Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Tante Käthe | Februar 2010
Lauf weg, wenn du kannst!
von Silke Kissel

Um sich die Zeit zu vertreiben, sieht Uwe aus dem Fenster.
Neuschnee ist gefallen. Die Bäume und Sträucher der Uni-Klinik sind mit Sahnehäubchen bedeckt. Der geteerte Hubschrauber-Landeplatz gleicht einem sterilen Betttuch.
Dort könnte man den größten Schneekerl bauen, den die Welt jemals gesehen hat, überlegt Uwe und schaut an sich herab, aber mit all den Schläuchen, die an ihm hängen, ist an einen Ausflug nicht zu denken. Zum Glück hab ich einen Zimmergenossen, der in Ordnung ist. Zwar blöd, dass er länger als ich bleiben muss, aber gut für mich. Wenn ich entlassen werde, sehen die mich nie mehr wieder!
„He, Holger, magst du meine Dinkelkekse mal probieren?“, fragt er seinen Bettnachbarn und beugt sich seitlich heraus. „Die sind vollkornmäßig gut! Wenn meine Frau mich besuchen kommt, bringt sie mir sicher wieder eine Wagenladung mit. Dann will sie das Teil hier leer zurück haben.“
„Hm, dir geht´s richtig gut“, brummt Holger und greift sich einen Keks aus der angebotenen Dose. „Du hast die OP schon hinter dir und wirst bedient. Wenn ich was will, muss ich mir das unten am Kiosk kaufen gehen.“
„Sei froh, dass du´s kannst“, entgegnet Uwe ihm. „Ich würde was dafür geben, diesen Klumpatsch an mir los zu sein. Verdammter Leistenbruch! So´n Mist, mit meiner Garnitur lassen die mich nicht mal in´s Raucherzimmer rein. Also, wenn es nach mir ginge, könnten die hier ruhig ...“
Ein zaghaftes Klopfen an der Tür lässt ihn verstummen. Auch Holger sieht dem Geräusch entgegen. Sicher ist es Lisa mit den Keksen, denkt Uwe und richtet sich im Bett auf.
Langsam öffnet sich die Tür. Einen Moment lang geschieht nichts, dann lugt ein Strauß gelber Frühlingsblumen rein. Dahinter die Silhouette einer Frau. Sie trägt ein cremefarbenes Kostüm, ihre grauen Haare sind sorgfältig hochgesteckt, nur eine einzelne Locke wagt sich wie zufällig über ihre Stirn.
„Guten Morgen, die Herren!“, sagt sie und kommt in den Raum hinein.
Uwe starrt die Besucherin an und eine dunkle Ahnung überzieht ihn mit einer Gänsehaut. „Ähm, hallo. Wollen Sie etwa zu mir?“, stammelt er und macht sich im Bett klein.
Die Frau tritt näher und vergleicht die beiden Namensschilder, die an den Fußenden der Betten kleben. Sie schüttelt den Kopf und lächelt Uwe mit sichtlichem Vergnügen an.
„Nein, ich möchte Herrn Holger Hengstenbach besuchen“, erwidert sie. „Er ist schon so lange hier. Und von unserem Pfarrer habe ich gestern beim Gebetskreis erfahren, dass Herr Hengstenbach noch keinen Besuch erhalten hat. Da habe ich mir gedacht: Käthe, diesen Mann besuchst du morgen früh gleich als ersten!“
Uwe spürt, wie es ihm kribbelnd den Nacken hoch läuft. Sein Herz schlägt heftig. Jetzt ist er sich restlos sicher, vor ihm steht die Frau, vor der ihn Nachbarn und Freunde bereits gewarnt hatten. Die „Tante Käthe“ in Person! Selbst die Beschreibung stimmt. Laut dem letzten Dorfkurier: „Ein Engel ohne Flügel.“
Mit zitternden Fingern beugt sich Uwe unter das Bett und hakt seine mit Wundflüssigkeit gefüllten Beutel aus. Bloß weg hier und raus aus dem Zimmer!, hämmert es in seinem Kopf, als er die Teile unter seinem Schlafanzug verstaut. Erst jetzt bemerkt er Holgers fragenden Blick und zuckt mit den Schultern.
„Irgendwann muss ich doch mal weitere Strecken als bis zum Klo probieren“, sagt er und humpelt aus dem Raum. Er sieht das Zufluchtsschild „Raucherzimmer“ in der Ferne locken. Das ist zu weit, verdammter Mist!, denkt er und flucht vor Schmerzen vor sich hin.
„Welcher Teufel sitzt auf Ihrem Buckel?“, fragt ihn eine Pflegerin. Sie schiebt den Tablettenwagen zur Seite und bleibt mit gerunzelter Stirn neben ihm stehen. „Oder hat etwa Ihr Zimmergenosse Sie hinausgeworfen?“
„Nein, alles klar!“, beteuert Uwe ihr und winkt mit wedelnder Hand ab. „Wir verstehen uns spitze. Echt! Ich wollte mir nur ein wenig die Beine vertreten, dass ist alles!“
„Na, dann laufen Sie mal nicht zu weit“, sagt die Pflegerin und deutet auf seine bestrumpften Beine. „Die Arztvisite kommt jeden Moment auf diese Station!“
„Aber … .“
Ihre Augen röntgen ihn. „Ja, was?“
„Ist schon in Ordnung“, stöhnt Uwe und lässt sich auf den nächsten Stuhl sinken. Wann wohl die Besucherin wieder geht?, überlegt er. Dabei schaut die Frau sogar nett aus. Sicher sind all diese Gerüchte Blödsinn. Nur ein dummer Zufall. Aber jedes Mal? Das kann nicht sein. Und wenn doch? Vielleicht ist sie ja ein ...? Er wagt diesen Gedanken nicht zu Ende zu denken.
„Sie sind ja noch immer auf dem Gang. Gehen Sie jetzt bitte rein!“, schimpft die Pflegerin mit ihm. „Die Visite ist bereits im Zimmer nebenan!“
Uwe möchte am liebsten an ihr vorbei hechten, den Fahrstuhl nehmen, abwärts sausen und seine Frau unten auf dem Parkplatz überraschen. Unwillig schüttelt er den Kopf.
Als der gebleichte Kittel drohend näher kommt, rebelliert sein Darm. Umständlich rappelt er sich auf und trollt sich in die zum Zimmer gehörende Toilette. Ein Deserteur schaut ihn aus dem Spiegel an. Schlechtes Gewissen knurrt ihm im Darm. Erst nach einer Weile wagt sich Uwe von dem Klo hinunter und öffnet vorsichtig die Zimmertür. Er lugt hinein und sieht Holger bewegungslos im Bett liegen. Die Frau ist fort. Lediglich der Strauß Blumen beweist, dass sie da gewesen war.
Hastig humpelt er zu seinem Zimmergenossen und tippt ihn an.
Keine Regung! Panisch packt Uwe ihn grob am Arm.
„Ah!“, schreit Holger erschrocken auf und reibt sich den Schlummer aus den Augen. „Warum warst du abgehauen? Hattest du etwa Muffesausen vor der Frau?“
Erleichtert atmet Uwe aus und setzt sich auf sein Bett. „Nö, das nicht“, flunkert er und wendet sich dabei seinem Zimmergenossen zu. „Aber wer hier raus will, muss trainieren. Unbekannten Frauen sollte man dabei tunlichst nicht zu tief in die Augen schauen. Man weiß ja nie wonach denen der Sinn steht!“
„Du redest Blödsinn“, meint Holger und schaut flüchtig auf den Blumenstrauß. Seine Stirn kräuselt sich als er nachdenklich hinzufügt: „Aber in einem Punkt hast du Recht.“
„Und der wäre?“, murrt Uwe beleidigt.
„Mit der Frau konnte ich mich zwar gut unterhalten, aber gerade als es richtig witzig wurde, blickte sie mir merkwürdig tief in die Augen. Dann lächelte sie verlegen und sagte irgendwas davon, dass sie zu früh gekommen sei. So etwas wäre ihr noch nie passiert. Daraufhin hat sie ihre Blumen in die Vase gesteckt, mir die Wange getätschelt und ist ohne Erklärung gegangen. Kannst du dir auf dieses Verhalten einem Reim machen? He, was wollte die bloß bei mir?“
Uwe´s Augen weiten sich, trotzdem zuckt er wie ahnungslos mit den Schultern. Er legt sich hin, starrt seine Bettdecke an und knabbert die letzten Dinkelkekse zur Beruhigung.
Dass Holger endlich Besuch bekam, war ja klasse, denkt er. Aber musste es gerade diese Frau sein? Vor allem der Spruch: Sie sei zu früh gekommen, macht sie verdächtig. Von wegen Zufall! Es gab immer einen Grund, warum die von ihr besuchten Patienten das Krankenhaus nicht mehr lebendig verlassen hatten. Auf Holger werde ich jedoch ein Auge werfen und auch nach meiner Entlassung besuchen. Sicher ist sicher. Vor allem, wo dieser zwielichtige Engel „Tante Käthe“ hier umgeht!



© Silke Kissel

Letzte Aktualisierung: 22.02.2010 - 21.48 Uhr
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