Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Ein Held | April 2010
Ein ganz normaler Tag
von Barbara Hennermann

Die Morgendämmerung zersplitterte im Orgeln des Weckers. Ilkas nackter Arm schoss einer gereizten Viper gleich unter der Bettdecke hervor, zielte auf den Quälgeist. Scheppernd ging er zu Boden und verschied mit einem letzten, anklagenden Ton. Ilka fuhr im Bett hoch und schlug die Decke zurück. Brrr, kalt! Wahrscheinlich hatte die sparsame Vermieterin die Heizung mal wieder abgestellt. Geizige Kuh! Die musste ja auch nicht um halb sieben aus dem warmen Bett! Schlaftrunken stellte Ilka die Füße auf den Boden, wollte gähnend ihre einen Meter siebzig zu voller Länge entfalten – und saß krachend vor ihrem Bett auf dem Hinterteil. „Aua! Taffy, du blödes Vieh! Morgen lass ich dich einschläfern! Was hat ein 14 Jahre alter, halbblinder und -tauber, inkontinenter Cockerspaniel denn noch vom Leben?“ Fluchend stand sie auf und rieb sich die schmerzende Kehrseite. Da kam er auch schon angetappst. Braune Augen sahen zu ihr hoch, eine warme Zunge schleckte über ihren Fuß. „Ach Taffy!“ Sie schloss den Hund in die Arme, streichelte den warmen Kopf. „Ist ja schon gut, mein Kleiner.“ Seufzend holte sie eine Rolle Zewa aus der Küche und wischte die nächtliche Bescherung auf.
„Dann lass Frauchen jetzt erst mal duschen und dann kriegst du dein Fresschen, ja?“ Taffy hatte verstanden, legte sich auf den Badezimmerteppich und ließ sie nicht mehr aus den Augen. Ilka drehte den Wasserhahn auf und ließ das warme Wasser genüsslich über ihren Körper rinnen. Ah, das tat gut! Sie seifte sich ein, nahm die Brause wieder in die Hand, betätigte den Wasserhahn - nichts. Wie? Nichts? Wasser, marsch! Nichts. Da fiel es ihr siedendheiß wieder ein. Gestern, die Durchsage von dem Fahrzeug der Gemeinde. Sie hatte es erst beim zweiten Mal verstanden. „Morgen wird ab 6 Uhr 30 bis 10 Uhr wegen Kanalarbeiten in ihrer Straße das Wasser abgedreht.“ O Gott, was nun? Sie musste doch zur Arbeit! Nass, glitschig und frierend durchforstete sie die Speisekammer. So ein Glück! Der Kasten Mineralwasser war noch fast voll. Sie schleppte die Flaschen unter die Dusche und spülte sich die Seife ab. Mmm, gar nicht so übel, so ein Sprudelwasserbad! Sollte man sich eigentlich öfter mal gönnen …
Erfrischt stellte sie die Kaffeemaschine an. „Na, denn mal los, mein brauner Ritter! Sattle dein Pferd und rette mich!“ (Wo hatte sie nur diese urkomische Geschichte neulich gelesen??)
Es zischte. Es qualmte. Ein unangenehmer Geruch nach verschmortem Gummi breitete sich in der Küche aus. „O nein! Nicht auch noch das!“ Ilka klopfte verzweifelt auf die Maschine. Es zischte, qualmte und stank. Sie zog den Stecker. Dann eben nicht! Wahrscheinlich mochte das Teil keine Kohlensäure? Trotzig schüttete sie etwas Kaffeepulver in einen Becher und überbrühte es mit heißem Mineralwasser. Na also, ging doch auch so! Und schmeckte nicht mal schlecht.
Doch was zum Teufel tat Taffy da? Taffy war offensichtlich satt und hatte den Fressnapf umgedreht. Brauner Matsch bedeckte die Fließen des Küchenbodens. „Taffy! Pfui!!“ Taffys braune Augen leuchteten warm und hingebungsvoll. Ilka beschloss, am Heimweg Trockenfutter zu besorgen … Jetzt war sie sowieso schon viel zu spät dran. Sie lockte Taffy in den Garten. „So, Taffy, fein Pipi machen! Na komm schon. Taffy! Piiipiii!“ Gott sei Dank, wenigstens das hatte geklappt. Nix wie weg nun, die Straßenbahn fuhr pünktlich!
Sie hastete zur Haltestelle. Na klar, das hätte sie sich denken können. Quietschend setzte die sich gerade in Bewegung, als sie um die Ecke rannte. Die nächste fuhr in 10 Minuten …
Es war 10 Minuten nach Acht, als sie im Schulgebäude die schwere Eingangstür aufstieß. Das Hindernis auf deren anderer Seite der Türe erwies sich leider als ihre Rektorin. Die Stimme war spitz, die Rede kurz. „Frau Angermeier, sie sind ja schon wieder zu spät! Das wird Folgen haben!“ Mein Gott, die Frau hatte ja keine Ahnung, was für einen Marathon Ilka schon hinter sich hatte. Dennoch – „ja, ich weiß. Tut mir furchtbar leid. Die Straßenbahn …“ Die Stimme wurde noch spitzer. „Das ist keine Entschuldigung. Sie melden sich morgen früh um halb Acht bei mir, Frau Angermeier!“
Ilka huschte zu den Klassenräumen. 7a. Gegröle. Toben. Poltern. Die Tür ließ sich nur mit Gewalt aufdrücken. Eine Umräumungsaktion war offenbar in vollem Gang. „Ruhe!“ Erstaunte Blicke. Gegröle. Poltern. Plötzlich Stille. Na also, ging doch! Da meldete sich Torsten, ausgerechnet. Der Frechste von allen. „Ja Torsten?“ Warum hatten die alle auf einmal so rote Köpfe? „Äh, Frau Angermeier, sie haben aber einen feschen BH an.“ Prusten und Gelächter. Ilka sah irritiert an sich herunter, erstarrte, riss den Mantel über sich. O mein Gott! Wie hatte das passieren können? Jetzt nur die Ruhe bewahren, Stärke zeigen! „Äh, ja also, ich .. äh .. kam zu einem Unfall, musste Erste Hilfe leisten und .. äh .. nahm meine Bluse als Verbandsmaterial.“ Das Gelächter ging in ehrfürchtiges Schweigen über. „So, und nun nehmt mal eure Hefte raus, wir schreiben eine kleine Abfrage der letzten Stunde.“ Stöhnende Stille, weitere Fragen abgewürgt – gerettet!

Als das Telefon am Abend läutete, saß Ilka am Schreibtisch.

Vor ihr lag ein Zettel mit der Überschrift: Tagesbilanz.
Neben den Ereignissen des Morgens waren folgende Posten angeführt: Scheckkarte bei C&A zerschossen – 80 € gespart. Tante Mechthilds grässliche Vase zerbrochen – juhu! In den Finger geschnitten – Bügeln ausgefallen. Kurzarbeiten durchgesehen – grottenschlecht – Korrektur hinfällig – Buch gelesen.

Sie hob den Hörer ab. Seine Stimme umhüllte ihr Ohr wie ein duftendes Ölbad. „Schatzi! Wie geht´s dir?“… „Ja klar, bei mir ist alles in Ordnung.“… „Nö, nix Besonderes vorgefallen, ganz normaler Tag.“… „Nein wirklich, du musst dir keine Sorgen machen. Genieße die Tagung.“… „Ich dich auch, Schatzi.“… „Mmmm, Bussi! Und bis übermorgen dann!“
Ach Gott, er war so lieb und um sie besorgt! Wie sehr sie ihn liebte dafür …

Wohlig kuschelte sie sich ins Bett, stellte den Fernseher an. Schön, da begann ja gerade ein Film!

Heldin des Alltags
Zarte Musik füllt den Bildschirm. Ein makelloser, weißer Arm schlängelt sich zu einem Radiowecker, stellt die Musik lauter. Blondes Haar über schrägen Augen, die wach in die Kamera blicken, wird sichtbar. Ein offensichtlich frisch gewaschener und gefönter weißer Pudel tanzt auf zierlichen Hinterbeinchen vor dem luftig aufgeschlagenen Kissen, aus dem sich eine Traumgestalt in duftigem Neglige träge erhebt. Sie tätschelt dem Pudel den Kopf und säuselt: „Na, Taffylein, hat mein Hundchen gut geschlafen?“


Das Bild erlosch mit Ilkas Betätigung des Ausschalters. Nein, diesen Taffy musste sie sich nun wirklich nicht geben! Dass die ausgerechnet den gleichen Namen … Echt witzig. Sie kicherte gackernd. „Na Taffylein, ist dein Frauchen die Heldin des Alltags?“ So ein Schmarren, was die da brachten. Man sollte wirklich den Fernseher abmelden.

Taffy liebte sein Frauchen. Seine Heldin! Er lag schnarchend vor ihrem Bett und bewachte ihren Schlaf. Und es war wirklich keine böse Absicht, dass er im Dämmern des ersten Morgenlichts vorsichtig das Bein hob …

Letzte Aktualisierung: 27.04.2010 - 14.45 Uhr
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