Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Agnumamad | März 2010
Werkskunst
von Marika Bergmann



Er steht am Küchenfenster. Sein Daumen spielt an der Riffelung des Kronkorkens. Es ist früh. Er wird sich ein Brot schmieren. Er wird nicht in den Park gehen oder durch die Stadt. Er wird nicht am Baustellenzaun stehen und zusehen. Er hatte zugesehen. Als seine alte Firma abgerissen wurde. Er sieht zu. 



Er steht am Küchenfenster. Seine Hand streicht über den Flaschenhals. Die neue Plakatwand auf der anderen Straßenseite verdeckt die Backsteinmauer. Die weiße Fläche ragt in den Himmel. Er sieht den Hochofen nicht mehr – er ist noch dort. Steht im Schutt. Altes Eisen geschwärzt von alten Schloten.

Er steht am Küchenfenster. Dunkles Glas liegt schwer in seiner Hand. Er denkt an den Tag. Als ihm gesagt wurde, er sei zu alt. Zu alt für die Arbeit am glühenden Stahl. Er blieb nicht mehr lange. Sauber war sie – die weiß geflieste Waschkaue – wo er auf seine Kollegen wartete.

Er steht am Küchenfenster. Fährt am Etikett der Flasche entlang. Er hört hinter der weißen Wand die Güterwaggons – kreischend schieben sie sich über die Weichen am Stellwerk.

Er steht am Küchenfenster. Beobachtet den Plakatkleber. Ein schmaler, dunkler Streifen überdeckt jetzt ein Drittel vom Weiß. Grau und zerklüftet ist das Gesicht am Rand. Das Papier hält fest. Sein Blick folgt der Klebekante. Rote Buchstaben schreien:

A
G
N
U
M
A
M
A
D

Er steht am Küchenfenster. AGNUMAMAD ist der Anfang. Er schluckt. AGNUMAMAD ist woanders. Weit weg ... die neuen Anlagen. Geblieben sind Ruinen. Neue Denkmäler. Man lässt sie stehen. Für die, die kommen – ,Deutsches Kulturgut‘ sozusagen. Prost!

Er steht am Küchenfenster. Setzt den Öffner an ... es zischt. Nichts ist mehr wie es war. Als er seine Arbeit noch hatte. Jetzt hat er Zeit. Es regnet. Hier im Regen möchte er auch nicht stehen und Plakate ankleben müssen. Der geht! … Der Plakatkleber geht! Was der wohl verdient?

Er steht am Küchenfenster. Trinkt sein Bier. Starrt auf das unfertige Plakat mit dem alten Arbeiter und den roten Buchstaben.

A – ALLES
G – GANZ
N – NEU
U – UND
M – MODERN
...

Er steht am Küchenfenster. Macht noch ein Bier auf. Die Scheibe beschlägt von seinem Atem. Sein Zeigefinger schreibt die letzten Zeilen zu Ende.

Er steht am Küchenfenster und lacht. Die Nacht ist noch lang und schlafen konnte er nachts nie. War er es doch gewohnt, abends am Hochofen zu stehen und die Fehler in den Stahlplatten anzuzeichnen. Er hat noch Farbe im Keller ...

Er steht am Küchenfenster. Es ist Sonntag. Ein frisches Bier. Sonntag ist für ihn wie jeder Tag. Dietrich betrachtet sein Werk:



ALLES
GANZ
NEU
UND
MODERN!
ARBEITEN
MÜSSEN
ANDERE!
D.

Letzte Aktualisierung: 26.03.2010 - 14.17 Uhr
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