Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Agnumamad | Mńrz 2010
Agnumamad, Gott
von Hank (derhank)

Es wurde kalt, als Agnumamad die Hackeschen H├Âfe betrat. Er wickelte den Seidenschal enger und kn├Âpfte seinen Kaschmirmantel zu. Wohlwollend betrachtete er ein teures Gem├Ąlde der Galerie Aedes.
Neben dem Torbogen fischte ein alter Mann leere Flaschen aus einem Papierkorb. Der Kerl trug einen geflickten, schmutzigen Anzug, abgewetzte Schuhe und einen altmodischen Hut. Sein langer, wei├čer Bart war verfilzt und zottelig und zog an ihm wie eine Last.
┬╗Gott!┬ź, rief Agnumamad, ┬╗was f├╝r eine ├ťberraschung! Du in Berlin?┬ź
Der Alte hatte M├╝he, Agnumamad zu erkennen.
┬╗Und selbst?┬ź, kr├Ąchzte er heiser. Seine m├╝den Augen sahen zu Agnumamad auf. ┬╗Siehst gut aus, gro├č, stattlich, so sch├Ân frisiertes schwarzes Haar, braun gebrannt. Mensch, Lucifer ...┬ź
┬╗Agnumamad! Ich hei├če jetzt Agnumamad!┬ź
┬╗F├╝r mich immer noch Lucifer, wandelbare Schlange!┬ź
┬╗Ach V├Ąterchen┬ź, sagte Agnumamad, ┬╗die Zeiten ├Ąndern sich.┬ź
┬╗Was soll denn das bedeuten, 'Agnumamad'?┬ź
┬╗Einst hie├č es 'Agnus Dei'. Aber was sollen die Leute noch mit einem Lamm Gottes? Ich bin das Lamm des Mammon! Denn das Geld ist es, woran die Menschen glauben, nicht Gott! Das Geld selbst ist Gott geworden!┬ź
┬╗Gott? Niemals! Es steht geschrieben: 'Du sollst neben mir keine anderen G├Âtter ...'┬ź
┬╗Oh doch, schon Br├╝derchen hat gesagt: 'So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist ...'. Der Kaiser aber, das bin jetzt ich, Gottkaiser ...┬ź
┬╗Du bist immer noch mein Sohn! Wenn auch der missratenste, den ich je hatte!┬ź
┬╗Dein Sohn ... Versto├čen hast du mich!┬ź
┬╗Und doch bin ich dein Herr, der einzige, wahrhaftige Gott der Welt!┬ź
┬╗Du glaubst noch immer, dass du das alles hier erschaffen hast?┬ź
┬╗Ich BIN der Sch├Âpfer!┬ź
Agnumamad lachte schallend, ┬╗Du bist ein Kind der Kultur, eine Erfindung wie das Rad oder Hypothekenzinsen. Du bist die Sch├Âpfung der Menschen!┬ź
Gott sank in sich zusammen, ┬╗Du aber auch!┬ź
┬╗Aber ich stehe dazu!┬ź, Agnumamad machte eine ausladende Handbewegung, ┬╗Und ICH herrsche jetzt. Alle sechs Milliarden sind mir h├Ârig! Keiner kommt mehr ohne mich aus!┬ź
┬╗Ohne mich erst recht nicht!┬ź, schimpfte der Alte.
┬╗V├Ąterchen ...┬ź, Agnumamad t├Ątschelte ihm auf den verbeulten Hut, ┬╗Ich war mal dein Sohn. Und Jesus mein Bruder. Aber das ist Legende. Ich habe mich adoptieren lassen ...┬ź
┬╗Falsch wie du bist!┬ź
┬╗Falsch? Ich bin!┬ź
┬╗Papierschnipsel, Blechtaler, Plastikkarten ...┬ź, lamentierte der Alte.
┬╗Woran sie alle glauben! Nur ihr Glaube macht mich so wertvoll.┬ź
┬╗Dich kann man nicht essen, nicht trinken, nichts ...┬ź
┬╗Und dich noch viel weniger!┬ź, konterte Agnumamad.
┬╗Ich bringe die Hoffnung!┬ź
┬╗Hoffnung? Worauf? Auf ein ewiges Halleluja in deinem abgehalfterten Jenseits?┬ź
┬╗Ich rette!┬ź, Gott stampfte mit den F├╝├čen aufs Pflaster, ┬╗Schei├če!┬ź
┬╗Du?┬ź, Agnumamad grinste, ┬╗ICH rette! Meine Versprechen sind echt: Kleinwagen und Lebensversicherungen. Das t├Ąglich Brot bin ich, nicht du!┬ź
Der Alte streifte sich den Fu├č an der Bordsteinkante ab, ┬╗Deine Versprechen ... Krankheit und Tod machen sie zunichte! Wie viele Kriege werden f├╝r den Mammon gef├╝hrt?┬ź

Agnumamad lie├č den Alten grollen. Sie gingen ein St├╝ck zusammen, spazierten durch die Friedrichstra├če mit ihren luxuri├Âsen Schaufenstern.
┬╗Hier glaubt niemand mehr an dich!┬ź, frohlockte Agnumamad.
An einer Stra├čenlaterne blieb Gott stehen. Er betrachtete einen Aufkleber: arabische Schriftzeichen und stilisierte Krumms├Ąbel. Sein Antlitz leuchtete auf.
┬╗Heiliger Krieg ...┬ź, fl├╝sterte Gott.
┬╗Heiliger Bimbam!┬ź, Agnumamad verdrehte die Augen.

Sie bogen in die Oranienburger Stra├če ein und w├Ąren beinahe mit einem der M├Ądchen zusammengesto├čen, die hier standen.
Sie stritt gerade mit den anderen, schrie ┬╗Schei├če, Russen, Schei├če!┬ź, und die Beschimpften kreischten zur├╝ck: ┬╗Das nix deine Platz! Verschwinde, unsere Platz, nix deine!┬ź
Agnumamad breitete die Arme aus: ┬╗Meine Damen ...┬ź
Das M├Ądchen wandte sich den beiden M├Ąnnern zu. Sie hatte blutige Kratzer im Gesicht, die blonden Locken waren zerrauft und ihre Netzstr├╝mpfe zerrissen. Nur ein Fu├č steckte noch im goldfarbenen Pumps, der andere stakste auf Zehenspitzen ├╝bers Pflaster.
Ein Gel├Ąndewagen hielt mit tuckerndem Motor neben ihnen.
┬╗Helfen bitte!┬ź, wimmerte sie, ┬╗das gro├čen ├ärger machen, das Mann mich totschlagen!┬ź
Der Allm├Ąchtige baute sich vor dem aussteigenden Luden auf, ┬╗Weiche zur├╝ck, du S├╝nder, ich ...┬ź
Der Kerl stie├č Gott beiseite und st├╝rzte sich auf Agnumamad. Der aber z├╝ckte nur ein dickes B├╝ndel Scheine. Das reichte. Einen Augenblick sp├Ąter waren das M├Ądchen, Gott und Agnumamad unter sich.
┬╗Ich keine Mann hier geh├Âren, hier russisch, ich aber Polin┬ź, erkl├Ąrte sie, ┬╗doch Sie sind guter Mann, Sie gute zwei Mann, Sie helfen. Wo ich gehen? Ich kein ... Wohnung, kein Schlafplatz, ich nur Bett, wenn machen Liebe!┬ź
┬╗Machen Liebe?┬ź, Gott runzelte die Stirn.
┬╗Ja ...┬ź, sie sah ihn an, ┬╗Sie wollen, ich Liebe machen? Ich machen, aber Sie helfen!┬ź
┬╗Nein, nein, nein! Ich mache keine Liebe!┬ź, Gott wurde rot, sah Agnumamad hilflos an und zischte ihm zu: ┬╗Lass uns verschwinden!┬ź
┬╗Verschwinden? Und das M├Ądchen ihrem Schicksal ├╝berlassen? Du, der Barmherzigste der Barmherzigen?!┬ź
Gott sah zu Boden. ┬╗So war das nicht gemeint, ich, ├Ąh, ich, wir k├Ânnten ihr ein bisschen Geld ...┬ź
┬╗Geld?!┬ź, fragte Agnumamad.
┬╗Na, du hast doch ...┬ź
┬╗So kl├Ąglich r├Ąumt der Herr das Feld?┬ź, schimpfte Agnumamad, ┬╗Erst verst├Â├čt du mich, und dann soll ich deinen Job machen?┬ź
Gott knirschte mit den Z├Ąhnen. Das M├Ądchen hatte M├╝he, der Unterhaltung zu folgen. Ihr Blick wanderte zwischen den beiden hin und her, doch schien sie die N├Ąhe des Alten zu bevorzugen.
┬╗Du helfen arme kleine Jodwiga! Ich in Not! Gro├če Not, ich nix machen kann!┬ź
┬╗Also gut ...┬ź, Gott r├Ąusperte sich, ┬╗ich k├╝mmere mich um dich ...┬ź
Sie fiel ihm um den Hals und jauchzte, ┬╗du nix bereuen, ich dich gl├╝cklich machen!┬ź
┬╗Wenn das so ist┬ź, raunte ihm Agnumamad zu und grinste, ┬╗dann regle ich das Finanzielle nat├╝rlich gerne ...┬ź

In einer Nebenstra├če fanden sie ein Hotel. W├Ąhrend der Alte mit seiner Anvertrauten ein kleines Zimmer bezog, h├╝llte sich Agnumamad schweigend in seinen Mantel und verharrte auf dem Flur.
Aber der Teufel w├Ąre nicht der Teufel, triebe ihn nicht die Neugier. Bald l├Âste er sich aus seinem Schatten und schlich vor die Zimmert├╝r. Von innen h├Ârte er Jodwigas gespieltes St├Âhnen und die ├╝berhaupt nicht gespielte Reaktion ihres vermeintlichen Erl├Âsers. Agnumamad schaute durchs Schl├╝sselloch: Voller Hingabe lag der Allm├Ąchtige unter dem baumelnden Elfenbeinkreuz des nackten M├Ądchens.
┬╗Ich bin dein Herr, dein Gott!┬ź, keuchte er, ┬╗glaube an mich und gehe ein in mein Reich, gebenedeit seist du ...┬ź
Jodwiga hielt inne und sah ihn mit gro├čen Augen an.
┬╗Was ist ...?┬ź, fragte der Alte.
┬╗Du nix Witze machen ├╝ber Religion! Ich katholisch, ich gl├Ąubig! Ich machen Liebe aus Not! Mein Mann Gef├Ąngnis! Gut Mann, nix b├Âse! Unschuldig! Du keine Witze machen ├╝ber Gott!┬ź
┬╗Aber ich BIN Gott!┬ź
Sie schrie auf, strampelte mit den Beinen und schlug dem armen Wei├čbart ins Gesicht. Gest├Ąrkt von so viel religi├Âser Inbrunst b├Ąumte der sich auf.
┬╗Mensch, Gott┬ź, sagte Agnumamad und brach durch die T├╝r.
Das M├Ądchen eilte in seine Arme. ┬╗Du helfen! Dies Mann verr├╝ckt! Dies Mann Sekte! Ich nix Sekte, ich nur Geld brauchen. Helfen mein armer Mann!┬ź
Sie begrub den Kopf in Agnumamads Schultern und schluchzte.
┬╗Schsch...!┬ź, machte der, ┬╗Ich helfe dir ja!┬ź
Am├╝siert bemerkte er ihre tastende Hand in seiner Manteltasche und zeigte Gott die Siegerfaust.
Dessen Geduld war zu Ende. Wutschnaubend richtete der himmlische Vater sich zu seiner vollen Gr├Â├če auf, und nur der lange Bart bedeckte seine Bl├Â├če.
┬╗Genug!┬ź, donnerte er, dass das ganze Haus erzitterte, ┬╗du hast mich lange genug zum Narren gehalten, ich sto├če dich zur├╝ck, dahin, wo du hingeh├Ârst ...┬ź
Agnumamad schob das M├Ądchen sanft aber bestimmt zur Seite. Und schon fiel Gott br├╝llend ├╝ber ihn her. Polternd st├╝rzten sie zu Boden und rangen miteinander. Jodwiga starrte ungl├Ąubig auf den Kampf. Dann kleidete sie sich an und raffte die aus dem Get├╝mmel herausflatternden Geldscheine zusammen. Triumphierend k├╝sste sie ihr Kreuz und huschte aus dem Zimmer.

Zur├╝ck blieben die Menschens├Âhne. ├ächzend und keuchend w├Ąlzten sie sich in ihrem Schwei├č, eng umschlungen wie Liebende.

Letzte Aktualisierung: 21.03.2010 - 21.30 Uhr
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