Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Ein Held | April 2010
Der lange Weg
von Sylvia Seelert

Elees war in Gefahr. Feuer brannten am Horizont über dem Dunklen Berg und Rauch bedeckte den frostblauen Himmel. Der Wind trug die Schreie der Verlorenen bis zu Wolfgers Hütte und in den Stimmen hörte Wolfger auch Elees. Er musste zu ihr, so sehr er auch den langen Weg zum Berggipfel fürchtete.
Jeden Tag schickte ihm Elees Nachrichten. Boten nagelten sie an seine Tür. Ungelesen hatte er sie alle verbrannt. Bis die Boten in ihren weißen Mänteln hartnäckiger wurden und sie ihm vor seiner Tür vorlasen. Sie wollten, dass er zuhörte. Doch die Warnungen, die sie ihm übermittelten, schlug er alle in den Wind.
Er liebte seine sichere Hütte und das Dorf, in dem er lebte. Dort kannte er jedes Haus und jeden Weg. Hundertfach war er durch die Gassen gewandert. Auf seinem täglichen Weg schwatzte er mit dem Schmied, der berühmt war für seine festen Ketten, die er in der Glut härtete. Mit dem Bäcker traf er sich oft am Abend und gemeinsam buken sie Stockbrot über dem Feuer. Der Gerber versorgte ihn mit den feinsten Tierhäuten, die nur er so schwarz wie die Nacht färben konnte. Wolfger nähte sich daraus Beinlinge und Tunika, die ihm fest und eng wie eine zweite Haut am Körper lagen.
Alles war hier, was er brauchte. Doch Elees wollte, dass er fortging, zu ihr auf den Berg, weil seine Bestimmung mehr war, als dieses Dorf und seine karge Hütte ihm boten. Sie flehte ihn an, sich auf den Weg zu machen, um zu ihr zu kommen. Denn sie würde eines Tages sterben, wenn er es nicht täte. Sein Dorf würde ebenso brennen wie sie. Kein Stein läge mehr auf dem anderen.
Aber Elees hatte ihn einst verlassen. Warum sollte er ihr also glauben? Ihren Worten Gehör schenken? Sie hatte sich versteckt, dort oben im Dunklen Berg, als der Feuerfürst kam und mit seinen Schergen das Dorf überfallen hatte. Er musste hilflos mit ansehen, wie der Fürst auf seine Mutter mit der gepanzerten Faust einschlug. Immer und immer wieder, bis sie sich nicht mehr rührte. Wo war da Elees? In dieser Stunde hatte sie ihn verlassen und er konnte ihr nicht vergeben.
Und nun hörte er nach langer Zeit ihre Stimme, ihr Flehen in den Winden und er spürte, das Feuer war ihr auf den Fersen. Sie war in Bedrängnis.
Trotz allem, was geschehen war, gehörte sie zu ihm, war ein Teil von ihm, den er einst geliebt hatte. Und er wusste, er liebte sie immer noch. Er musste ihr helfen. So nahm er den Speer in die Hand und schulterte seinen Schild. Der Bäcker gab ihm Verpflegung mit, der Schmied ein starkes Kettenhemd und der Gerber einen Umhang.
Sobald er das Dorf hinter sich gelassen hatte, heftete sich ein Schatten an seine Fersen. Egal ob er lief oder stand: Der Schatten blieb stets in der gleichen Entfernung zu ihm. Weder kam er näher, noch entfernte er sich. Als Wolfger ihn rief, rührte sein Begleiter sich nicht. Schließlich gewöhnte er sich an den schweigenden Verfolger und beachtete ihn nicht mehr. Am Fuße des Dunklen Berges vergaß er ihn ganz, denn die Klippen ragten spitz und bedrohlich vor ihm auf. Noch immer umgab den Gipfel dichter Rauch.
Mit jedem Schritt in die Höhe sank Wolfgers Mut. Die Steine unter seinen Füßen bröckelten und mehrmals stürzte er beinahe in die Tiefe. An den spitzen Felsen schnitt er sich Arme und Hände. Der Berg wollte nicht von ihm eingenommen werden, wehrte sich mit jedem Stück, das er erklomm. Bald schon kamen eisige Böen hinzu, die an ihm zerrten und ihn niederringen und in den Abgrund reißen wollten.
Der Schatten rückte näher zu ihm. Und Wolfger fand es tröstlich, nicht alleine in dem grimmigen Hang zu kämpfen. Doch seine Kräfte schwanden, er wurde müder und hoffnungsloser mit jedem Tag. Der Gipfel befand sich noch immer in weiter Ferne. Bleiern hing der Schatten nun an seinen Füßen und ließ sich von Wolfger ziehen.
Als die nächste Nacht heraufzog, taumelte er mit letzter Kraft in eine Höhle, die er am Morgen zu seiner Rechten entdeckt hatte. Dort wollte er für einige Tage ausruhen.
Überrascht stellte er fest, dass der Weg in die Höhle glatt und gerade war. Menschen mussten den Felsen mit Werkzeugen bezwungen haben. Ein Licht glimmte in der Tiefe. Er war hier oben nicht alleine.
Den Speer in der Hand, schlich er durch einen schmalen Gang, der sich am Ende zu einem weiten Raum öffnete. Eine Lampe strahlte warm von der Decke. Teppiche lagen auf dem Boden und Regale säumten die Wände. Eine Frau mit langen, bleichen Haaren saß an dem Tisch inmitten des Raumes und schrieb bedächtig Worte in das Buch, das vor ihr lag. Seufzend blickte sie hoch und Wolfger sah in ein Gesicht, das ihm zeitlos erschien. Er fand darin keine Falten und doch blickten die Augen alt und weise. Die Nase war schmal, ebenso wie die Lippen. Blässlich schimmerte die Haut und doch umspielte eine leichte Röte die Wangen.
Das musste die Weise Frau sein, von der Elees ihm geschrieben hatte. Du findest sie, wenn deine Kräfte schwinden und die Schatten näher rücken. Sag ihr die Wahrheit! Sie wird dich verstehen und dir den Weg weisen! Die Boten hatten eben diese Stelle immer und immer wieder vorgetragen.
Die Weise Frau winkte ihm, näher zu kommen, und wies auf den Sessel, der neben ihr stand. Zögernd setzte er sich.
„Wolfger, wie geht es Euch?“
„Ich bin müde. Jede Nacht träume ich nun von Elees.“
„Ich sehe, Eure Hände sind verbunden. Habt Ihr Euch geschnitten?“
„Ja. Die Felsen waren spitz und scharf.“
„Die Felsen?“
„Ja, ich habe mich entschlossen, den langen Weg zu gehen. Denn Elees braucht mich. Der Feuerfürst ist ihr schon so nahe gekommen. Sie fürchtet sich.“
„Wer ist der Feuerfürst?“
„Ein grausamer Herrscher. Ein Unhold. Ich sah, wie er meine Mutter erschlug.“
„Wie oft schlug er Eure Mutter?“
„Mehrmals! Bis sie starb!“
„Habt Ihr alles gesehen?“
„An diesem Tag, ja. Sonst hörte ich nur die Schreie, wenn der Fürst wieder wütete. Doch an diesem Tag kam er direkt in mein Dorf und verhöhnte mich. Fürchte dich, so brüllte er mich an, denn das wird mit dir ebenso geschehen, wenn du das Maul aufreißt.“
„Wie sieht der Feuerfürst aus?“
Wolfger schluckte schwer. Er wollte diese Bilder nicht sehen. Die Flammen, die um das Gesicht des Fürsten loderten. Diese Fratze, vor der er so zitterte.
„Er sieht aus wie …“
Ein dicker Kloß verstopfte seinen Hals und klemmte alle Worte ab, die in seiner Kehle lauerten.
„Ihr seid hier sicher. Sagt mir, wie der Feuerfürst aussieht.“
„Wie Vater.“
Der Schatten an seiner Seite wich entsetzt zurück. Ein Beben schüttelte die Höhle. Und doch fiel kein Buch aus den Regalen und die Weise Frau hatte nicht den Blick von ihm abgewandt. Sie war traurig.
„Es war mutig, dies nach all der Zeit auszusprechen.“
Wie ein Held fühlte sich Wolfger nicht. Eher nackt und entblößt.
„Ich habe sie nicht verteidigt!“
Er weinte. Kein Speer, kein Schild oder Kettenhemd konnte ihn hier schützen.
„Ihr ward erst zwölf. Ihr konntet Sie nicht beschützen.“
Aber Elees konnte er retten. Er wollte zu ihr zurück. Wieder eins sein mit ihr. Er musste den langen Weg zu Ende gehen. Die Weise Frau würde ihn begleiten, dass wusste er nun. Er fing an, ihr zu vertrauen. Und ebenso fing er an zu verstehen, warum Elees gegangen war.
„Ich muss weiter“, sprach er bestimmt. Die Weise Frau nickte.
Immer höher schraubte sich sein Weg. Hier oben gab es kein Grün mehr, nur noch vom Wind geschliffenes Granit. Rauch kroch an seinen Füßen hoch, nahm ihm bald die Sicht auf den Gipfel. Unbeirrt lief er weiter, bis seine Zehen sich an einer Treppe stießen.
Der Nebel verschwand und als Wolfger den Blick hob, sah er den Feuerfürsten oben auf den Stufen stehen. Flammen umloderten sein Gesicht, züngelten bis zu seiner Hand, mit der er Elees’ Hals umklammert hielt.
„Nein“, schrie Wolfger und bedeckte seine Augen. Er wollte es nicht sehen.
„Ihr seid nun erwachsen und stärker als er. Seht hin, Wolfger. Er kann Euch nichts mehr anhaben.“
Die Weise Frau stand an seiner Seite.
„Geht weiter.“
Stück um Stück hob er seinen Fuß, schob den anderen nach, überwand Stufe um Stufe, bis er dem Feuerfürsten in die Augen starrte. Mit jedem Augenblick, den er verharrte, schwanden die Flammen. Das Antlitz des Fürsten verwandelte sich in Asche, zerfiel und verlor sich in einer Bö.
„Elees!“, rief Wolfger und fing die Fallende auf.

„Was fühlt Ihr jetzt?“, fragte die Weise Frau.
„Mich!“

Letzte Aktualisierung: 25.04.2010 - 18.27 Uhr
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