Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Abwärts | Mai 2010
Das Märchen von Hannibal
von Barbara Hennermann

Es war einmal ein Regenwurm mit Namen Hannibal.
Wie jeder Regenwurm wohnte er im Erdreich und bohrte sich da mal abwärts, mal aufwärts. Manchmal, wenn das Wetter so richtig schön nass und feucht, dabei aber nicht mehr frostig war, also in schönen Regenwurmmaimonaten, verbrachte er viele Stunden oberhalb seiner sonst recht dunklen Umgebung. Dabei entdeckte er eines Tages einen Haufen nasser, verschmutzter Blätter, die aneinander befestigt waren. Hannibal konnte nicht wissen, dass es sich um ein altes Lateinbuch handelte, welches ein frustrierter Zehntklässer der natürlichen Zersetzung anheim gegeben, sprich wütend weggeworfen, hatte. Hannibal folgte seinem Instinkt und zog die Fundsache unter großen Mühen abwärts unter die Erde, auf dass sie dort verrotten und seinen Hunger stillen möge. Unbewusst und animalisch erfüllte er so seinen Wissendrang, der in der Natur ja stets vorhanden ist. Denn ganz nebenbei erfuhr er beim Hinunterschlucken so einiges über den zweiten Punischen Krieg, was ihm anfangs schwer verdaulich erschien, ihn beim weiteren Verdauungsprozess allerdings mit dem Wunsche erfüllte, ähnliche Großtaten wie sein Namensvetter vollbringen zu wollen. Vor allem die Überschreitung der Alpen stand ab sofort wie ein leuchtender Wegweiser vor seinem geistigen Auge. Auf Grund seiner Halbbildung, die er sich unbeabsichtigt angeeignet hatte, war ihm klar, dass dieses Unternehmen für ihn auch in modernen Zeiten nicht ohne Schwierigkeiten würde zu meistern sein. Erstens fehlte es ihm an Elefanten und zweitens hatte er es mit dem Klettern nicht so. Folglich fasste sein findiges Hirn den Plan, die Alpen nicht zu über-, sondern zu unterschreiten.
Im Vollbesitz des angefressenen Wissens bohrte er sich also sofort kopfüber abwärts in das Erdreich, wohl bedenkend, dass es eine lange Reise werden würde. Glücklicherweise war, seiner Natur gemäß, wenig Vorsorge zu treffen was Nahrung, Wasser etc. betraf, da er diese Lebensnotwendigkeiten auch unterwegs in reichem Maß vorzufinden hoffte.
Leider hatte sich in dem bewussten lateinischen Werk keine Landkarte befunden, die Hannibals Wissen auch navigatorisch bereichert hätte. Er wühlte sich folglich eher auf gut Glück als gezielt seinem gedachten Ziel zu. So kam es wie es kommen musste …

Nach drei Jahren kontinuierlicher Durchquerung fremder Erdschichten und –gebiete tauchte Hannibal im Mai des Jahres Zweitausendundzehn, abgekämpft, doch wohl genährt, wieder aus den Tiefen auf und fasste festen Boden unter dem Körper. Er wischte sich die Erdkrümel aus dem Gesicht und begann, die Umgebung näher zu erkunden. Mit feinsinnigem Gespür war er direkt neben der Wurzel einer mächtigen Linde aufgetaucht, welche in einer Asphaltwüste inmitten eines genau bemessenen Anteils humöser Erde ihr Dasein fristete. Seiner Erwartung nach hätte er sich eigentlich im Aostatal befinden sollen, was sich ihm durch die Lautgebung der Sprache hätte manifestieren müssen. Zu seiner Enttäuschung hatte sich diese aber nicht grundlegend verändert, sondern nur einen eigenartigen Slang bekommen. Mühsam kringelte Hannibal seinen schlanken Leib über den Erdflecken hinaus auf den zum Glück nassen Teerstreifen bis hin zu den Sprechenden. Vor Aufregung war ihm gar nicht bewusst, dass er sich damit in höchste Lebensgefahr brachte und ein Rückzug abwärts in das sichere Erdreich so nicht mehr gewährleistet war.
Eine Kolonne cremefarbener, großer Fahrzeuge stand hintereinander aufgereiht wie die Perlen auf einer Schnur. Und aus dem Sprachgewirr kristallisierten sich einzelne Wortfetzen.

„Dit jibbtet wohl nich! Jriechenland!“ … „Jenau! Mir macht dit janz krank!“ … „Allit Eiapampe, Justav!“ … „Wenn se m mir dit Jeld jebn würdn, hätt die Merkel auch wat von.“ … „Mensch, jeh ma zu, de Merkel! Wat wees die vonne Kohle? Erscht nix wie Ost- Mark und nu schwimmt se im Jeld.“ … „Keen Wunda, dass die nich haushalten kann:“ … „Abwärts jehts, Justav, abwärts! Mit m Euro und mit m Land.“ … „So issit, Ejon, und nu reißt se uns alle mit.“ … „Aba dea Kohl, die linke Socke, der hat dit allit anjezettelt! Allit unjefracht. Erst die Ossis und dann n Euro. Hör ma doch uff!“ …
„Ah, dea Herr braucht een Taxi? Wohin soll´s denn jehn?“ … „Zum deutsch´n Bundestach, jawoll. Aber dit kost n bisschen wat, müssen wa ja um alle Baustellen rum.“ … „Macht nix, Sie setzn dit als Spesen ab? Na denn ma los!“ …

Hannibal hatte atemlos gelauscht, unverständig und unverstehend. Das Wissen, das er sich einverleibt hatte, rutschte abwärts in die Bedeutungslosigkeit der Antike. Ein dunkler Schatten schwebte über ihm, zu spät erkannte er …

„Mist, vadammta, nu bin ick uffn Regenwuam jelatscht! Momentscheen, der Herr, muss nua mal jrad meen Schuh … Dass mich dit Taxi nich dreckich wiad …“

Und so setzte Hannibal an zu seiner letzten großen Überschreitung, die ihn nicht abwärts, sondern aufwärts führte in das Nirwana aller unerfüllten Wünsche, über die Alpen, wo ihn Hannibal der Karthager auf einem weißen Elefanten in Empfang nahm und tausende Regenwürmer mit kleinen goldenen Flügeln sangen: „Benvenuto, caro Hannibale!“ *
Nur ganz hinten ringelte sich einer, der leise lispelte: „Καλωσόρισμα Γερμανία!“`**

* Willkommen, lieber Hannibal!
**Kalosorisma Germania: Willkommen Deutschland!

Letzte Aktualisierung: 23.05.2010 - 17.25 Uhr
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