach Hause.
Dort ließ er es sich nicht nehmen, ihr erst einmal einen Tee zu versprechen und sie in die Polster im Wohnzimmer zu drücken. Der Kessel surrte schon auf dem Herd, als Herr Kierig seine Aktentasche auspackte. Das Butterbrot warf er sofort in den Müll, die Thermoskanne leerte er im Spülbecken. Weiter wühlte er und knisterte mit Papier. Ein befriedigtes Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht. Er brauchte nicht hinzusehen, um mit den Fingerspitzen die unterschlagenen Fünfziger und Zehner zu ertasten. Das Geplänkel mit dem Bankräuber hatte ihm Zeit genug gebracht. Es war nicht viel, aber für eine schöne Annehmlichkeit würde es reichen. „Vielen Dank, Tante Käthe“, flüsterte er in das Pfeifen des Wasserkessels.
Er balancierte das Tablett mit duftendem Tee und ein paar Keksen mit seinem gesunden Arm zum Couchtisch und setzte sich neben seine Kollegin.
„Frau Mulbach, äh, Susanne, was halten Sie von Karneval in Rio im nächsten Jahr?“ Damit legte er den Arm um sie, die ihm voll Übermut einen dicken roten Kussmund auf die Wange drückte und „Mein Held“ hauchte.
Herr Kierig lächelte.

© mb 2010

Letzte Aktualisierung: 21.02.2010 - 12.08 Uhr
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