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Agnumamad | März 2010
Die letzte Wunderlampe
von Robert Pfeffer

Es war einmal ein Schlangenbeschwörungskorbflechter, der hieß Kand el Aber. Seine Geschäfte liefen schlecht, da in einer Wirtschaftskrise kein Mensch überhaupt was beschwören wollte, geschweige denn Schlangen. Also machte er sich auf den Weg zu seinem Sachbearbeiter auf dem Arbeitsbasar. Der bot ihm eine Umschulung zum Kamelreiniger an, doch Kand hasste Kamele. Wegen des fiesen Mundgeruchs. Er verließ das Zelt des Arbeitsberaters vollkommen ratlos und blickte geradewegs in eine mehr als schwarze Zukunft, da schlug ihm auf der Straße jemand einen weißen Stock ans Knie. Auf dem Boden saß ein alter Mann, der wahllos Passanten stolpern ließ und anbettelte. Der eigentlich selbst mittellose Kand gab ihm einen Piaster und wollte weiter in seine schwarze Zukunft gehen, als der Alte ihn zu bleiben bat. Er stellte sich ihm als Ek el Paket vor. Die beiden unterhielten sich eine Zeit lang, so auch über den Besuch beim Arbeitsbasar, als der Bettler plötzlich meinte, mit seinem Namen wäre el Aber doch wahrlich zum Lampenhändler geboren. In einer Höhle unweit der Stadt gebe es ein riesiges Lager mit Tausenden von Leuchten. Nur er allein wisse noch davon, schaffe jedoch wegen seiner schlechten Augen den Weg nicht mehr dorthin. Ek schlug dem erfolglosen Korbflechter einen Handel vor: Er könne alle Lampen für sein eigenes Geschäft haben. Nur eine einzige müsse der sich verweigernde Umschüler ihm bringen. Es sei eine, die ihn von der Blindheit befreie. Kand grübelte, ob er dem Bettler Glauben schenken sollte, ging aber schließlich auf das Angebot ein.

Gleich am nächsten Tag wanderte Kand zu der Höhle. Am Eingang des unscheinbaren Erdlochs machte er Halt und sah hinein. Es war keine Lampe in Sicht und schon wollte er sich enttäuscht abwenden, als er zwei kleine Nebelschwaden bemerkte und Stimmengewisper hörte. Vorsichtig schlich er sich auf dem Bauch robbend näher und lauschte der Unterhaltung.

„Und du glaubst echt, das funktioniert?“
„Klar, warum denn nicht? Wenn du auf dem Markt eine Chance haben willst, musst du dich nach den Gewohnheiten deiner Kunden richten.“
„Darf ich dich daran erinnern, dass Flaschen- oder Lampengeister schon eine ganze Weile aus der Mode sind? In den aktuellsten Marktanalysen steht nichts über den Bedarf an neuen Geistern!“
„Deshalb wollen wir das doch ändern, nicht wahr?“
„Ja, sicher, aber ...“
„Wenn wir erst mal wieder draußen sind, werden wir es den Leuten schon beweisen können, dass wir sehr nützlich für sie sind.“
„Du glaubst ernsthaft, dass jemand auf Agnumamad als Passwort kommt? Was hältst du denn vom guten alten Simsalabim?“
„Du gehörst wirklich zum Altglas. Hast Angst, dass du ein paar hundert Jahre da drin bleiben musst, was?“
„Du etwa nicht? Ich sehe ein, dass wir in die Lampen müssen, wenn wir die Höhle verlassen wollen. Doch bitte mit Perspektive! Ich hab von Kollegen gehört, denen die Zeit ganz schön lang geworden ist. Drehen und zusätzlich das richtige Kennwort sagen ist ja auch nicht so einfach.“
„Simsalabim ist viel zu konservativ. Da sprichst du nur die Wunderlampenkenner an, die auf verstaubte Märchen stehen. Ich will die junge Zielgruppe erreichen. 'Reiben ist geil!' wäre super, oder 'Das ist meine Lampe!'. Aber traditionell muss es ja leider ein einzelnes Wort sein.“
„Und da bist du auf Agnumamad gekommen? Was soll denn das eigentlich heißen?“
„Ausnehmend geistreich, natürlich unbegrenzt, mache alles, musst aber drehen!“
„Hä, kapier ich nicht!“
„Man beachte die Anfangsbuchstaben ... na, klingelt's?“
„Du bist so ziemlich der bescheuertste Flaschengeist, den ich kenne. Da kommt doch kein Mensch drauf. Eher wird 'Sesam öffne dich' zum Zugangscode für Fort Knox, bevor jemand dein beknacktes Wort rät! Ganz davon abgesehen solltest du an deinem Äußeren noch etwas tun. Für ein ansprechendes Design braucht es ein Aussehen à la DIN.“
„À la DIN? Nix da! Aus mir macht niemand was Genormtes. Und jetzt ab in die Lampen.“

Kand el Aber wartete, bis die beiden Nebelschwaden sich selbst verkorkt hatten. Er blieb eine Weile liegen, stand vorsichtig auf und sammelte die zwei Öllampen ein. Zum Glück konnte er die Wunderdinger auseinander halten. Draußen vor der Höhle nahm er sich den konservativen Leuchtkörper, drehte dessen Verschluss und sagte: „Simsalabim.“ Der Geist kam heraus und stellte erfreut fest: „Das ging erfrischend flott. Danke! Nun erfülle ich alle deine Wünsche bis an dein Lebensende. Doch zuerst musst du deine Vergangenheit hinter dir lassen und dir einen neuen Namen geben.“
„Wie wäre es mit Aladin? Hab ich vorhin gehört und ich kenn auch niemand, der so heißt.“
„So sei es, Aladin, ich bin jetzt deine Wunderlampe.“
„Wo sind eigentlich die ganzen anderen Lampenkollegen von dir? Ein Magier sagte mir, die komplette Höhle sei voll von Leuchten.“
„Die hat vor kurzem schon jemand mitgenommen. Ein Typ, der sich Amp el Mast nannte. Meinte, er würde sie zu irgendwas umbauen.“

Und was ist aus allen geworden?

Amp el Mast ging später noch einmal zu der Höhle zurück und sammelte die ganzen Scherben ein. Er gab sie einem Freund, der unter dem Namen Fi el Mann ein erfolgreicher Brillenhändler wurde.

Aladin überreichte dem alten Bettler die gewünschte Lampe. Doch Ek el Paket mühte sich weit mehr als tausendundeine Nacht mit dem Passwort ab. Er fand es nie heraus.

Der ehemalige Kand el Aber lebte glücklich und zufrieden bis an das Ende seiner Tage.

Und irgendwo im Nahen Osten muss immer noch diese eine, sicher sehr staubige Lampe herumliegen. Wer sie findet, sollte diese Geschichte kennen ...

Letzte Aktualisierung: 26.03.2010 - 14.21 Uhr
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