Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Abwärts | Mai 2010
Sechsundvierzigste Ecke Mason
von Robert Pfeffer

„Bitte, lassen Sie mich gehen. Ich hab nicht mehr viel vom Leben zu erwarten. Sie können gerne mein Geld haben, aber ...“
„Hör auf mit dem Gequatsche, Opa, sonst puste ich dir gleich hier die Birne weg! Los, da rüber zu den anderen!“
Zwei Maskierte sicherten den Eingang, zwei sprangen hinter die Schalter und trieben das Personal in die Halle. Artie schubste als Fünfter mit der Knarre die Kunden in Richtung eines Büros.
„In einer halben Stunde muss ich beim Arzt sein. Bitte haben Sie doch Mitleid!“
„Ey, Leute, hier ist ne Graubart-Heulsuse, die mir ein Ohr abkaut. Soll ich ihn wegknallen oder rauslassen?“
„Mann, Artie, bevor der uns als Moderfleisch im Weg rumliegt und einer über ihn stolpert ... bring ihn da hinten in den Flur und mach mit ihm, was du willst.“
„Okay, bin gleich wieder da!“
Artie schob Matthew Kensington vor sich her, begleitet von Blicken der Bankkunden, die mit erhobenen Händen Spalier standen. Eine junge Frau bekreuzigte sich, als das ungleiche Paar an ihr vorbeiging und den Schalterraum verließ.
Totenstille.
„Hey, was gibt’s denn da zu glotzen, ihr Sackgesichter!“, brüllte einer vom Eingang und schoss in die Decke. „Der Nächste, der blöd guckt, kriegt Kugel Nummer zwei, ist das klar?“
Im Flur spürte der Senior den Lauf der Pumpgun in seinem Nacken.
„Haben Sie wenigstens den Mut, Ihrem Opfer ins Gesicht zu sehen, wenn Sie schießen“, sagte er mit zitternder Stimme und drehte sich um. Artie ging einen halben Schritt zurück und sofort wieder vor, setzte die Waffe auf Matthews Kehlkopf. Dessen Augen irrten hektisch über die Decke.
„Für diesen Mord wird es einen Zeugen geben!“
„Ach, Opa, was du nicht sagst. Wer soll das sein? Hier ist niemand, wenn du abkratzt. Außer mir.“ Artie hatte die Strumpfmaske hochgezogen und grinste so schief wie die Bahn, auf die er mit Betreten der Bank geraten war.
„Die Kamera da hast du übersehen.“
Der Gangster zog hastig das Nylon wieder über den Kopf und blickte nach oben.
„Nein, nicht hinter mir. Hinter dir!“ Der Alte nickte hoch.
Sekunden später lagen der ehemals Bewaffnete und sein Schießprügel auf dem Boden. Den Moment der Kamerasuche hatte Matthew für einen linken Haken auf das Kinn seines Gegners genutzt.
„Ich wusste von Anfang an, dass du in der Truppe der Trottel bist“, murmelte er, tätschelte er dem Regungslosen die Wange, hob die Pumpgun auf und drückte auf den Knopf des nahen Fahrstuhls. Im 48. Stockwerk blockierte er mit dem Gewehr die Lift-Tür, trat hinaus auf die Dachterrasse und griff zum Handy.

„Ben? Ich bin‘s. Hör zu! Keine überflüssigen Fragen! Und unterbrich mich nicht! Heute musst du es tun, ist das klar? Ich bin in Not und unten in der Bank sind fünfzig weitere Leute. Jetzt ist der Moment für deinen ersten Einsatz! Ich bin auf dem Dach des Parker-Buildings. Sechsundvierzigste / Ecke Mason. Du nimmst den Lastenaufzug auf der Rückseite des Hauses, den anderen Fahrstuhl hab ich blockiert. Und beeil dich! Bevor der Kasten von der Polizei umstellt ist, musst du drin sein.“
„Aber Vater, ich kann hier doch nicht ...“
„Verdammt, Ben! Du kannst und du musst. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als mein Leben und mein Lebenswerk. Du wirst deinen alten Herrn jetzt nicht im Stich lassen! Hast du verstanden?“
„Ach, Scheiße, ...“

Matthew Kensington legte auf und zündete eine Zigarette an. Er schaute in den Abgrund. Auf der Mason Street war noch nichts von Polizei zu sehen. Sein Sohn hatte höchstens zehn Minuten.

Nach acht ging der alte Mann hinter dem Lüftungskasten in Deckung. Ein metallisches Knarzen verriet das Öffnen einer Tür. Ben lugte durch den Spalt hinaus und zischte: „Bist du hier, Dad?“
„Nein, du Idiot, ich bin schon gesprungen und hab vor der Tür auf dich gewartet. Wie konntest du mich übersehen?“
Ben stieß genervt die Tür auf, ging ein paar Schritte und ließ den prallen Rucksack auf den Boden fallen.
„Ist das die Ausrüstung, oder hat Pamela dir Pausenbrote geschmiert?“
„Dad, spar dir deine Sticheleien. Du weißt, ich wollte das bisher nicht tun und jetzt ist es nicht anders.“
„Ach papperlapapp. Die Welt braucht Charaktere wie dich.“
„Du willst das einfach nicht verstehen, oder? Ich bin nicht wie du! Du warst Superman. Ich bin Bibliothekar. Und du kommst nicht damit klar, dass ich nicht in deine Fußstapfen passe!“
Matthew hörte nicht zu, fingerte am Rucksack herum, begann die Schnallen zu öffnen und zog den blauen Anzug heraus.
„Riecht ein bisschen muffig, das gute Stück. Hättest ihn mal waschen können. Sonst schreibt die Presse noch, dass ein Mottenkugel-Man die Bank gerettet hat. Und was ist mit dem Umhang passiert? Hast du den gebügelt?“
„Nicht ich, Pamela war das. Sie dachte, falls einer Fotos macht, sieht es wenigstens einigermaßen schick aus.“
„Junge, dein alter Herr hat in dem Outfit einige hundert Flugstunden verbracht, für ein Bügeleisen war nie die Zeit. So, und jetzt los, zeig diesem Land, dass der zurück ist, den sie so lange vermisst haben. Also rein in die Kluft und dann springst du da runter!“
Ben trat an die Kante des Daches.
„Du hast sie nicht mehr alle. Nie im Leben mach ich das. Kann Superman Zwo nicht mit dem Aufzug fahren?“
„Ben ... die Leute wollen Action! Wenn du in die Schalterhalle kommst und durch die Fensterscheibe donnerst, brauchen die eine Weile, bis sie gemerkt haben, was da gerade passiert ist. In der Zeit hast du die Ganoven gefesselt, schenkst den befreiten Geiseln schon Tee ein und machst den Bullen die Tür auf.“
„Ich soll durch die Scheibe?“
„Ja was denn sonst, du Bücherheini“, seufzte Matthew entnervt und drückte seinem Sohn den Fluganzug in die Hand.
„Schlüpf rein und du wirst ein Anderer sein!“
„Ich soll mich hier umziehen?“
„Oh, entschuldige, ich vergaß. Vom Chrysler-Building sehen sie bestimmt zu. Du fährst mit dem Aufzug in die Dreißigste runter, da ist eine Umkleide.“
Ben sah hinüber zum benachbarten Hochhaus.
„Jetzt aber dalli, mein Sohn, die Geiseln wollen nach Hause!“
Der angehende Superman entledigte sich zögerlich erst der Strickjacke und danach der Cordhose, stand schließlich in weißer Unterwäsche und schwarzen Socken auf dem zugigen Dach.
„Und wenn das nicht meine Größe ist, Dad?“
„Lenk nicht ab. Er wird dir schon passen.“
Ben zwängte sich in den Anzug.
„Au weia“, schüttelte Matthew den Kopf. „Schnell, der Umhang. Wir müssen den vorne mit was zumachen, dann sieht man deine Tropfenform nicht so.“
„Im Rucksack ist eine Sicherheitsnadel.“
„Wenn ich das im Club erzähle. Der erste Superman, der eine Sicherheitsnadel dabei hat.“
„Vater, das zwickt so im Schritt.“
„Hör auf zu heulen, Mann. Einmal in der Luft spürst du das nicht mehr.“
„Ich will da nicht runter.“
„Dein Wille ist mir egal. Du musst! Also los, abwärts! Oder ich enterbe dich. Kriegt meine Kohle halt ein Foxterrier.“
Ben stand mit flatterndem Umhang am Rand des Hochhauses, blickte abwechselnd hinunter und zu seinem Vater. Plötzlich blitzte es.
„Was war das?“, fragte der Sohn.
„Ich hab ein Foto gemacht, wie du heulend am Abgrund stehst. Wenn du nicht springst, wird das morgen auf der Titelseite der Times sein. Ich hab die Schlagzeile vor mir: Bibliothekar schlägt Retter-Karriere wegen Höhenangst aus!“
„Du mieser Sack.“
Ben starrte hinunter auf die Mason Street. Ihn zwickte nicht nur die Hose im Schritt, sondern auch der sechsstellige Kredit für das Haus mit Garten. Wenn es überhaupt eine Aussicht darauf gab, diese Schulden jemals loszuwerden, dann in ein paar Jahren durch das Erbe seines Alten. Bis dahin würden er und Pamela sich über die Runden wurschteln und gelegentlich gute Miene zum bösen Spiel machen müssen. Und jetzt war böses Spiel. Nur mit der guten Miene tat er sich schwer. Der Einzige, der im Augenblick erwartungsfroh grinste, war sein Vater.
„Das zahl ich dir heim“, schrie Ben in den aufbrausenden Wind, reckte die Faust nach oben und stieß sich von der Kante ab.

Im Central Park zwitscherten die Vögel. Ihr Lied wurde vom Knistern der Zeitung gestört, als Matthew Kensington auf der Bank sitzend umblätterte.
„Du hast es geschafft, mein Junge. Ganze zwei Seiten in der Times. Ich bin so stolz auf dich!“
„Mir tut immer noch die Faust weh. Das Panzerglas war heftig. Dreimal musste ich anfliegen, bis es endlich nachgab.“
„Egal, aus Schmerzen lernt man. Beim nächsten Einsatz schaffst du es mit zwei Anläufen.“
„Es wird keinen nächsten Einsatz geben, Vater.“
„Fang nicht wieder damit an. Selbstverständlich wirst du weitermachen. Oder hast du das Bild für die Presse vergessen?“
„Nein, natürlich nicht. Doch könnte ich mir vorstellen, dass du es nicht wagen wirst, es den Verlagen anzubieten.“
Matthew lächelte und faltete die Zeitung zusammen.
„Weshalb nicht?“
„Weil am nächsten Tag ein zweites Bild erscheinen würde. Nachdem die Gangster alle gefesselt waren, hab ich noch rasch bei den Schließfächern vorbei geschaut. Im Rucksack war dein Schlüssel und du warst so unvorsichtig, mich die Bank retten zu lassen, bei der du dein Fach hast.“
Der Superman-Rentner grübelte. Über zehn Jahre hatte er nicht in die Box gesehen.
„Na? Dir fällt nicht ein, was drin war? Ich helf dir ...“
Ben reichte ihm ein Foto.
„Ist übrigens nur ein Abzug, ich hab noch mehr davon.“
Matthew nahm es mit zittrigen Fingern und drehte es in Zeitlupe um. Superwoman, mit der Peitsche an seinem nackten Hinterteil und den Anzug halb herunter gerollt, grinste in die Kamera.
„Du mieser Sack.“
Ben genoss die Abendsonne auf der Parkbank.

Letzte Aktualisierung: 27.05.2010 - 09.47 Uhr
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