Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Ein Held | April 2010
Auf einem Bein
von Marika Bergmann

Juri spürt den Druck eines stumpfen Gegenstandes unterhalb des Rippenbogens. Ein Arm schiebt sich unter seinen wie eine Schiene aus Stahl. Sie hatten ihn hier erwartet. Sein Blick heftet sich an seine Tochter Maja. Es ist ihr großer Auftritt. Sie steht auf der Bühne des großen russischen Staatstheaters. Gleich wird sie tanzen. Sie wird an diesem Abend den sterbenden Schwan tanzen wie keine andere Tänzerin je zuvor. Juri wird die letzte Szene des Märchens noch sehen, bevor er in Begleitung zweier Männer das Theater verlässt.

***

Soldaten in einer Spielzeugschachtel, gegossen aus einem alten Zinnlöffel. Jemand hatte einen Löffel geopfert, um einem kleinen Jungen eine Armee zu schenken – eine Armee aus standhaften Zinnsoldaten. Einer glich dem anderen. Es war der kommunistische Gedanke. Das russische Volk hielt zusammen.

Die Silhouette der Gebäude war wie aus Papier geschnitten. Der Stern an der Spitze des Erlöserturms schob sich aus der Kremlmauer empor. Unwirklich, so kam ihm der Rote Platz schon damals vor, als er Olga traf. Olga strahlte das aus, was ihm fehlte: Zuversicht und Entschlossenheit. Zwei Tugenden, die sie für Juri zu einer Kämpferin machten. Er selbst kam sich vor, als hätte das Zinn für ihn nicht gereicht. Morgens ging er im Konservatorium dem Studium der Musik nach und abends spielte er in den noblen Bars am Piano.

Die Einflüsse der Kunst aus dem Westen machten vor den Toren Moskaus nicht halt. Die Stadt war voller Leben, die Wucht der Moderne eingeschlagen wie ein Hammer. Sie verkündete eine neue Welt der Exklusivität, des Luxus und der Andersartigkeit. Juri wollte aus dem Gefüge des Kommunismus ausbrechen. Das Einzige, was ihn in Russland hielt, war seine eigene Unentschlossenheit. Er bewunderte Olga – wie der kleine, einbeinige Zinnsoldat die Tänzerin aus Papier bewunderte. Juri war oft im Theater und sah ihr bei den Proben zu. Wenn Olga auf einem Bein eine Pirouette drehte, war sie für ihn wie die Tänzerin aus dem Märchen. Olga konnte Feuer, Wasser und Luft sein und manchmal riss sie ihn mit sich wie ein Wirbelsturm. Juri liebte Olga. Ihre grazilen Bewegungen, wenn sie auf Zehenspitzen über die Bühne glitt. Viele kleine Schritte. Die Mechanik eines Uhrwerks. Jede ihrer Drehungen hatte die Kraft und Präzision eines Schwungrads.

Der Schwarze Kobold hatte auch seine Rolle in dem Märchen. Er saß in der goldenen Uhr und sprang plötzlich hervor: „Du Idiot ... was bildest du dir nur ein? – Das geht nicht gut mit dir! Geh lieber in deine Schachtel zurück. Was gaffst du nur auf die feine Welt? Bei deinem Stand – und mit nur einem Bein! Was bist du schon? Du gehörst hier nicht hin. Was suchst du hier im Land der Zaren?“ Sogleich verschwand er wieder in der Spieluhr.

War die Verlockung des Westens Schuld an seiner Lage? Die Stadt kannte keine Ruhe, die Schatten der Nacht verschwanden so geschäftig, wie sie gekommen waren unter den Rinnsteinbrücken der Gosse. In seinem Märchen gefangen trieb Juri in einem Papierschiffchen stehend, den Rinnstein entlang. Wo war er – der große Freigeist, der ihn rief? Er liebte die Musik und die schönen Künste – aber er war kein Soldat.

Olga war zum Tanzen geboren. Juri dachte an die Tränen, in denen sich das Licht des Roten Platzes fing, als sie es ihm sagte. Sein Kind unter ihrem Herzen. Sie durfte nicht aufhören. Sie war kurz vor ihrem Ziel – dem Engagement am Bolschoi-Ballett. Stillstand? Nein! Sie musste tanzen. Olga tanzte und tanzte wie eine Figur, die man mit einem Schlüssel aufgezogen hatte – immer weiter ohne Pause. Bis es soweit war. Die Geburt.

Olga war sehr schwach. Ihr fehlte die Kraft, gegen das Fieber anzukämpfen. Juri spürte noch die Wärme ihres erlöschenden Feuers, und sein Herz zog sich zusammen. Er schloss die Augen und sah Olga in Gedanken tanzen. Das Ende eines Märchens? Ihrer gemeinsamen Geschichte? Alles drehte sich um ihn. Hatte er ihre Ideale verraten? Sollte das die Strafe sein? Plötzlich war ihm, als hätte ihn ein riesiger Fisch verschlungen. Ihm wurde kalt.

***

Der Tanz beginnt.

Juri sieht sich und seine Tochter Maja, wie sie ausgelassen vor ihm herhüpfte. Wie Sicheln wirkten ihre Augen vor der Mauer des Kremls. Ihre Kinderhand fuhr an den gebrannten Ziegeln entlang. Sie zog ihn mit sich, wollte den Aufmarsch der Soldaten sehen, die sich auf dem Roten Platz versammelten. Kollektive Begeisterung. Ein unaufhaltsamer Strom. Ganz Moskau war zur Feier des 12. Jahrestages der Oktoberrevolution auf den Beinen.

Das Licht der russischen Sonne tanzte über ihnen. Ein kleiner Mann im Regenmantel hatte den Kragen bis zur Hutkrempe gezogen. Er trat aus der Menge der Vorbeiziehenden heraus, bückte sich, hob einen schillernden Stein auf und sagte: „Ein schöner goldener Oktober, nicht wahr? Hier meine Kleine, der ist für dich. Ein Hüpfstein. Wirf ihn weg und spring ihm nach!“
Maja warf und tanzte dem Stein hinterher. Der Fremde umarmte Juri und küsste ihn wie einen Bruder. Juri sah ihm ins Gesicht, sah den Glanz in seinen Augen – wie ein Funkeln. Dann tauchte der Mann wieder in der Menschenmenge unter.

Maja kam zurück und hielt ihrem Vater den Stein entgegen, der vor den bunten Zwiebeltürmen der Kathedrale funkelte. Die kleine Maja warf ihn erneut und lachte, wie ihre Mutter einst gelacht hatte. Juri spürte Olgas Kraft.
„Los! Wir müssen ihm hinterher springen – auf einem Bein!“
Der Stein kullerte geradewegs über die Schienen, während die alte Straßenbahn am anderen Ende des belebten Platzes einen letzten Fahrgast aufnahm. Der Mann im Regenmantel. Das Quietschen der Räder durchschnitt die Luft wie ein eiserner Vorhang.

„Auf einem Bein“, schrie Juri, nahm Maja auf seine Schultern und sprang mit ihr auf die andere Seite. Juri sah der Straßenbahn hinterher. Majas kleine Hände hielten sich an seinen fest. Er wirbelt sie in die Höhe. Sie lachte vor Freude.
„Ja, wirklich ein goldener Oktober – meine kleine Ballerina!“
Juri zog Maja an seine Brust, begann sich mit ihr zu drehen. Drückte sie an sich und küsste ihr kleines Gesicht.
„Ich werde dir ein Märchen erzählen. Ein Märchen von einem Platz vor einem Schloss aus Papier. Dort war ein See mit Schwänen aus Wachs. Eine Tänzerin aus Papier tanzte dort. Und ein Spielzeugsoldat sah ihr zu ...“

***

Nach vielen Tourneen im Ausland wird Maja zur Heldin der sozialistischen Arbeit. Sie wird nie erfahren, dass Juri ihr bei ihrem großen Auftritt zugesehen hat. Ihr geliebter Vater, der so plötzlich verschwand, kurz nach der großen Feier auf dem Roten Platz. Sie wird ihr Leben lang tanzen – im Schatten von Hammer und Sichel. Standhaft! – Auf einem Bein ...


Diese Geschichte ist frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig.

Letzte Aktualisierung: 22.04.2010 - 10.56 Uhr
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