Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Tante Käthe | Februar 2010
Tante Käthe und die Hühner
von Barbara Schmidt

Ich hasse sie, dachte Käthe und beugte sich keuchend über das Lenkrad. Obwohl sie meine eigene Nichte ist. Am liebsten würde ich sie umbringen, nur was mache ich dann mit der Leiche, wo doch heutzutage der Müll so streng getrennt wird, Papier zum Papierabfall, Kaffee zum Kaffeeabfall, und im Glascontainer oder der Altkleidersammlung kann man ja nun auch keine Nichten entsorgen. In der Biotonne vielleicht?

Und wer versorgt die Tiere, wenn sie mich ins Gefängnis stecken?

Käthe schnaufte und trat noch fester in die Pedale. Der Weg zum Bäcker schien ihr heute weiter als sonst. Noch schwerer wurde es durch den Fahrradanhänger, in dem Clarissa saß und ihren weißen Ziegenbart schüttelte. Für Clarissa ist es der Höhepunkt des Tages, wenn sie mich ins Dorf begleiten darf, dachte Käthe. Ziegen sind intelligent und wollen was erleben. Und ich gönne es ihr ja auch, nur es ist immer so viel Arbeit, die mir Martina da aufhalst.

Der Gedanke an ihre Nichte brachte Käthe noch mehr aus der Puste. Martina war zehn Jahre alt und musste ständig alles haben, was sie sah. Paahaap? fragte sie immer und schaute ihren Vater schräg an. Und der gab nach. Das arme Kind hatte ja keine Mutter mehr, das musste kompensiert werden, meinte Käthes Bruder Herbert. Mit Geld.

Und mit Tante Käthes Geduld.

Denn ganz besonders schlimm war es mit Martinas so genannter Tierliebe. Im Alter von fünf Jahren hatte sie eine Katze vor der Haustür gefunden, und daraufhin musste genau so eine, in der gleichen Farbe, angeschafft werden. Sofort. Die Liebe dauerte ziemlich genau vier Wochen, dann landete das Tier bei Tante Käthe. Du nimmst sie doch? Das war Herbert. Wie oft hatte Käthe das schon von ihm gehört. Du nimmst sie doch? Nun sind Katzen ja einigermaßen pflegeleicht.

Kurz darauf folgten aber zwei Kanarienvögel, die sich nicht vertrugen, eine Schildkröte und drei fette Hamster, die eine strenge Diät brauchten. Inzwischen besaß Käthe außerdem eine Blindschleiche, zwei Kaninchen, fünf Rennmäuse, drei Eidechsen, einen Kakadu, ein Zwergschwein und ein kleines Krokodil mit Namen Ladykiller, das in einer alten Badewanne in der Scheune lebte, Fische aß und im Sommer hinausgetragen werden musste. Alles aus Martinas Erbschaft.

Es killt mich wirklich irgendwann, dachte Käthe.

Denn Martina und ihr Vater wohnten in einer Mietwohnung und verließen sich daher immer wieder auf Käthe und ihren kleinen Resthof. Du nimmst sie doch?

Ich will das nicht mehr hören, dachte Käthe. Und wieso ist die Fahrt zum Bäcker heute so weit? Benny Blitz, das Pony, wollte wegen der Hitze auch nicht so richtig am Fahrrad traben und versuchte ständig zu grasen. Pferde brauchen aber Bewegung und daher musste Benny jeden Morgen mit zum Bäcker. Er konnte dort vor dem Laden warten und aß dabei immer ein paar alte Brötchen vom Vortag. Martinas Sattel hatte Käthe längst verschenkt.

Jetzt muss das Kind auch noch Hühner haben, dachte Käthe. Vorgestern hatte Herbert die Sache angesprochen. Glücklicherweise hatte er diesmal vorher gefragt, allerdings ging es dabei nicht so sehr um den Sinn und Verstand eines Hühnervolks auf dem Balkon einer Mietwohnung, als vielmehr um die Wahl der Rasse.
Denn dass Hühner angeschafft werden mussten, das stand für Herbert bereits zweifelsfrei fest.
Ruhige Tiere müssen es sein, überlegte Käthe. Wachteln wären klein und handlich, aber die wollte die Nichte natürlich nicht. Eine echte große Rasse, darauf hatten Herbert und Martina bestanden. Richtige Eier fürs Frühstück.

Ja, sehr praktisch, dachte Käthe und navigierte vorsichtig um ein Archipelago aus Kuhfladen herum, denn bei sehr unebenem Boden konnte Andreas, der Leguan, nur schwer auf der Lenkstange balancieren. Leguane müssen auch mal an die Luft, man kann sie nicht immer nur im Zimmer halten. Dicke Legehennen also, überlegte Käthe, mit wenig Bewegungsdrang. Trotzdem, jetzt muss ich auch noch ein Hühnerhaus haben, denn spätestens nach vier Wochen… Es wird mir wirklich zu viel, ständig neue Ställe bauen zu müssen und immer mehr Tiere zu versorgen.

Als nächstes will das Kind ein Kalb auf dem Balkon. Und ich steh dann nachher mit der Kuh da.

Vor lauter Zorn und Gegenwind ging Käthe langsam die Luft aus, sie hielt an, stieg vom Rad und streichelte Annegret, die in ihrem Korb auf dem Gepäckträger saß, über den Kopf. Das Äffchen war immer so brav, wenn es nur sein Holzpuzzle mitnehmen durfte. Hier in der Toreinfahrt von Bauer Poppe war Schatten, man konnte sich mal eben verpusten. Die Hühner des Bauern kratzten zwischen den Steinen herum. Käthe betrachtete sie nachdenklich. Orpingtons. Dick und phlegmatisch. Wäre schön, wenn sie bei Herbert auf dem Balkon sitzenbleiben, dachte Käthe, und nicht gleich bei den Nachbarn ins Schlafzimmer oder sonst wohin flattern.

Eine runde Orpington-Henne in blau-grauer Farbe hatte es Käthe besonders angetan. Ganz still saß die Henne da, ließ sich von Käthe anstarren und plierte aus kleinen schwarzen Augen zurück.

„Hör mal,“ sagte das Huhn nach einer Weile, „du fährst doch jeden Tag hier vorbei mit deinem Fahrrad, wie ist denn das wohl, bring uns auch was mit!“

„Wie komme ich denn dazu?“ fragte Käthe.
Heinrich, der Papagei, der vor der Lenkstange im Fahrradkörbchen saß, begann plötzlich zu kreischen, Käthe fischte ihm ein paar Erdnüsse aus der Tasche. Richtig reden wollte Heinrich nicht, er schrie immer nur, wenn es ihm nicht passte.

„Schau dir das an,“ sagte die Henne und schüttelte ihren roten Kamm. „Wir müssen hier herumscharren und unser Futter mühsam zusammensuchen, und ihr ... !“

„So gehört sich das für Hühner,“ entgegnete Käthe. „Und außerdem muss auch ich schwer arbeiten. Was glaubst du denn.“

Benny zerrte an seinem Halfter und strebte in Richtung Wiese.

„Und was du da immer so an Brötchen mitbringst…“

„Die sind nicht für euch,“ fuhr Käthe fort.

Jetzt wurden auch noch die Federn aufgeplustert. Blau gesäumt, so nennt man diesen Farbschlag, ganz schick, aber es wirkt eleganter, wenn man nicht so eine runde Gürtellinie hat.

„Mit Zimt,“ mischte sich jetzt der Hahn ein. „Ich weiß es genau, letztes Mal hast du Zimtbrötchen gekauft.“

„Ich will aber mit Mohn,“ sagte ein zweites Huhn, eine gelbliche Figur.

„Und ich mit Rosinen!“ Das war eine ältere schwarze Henne.

„Seid doch still,“ meldete sich jetzt das erste Huhn wieder, das mit den hübschen grau-blauen Federn. „Ich habe dieses Gespräch angefangen und unsere Bestellung aufgegeben, Schluss jetzt, wir nehmen ganz normale Brötchen, diese Bauernbrötchen, du weißt schon, aber dann für uns alle.“

Plötzlich war das kleinste Huhn auch da und machte große Augen. Hinter Käthes Fahrrad rutschte Clarissa ungeduldig im Anhänger herum und wollte aussteigen.

„Ihr werdet ohnehin viel zu dick,“ sagte Tante Käthe. „Bei Orpingtons muss man streng auf die Linie achten.“

„Zimt und Schokolade für mich!,“ forderte der Hahn und trat den Sand nach hinten weg, dass eine dicke Staubwolke aufstieg und die Hühner hinter ihm die Augen zukneifen mussten. „Hähne tragen eine besondere Verantwortung und…“

Zack, da hatte der Hahn einen blau gesäumten Flügel im Gesicht.

„Mit Nüssen,“ gackerte noch jemand aus dem Hintergrund.

Inzwischen rannte der Hahn laut schreiend hinter der blau-grauen Henne her. Ein weiteres Huhn verfolgte den Hahn ohne weiter ersichtlichen Grund, und dahinter schlossen sich die schwarze und die gelbe Henne an. Alle schimpften und schrien, was sie nur konnten.

Ich muss weiter, dachte Käthe. Aber das kleinste Huhn war zurückgeblieben und schaute sie freundlich an.

„Bring mir doch so ein Bauernbrötchen mit,“ sagte es. „Mit dem Bauern drin. Sowas habe ich mir schon immer mal gewünscht.“
„Die Knochen brauchst du nicht herauszunehmen,“ rief es noch, bevor es flügelschlagend hinter den anderen herrannte. „Wir räumen hier alles auf!.“

Käthe hatte schon fast wieder auf dem Sattel gesessen, nahm aber jetzt den Fuß vom Pedal und starrte den Hühnern hinterher. Langsam strich sie sich das Haar nach hinten. Hitze und Anstrengung waren vergessen. Sie sah nur noch die Hennen mit dem wunderschönen Hahn.

Die muss ich haben, dachte Käthe. Diese und keine anderen. Bauer Poppe soll sie mir gleich mitgeben. In den Fahrradtaschen ist noch Platz.

Noch heute werde ich ein Hühnerhaus für euch bauen. Ein Luxushaus mit allem drum und dran. Ihr werdet mir ganz wunderbar helfen, da bin ich ganz sicher. Vor allem mit den Knochen. Bei mir braucht ihr nicht so mühsam alle Körner einzeln zu suchen.

Und Martina wird keine neuen Tiere mehr bei mir abladen. Garantiert!

Letzte Aktualisierung: 11.02.2010 - 19.47 Uhr
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