Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Ein Held | April 2010
Die Feuerprobe
von Ingo Pietsch

Arjay, mit bürgerlichem Namen Rüdiger Janetzki, schob ein sauberes Bett in das frei gewordene Zimmer.
Schon stand Betreuerin Roswitha neben ihm und hielt ihn am Arm fest.
Arjay schaute sie böse an. Er konnte dieses Betatschen nicht leiden.
Sofort ließ Roswitha ihn los und ging um das Bett herum und zeigte auf eine Falte in einer Ecke des Bettlakens.
„Du hast da was übersehen, Rüdiger.“ Sie strich das Tuch glatt und ging zur Seite.
„Oh mein Gott, wie furchtbar!“ Arjay hasste es, mit seinem richtigen Namen angesprochen zu werden. Und er verfluchte den Tag, als er zu hundert Stunden Sozialarbeit verdonnert worden war.
Vom Flur drang eine Stimme in den Raum: „Man soll den Namen des Herrn nicht missbrauchen!“ Opa Kalupschke kam mit seinem Rollator um die Ecke gefahren.
„Wenn es einen Gott gibt, warum sind Sie dann hier im Altenheim gelandet?“ ,fragte Arjay.
Roswitha verdrehte die Augen, denn sie kannte die endlosen Diskussionen mit Friedrich Kalupschke.
„Wenn es ihn nicht gegeben hätte, wäre ich wie meine Kameraden an der Ostfront gestorben und hätte nicht nur ein paar Zehen verloren.“ Er ging näher an den jungen Mann heran. „Außerdem bist du auch hier! Und vergiss eines nicht: Alles hat einen Grund!“
Arjay wollte „deshalb gibt es ja keinen Gott“ erwidern, aber Opa Kalupschke war schon wieder verschwunden.
Roswitha schüttelte den Kopf und ging ebenfalls.
Arjay verkniff sich jeden weiteren Kommentar. Er wollte seine Strafe so schnell wie möglich abarbeiten und die ganze Sache einfach nur wieder vergessen. Und das nächste Mal, da war er sich sicher, würde er sich nicht erwischen lassen.

In der zweiten von vier Wochen wurde die Arbeit langsam zur Routine. Er kannte die meisten Bewohner des staatlichen Altenpflegeheimes mit Betreutem Wohnen wenigstens vom Sehen. Die Räumlichkeiten waren in einer umgebauten Kaserne untergebracht.
Im Wesentlichen bestanden seine Aufgaben aus allgemeinen Reinigungstätigkeiten, Essenausteilen und darin, die Bewohner zu ihren Zimmern zu bringen.
Nachmittags hatten sich die meisten Senioren zum Kaffee und Keksen im großen Speisesaal eingefunden. Es wurde geplaudert und gelacht.
Arjay war mit Kaffeeausteilen beschäftigt, als Günther Ratzlaw ihn wieder um Zigaretten anschnorrte.
Arjay hatte schon eine Menge Rauschmittel ausprobiert, aber dem Nikotin war er immer ausgewichen.
Allmählich war er von dem alten Mann genervt, der ihn schon seit einer Woche verfolgte. Ratzlaw konnte kaum noch alleine laufen und atmete wie Darth Vader.
Ohne große Worte wimmelte Arjay ihn ab. Er hatte keine Ahnung, was er nach seiner Strafe wieder auf der Straße anfangen sollte. Ohne Ausbildung und Job würde er wahrscheinlich wieder dort landen, wo er hergekommen war. Und von seiner Familie konnte er auch keine Unterstützung erwarten – nach dem Schulabbruch hatte sie ihn zu Hause rausgeschmissen.
Arjay hörte nur mit halbem Ohr den öden Gesprächen über „Früher“ zu. Alle langweilten ihn, bis auf Tante Käthe. Sie war einmal eine bekannte Opernsängerin gewesen und außerdem die Einzige, die ihn wie einen normalen Menschen behandelte.
Jedes Mal, wenn sie ihn sah, lächelte sie ihn an und dies allein gab ihm die Kraft, durchzuhalten.

Nachdem es zu dämmern begonnen hatte, wurde es ruhiger im Haus.
Arjay räumte noch den Müll weg und fegte die letzten Krümel vom Boden des Aufenthaltsraumes, als Opa Kalupschke seinen allabendlichen Rundgang machte.
„Na, mein Junge, räumst du noch auf?“ Friedrich Kalupschke musterte Arjay.
Arjay war sich nicht sicher, ob der Alte ihn einfach nur provozieren wollte.
„Ich habe so das Gefühl, dass du mit deinem Leben nicht so ganz zufrieden bist.“
„Sie merken aber auch einfach alles!“ Die anfängliche Wut wich mit dem ruhigen Blick des Seniors. Minuten später hatte Arjay dem Alten sein Herz ausgeschüttet. Wieso er hier gelandet war und wie es nach den vier Wochen weitergehen sollte.
Kalupschke hörte geduldig zu, ohne Arjay zu unterbrechen.
„Auch ich habe in meiner Vergangenheit Dinge getan, auf die ich nicht stolz bin. Als wir damals eingezogen wurden, fühlten wir uns wie Helden. Wollten für das Vaterland kämpfen, mit der Waffe in den Händen. An der Front sah es dann anders aus: Erst kam die Kälte, dann der Hunger und anschließend der Feind. Wäre ich nicht gefangen genommen worden, hätte ich meine Ehefrau nicht kennengelernt und ein wunderbares Leben mit ihr geführt. Was ich damit sagen will, es kommen nach schlechten Zeiten auch wieder gute. Auch wenn das Schicksal einem dazwischenkommt, ist jeder für seine Taten selbst verantwortlich.“
Arjay schaute eher zweifelnd drein.
Plötzlich ging der Feueralarm los.
Arjay sprang panisch auf.
„Ruhig bleiben, die machen hier öfters Alarmübungen!“ Doch Arjay rannte schon Richtung Notausgang.
Pflegerin Roswitha fing ihn ab.
„Rüdiger, du wirst mir erst einmal mit den Bettlägerigen helfen, bis die Feuerwehr eintrifft, sonst wirst du deines Lebens nicht mehr froh!“
Ängstlich sah er sie an.
„Du behältst jetzt die Nerven und bringst die Bewohner mit zum Sammelplatz. Hier ist ohnehin noch kein Qualm zu sehen.“
Arjay gehorchte und sie brachten alle nach draußen.

Am Sammelplatz zähle Roswitha durch und es fehlte jemand: Günther Ratzlaw.
Ein dumpfes Klopfen war vom obersten Stockwerk der alten Kaserne zu vernehmen. Ratzlaw stand, von Rauch umhüllt, am Fenster und versuchte, es zu öffnen. Dann war er plötzlich verschwunden.
Die Martinshörner der Rettungsfahrzeuge waren noch weit entfernt, sie würden zu spät kommen.
Ohne nachzudenken lief Arjay los.
Roswitha schrie ihm hinterher: „Bleib hier, das ist Sache der Feuerwehr! Das ist zu gefährlich!“
Aber das hörte er nicht mehr, weil das Blut in seinen Ohren rauschte.

Arjay jagte die Treppen hoch. Er fand das Zimmer sofort. Qualm kroch unter der Tür in den Flur. Arjay riss sie auf und konnte nichts mehr sehen. Eine Wand aus dunklem Nebel schlug ihm entgegen. Seine Augen brannten und er bekam keine Luft mehr. Arjay hielt sich einen Arm vor Mund und Nase und krabbelte zum Fenster. Dort lag der alte Mann und rührte sich nicht. Er zog ihn mit großer Mühe aus dem brennenden Raum auf den Flur. Das Feuer hatte sich über die Vorhänge zur Decke gekämpft und die Tapeten ringsum in ein Flammenmeer verwandelt.
Als die beiden die Hälfte geschafft hatten, brach ein Deckenbalken und schlug auf das Bett. Ein Funkenregen ergoss sich über sie und versengte ihre Haare.
Arjay zog den Mann weiter und weiter.
Ratzlaw begann zu husten. Er lebte.
Röchelnd erzählte er, dass er eine Zigarette hatte anzünden wollen. Dabei war ihm das Streichholz aus der Hand gefallen und hatte einen Papierkorb in Brand gesteckt.
Arjay hörte gar nicht richtig zu. Er war zu sehr damit beschäftigt ins Freie zu gelangen. Eigentlich hatte er gar keine Kraft mehr, doch er zog den Alten immer noch hinter sich her.
Er hörte Sirenen und sah blaues Licht an einem Fenster. Er öffnete es und sah Feuerwehrleute ein Sprungtuch ausbreiten.
„Sie springen als erster!“ Er schob Ratzlaw zur Fensteröffnung hinaus. Der hielt sich am Rahmen fest.
„Ich bin doch nicht verrückt! Lass mich! Ich werde mir sämtliche Knochen brechen.“
„Verdammt, wollen Sie hier verbrennen?“ Arjay reichte es. Er gab dem Mann einen Stoß und der fiel schreiend nach unten. Ratzlaw landete sicher.
Der Qualm hatte Arjay eingeholt. Er wollte auch springen, aber das Feuer war über das Dach weitergewandert und hüllte das gesamte obere Stockwerk ein.
Von unten hörte er Tante Käthe schreien: „Wo ist Anastasia? Wo ist sie nur?“
Die Hitze trieb Arjay wieder in den Flur. Er bahnte sich den Weg durch das verqualmte Treppenhaus. Unten im Erdgeschoss wäre er beinahe über eine getigerte Katze gestolpert, die hilflos auf dem Boden kauerte.
Als er seine Hände nach ihr ausstreckte, sprang sie auf einen Schrank und fauchte ihn an.
„Los, komm her, sonst wirst du verbrennen!“ Als wenn sie verstanden hätte, sprang sie in seine Arme.
Zusammen retteten sie sich nach draußen, wo sie von Feuerwehrleuten in Empfang genommen wurden.
Alle Bewohner und Pfleger klatschten als Arjay mit der Katze zu ihnen stieß.
Die Katze sprang auf Tante Käthes Schulter. „Anastasia! Da bist du ja!“ ,sagte sie mit Tränen in den Augen.
Roswitha legte ihm die Hand auf die Schulter: „Danke, Arjay!“
Opa Kalupschke zwinkerte ihm zu. Er wusste, dass der junge Mann noch länger hier bleiben würde.

Letzte Aktualisierung: 08.04.2010 - 10.06 Uhr
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