Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Ein Held | April 2010
Eine Heldentat
von Christian Ahlhelm

Hey, Kumpel. Mein Name ist Günter, Günther Raifeisen. Gestern bin ich sechzig geworden. Für mich Grund genug zur Freude. Hätte nie im Leben gedacht, dass ich mal so alt werde. Warum? Um dir das zu erklären, müssten wir beide zusammen eine kleine Zeitreise unternehmen. Magst du mich dabei begleiten?

Es war die Zeit damals, in den frühen Neunzigern. Man nannte mich Eisen. Weshalb? Klaro, mein Nachname und so. Aber nicht nur. Ich war auch ein absoluter Motorradfreak und auch selber ein ganz schön heißes Eisen. Besser gesagt, ein skrupelloser Mistkerl, ohne einen Hauch von Mitgefühl.

Wozu auch Mitleid, wenn man der wohl berüchtigtsten Rockertruppe Deutschlands, den „Hells Angels“, angehört. Du hast sicher schon in den Nachrichten von ihnen und ihren kriminellen Machenschaften gehört. Ich sag immer: Drogen, Menschenhandel und Zuhälterei - die „Hells“ sind dabei!

Damit hatte ich allerdings nur am Rande zu tun. Meine Spezialität war der Straßenkampf. Wenn die Fäuste flogen und die Knarren scharf waren, war das Eisen vorne mit dabei. Diese Entwicklung fand
ihren traurigen Höhepunkt 1995, bei einer heftigen Auseinandersetzung mit den „Bandidos“, unserer ärgsten Feinde. Wie besessen hatte ich auf einen Rocker eingeprügelt, auch noch als dieser sich bereits am Boden krümmte und letzten Endes blutüberströmt und bewegungslos dalag.

Nur in Gemeinschaft von anderen Brutalos fühlte ich mich stark. Sonst hielt ich mich für einen echten Loser und Taugenichts. Dies wurde mir besonders in meiner Zeit vor den „Hells“ bewusst, wenn ich in meinem 19 Quadratmeter großen Loch hockte und mir sinnlos die Rübe wegknallte. Nüchtern konnte ich diese Bruchbude schon lange nicht mehr ertragen. Der Müll türmte sich fast wie bei einem Messie und es roch nach einer Mischung von kaltem Rauch, fauligen Essensresten und Männerschweiß.

Wieso alles den Bach herunter gegangen war? Ich sage nur 1989. Da verlor ich meine Arbeit im Sanitär- und Heizungsfachgewerbe. Diese Arbeit war knüppelhart, na klar! Da frag mal meinen Rücken. Doch immerhin stimmte die Kohle und mein Dasein verlief in halbwegs geregelten Bahnen.

Das war nun anders. Mit dem Job war auch der Halt in meinem Leben futsch. Selbst das Motorradfahren machte keinen Spaß mehr und schon nach kurzer Zeit, machten sich Gefühle der totalen Hoffnungslosigkeit in mir breit. Zu den Beratungsgesprächen beim Arbeitsamt ging ich nicht hin, denn ich hatte keinerlei Motivation einen neuen Job anzunehmen.

Über einen Bikerkollegen kam ich schließlich zu den „Hells“. Mit mehreren brachte das Cruisen wieder Laune. Und ich konnte mir das Arbeitslosengeld aufpolieren. Ein schlechtes Gewissen deswegen, hatte ich nur am Anfang, denn ich betäubte es rasch mit reichlich Hochprozentigem.
Mit Hilfe des gefährlichen weißen Pulvers machte ich die Nächte durch.

Eines Tages kam so ein Typ an. Ich war mit meinem Kumpel Manni am Steintor in Hannover unterwegs. Das Steintor ist ein Rotlichtbezirk und so etwas wie die Zentrale der „Hells Angels“.
Trotz völliger Breitheit, fiel mir sofort sein merkwürdig gutmütiger Gesichtsausdruck auf, der weder zu der Gegend noch zu seinem Rocker-Outfit passte. Grinsend drückte er uns einen Flyer in die Hand und fragte: „Jungs, habt ihr Bock auf ein Rockkonzert?“ Ich hatte Bock, Manni weniger.

Das Konzert fand in einem Schuppen statt, den ich nicht einmal vom Hörensagen her kannte. „Die Rockende Braut“, las ich über der Eingangsfassade. Es gab weder Eintrittsgeld noch Türsteher. Und noch etwas irritierte mich: Die Gastfreundschaft, mit der man mir hier begegnete. Es juckte mir richtig in den Finger, als ein Typ mich einfach so anlächelte. Der Kerl muss schwul sein, dachte ich und bestellte mir am Tresen ein Bier. Selbst der Barkeeper hatte einen ungewöhnlich freundschaftlichen Blick drauf.

In diesem Laden war irgendwie alles scheiße freundlich. Sogar die Musik. Lauter Gitarrenrock und dennoch harmonisch und fast überhaupt nicht aggressiv. Eigentlich hätte mich das alles fuchsteufelswild machen müssen. Normalerweise hasste ich solche „Heile-Welt-Veranstaltungen“ wie die Pest. Aber von diesem Lokal ging eine beispiellose Energie aus. Das spürte selbst ich, mit meinem steinharten Herzen. Diese Energie war sogar stärker als meine Wut.

Schließlich kam ich mit einem Mann ins Gespräch. Das war außergewöhnlich, denn im Normalfall konnte ich es gar nicht leiden, von wildfremden Leuten angequatscht zu werden. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich ihn wieder. Es war der Bursche, der mich eingeladen hatte. Wieder fiel mir seine krasse Ausstrahlung auf. „Ich bin Uwe, und wer bist du“, fragte er neugierig. „Eisen“, antwortete ich. „Kannst mich aber auch Günter nennen.“

Wenig später saß ich mit Uwe draußen, auf einer Bank. Es war eine warme Sommernacht.
„Kennst du Jesus, Mann?“, fragte er. „Wer kennt den nicht!?“, entgegnete ich achselzuckend. Ich erkannte mich überhaupt nicht wieder, denn in der Regel hätte ich einem Typen, der so eine blöde Frage stellt, direkt eine Unterkieferfraktur verpasst. „Möchtest du ihn kennen lernen?“, ließ er nicht locker. „Habe ich dir nicht gerade eben gesagt, dass ich den Lutscher schon kenne?“, erwiderte ich mürrisch.

Irgendwie hatte es der Bursche dann doch geschafft, mich neugierig auf diesen Jesus zu machen. Nichtsdestotrotz vergingen noch einige Monate, bis ich mich wieder bei Uwe meldete. Unter meiner harten Schale war ein weicher Kern. Und ich sehnte mich nach diesem eigenartigen Gefühl des Friedens in meinem Herzen, dass ich in der „Rockenden Braut“ – wie noch nie zuvor – empfunden hatte.

An einem trüben Novembernachmittag, saß ich bei Uwe in der Wohnküche. Nüchtern und deshalb ziemlich tatterig, erzählte ich ihm, dass mir die Sache mit seinem Jesus, seid unserem Treffen, nicht mehr aus dem Kopf gegangen war. Uwe strahlte mich freudig an und erzählte mir einiges von seiner bewegten Lebensgeschichte. Dabei entdeckte ich viele Gemeinsamkeiten zu meiner Story. Ein abwesender Vater, eine vergnügungssüchtige Mutter, Probleme mit Alkohol und Rauschgift, letzten Endes Ausweglosigkeit und Depressionen.

„Und aus all diesen Sachen, hat dich dieser Jesus herausgeholt?“, fragte ich ungläubig.
„Ja und Nein“, sagte Uwe. „Er hat weder die Zeit zurück gedreht, noch mir bessere Eltern gegeben.
Jesus veränderte nicht die Umstände, dafür aber mein Herz. Dank ihm, konnte ich meinen Eltern vergeben und – mit der Zeit – sogar den Schmerz über ihre Versäumnisse verarbeiten.“
„Cooles Ding“, sagte ich.
„Ähnlich war es auch mit den ganzen scheiß Drogen und meinen Depris“, fuhr Uwe fort. Er hat diese Dinge nicht ungeschehen gemacht. Aber als ich begann ihm mehr und mehr zu vertrauen, hat er mich davon befreit.
„Wie befreit?“, fragte ich skeptisch. „Und dann war alles von heute auf morgen weg, oder was?“
„Nee, Alter. Voll nicht! Das war ein total schwieriger Weg. Etliche Drogentherapien, Nachsorge, Seelsorge und der ganze Kram. Leicht war es bestimmt nicht, aber Jesus hat mir die Kraft gegeben, das alles durchzustehen.“
Ich zĂĽndete mir eine Kippe an und nahm einen hastigen Zug.
„Und dieser Jesus kann echt jeden Mist vergeben, den du verzapft hast? Wirklich jeden?
„Ja, jeden!“, sagte er bestimmt.
In diesem Moment spĂĽrte ich einen tiefen Schmerz in mir drin.
„Kann er dir auch vergeben, wenn du einen Menschen zum Krüppel geschlagen hast?“, fragte ich zögerlich, während ich krampfhaft versuchte meine Tränen zurückzuhalten.
„Ja, er würde dir sogar vergeben, wenn du ihn totgeschlagen hättest!“, sagte Uwe und klopfte mir aufmunternd auf die Schulter.

Noch am selben Abend ĂĽbergab ich Jesus Christus mein Leben. Augenblick verspĂĽrte ich Trost fĂĽr den Schmerz der letzten Jahre. Eine Zentnerlast fiel von mir ab. Ich schlief in dieser Nacht so gut wie lange nicht mehr.
Der nächste Tag war ein Sonntag und ich hatte mich um drei mit Uwe in der „Rockenden Braut“ verabredet. Erst jetzt schnallte ich, dass dieser Laden eine richtige Gemeinde ist. Wenn auch eine etwas schräge.

Als die Lobpreisband zu spielen begann, fühlte ich ein angenehmes Kribbeln am ganzen Körper. Uwe erklärte mir, dass es sich dabei um den Geist Gottes handelte. Von diesem Moment an wusste ich, dass
hier mein neues zu Hause war. An diesem Ort fühlte ich mich frei und konnte meine Masken ablegen. Geile Mucke, korrekte Leute – was wollte ich mehr?

Vorher gab es aber noch eine Menge Schwierigkeiten mit den alten Rockerkollegen, die meinen Ausstieg einfach nicht checken wollten. Blöde Sprüche, Drohanrufe, ein mal sogar eine gebrochene Nase. Ich hätte jedenfalls allen Grund gehabt, die Stadt zu wechseln, wenn nicht sogar das Land. Doch Gott wollte mich in Hannover gebrauchen. Das bestätigte er mir mit einigen Gebetserhörungen und sprach auch durch Menschen zu mir.

Keine Ahnung was heute wäre, wenn ich Uwe damals nicht getroffen hätte. Klar, ich hätte guten Kumpanen weniger. Aber vor allem hätte ich meinen besten Freund Jesus, nicht kennen gelernt, der mein Leben vollkommen auf den Kopf gestellt hat. Es hat eine ganz neue Richtung und einen Sinn bekommen. Seit fünf Jahren bin ich clean und trocken und bis dato hatte ich noch keinen Rückfall. Ich lebe meinen Traum und habe vor zwei Jahren meinen eigenen Motorrad-Shop eröffnet. An Rente denke ich noch lange nicht, denn ich fühle mich wie neugeboren. Und ich bin neugeboren, durch Christus. Neulich fragte mich einer meiner Mitarbeiter, wer für mich ein Held ist. Ohne Zögern sagte ich: „Jesus, der König von Nazareth!“

Letzte Aktualisierung: 28.04.2010 - 00.17 Uhr
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