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Tante Käthe | Februar 2010
Der kleine fünfjährige Noah
von Mira Sommer

Der kleine fünfjährige Noah saß auf der Fensterbank und drückte seine Nase gegen die kalte Scheibe. Sein heißer Atem ließ das Fenster beschlagen und er malte mit seinen kleinen Fingern kleine Bilder darauf. Es war ein trauriger Tag. Viele Menschen waren ins Haus gekommen, um ihn zu trösten. Er verstand noch nicht ganz, was geschehen war und wieso sich so viele Menschen im Haus befanden und miteinander redeten. Er spürte traurige Augen auf sich ruhen und wusste, dass dies der letzte Tag in seinem geliebten Zuhause sein würde. Immer, wenn er an seine Eltern dachte, rollten Tränen über seine Wangen. Wieder und wieder drückte er die kleine Nase ans Fenster.

Noahs Eltern waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Heute fand die Beerdigung statt. Man hatte schon versucht, Noah darauf vorzubereiten, dass er in
ein Heim mit vielen Kindern kommen würde. Doch er verstand nicht, wieso er nicht weiter hier wohnen durfte.

Letzte Woche erst hatte Mama ihn zum Einkaufen mitgenommen. Er hatte um einen Schokoriegel gebettelt, sie aber war hart geblieben. Wegen eines Zahnarztbesuches hatte Noah mit seinen frisch geputzten Zähnen nichts essen dürfen.

Er stieg von der Fensterbank herab und ging in die Küche. Seine beste Freundin Rabea war auch dort. Sie war ein Jahr älter als Noah und sie spielten fast jeden Tag miteinander. Doch heute wollte er niemanden ansehen. Er öffnete den Kühlschrank und nahm den Schokoriegel heraus, den seine Mutter ihm dann doch gekauft hatte, allerdings erst zur Belohnung nach dem Zahnarztbesuch. Voll Kummer faltete er das Papier auf und lief zur Fensterbank zurück, um sich dort alleine wieder mit dem Riegel
hinzusetzen. Er biss davon ab und sah im Geist, wie seine Mutter ihn anlächelte. Wieder presste er seine Nase ans Fenster und weinte leise.

Als die Haustür in diesem Moment aufflog, erschrak Noah. Eine stämmige Frau stürmte hinein. Er rannte in sein Zimmer, weil er dachte, sie würde ihn jetzt abholen und in dieses Heim stecken. So verkroch er sich unter seinem Bett. Das tat er immer, wenn er Angst hatte oder sich vor seinen Eltern versteckte, weil er das Bad unter Wasser gesetzt oder den Kühlschrank den ganzen Tag offen gelassen hatte.


Leises Klopfen an der Tür ließ ihn aufhorchen und sein Herz klopfen. Doch die Person gab nicht auf und betrat ohne seine Zustimmung das Zimmer. Noah konnte nur Schuhe und einen langen Rock sehen, hinter dem sich die Beine verbargen.
Eine warme Stimme fragte leise, wo er sei, beinahe schon im Flüsterton, als würde die Besitzerin der Stimme nicht wollen, dass man Noah findet und ins Heim bringt.
“Hallo Noah, ich habe eine gute Nachricht. Willst du sie hören?“

Noah wusste nicht, ob er antworten oder lieber schweigen sollte. Diese Frau weckte seine Neugier, aber er blieb stumm.
“Noah, ich bin deine Tante, denn ich bin die Schwester deines Vaters! Mein Name ist Käthe. Wenn du willst, kannst du mich Tante Käthe nennen.”
Noah wurde neugierig. Er hatte eine Tante? Wieso hatte er sie noch nie gesehen? Und als ob sie seine Gedanken lesen konnte, fuhr sie fort:
“Ich war auf einer sehr langen Reise. Als ich vom Tod deiner Eltern erfuhr, hab ich sie abgebrochen, um nach dir zu sehen.”

Noah lugte vorsichtig unter dem Bett hervor.
”Bist du die Tante, die immer die vielen Postkarten geschrieben hat? Und mir Geschenke geschickt hat?“
Lächelnd schaute sie in das zu ihren Füßen auftauchende Kindergesicht. Dass sie die Trauer darin nur allzu deutlich sehen konnte, ließ sie sich nicht anmerken.
“Ja, mein Kleiner, das ist alles von mir gewesen.”
“Wieso kamst du uns nie besuchen?”

Die Frage machte sie betroffen und ihr wurde bewusst, dass sie ihren kleinen Neffen noch nie gesehen hatte. Das stimmte sie noch wehmütiger.
“Ich wäre sehr gern gekommen.” Sie sagte die Wahrheit. „Ich war auf vielen Schiffen im Atlantischem Ozean, ich bin in fremden Ländern gewesen und habe nicht mitbekommen, wie schnell die Zeit verging.“
Noah kroch aus seinem Versteck heraus und hockte nun vor ihr. Jetzt erkannte er die
Frau, vor der er aus Angst in sein Zimmer gerannt war.
“Du siehst nicht gruselig aus!”
Käthe musste herzhaft lachen: „Oh, dachtest du, ich würde gruselig aussehen?”

Mit einem Mal wurde ihr bewusst, dass sie ihm einen Schrecken eingejagt haben musste, als sie die Tür so schwungvoll aufgerissen hatte.
“Ich sehe nicht nur nicht gruselig aus, Noah, ich bin es auch nicht”, zwinkerte sie ihm zu. Auf Noahs Lippen trat ganz zaghaft ein kleines Lächeln, das erste seit den letzten Tagen. Zärtlich sah sie ihren kleinen Neffen an und streichelte ihm über sein Haar.
“Wenn du willst, bleibe ich eine Weile und wir können uns über meine Reisen und
meine Abenteuer unterhalten. Na, ist das keine gute Nachricht?“
Das erste Mal seit Tagen konnte Noah so etwas wie Freude in sich spüren, die aber gleich wieder verschwand.
“Das wäre schön, aber ich hab keine Zeit mehr, ich komm in ein Heim, wo andere
Kinder sind!”

Käthes Herz brach fast entzwei, als sie die Hoffnungslosigkeit in dem kleinen Bub sah.
“Ich hab dir doch gerade gesagt, dass ich dir gerne von meinen Abenteuern erzählen
will. Was hältst du davon, wenn wir das Heim erst einmal verschieben und ich hier einziehe? Dann darfst du auch fürs erste hier wohnen bleiben und wir verbringen eine schöne Zeit miteinander.”
Mit seinen großen braunen Augen schaute Noah seine neu erworbene Tante an und begann zu weinen. Er weinte so bitterlich, dass auch ihr Tränen in die Augen traten.
“Darf ich dich auf den Schoß nehmen, Noah?”
Noah schluchzte so stark, dass er kaum ein Wort herausbringen konnte. Aber er nickte.

Käthe nahm Noah auf ihren Schoß und ließ ihn weinen. Es war das erste Mal, seit seine Eltern starben, dass er all seine Trauer herausschluchzte. Leer geweint und erschöpft schlief er ein.
Käthe legte Noah vorsichtig in sein Bett, deckte ihn liebevoll zu und schaltete das
Nachtlicht ein. Sie hatte gewusst, dass er sehr traurig über den Verlust der Eltern sein musste. Doch nachdem sie ihn so aufgelöst gesehen hatte, traf sie jetzt eine Entscheidung, die weit über ihre ursprünglichen Pläne hinausging.

Sie schloss leise die Tür und ging hinunter ins Wohnzimmer. Die meisten Leute waren gegangen, auch das kleine Mädchen, das sie vorhin in der Küche antraf. Es blieben nur noch wenige Trauergäste übrig. Zu ihnen gehörte Frau Kobold, die Frau vom Jugendamt, mit der zusammen sie zur Trauerfeier gekommen war. Sie hatte Käthe über den Tod von Bruder und Schwägerin und die hilflose Situation des kleinen Noahs unterrichtet.
“Kann ich Sie unter vier Augen sprechen, Frau Kobold?”

Die Angesprochene war eine junge Frau, die jedoch Kompetenz ausstrahlte.
“Aber ja, lassen Sie uns in die Küche gehen!”
Käthe setzte einen Kaffee auf, den brauchte sie gerade sehr dringend.
“Ich werde bleiben. Für immer!“
Überglücklich über diese Entscheidung bedankte sich Frau Kobold herzlich.
“In all den Jahren war mir noch kein Schicksal so wichtig wie das von Noah!
Ich wäre sehr unglücklich gewesen, wenn er ins Heim gemusst hätte.”

Nachdenklich beobachtete Käthe, wie der Kaffee dampfend durch den Filter in die Kanne rann.
“Ich habe selber keine Kinder. Ich habe nur meinen Neffen, den ich heute das erste Mal gesehen habe, und ich weiß nicht, ob ich es gut machen werde. Ich könnte Ihre Hilfe gebrauchen, Frau Kobold.”
“Ich werde alles Erdenkliche tun, um Ihnen beiden zur Seite zu stehen.“
Für Käthe war dies ein Abenteuer, auf das sie nicht gefasst gewesen war. Aber im ersten Augenblick, als Noah unter dem Bett hervorgekrochen war, hatte sie ihn ins Herz geschlossen. Sie würde den Kleinen nicht in ein Heim schicken.

Der Kaffee war fertig. Beide Frauen setzten sich an den Küchentisch, erleichtert, dass es einen neuen Anfang für Noah geben würde.

Letzte Aktualisierung: 20.02.2010 - 17.55 Uhr
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