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Ein Held | April 2010

Schorsch von den Gänsen
von Meara Finnegan

Schorsch trat von einem Fuss auf den anderen; unter seinen Füssen fühlte sich der Marmor kalt an. Die haarfeinen Maserungen wurden von breiten Schlammstreifen aufgelockert. Unbehaglich schob er seine nackten Füsse über den Boden, als könnte er den Dreck, den er in die herrschaftliche Halle getragen hatte, verschwinden lassen. Doch ein Blick der schwer bewaffneten Männer ließ ihn innehalten. Was hatte er wohl verbrochen? In Gedanken ging er seine Tätigkeiten der letzten Tage durch.
Montag: die vier Schweine hüten; eines war ihm verloren gegangen und er hatte Prügel von seinem Vater bezogen, der ihm Himmel, Hölle und Kerker androhte, wenn er sich noch einmal so ungeschickt benehme. Ohne Abendessen ins Bett gegangen. Dienstag: Dorfgänse hüten (sie hatten ihm die Waden bis aufs Knie zerbissen). Am Mittwoch: beim Kastrieren eines Hundes zugesehen und ohnmächtig geworden. Statt Mittag- und Abendessen die neunschwänzige Katze. Am... am... am Tag danach: Ärger mit den Dorfkindern gehabt, die ihm einen üblen Streich in die Schuhe schieben wollten, wenn er verriet dass sie ihn...
Ein derber Stoss riss ihn aus seinen Gedanken.
„Vorwärts!“
Mit zitternden Knien trat er in den Audienzsaal.

„Euer Eminenz?“
Der stattliche, pelzgeschmückte Mann am Fenster versteifte sich, und dem Kammerherrn wurde blitzartig sein Fehler bewusst. „Euer Weisheit. Euer Weisheit, der Junge, nach dem Ihr schicken lie?et, ist eingetroffen.“
Mit einer abfälligen Geste winkte Karl sie herein, und der Kammerherr überlegte seufzend, wie lange er für diesen Versprecher wohl büssen musste. Mit offenem Mund tapste der schmächtige Junge in den Audienzsaal, geblendet von prachtvollen Mosaiken, goldenen Kerzenleuchtern und den in bunte Tücher gewandeten Herren. Wie im Traum streckte Schorsch seine kleine, braun gefleckte Hand aus, um das Wams des Kammerherrn zu berühren, das in der Farbe des Himmels leuchtete. Der Mann streifte unwillig die kleinen Hände ab, die jedoch hartnäckig zurückkehrten. Ihn mit einem scharfen Wort zurechtzuweisen, wagte er nicht; denn der Fürst und seine Berater musterten das ungleiche Paar eindringlich. Auf einen Wink des Fürsten legte ein Soldat seine grosse Pranke auf den winzigen Kopf und drehte den Jungen wie einen Kreisel.
Die Männer unterhielten sich, als wäre der Bauernjunge taub.
„Seht ihn Euch an, Euer Weisheit, es ist vollkommen unmöglich. Ein halbverhungerter Knabe, geprügelt und herumgestossen von seinem Vater, in die Jauchegrube geworfen von den anderen Kindern...“
„Was sich nicht verbergen lässt“, erwiderte Karl voll Ekel und ließ sich ein parfümiertes Taschentuch reichen.
„... soll einen ausgewachsenen Drachen erschlagen haben? Das glaubt kein Mensch! Wir müssen uns etwas anderes einfallen lassen.“
„Nein. Nein. Nein! Es wird uns gelingen. Stellt ihn Euch vor, in schimmernder Rüstung, mit Bändern geschmückter Lanze, wie er von einem Trupp jubelnder Menschen durch die Stadt geleitet wird...“ Die Berater musterten Schorsch erneut und schüttelten bei jedem Wort den Kopf.
„... alle dankbar, dass er sich seiner Bestimmung nicht verweigerte und... und... und mit Unterstützung des allmächtigen Gottes die braven Leute von diesem mordenden Untier erlöste!“
Triumphierend hielt er inne und wartete auf die Reaktion seiner Berater.
Diese schienen nicht überzeugt, dass selbst der allmächtige Gott aus diesem einfältigen Taugenichts einen Helden machen könnte, doch hatten sie weitere Gegenwehr aufgegeben.
Zufrieden wandte Karl sich zu seinem „Helden“.
„Mein Sohn“, sagte er feierlich, „ab heute bist du nicht mehr bloß Schorsch - ab heute bist du ein Held.“
Schorsch blinzelte verwirrt.
„Da du den gefährlichen Drachen erschlagen hast, wird sich dein Leben drastisch ändern; dein Name wird in aller Munde sein, Georg der Drachentöter, ja, ich zweifle nicht, dass es in einiger Zeit Sankt Georg der Drachentöter heissen wird...“
„Drachentöter?!“
„Nun, ja, Seine Weisheit hält es für klug, dies zu behaupten“, flüsterte ihm der Kammerdiener hastig zu. „Nur eine lustige Geschichte, spiele einfach mit, es hat wahrlich nur Vorteile für dich.“ „Aber ich habe doch gar nicht...“
„Georg“, donnerte Karl, „du bist ein Held, das ist ein fürstlicher Befehl!“
„Schon recht, Gebieter“, jaulte der Kleine unterwürfig. „Kann ich jetzt zu den Gänsen zurückgehen?“

Karl stand zufrieden am Fenster.
Das hatte er geschickt eingefädelt.
Dieser Dorftrottel war zu dumm, um seine wahren Absichten zu durchschauen.
Und sich doch jemand darauf besinnen sollte, dass Drachen keine bösartigen Monster, sondern die Hüter der Erde und Bewahrer des Wissens waren, würde sich die Wut über den Tod des letzten Drachen an diesem Schorsch auslassen.
Niemand würde Karls Rolle erkennen. Dieser geniale Plan war gewiss schon eine Folge seiner neu erworbenen Weisheit.
Das Drachenhirn zu essen hatte sich schon gelohnt.

Letzte Aktualisierung: 22.04.2010 - 20.37 Uhr
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