Mainhattan Moments
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Ein Held | April 2010
Pfingstrosenträume
von Elsa Rieger

Auf dem niedrigen Couchtisch steht ein glatter weißer Krug.
Heuer bl√ľhen die Pfingstrosen wirklich zu Pfingsten. Ein seltenes Ereignis in diesem Klima, denn meist ist es Ende Mai noch zu k√ľhl. Der Krug ist dicht gef√ľllt mit den gro√üen Bl√ľtenballen. Einige sind zartrosa, andere tiefrot, zur Mitte hin fast schwarz. Schwer neigen sich die Blumenk√∂pfe √ľber den Rand des Gef√§√ües.

Ein kleiner Junge von eineinhalb Jahren versucht seine ersten selbständigen Schritte in dieser Wohnung. Er wackelt auf den kurzen, dicken Beinchen in das sonnendurchflutete Zimmer, angespornt von den Bravorufen der Erwachsenen.
Wie Daunenfedern kleiner K√ľken kringelt sich sp√§rliches Goldhaar im Nacken des Kindes.
Der Junge versteht nicht, wor√ľber die Erwachsenen lachen, doch er findet es h√ľbsch, wie sie die Lippen √∂ffnen, die Z√§hne zeigen. Er selbst hat erst acht kleine wei√üe Perlen im Mund. Ihm gefallen die kehligen Laute, die aus den gro√üen Menschen hervorkullern. Es sind √§hnliche T√∂ne, wie er selbst sie erzeugt. Noch findet er die ganze Welt zum Lachen, noch kennt er keine b√∂sen Blicke, herben Worte. Man n√§hert sich ihm mit z√§rtlich glucksenden Stimmen. Er wei√ü nichts von Hunger und Durst, denn ehe er etwas davon versp√ľren k√∂nnte, wird ihm schon ein Fl√§schchen mit warmer, s√ľ√üer Milch gereicht. Seine blauen Augen schlie√üen sich im Genuss der wohlschmeckenden Fl√ľssigkeit. Seine Haut ist rosig und glatt.

In ein, zwei Jahren wird der Junge wei√üe Zeichenbl√§tter mit √ľppigen, bunten Blumen bemalen, zwischen denen Strichm√§nnchen stehen ‚Äď Papa, Mama und ich, wird er erkl√§ren. Die Streitigkeiten der Eltern finden hinter geschlossenen T√ľren statt, und nur, wenn er schl√§ft.

Der Kleine entdeckt die rosarote Bl√ľtenpracht. Er brabbelt und streckt die Arme danach aus.

Wenn er sp√§ter den Kindergarten besucht, wird seine Seele die ersten Kratzer abbekommen. Vielleicht wird er sich nach der Zuneigung eines Kindes sehnen, das ihn nicht leiden kann; er wird es akzeptieren m√ľssen und dann dasselbe einem kleinen M√§dchen antun. Das M√§dchen wird weinen, weil es die zugef√ľgte Kr√§nkung nicht versteht.

Sp√§ter, in der Schule ‚Äď er wei√ü bereits um Kriege und Grausamkeiten durch das Fernsehen, und es ist ihm auch nicht verborgen geblieben, dass sich in der Familie √§hnliche K√§mpfe zutragen, hat seine Seele schon mehrere schwarze Tupfen, klein wie Sommersprossen, aber ebenso dauerhaft. Er z√∂gert, wenn ihm ein Fremder ein Bonbon anbietet, man wei√ü schlie√ülich nicht, ob man daf√ľr eine Gegenleistung erbringen muss. Gekr√§nkt steckt der Fremde die S√ľ√üigkeit selbst in den Mund und geht seiner Wege.
Der Junge wird viel lernen w√§hrend der Schulzeit; Tritte einstecken, Tritte austeilen, vor Lehrern buckeln ‚Äď nach einigen Strafarbeiten kann man das; er wird gef√§lschte Unterschriften unter schlechte Zensuren setzen, weil er die traurigen Blicke der Eltern, ihre stummen Bitten ‚Äď hoffentlich wird noch was aus dem Jungen, unertr√§glich findet.
Und wenn ihm unerwiderte Liebe fast das Herz zerrei√üt, wird er trotzdem cool und l√§ssig nicht einmal hinsehen, wenn die Angebetete vor√ľberschwebt. Er wird einen Joint zur Beruhigung rauchen. Die Eltern werden dahinterkommen und zitternd hoffen, dass er seinem K√∂rper nichts Schlimmeres antut.

Die Pfingstrosen sind voll erbl√ľht. Da f√§hrt ein Windsto√ü durch das Fenster herein, streift die Blumen. Zwei rosa Bl√ľtenbl√§tter l√∂sen sich und fallen auf den Tisch. Erstaunt schaut der Junge sie an, dann hebt er den Kopf zu den Erwachsenen, die hoch √ľber ihm auf ihn herabl√§cheln. Dass B√§lle sich zerteilen k√∂nnen, ist ihm neu.

Zum Leidwesen der Eltern wird der Sohn zu einem radikalen Soziologiestudenten. Er ist aktenkundig bei der Polizei, weil er keine Demonstration gegen Hunger und Krieg auslässt.
Vielleicht h√§tten wir nicht alles fernhalten sollen von ihm, √ľberlegen die Eltern, dann h√§tte er sich besser damit anfreunden k√∂nnen, dass der Anteil der Zerst√∂rer dieser Welt hoffnungslos gro√ü ist ...

Er wird in eine Wohngemeinschaft von Hausbesetzern ziehen, weil er die sorgenvollen Gesichter der Eltern nicht mehr sehen kann. Nach Beendigung des Studiums schlie√üt er sich einer Gruppe von Entwicklungshelfern an und reist nach Afrika. Mit drei√üig kommt er zur√ľck, die Seele verdunkelt vom Kummer, den hilflosen, nutzlosen Anstrengungen der letzten Jahre. ‚ÄěDie Babys sterben wie die Fliegen an den ausgezehrten Br√ľsten ihrer M√ľtter. Wei√ü der Kuckuck, wohin das viele Spendengeld verschwindet. Diese Welt ist dreckig.‚Äú Sein L√§cheln ist bitter.

Zwei unsichere Schritte trennen den Jungen noch von dem Krug. Er bew√§ltigt sie ohne fremde Hilfe. Langsam streckt er die Arme aus ‚Äď er wird die Rosen abrei√üen, f√ľrchten die Erwachsenen.
Doch er legt die kleinen, runden H√§nde behutsam um eine der Bl√ľten. Verwundert bef√ľhlt er die k√ľhle, seidige Pfingstrosenhaut. Ein s√ľ√ües L√§cheln spielt um den winzigen Mund, sanft streichelt das Kind den rosigen Ball.

Letzte Aktualisierung: 16.04.2010 - 00.33 Uhr
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