Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Abwärts | Mai 2010
Das Riesenrad hängt frei in der Luft.
von Franziska Greiner

Einmal machten wir einen Ausflug in den Prater. Jeder, der einmal in den Prater kommt, will Riesenrad fahren. Mein Vater erklärte meinem Bruder, dass das Riesenrad keine Speichen hat, wie man meinen könnte, sondern nur von den gespannten Drahtseilen gehalten wird.
Bevor wir an der Reihe waren einzusteigen, öffnete ein Bediensteter der Riesenrad-Betreibergesellschaft die Türe der Kabine auf der gegenüberliegenden Seite, damit die Fahrgäste, die schon einmal herumgefahren waren, aussteigen konnten. Dann machte ein anderer Bediensteter die Türe auf, durch die wir einsteigen konnten. Beide Türen, die sich nur von außen öffnen ließen, wurden geschlossen. In der Kabine befanden sich jetzt 20 Personen, darunter auch Kinder, die herumrannten und lärmten. Ihre Mütter ermahnten sie, nicht so herumzuschreien. Die Kabinen des Riesenrads sehen aus wie Eisenbahnwagons von alten Dampfeisenbahnen. Solange sie noch unten sind, sieht man nach allen Richtungen hin fast nur Streben und Drahtseile. Wenn man etwa bei Neun Uhr ist, oder eigentlich schon etwas früher, wird es besser. Meine Mutter zeigte auf die Rennbahn, von wo wir hergekommen waren, aber ich schaute lieber hinunter auf die Schaubuden und Ringelspiele. Ich fragte nach der Bude mit den Meckies, und mein Vater hob mich hoch und zeigte mit dem Finger dort hin, wo die Bude stand. Aber ich brauchte noch eine Weile, bis ich sie entdeckte. Es war eigentlich eine Schießbude, sie hatte mir beim Herlaufen am meisten gefallen. Man schoss mit einem Gewehr auf Zielscheiben, die die Igel in der Hand hielten oder daneben aufgestellt waren, und wenn einer getroffen hatte, bewegte sich der Mecky. Einer trommelte, ein anderer lachte oder pfiff oder tanzte oder schüttelte eine Rassel oder spielte Klavier. Und weil viele gleichzeitig schossen, schepperte und quietschte es dort ununterbrochen. Jetzt, wo ich von der Gondel aus hinschaute, glaubte ich auch die Geräusche zu hören. Aber ich hörte sie nicht wirklich. Außerdem verschwand die Straße, in der die Bude stand, aus meinem Blickfeld. Links davon sah man jetzt, fast schon am Horizont, die Achterbahn, auf der mein Bruder mit meinem Vater gefahren war. Meine Mutter und ich waren nicht mitgefahren gewesen. Wir hatten derweil Zuckerwatte gegessen, aber die klebte jetzt noch ganz schön um den Mund. Wir waren jetzt so hoch, dass Kinder nicht mehr nach unten schauen konnten, es sei denn, sie wurden hochgehoben. Sie konnten sich zwar auch auf die Bank stellen, aber dann waren sie zu weit weg vom Fenster. Für Kinder, die noch nicht größer als einen Meter zehn sind, ist der Eintritt für das Riesenrad hinausgeworfenes Geld, weil sie nicht viel sehen, das sie interessiert.
Die Erwachsenen deuteten in verschiedene Richtungen und bezeichneten, worauf sie aufmerksam machen wollten. „Da schau, der Stephansdom“ zum Beispiel, oder „ja, dort verläuft der Panoramaweg“, und „rechts davon ist Grinzing“. Die, die deuteten und die, die schauten, sagten dann immer noch einen oder zwei Sätze, bevor sie wiederum in die Ferne zeigten und zum Beispiel sagten: „dort sieht man die Donau ein bisschen“ oder „nein, der Flughafen ist in der Richtung“.
Ich sah damals nur noch den Himmel und ein paar Berge am Horizont. Mein Bruder sah noch etwas von der Stadt. Er war größer als ich damals. Ein paar andere Kinder fingen an zu knautschen, weil es ihnen langweilig wurde. Zum Glück kam ein Luftballon herangeschwebt, den ein Kind vermutlich nicht fest genug gehalten hatte. Er war aus Silberfolie und mit einem lustigen Gesicht bedruckt, das lachte. Er verfing sich sogar zwischen drei sich kreuzenden Streben, so dass er eine Zeit lang vor unserer Gondel mitschwebte. Schaute man in die andere Richtung, sah man jetzt wieder lauter Drahtseile und Metallstreben. Der Ballon kam wieder frei und flog weiter in die Höhe. Dann war auch unsere Kabine an der höchsten Stelle angekommen. Einem Mann flog das Futteral seiner Kamera auf den Boden. Seine Frau bückte sich und hob es wieder auf. Weil unten immer wieder Leute ein- und ausstiegen, blieb unsere Kabine immer wieder für eine Minute stehen. Jetzt hatten wir nach beiden Seiten freie Sicht, aber ich sah nichts Interessantes. Mein Vater kam nochmals auf die Art und Weise zu sprechen, in der das Riesenrad in der Schwebe gehalten wird. „Siehst du“, sagte er zu meinem Bruder, „jetzt stehen wir in Luft. Wenn man jetzt die Seile unter uns abschneiden würde, würden wir trotzdem nicht hinunter fallen.“ Ein anderer Mann, der später sagte, dass er Ingenieur sei, bestätigte das, was mein Vater sagte und erklärte es noch ein wenig ausführlicher. Sofort mischten sich noch weitere Männer in das Gespräch ein und redeten miteinander. Ich aber hatte Angst bekommen und war froh, als sich das Rad weiterdrehte. Es ging immer weiter abwärts. Bald sah ich wieder hinunter auf das bunte Treiben auf dem Prater. Ein Mädchen wollte beim Karussell stehen bleiben und nicht weitergehen. Ihre Mutter zog es weg, aber es setzte sich einfach auf den Boden. Die Mutter hob es hoch und versohlte ihm den Hintern. Ein Junge, der nicht geführt wurde, drehte sich im Vorbeigehen nach einem Clown um, der Zettel verteilte, und stieß dabei mit einem Mann zusammen, der gerade, auch im Gehen, eine Frau küsste. Dem Jungen fiel das Eis, das er schleckte, aus der Hand. Bevor es auf den Boden platschte, hinterließ es noch einen Fleck auf der Hose des Mannes. Der ärgerte sich so, dass er dem Buben eine Ohrfeige verpasste. Der Junge weinte und lief zu seinen Eltern, die daraufhin den Mann beschimpften. Es kam sogar zu einem Handgemenge.
Wir waren mittlerweile zur Hälfte wieder herunten und man konnte immer deutlicher die Geschehnisse rund um das Riesenrad beobachten. Zwei Familien, die jeweils einen Hund mit sich führten, gingen aneinander vorbei. Die Hunde zogen aufeinander zu, aber statt sich zu vertragen, rangelten und bissen sie sich gegenseitig. Ein anderer Hund, der anscheinend zu niemandem gehörte, schnüffelte am Billettenhäuschen der Geisterbahn. Bevor er weiterlief, hob er das Bein und pinkelte gegen das Geländer. Von einer Seitengasse her kam eine Gruppe junger Burschen, die Filzhüte mit Federn oder Strohhüte mit bunten Ansteckern aufhatten. Zwei von ihnen trugen einen Kasten Bier, die anderen hatten jeweils eine Flasche in der einen Hand und tranken daraus, und manche von ihnen hatten sich eine Spielzeugtrompete gekauft und bliesen damit oder hielten sie in der anderen Hand. Sie brauchten die ganze Straße und kamen nur langsam voran.
Hinter einem Imbissstand hatte eine Mutter einem Kind die Hose heruntergezogen und hielt es unter den Armen in der Hocke fest. Es machte Groß und die Mutter wischte es flüchtig mit einem Papiertaschentuch ab. Sie ließ das Taschentuch auf dem Boden liegen, zog das Kind schnell wieder an und mischte sich mit ihm gleich wieder unter die Menge.

Man konnte nicht erkennen, ob die jungen Burschen nur lustig waren, oder ob sie andere Leute auch anpöbelten. Aber sie schienen schon betrunken gewesen zu sein, denn sie schwankten hin und her. Die ersten von ihnen waren bei einem Bierzelt angekommen. Sie winkten und riefen die anderen herbei. Am Eingang des Bierzeltes kam es zu einem Tumult. Männer schlugen aufeinander ein, wurden getreten oder gestoßen. Zwei fielen auf den Teer, standen aber sofort wieder auf und drängten in das Zelt.
Die Türe der Kabine wurde geöffnet. Jetzt konnten wir auch das Geschrei der Menge hören. Zuschauer sammelten sich an. Ich glaubte Bierkrüge fliegen zu sehen. Ein Polizeiauto mit Blaulicht und Martinshorn bahnte sich seinen Weg durch den Vergnügungspark. Ihm folgten bald darauf zwei Sanitätsautos.

Als wir später an dem Bierzelt vorbeigingen, kehrte ein Bediensteter einen Haufen Scherben zusammen. Auf dem Teer waren rote Flecken. Ein Polizist hielt einen durchsichtigen Beutel mit einem Messer darin in der Hand und unterhielt sich mit einer Frau, die ein Dirndl anhatte. In einem Mannschaftswagen der Polizei saßen Polizisten und andere Männer. In die Sanitätsautos wurden Tragen geschoben. Gleich darauf fuhren sie mit Blaulicht und Sirene davon.

© Franziska Greiner

Letzte Aktualisierung: 05.05.2010 - 16.01 Uhr
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