Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breiten├Âder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Tante Kńthe | Februar 2010
Das Schuldtuch
von Hank (derhank)

Als Tante K├Ąthe starb, fand ich in ihrem Kleiderschrank ihr Tuch. Es beulte sich wie eh und je durch die Au├čentasche des blauen Nylonkittels, den sie zeitlebens nicht abgelegt hatte.
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┬╗Rahel!┬ź, rief mein Mann von unten, ┬╗beeil dich, die Entr├╝mplungsfirma kommt gleich!┬ź
Vorsichtig spreizte ich die Kitteltasche auseinander, und schon kam mir ein nur allzu vertrauter Geruch entgegen. Z├Âgerlich fingerte ich das Kn├Ąuel hervor, ein zerschlissener Lumpen, verklebt, durchzogen von Krusten und Schlieren, wie eine vergessene Welt. Keine meiner Erinnerungen ist ├Ąlter als die an das Tuch.
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Ich war kaum zwei Jahre alt, meine Mutter ging arbeiten und Tante K├Ąthe sollte auf mich aufpassen. Von meinem Marmeladenbrot hatte ich mehr im Gesicht verteilt als gegessen, da erschien vor mir ein Gebirge aus schimmernder Kunstseide. Ich musste den Kopf in den Nacken dr├╝cken, um meine Tante zu erkennen. Ihre nackten, weichen Arme packten mich und hoben mich hoch, hielten mich vor ihre blauen Augen. Doch statt mich zu herzen, setzte sie mich wieder ab und wischte mir mit ihrem nass gespuckten Tuch ├╝ber den Mund, bis die Erdbeers├╝├če fort war. Erst als meine Lippen bitter schmeckten, war Tante K├Ąthe bereit, mich zu k├╝ssen.
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┬╗Rahel, was machst du denn noch?┬ź, h├Ârte ich meinen Mann.
Ich faltete das Tuch auseinander und betrachtete die unz├Ąhligen Flecken, suchte aber nur nach einem ganz bestimmten.
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Damals hatte ich geglaubt, das Tuch w├Ąre mit Tante K├Ąthe zur Welt gekommen, wie ein zus├Ątzliches Organ, wie ein Teil von ihr. Nat├╝rlich war es blo├č ein Taschentuch, zum Naseschn├Ąuzen, ihrer Nase wie der meinen, ja, s├Ąmtlicher Nasen, derer sie habhaft werden konnte. Aber es war dar├╝ber hinaus ihr Allheilmittel gegen alles, was die Oberfl├Ąchen unserer kleinen Welt tr├╝bte - und das schloss mich von Kopf bis Fu├č mit ein. War etwas zu trocken oder zu klebrig, dann half Tantes Spucke, um selbst die schlimmsten Flecken verschwinden zu lassen.
Und nicht selten brachte es auch Trost. Viele meiner Kindertr├Ąnen sind in Tante K├Ąthes Tuch geflossen. Es hat jedes Ungl├╝ck und jeden Schmerz und alle kleinen und gro├čen S├╝nden aufgesaugt und von uns genommen.
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┬╗Rahel!┬ź Mein Mann kam die Treppe hinauf.
Ich beachtete ihn nicht. Wie in ein Buch waren meine Sinne in dem Stoff versunken und f├Ądelten die Spuren der Erinnerung auf.
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Ihr Tuch hat alles weggewischt. Auch Blut. Das aber ertrug sie nicht. So manche kleine Verletzung hat Tante K├Ąthe mit ihrem Eifer noch verschlimmert. Sie s├Ąuberte meine Wunden mit solcher Gewalt, dass ich danach erst recht weinen musste.
┬╗Komm her, du kleiner Racker!┬ź, brummte sie dann und dr├╝ckte mich.
So nannte sie mich immer: ihren kleinen Racker, als w├Ąre ich ein Junge. Dabei mochte ich meinen Namen viel lieber, meinen richtigen Namen. Auch meiner Mutter bedeutete er viel. Aber sie hatte es aufgegeben, sich mit ihrer Schwester deswegen zu streiten. F├╝r Tante K├Ąthe gab es kein ┬╗Rahel┬ź.
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┬╗Da bist du ja!┬ź Mein Mann stand hinter mir.
Ich hatte den fast verblichenen Fleck gefunden, der anders war als alle anderen, f├╝r mich zumindest - auch jetzt noch, nach all den Jahren.
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Eines Tages spielte ich mit meiner kleinen Schwester Anna im Keller unseres alten Zechenhauses. Wir entdeckten hinter den Einweckregalen einen niedrigen Gew├Âlbebogen in der Wand; ein zugemauerter Durchgang, vielleicht zum Nachbarkeller, und darunter ein Loch im Boden, eine Kuhle, kaum anderthalb Meter im Durchmesser.
Ein Versteck, eine richtige H├Âhle! Neugierig krochen wir hinein, durchsuchten das Ger├╝mpel und fanden mittendrin eine verbeulte, bunt lackierte Persildose. Als ich den Deckel l├╝ftete, kam uns ein schaler Seifenduft entgegen, und zugleich der s├Ąuerliche Geruch von uraltem Papier. Das K├Ąstchen war vollgestopft mit ├ťberbleibseln einer Zeit, ├╝ber die zu Hause nicht gesprochen wurde. Vorsichtig zogen wir die vergilbten Postkarten und Fotos heraus und betrachteten die unbekannten Orte. Auf den Karten waren die D├Ârfer mit ihren Zwiebelkirchen und Bauernh├Âfen h├╝bsch anzusehen, aber auf den Bildern lagen die H├Ąuser in Tr├╝mmern. ├ťberall sah man Soldaten, mal lachend, mal ernst, mit ihren Gewehren vor hageren, unheimlichen Menschen. Einer der Uniformierten kam mir bekannt vor. Und tats├Ąchlich, als ich genauer hinsah, erkannte ich ihn: unser Onkel Alfons - ein h├╝bscher, junger Kerl mit einem unbeirrbaren Leuchten in den Augen. Die silbernen Zacken an seinem Kragen gl├Ąnzten, und er lachte auf jedem Bild, als w├Ąre er noch mit Tante K├Ąthe in den Flitterwochen.
┬╗Onkel Alfons ...?┬ź, murmelte Anna, ┬╗der ist doch ...┬ź
┬╗... im Krieg geblieben┬ź, beendete ich den Satz, wie ich es gelernt hatte.
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┬╗Rahel ...?┬ź, fragte mein Mann und legte seine H├Ąnde auf meine Schultern, ┬╗was ist denn?┬ź
Ich schaute hin├╝ber zu Tantes K├Ąthes Bett. Onkel Alfons' Portr├Ąt stand noch immer auf dem Nachttisch.
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In einem rissigen Briefumschlag mit Poststempel von 1935 fanden wir ein B├╝ndel Kinderzeichnungen - kleine Buntstiftbilder auf den herausgerissenen Seiten eines Notizbuches. Sie zeigten stramme Burschen mit hohen Stiefeln, Hakenkreuzfahnen und heruntergezogenen Mundwinkeln - und drei Kinder, M├Ądchen, die ihnen mal eine lange Nase machten und mal sich vor der Bande versteckten. Manchen der Kerle waren Namen zugef├╝gt: Einer hie├č Walter, einer Bernhard und einer - Alfons.
Anna sah mich fragend an.
Die Namen der drei M├Ądchen wurden nicht verraten, aber sie trugen jede ihren Anfangsbuchstaben auf dem Kleid. Die kleine B. und die gro├če K. waren so blond gelockt wie Anna und ich. R. war anders mit ihren schwarzen Z├Âpfen und dunklen Augen. Sicher war sie die geheimnisvolle Zeichnerin, denn einige der Bilder waren mit einem ┬╗R┬ź signiert.

Und dann fiel Anna der Brief in die H├Ąnde, geschrieben auf einem ebensolchen Blatt wie die Zeichnungen, mit rotbrauner Tinte, die keine Tinte war, verschmiert von Fingerabdr├╝cken und dunklen Klecksen.
┬╗Was steht da?┬ź, fragte Anna und strich ├╝ber die Buchstaben. M├╝hsam entzifferte ich die altert├╝mliche, kaum lesbare Kinderschrift:

┬╗Wir schw├Âren bei unserem Leben┬ź, las ich ihr vor, ┬╗dass niemand von unserer H├Âhle erfahre, dass wir f├╝reinander einstehen, uns nicht im Stich lassen und keine von uns verraten wird. Wir alle oder keine! Wir sind die drei Blutsschwestern und wir besiegeln diesen Schwur mit unserem Blut.┬ź
Unterschrieben war der Brief mit ┬╗Katharina┬ź, ┬╗Birgitta┬ź und ┬╗Rahel┬ź.
┬╗Das bin ja ich!┬ź, entfuhr es mir.
┬╗Birgitta, ist das ... Mama?┬ź, fragte Anna.
Ich nickte, und Katharina ... na klar! K├Ąthe, die gro├če Schwester unserer Mutter!

Wer war Rahel?

┬╗Was macht ihr denn hier unten?┬ź
Tante K├Ąthe war heruntergekommen, um Kartoffeln zu holen. Ihre dunkle Silhouette f├╝llte den Spalt zwischen Regal und Wand aus. Wir erschraken. Ich f├╝hlte mich ertappt und hielt ihr reflexhaft den Stapel Fotos entgegen. Sie ergriff ihn, wich zur├╝ck und durchbl├Ątterte den Fund im Licht der Kellerlampe. Sie l├Ąchelte. Aber so ein L├Ącheln hatte ich noch nicht gesehen! Es gefror f├Ârmlich zu Eis - und dahinter tauchte ein unheimlicher Schatten auf. Ihre Augen wurden mit jedem Foto gr├Â├čer, und immer wieder fl├╝sterte sie den Namen unserer Mutter.
┬╗Mama?┬ź, fragte ich leise.
┬╗Wo habt ihr das her?┬ź, fuhr sie mich an, wartete aber nicht auf Antwort.
┬╗Birgitta┬ź, zischte sie, als st├╝nde Mutter mit uns in der Kuhle, ┬╗du wolltest doch alles ... du hast gesagt, du w├╝rdest alles ... wegwerfen ...┬ź
Mit einer heftigen Bewegung riss sie mir die Dose aus den Fingern, stopfte die Bilder hinein und stellte sie auf das h├Âchste Regal.
┬╗Dass ihr mir nie wieder daran geht, ja?! NIE WIEDER!┬ź
Sie schn├Ąuzte in ihr Tuch und blinzelte heftig. Anna hatte den Brief die ganze Zeit an sich gedr├╝ckt. Entschuldigend legte sie ihn jetzt der Tante in die zitternden H├Ąnde.

Aus ihrer Kehle kam ein Aufschrei, der nichts Menschliches an sich hatte. Wir erstarrten. Sie las die Zeilen, las sie noch mal und noch mal, und als sich ihr Blick endlich von dem vergessenen Schwur l├Âste, sah sie nicht Anna, sondern nur mich an; und das so vorwurfsvoll, als w├Ąre ich die Schuldige - schuldig, woran auch immer. Wortlos drehte sie sich um und verschwand nach oben.

An diesem Abend gingen wir ohne Essen ins Bett. Mutter und Vater sollten erst sp├Ąt heimkommen, und Tante K├Ąthe hatte sich in ihr Schlafzimmer verzogen. Sie weinte hinter der T├╝r.

┬╗Ist ... Rahel ... auch im Krieg geblieben?┬ź, fragte Anna, als wir unter unseren Decken lagen. Ich hatte in der Schule einiges ├╝ber diese Zeit gelernt und wusste, dass es nicht der Krieg war, in dem M├Ądchen wie Rahel ┬╗geblieben┬ź waren.
┬╗Ja ...┬ź, fl├╝sterte ich trotzdem.
┬╗Die H├Âhle war doch so ein gutes Versteck!┬ź, hakte Anna nach, ┬╗wieso hat sie es nicht geschafft, darin zu ...?┬ź
┬╗Ich wei├č es nicht!┬ź, unterbrach ich sie. Ich wollte es nicht wissen. ┬╗Lass uns schlafen!┬ź
Durch die Wand h├Ârten wir Tante K├Ąthe, die sich nicht beruhigen konnte.

Am n├Ąchsten Morgen sa├č sie schweigend am K├╝chentisch. Ihr Oberk├Ârper wiegte sich langsam vor und zur├╝ck, wobei der Kopf unbeteiligt nickte. Mutter sa├č daneben und hielt sie im Arm, hatte selbst Tr├Ąnen in den Augen. Vor ihnen lag der Brief; und Tante K├Ąthes Taschentuch.

┬╗Rahel┬ź war verschwunden.

┬╗Katharina┬ź und ┬╗Birgitta┬ź stand unter ┬╗unserem Blut┬ź, daneben nur ein blinder Fleck. Mit ihrer Spucke muss Tante K├Ąthe den Namen in der Nacht herausgewischt haben. Eine helle, br├Ąunliche Verf├Ąrbung an einem Zipfel des Tuchs war alles, was von der einstigen Freundin ├╝brig geblieben war.

Und ich. Mit meinem Namen.

Letzte Aktualisierung: 19.02.2010 - 00.18 Uhr
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