Honigfalter
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Tante Käthe | Februar 2010
Hühnersuppe mit Stofftiger
von Kim Höpfner

Juliane steht im Bad und putzt sich die Zähne, als sie ihre Eltern durch die geöffnete Tür im Flur leise sprechen hört. Sie versteht nicht genau, worum es geht, lediglich ein paar Satzfetzen flattern ihr zu: „... geht es schlecht ... keine Ferien auf dem Bauernhof machen ... sehr traurig sein ...“
Worüber unterhalten sich die Eltern bloß? Geht es um den Sommerurlaub? Sie spült ihren Mund aus und stellt das Putzzeug weg. Ich werd’ sie einfach fragen, denkt sie sich, während sie vom Badhocker hüpft.
Der Flur ist leer. Aus dem Kinderzimmer vermischen sich Mamas Gesang und die Melodie von Timmys Spieluhr. Juliane schlüpft ins Bett und dreht sich mit ihrem Stofftiger im Arm die Decke zurecht.
„Schlaf gut, meine Große“, flüstert Mama ihr zu und küsst sie auf die Stirn.
Juliane sieht sie an. Das eben Gehörte geistert ihr durch den Kopf. Bis morgen würde sie nicht warten können, überlegt sie kurz. „Kann ich dich noch was fragen?“
Mama horcht auf und setzt sich auf die Bettkante. „Natürlich, immer.“
„Fahre ich dieses Jahr auf den Bauernhof?“ Verlegen nestelt Juliane an Tiger herum.
„Wie kommst du denn jetzt darauf?“ Ihre Mutter schaut sie prüfend an. „Hast du uns etwa im Flur sprechen hören?“
Juliane nickt und sieht zu Timmy hinüber. Ihr Brüderchen beobachtet sie, klimpert aber schon mit den Augen.
Mama streichelt ihr übers braune Haar und erklärt: „Leider wird es dieses Jahr nichts mit dem Urlaub auf dem Bauernhof, weil Papas Tante krank geworden ist.“
Das versteht Juliane nicht. Deswegen sollte es nicht gehen? „Aber dieses Jahr darf ich doch allein zu Onkel Bruno und Tante Käthe fahren. Und bis zu den Ferien sind es noch vier Wochen und drei Tage“, bemerkt sie. „Bis dahin ist sie ganz bestimmt wieder gesund.“ Sie schaut ihre Mutter flehend an. Von der anderen Zimmerseite schwappen leise Schnarchgeräusche zu ihnen herüber. Timmy ist friedlich eingeschlummert. Na klar, ihn trifft die Ankündigung auch nicht.
Plötzlich macht Mama ein ernstes Gesicht und ihre Augen werden feucht. „Das ist nicht so einfach“, wendet sie ein. „Tante Käthe ist schwerkrank und ob es ihr bald so gut gehen wird, dass sie Onkel Bruno wieder helfen kann, weiß keiner.“
Über Julianes Kopf schwirren tausend Fragezeichen. „Geht sie denn nicht zum Doktor? Wenn ich krank bin, dann gehen wir zu Doktor Heiner und schwups bin ich wieder gesund.“
„Doch, Tante Käthe geht zum Arzt, sogar zu mehreren. Aber ihre Krankheit ist sehr schlimm und sie braucht sehr viel Ruhe“, erzählt Mama geduldig und reibt sich über die Augen.
„Was hat sie denn für eine Krankheit?“, traut sich Juliane zu fragen.
„Ach Jule, das verstehst du noch nicht. Dafür bist du noch zu klein.“ Wieder streicht Mama über ihre Haare.
Diese Behauptung lässt Juliane nicht auf sich sitzen. Schnell richtet sie sich in ihrem Bett auf und stemmt ihre Händchen in die Hüften. „Ich bin nicht mehr klein. Ich gehe schon in die Schule, und zwar in die erste Klasse. Ich bin kein Kindergartenkind mehr so wie Timmy und ich verstehe schon eine ganze Menge. Das hat mir gestern erst Frau Schmidt im Matheunterricht gesagt.“ Ihre Stirn kräuselt sich.
Mama seufzt und nimmt sie auf den Schoß. Dann sagt sie ruhig: „Tante Käthe ist ganz schlimm an Krebs erkrankt.“
Also jetzt wird es immer rätselhafter. Die Fragezeichen über Julianes Kopf vermehren sich rasant. Dass ein Krebs eine Krankheit sein sollte, kann sie sich nicht vorstellen. Sie überlegt, ob Tante Käthe vielleicht einen verschluckt hatte, und muss an die putzigen Tierchen denken, die in ihren Bilderbüchern über den Strand trippeln. Sie haben spitze Beine und als Arme Kneifzangen. Sie versteht, dass es Tante Käthe nicht gut geht mit solch einem Tier im Bauch, und sieht sie mit schmerzverzerrtem Gesicht vor sich. „Kriegt denn der Doktor den Krebs nicht aus ihrem Bauch raus?“, fragt sie besorgt.
„Mit Krebs ist nicht das Tier gemeint, sondern eine Krankheit, die schwer zu heilen ist“, erklärt Mama und drückt sie fest an sich. „Die Ärzte tun alles, dass es ihr besser geht. Aber die Chancen stehen schlecht.“
Juliane grübelt, was Tante Käthe helfen könnte. Und auf einmal hat sie eine Idee. „Weißt du was, Mama. Wir kochen eine leckere Hühnersuppe und bringen sie ihr. Dann wird sie bestimmt ganz schnell wieder gesund.“ Zufrieden lächelt sie.
Während eines Bauernhof-Urlaubes wurde sie auch einmal krank. Was sie genau hatte, weiß sie nicht mehr. Tagelang lag sie nur im Bett. Tante Käthe hatte ihr eine Suppe aus Zutaten vom Bauernhof gekocht. Und nach ein paar Tagen ging es ihr schon viel besser, so dass sie wieder raus durfte. Auf ihr Drängen hin hatte Mama nach dem Rezept gefragt. Von nun an bekam sie immer, wenn sie krank war, die Hühnersuppe von Tante Käthe zusätzlich zu den üblichen Medikamenten, die sie manchmal gar nicht nehmen wollte.
Gerührt sah Mama sie an. „Das ist sehr lieb von dir, meine Kleine.“
Eifrig fügt Juliane noch hinzu: „Tante Käthe kann dann auch noch meinen Tiger haben. Wenn ich krank bin, streichelt er mir immer über den Arm und ich kuschle mich an seinen weichen Bauch. Das hilft! Aber jetzt brauche ich ihn nicht, ich nehm’ zum Schmusen einfach einen anderen.“
Kleine Tränen der Rührung laufen über Mamas Wangen. „Ja, Jule, so machen wir es. Und jetzt wird aber geschlafen“, sagt sie und legt Juliane zurück in ihr Bett.
„Mama?“ Ihr ist noch etwas eingefallen. „Rufst du morgen bei Tante Käthe an und fragst, ob wir sie besuchen können?“
„Ja, Süße, mache ich.“
„Versprochen?“
„Versprochen. Und nun ist Ruhe.“ Mama gibt ihr noch einen Kuss auf die Wange und geht aus dem Zimmer.
Zusammen mit Tiger entgleitet Juliane langsam in die Traumwelt. Sie steht an dem weißen Holztor zu Tante Käthes Rosengarten, auf den sie sich besonders freut. Es ist ihr liebster Ort auf dem Bauernhof. Ein Meer aus zartblättrigen roten, gelben, weißen Blüten tut sich vor ihr auf. Sie wippen im Gleichtakt, als winkten sie ihr zu. Tante Käthe hatte ihr gezeigt, wie man sich um die Rosen kümmert und schöne Sträuße bindet. Seit letztem Jahr hatte sie sogar ein eigenes kleines Rosenpflänzchen — ihre Bella. Und die muss sie unbedingt wiedersehen.
Am nächsten Tag weicht Juliane ihrer Mutter nicht von der Seite, als sie mit Onkel Bruno wegen eines Krankenbesuches telefoniert. Als Mama das Gespräch mit den Worten „Okay, dann bis Samstag.“ beendet, wirft Juliane Tiger freudestrahlend in die Luft und beginnt in Gedanken die Zutaten für die Suppe aufzulisten.

Zwei Wochen nach dem Besuch sitzt die Familie am Küchentisch und frühstückt. Es duftet nach frisch gebrühtem Kaffee und leckeren Brötchen. Juliane schaufelt Cornflakes in sich hinein und an Timmys Schlafanzug klebt mehr Erdbeermarmelade als auf seiner Brötchenhälfte. Da kommt Papa mit der Post herein, er studiert einen Briefumschlag genauer als die anderen. Dann blickt er mit ernstem blassem Gesicht auf. „Vom Bauernhof“, sagt er heiser. „Ganz unpersönlich an Familie Baum adressiert. Das verheißt nichts Gutes.“ Er setzt sich und nimmt erst einmal einen großen Schluck Kaffee. Das fröhliche Tischgeschnatter ist verstummt. Mama und Papa sehen sich schweigend an.
Was ist denn los?, fragt sich Juliane. Post vom Bauernhof kann doch nur gut sein. Da sind bestimmt wieder Pferdebilder für mich drin.
Mit zittrigen Fingern öffnet Papa den Briefumschlag und nimmt einen Bogen Papier heraus. Sorgfältig faltet er ihn auseinander und überfliegt kurz die Zeilen. Seine Miene hellt sich auf.
„Was ist?“, fragt Mama ungeduldig.
„Es ist ein Brief für Jule.“
„Oh supi! Ich will lesen!“, fordert sie ungestüm, Cornflakes-Krümel fliegen aus ihrem Mund und der Stuhl auf den Küchenboden. Was da wohl drinsteht?
„Okay“, sagt Papa, „du liest die Worte, die du schon kannst, und ich den Rest.“
Gemeinsam beginnen sie vorzulesen:

„Liebes Julchen,

seit eurem Besuch sind ein paar Wochen vergangen. In dieser Zeit habe ich mich mehr erholt als vorher, eigentlich schon am Besuchstag. Und ich glaube, es liegt daran, dass du hier warst, meine Kleine. Dein Lachen hat geholfen, dass es mir besser geht. Und wie du dich um mich gekümmert hast, hat mich fröhlich gemacht. Eure Suppe hat vorzüglich geschmeckt, das habe ich euch ja schon gesagt. Es hätte auch nicht anders sein können, denn du hast sie fast im Alleingang für mich gekocht. Tiger kuschelt sich ganz fest an mich, wenn ich vor Schmerzen nicht aufstehen kann, und ich fühle mich besser.
Doch jetzt ist es Zeit, dass Tiger zu dir zurückkommt. Er hat Heimweh. Außerdem wartet hier noch jemand auf dich, um den du dich kümmern musst, weil ich es allein nicht schaffe.
Ich habe mit meinen Ärzten gesprochen und sie meinten, ein wenig Zerstreuung würde meine Gesundung fördern, solange ich mich nicht überfordere. Aber Bruno wird mich bremsen, so wie er jetzt schon tut. Also was ich sagen will, Julchen, wenn du immer noch magst, kannst du uns in den Ferien erstmal für zwei Wochen besuchen. Wenn sich mein Zustand nicht verschlechtert und du möchtest, kannst du sogar noch eine Woche länger bleiben, sofern deine Eltern es dir erlauben. Frag sie schnell!
Wir, also Bruno, ich und die anderen, freuen sich sehr auf dich.

Sei gedrückt, dein Tantchen Käthe“


Alles hat Juliane nicht verstanden, aber eines ist sicher: Sie darf ihre Ferien auf dem Bauernhof verbringen. Schnell springt sie vom Stuhl und saust aus der Küche. Auf die Frage ihrer Mutter, wo sie so schnell hinwolle, schreit sie: „Koffer packen!“

Letzte Aktualisierung: 25.02.2010 - 00.11 Uhr
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