Ganz schön bissig ...
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Tante Käthe | Februar 2010
Das Schuldtuch
von Hank (derhank)

Als Tante Käthe starb, fand ich in ihrem Kleiderschrank ihr Tuch. Es beulte sich wie eh und je durch die Außentasche des blauen Nylonkittels, den sie zeitlebens nicht abgelegt hatte.
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»Rahel!«, rief mein Mann von unten, »beeil dich, die Entrümplungsfirma kommt gleich!«
Vorsichtig spreizte ich die Kitteltasche auseinander, und schon kam mir ein nur allzu vertrauter Geruch entgegen. Zögerlich fingerte ich das Knäuel hervor, ein zerschlissener Lumpen, verklebt, durchzogen von Krusten und Schlieren, wie eine vergessene Welt. Keine meiner Erinnerungen ist älter als die an das Tuch.
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Ich war kaum zwei Jahre alt, meine Mutter ging arbeiten und Tante Käthe sollte auf mich aufpassen. Von meinem Marmeladenbrot hatte ich mehr im Gesicht verteilt als gegessen, da erschien vor mir ein Gebirge aus schimmernder Kunstseide. Ich musste den Kopf in den Nacken drücken, um meine Tante zu erkennen. Ihre nackten, weichen Arme packten mich und hoben mich hoch, hielten mich vor ihre blauen Augen. Doch statt mich zu herzen, setzte sie mich wieder ab und wischte mir mit ihrem nass gespuckten Tuch über den Mund, bis die Erdbeersüße fort war. Erst als meine Lippen bitter schmeckten, war Tante Käthe bereit, mich zu küssen.
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»Rahel, was machst du denn noch?«, hörte ich meinen Mann.
Ich faltete das Tuch auseinander und betrachtete die unzähligen Flecken, suchte aber nur nach einem ganz bestimmten.
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Damals hatte ich geglaubt, das Tuch wäre mit Tante Käthe zur Welt gekommen, wie ein zusätzliches Organ, wie ein Teil von ihr. Natürlich war es bloß ein Taschentuch, zum Naseschnäuzen, ihrer Nase wie der meinen, ja, sämtlicher Nasen, derer sie habhaft werden konnte. Aber es war darüber hinaus ihr Allheilmittel gegen alles, was die Oberflächen unserer kleinen Welt trübte - und das schloss mich von Kopf bis Fuß mit ein. War etwas zu trocken oder zu klebrig, dann half Tantes Spucke, um selbst die schlimmsten Flecken verschwinden zu lassen.
Und nicht selten brachte es auch Trost. Viele meiner Kindertränen sind in Tante Käthes Tuch geflossen. Es hat jedes Unglück und jeden Schmerz und alle kleinen und großen Sünden aufgesaugt und von uns genommen.
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»Rahel!« Mein Mann kam die Treppe hinauf.
Ich beachtete ihn nicht. Wie in ein Buch waren meine Sinne in dem Stoff versunken und fädelten die Spuren der Erinnerung auf.
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Ihr Tuch hat alles weggewischt. Auch Blut. Das aber ertrug sie nicht. So manche kleine Verletzung hat Tante Käthe mit ihrem Eifer noch verschlimmert. Sie säuberte meine Wunden mit solcher Gewalt, dass ich danach erst recht weinen musste.
»Komm her, du kleiner Racker!«, brummte sie dann und drückte mich.
So nannte sie mich immer: ihren kleinen Racker, als wäre ich ein Junge. Dabei mochte ich meinen Namen viel lieber, meinen richtigen Namen. Auch meiner Mutter bedeutete er viel. Aber sie hatte es aufgegeben, sich mit ihrer Schwester deswegen zu streiten. Für Tante Käthe gab es kein »Rahel«.
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»Da bist du ja!« Mein Mann stand hinter mir.
Ich hatte den fast verblichenen Fleck gefunden, der anders war als alle anderen, für mich zumindest - auch jetzt noch, nach all den Jahren.
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Eines Tages spielte ich mit meiner kleinen Schwester Anna im Keller unseres alten Zechenhauses. Wir entdeckten hinter den Einweckregalen einen niedrigen Gewölbebogen in der Wand; ein zugemauerter Durchgang, vielleicht zum Nachbarkeller, und darunter ein Loch im Boden, eine Kuhle, kaum anderthalb Meter im Durchmesser.
Ein Versteck, eine richtige Höhle! Neugierig krochen wir hinein, durchsuchten das Gerümpel und fanden mittendrin eine verbeulte, bunt lackierte Persildose. Als ich den Deckel lüftete, kam uns ein schaler Seifenduft entgegen, und zugleich der säuerliche Geruch von uraltem Papier. Das Kästchen war vollgestopft mit Überbleibseln einer Zeit, über die zu Hause nicht gesprochen wurde. Vorsichtig zogen wir die vergilbten Postkarten und Fotos heraus und betrachteten die unbekannten Orte. Auf den Karten waren die Dörfer mit ihren Zwiebelkirchen und Bauernhöfen hübsch anzusehen, aber auf den Bildern lagen die Häuser in Trümmern. Überall sah man Soldaten, mal lachend, mal ernst, mit ihren Gewehren vor hageren, unheimlichen Menschen. Einer der Uniformierten kam mir bekannt vor. Und tatsächlich, als ich genauer hinsah, erkannte ich ihn: unser Onkel Alfons - ein hübscher, junger Kerl mit einem unbeirrbaren Leuchten in den Augen. Die silbernen Zacken an seinem Kragen glänzten, und er lachte auf jedem Bild, als wäre er noch mit Tante Käthe in den Flitterwochen.
»Onkel Alfons ...?«, murmelte Anna, »der ist doch ...«
»... im Krieg geblieben«, beendete ich den Satz, wie ich es gelernt hatte.
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»Rahel ...?«, fragte mein Mann und legte seine Hände auf meine Schultern, »was ist denn?«
Ich schaute hinüber zu Tantes Käthes Bett. Onkel Alfons' Porträt stand noch immer auf dem Nachttisch.
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In einem rissigen Briefumschlag mit Poststempel von 1935 fanden wir ein Bündel Kinderzeichnungen - kleine Buntstiftbilder auf den herausgerissenen Seiten eines Notizbuches. Sie zeigten stramme Burschen mit hohen Stiefeln, Hakenkreuzfahnen und heruntergezogenen Mundwinkeln - und drei Kinder, Mädchen, die ihnen mal eine lange Nase machten und mal sich vor der Bande versteckten. Manchen der Kerle waren Namen zugefügt: Einer hieß Walter, einer Bernhard und einer - Alfons.
Anna sah mich fragend an.
Die Namen der drei Mädchen wurden nicht verraten, aber sie trugen jede ihren Anfangsbuchstaben auf dem Kleid. Die kleine B. und die große K. waren so blond gelockt wie Anna und ich. R. war anders mit ihren schwarzen Zöpfen und dunklen Augen. Sicher war sie die geheimnisvolle Zeichnerin, denn einige der Bilder waren mit einem »R« signiert.

Und dann fiel Anna der Brief in die Hände, geschrieben auf einem ebensolchen Blatt wie die Zeichnungen, mit rotbrauner Tinte, die keine Tinte war, verschmiert von Fingerabdrücken und dunklen Klecksen.
»Was steht da?«, fragte Anna und strich über die Buchstaben. Mühsam entzifferte ich die altertümliche, kaum lesbare Kinderschrift:

»Wir schwören bei unserem Leben«, las ich ihr vor, »dass niemand von unserer Höhle erfahre, dass wir füreinander einstehen, uns nicht im Stich lassen und keine von uns verraten wird. Wir alle oder keine! Wir sind die drei Blutsschwestern und wir besiegeln diesen Schwur mit unserem Blut.«
Unterschrieben war der Brief mit »Katharina«, »Birgitta« und »Rahel«.
»Das bin ja ich!«, entfuhr es mir.
»Birgitta, ist das ... Mama?«, fragte Anna.
Ich nickte, und Katharina ... na klar! Käthe, die große Schwester unserer Mutter!

Wer war Rahel?

»Was macht ihr denn hier unten?«
Tante Käthe war heruntergekommen, um Kartoffeln zu holen. Ihre dunkle Silhouette füllte den Spalt zwischen Regal und Wand aus. Wir erschraken. Ich fühlte mich ertappt und hielt ihr reflexhaft den Stapel Fotos entgegen. Sie ergriff ihn, wich zurück und durchblätterte den Fund im Licht der Kellerlampe. Sie lächelte. Aber so ein Lächeln hatte ich noch nicht gesehen! Es gefror förmlich zu Eis - und dahinter tauchte ein unheimlicher Schatten auf. Ihre Augen wurden mit jedem Foto größer, und immer wieder flüsterte sie den Namen unserer Mutter.
»Mama?«, fragte ich leise.
»Wo habt ihr das her?«, fuhr sie mich an, wartete aber nicht auf Antwort.
»Birgitta«, zischte sie, als stünde Mutter mit uns in der Kuhle, »du wolltest doch alles ... du hast gesagt, du würdest alles ... wegwerfen ...«
Mit einer heftigen Bewegung riss sie mir die Dose aus den Fingern, stopfte die Bilder hinein und stellte sie auf das höchste Regal.
»Dass ihr mir nie wieder daran geht, ja?! NIE WIEDER!«
Sie schnäuzte in ihr Tuch und blinzelte heftig. Anna hatte den Brief die ganze Zeit an sich gedrückt. Entschuldigend legte sie ihn jetzt der Tante in die zitternden Hände.

Aus ihrer Kehle kam ein Aufschrei, der nichts Menschliches an sich hatte. Wir erstarrten. Sie las die Zeilen, las sie noch mal und noch mal, und als sich ihr Blick endlich von dem vergessenen Schwur löste, sah sie nicht Anna, sondern nur mich an; und das so vorwurfsvoll, als wäre ich die Schuldige - schuldig, woran auch immer. Wortlos drehte sie sich um und verschwand nach oben.

An diesem Abend gingen wir ohne Essen ins Bett. Mutter und Vater sollten erst spät heimkommen, und Tante Käthe hatte sich in ihr Schlafzimmer verzogen. Sie weinte hinter der Tür.

»Ist ... Rahel ... auch im Krieg geblieben?«, fragte Anna, als wir unter unseren Decken lagen. Ich hatte in der Schule einiges über diese Zeit gelernt und wusste, dass es nicht der Krieg war, in dem Mädchen wie Rahel »geblieben« waren.
»Ja ...«, flüsterte ich trotzdem.
»Die Höhle war doch so ein gutes Versteck!«, hakte Anna nach, »wieso hat sie es nicht geschafft, darin zu ...?«
»Ich weiß es nicht!«, unterbrach ich sie. Ich wollte es nicht wissen. »Lass uns schlafen!«
Durch die Wand hörten wir Tante Käthe, die sich nicht beruhigen konnte.

Am nächsten Morgen saß sie schweigend am Küchentisch. Ihr Oberkörper wiegte sich langsam vor und zurück, wobei der Kopf unbeteiligt nickte. Mutter saß daneben und hielt sie im Arm, hatte selbst Tränen in den Augen. Vor ihnen lag der Brief; und Tante Käthes Taschentuch.

»Rahel« war verschwunden.

»Katharina« und »Birgitta« stand unter »unserem Blut«, daneben nur ein blinder Fleck. Mit ihrer Spucke muss Tante Käthe den Namen in der Nacht herausgewischt haben. Eine helle, bräunliche Verfärbung an einem Zipfel des Tuchs war alles, was von der einstigen Freundin übrig geblieben war.

Und ich. Mit meinem Namen.

Letzte Aktualisierung: 19.02.2010 - 00.18 Uhr
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