Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Ein Held | April 2010
Mensch Rüdiger
von Renate Hupfeld

Woher kam der Knall? Uli Meißner sprang von seinem Schreibtisch auf und lief zur Tür, einige Schüler rannten hinaus auf den Flur. Von oben kamen sie die Treppe hinuntergestürmt. „Da rennt einer rum und schießt wild um sich“, hörte er in dem Gekreische. „Los! Los! Los! Schnell raus hier! Treppe runter! Raus aus dem Gebäude! Alle nach draußen!“ Sie drängelten und schubsten. Kreidebleiche Gesichter, Angst in den Augen. Einige schrieen, andere hielten sich am Arm eines Mitschülers fest und ließen sich mitziehen. Dann war es still im Gang.
Er schaute über die Tische im Kunstraum, wo er gerade noch Unterricht gemacht hatte. Angefangene Aquarelle, Taschen neben den Stühlen und Jacken auf den Lehnen. Den Raum abschließen. Auch den benachbarten Materialraum verschloss er. Oder sollte er doch lieber die Türen offen lassen wie beim Feueralarm? Einen Augenblick lang war er völlig ratlos. Ob wirklich alle draußen waren? Sollte er noch mal oben nachsehen? Was würde ihn erwarten nach all den Schüssen und den entsetzlichen Schreien? War es überhaupt richtig gewesen, die Schüler hinauszuschicken? Totenstille jetzt.
Die Tür des Physikraums stand offen. Er schaute hinein und wich entsetzt zurück. Die Kollegin saß auf ihrem Stuhl, den Kopf auf dem Tisch in einer Blutlache. Daneben auf dem Boden eine Schülerin leblos in ihrem Blut. Hilfe musste her, ganz schnell. Er rannte zum Fenster an der Treppe und riss es auf. Polizei- und Ambulanzwagen unten auf der Straße.
„Hilfe! Notarzt! Sanitäter! Kommen Sie! Ganz schnell!“, schrie er hinaus.
„Was tun Sie noch da oben?“, brüllte ein Polizist. „Verlassen Sie das Gebäude! Sofort!“
Was wussten die denn da draußen? Sie verstanden gar nichts. Er konnte jetzt nicht einfach weglaufen. Wahrscheinlich waren die beiden tot. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht waren sie nur bewusstlos. Was sollte er nur tun? Erste Hilfe hatte er nicht geübt. Am Ende machte er alles nur noch schlimmer.
Das war doch was. Schlurfende Schritte. Er drehte sich herum und erstarrte. Ein schwarzes Phantom fuchtelte mit einer Pistole herum, stieß sie ihm zwischen die Rippen. Er ging rückwärts, das Monster hinterher. Durch die Sehschlitze der Maskierung hindurch fixierte er die Augen des Vermummten und konnte erkennen, wie sie hektisch hin- und herzuckten. Nicht schwach werden jetzt. Aufrecht stehen, so gut es ging mit den schlotternden Knien. Aus Gewohnheit versuchte er, den Schlüsselbund in die Hosentasche zu stecken, den er immer noch in der Hand hielt. Dabei merkte er, dass seine Finger fürchterlich zitterten, sodass er immer daneben griff. Endlich geschafft. Die Nerven. Ihm wurde übel. Ja nicht umfallen. Er zwang sich, weiter den Maskierten zu fixieren. Ihm war sogar, als ob auch dessen Finger heftig zitterten. Er spürte, wie der Druck der Pistole ein wenig nachließ. Plötzlich zog sich der Schwarze die Maske vom Gesicht. Der Lehrer erkannte seinen ehemaligen Schüler.
„Mensch, Rüdiger, du? Hast du das alles gemacht? Hast du geschossen?“
Schwer atmend drückte der Demaskierte ihm die Pistole fester auf das Brustbein. Eigentlich müsste Uli Meißner die Nerven verlieren, hing doch sein Leben an diesem kleinen Abzugshebel, den der Finger einer zitternden Hand jeden Moment auslösen konnte.
‚Ich stecke in der Falle’, dachte er sich, ‚jede Bewegung kann tödlich sein.’
„Erschieß mich, aber sieh mir in die Augen dabei.“ Ganz ruhig sagte er das.
Nach kurzem Zögern ließ der Angreifer den Arm mit der Waffe sinken.
„Erst einmal reicht’s, Herr Meißner.“
„Besser ist das. Und nun? Was hast du nun vor?“
„Wenn ich das nur selbst wüsste.“
Immer die gleiche Frage, immer die gleiche Antwort. Und jetzt dieses unfassbare Grauen.
Uli Meißner gelang es, sein Entsetzen zu verbergen. „Da hast du dich ganz gewaltig in die Scheiße geritten und bist so was von ratlos“, sagte er. „Wie willst du nur rauskommen aus diesem Desaster?“
Wie ferngesteuert nestelte er in der Hosentasche, fand den gesuchten Schlüssel zwischen all den anderen und umklammerte ihn. Er ging die paar Schritte zum Materialraum, öffnete die Tür und ließ sie offen stehen. Der Amokschütze war ihm gefolgt und schaute ein wenig verlegen hinein.
„Wie lange ist das jetzt her, Rüdiger? Weißt du noch?“
„Ja, ich erinnere mich. Sie fanden meine Bilder nicht schlecht. Das Plakat in Schwarzweiß. Nicht einmal der Totenkopf hat Sie geschockt.“
„Obwohl ich mich immer gefragt habe, warum du so düstere Bilder malen musstest. Schwarz war deine Lieblingsfarbe. Besonders Friedhöfe hatten es dir angetan.“
„Eins meiner Gräberfelder hatten Sie sogar im Materialraum ausgestellt. Hängt das da noch?“
„Schau nach. Hier kennst du dich doch aus.“
Rüdiger ging hinein und ließ sich erschöpft auf den Stuhl fallen, Uli Meißners Stuhl vor dem großen Tisch, an dem er immer saß, Bilder der Schüler zum Benoten auslegte, Skizzen und Berichte erstellte, seit vielen Jahren seine Rückzugsoase im nervenaufreibenden Schulbetrieb.
„Ich bin sofort zurück“, sagte der Lehrer und schloss von außen ab.
Immer noch den Schlüsselbund in der Hand, lief er den Gang entlang zur Treppe. Da kamen sie schon heraufgestürmt, zwei, drei Männer mit vorgehaltenen Waffen.
„Ist er hier?“, fragte einer. „Haben Sie den Täter gesehen?“
„Ja, aber holen Sie schnellstens Hilfe, dorthin.“ Er zeigte auf die Tür des Physikraums.
„Ist schon unterwegs. Wo ist er? Wir müssen das brutale Schwein finden, bevor es noch mehr Tote und Verletzte gibt.“
„Kommen Sie mit“, forderte der Lehrer die Männer auf. Sie folgten ihm. „In dem Raum ist er. Ein ehemaliger Schüler. Nehmen Sie diesen Schlüssel. Äußerste Vorsicht, der junge Mann ist schwer bewaffnet.“
In dem Moment fiel drinnen ein Schuss.
Uli Meißner ließ sich von einem der Männer wegführen.

Letzte Aktualisierung: 20.04.2010 - 20.41 Uhr
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