Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Abwärts | Mai 2010
Stony, der kleine Stein
von Christina Stöger

Die Sonne schien von einem strahlend blauen Himmel. Die Vögel zogen ihre Kreise um die verschneiten Bergspitzen. Der Schnee blitzte an manchen Stellen noch vollkommen unberührt hervor.
Doch plötzlich gab es einen Felsrutsch und einige Steine begannen zu rutschen. Sie wurden immer schneller und schneller, bis sie den Berg hinab sausten. Viele Felsbrocken zerschlugen und landeten am Fuß des Berges, wo sie liegen blieben. Doch einige plumpsten auch in den nahe vorbei fließenden Fluss.
Darunter auch ein Stein Namens Stony. Er war ganz verdutzt, als er plötzlich im Wasser landete. Er hatte doch gerade so schon geschlafen und sich die Sonne auf seinen Rücken scheinen lassen. Dagegen war das frische Bergquellwasser richtig kalt. Verdutzt schaute sich um und erschrak, denn seine Familie war auch nicht mehr bei ihm. Keiner seiner Brüderchen und Schwesterchen waren in Sichtweite. Und nun wurde es auch schon dunkel. Die Sonne versank schnell hinter der Felswand, die er noch vor kurzem seine Heimat nannte.
Da hörte er neben sich ein leises Schluchzen. Ein kleines Steinmädchen lag nicht weit entfernt von ihm und weinte.
„Hey du, “ sagte er.
„Warum weinst du denn?“
„Ich weiß nicht, wo ich bin“, sagte sie mit Tränen in den Augen.
„Ich doch auch nicht, ich habe mich gerade gesonnt, als ich mich in diesem Fluss wieder gefunden habe“, entgegnete Stony mitfühlend.
Da meldete sich noch eine Stimme.
„Ich weiß was los ist. Meine Oma hat mir davon erzählt. Sie meint, dass es ab und zu vorkommt, dass wir auf eine große Reise gehen müssen. Viele von meinen Verwandten sind schon weg. Sie waren auf einmal nicht mehr da. Und als ich dann fragte, wo sie hin gegangen sind, hat meine Oma erzählt, dass sie von der großen Reise gehört hat. Erst landet man in diesem Fluss und dann geht es weiter. Aber mehr konnte sie mir nicht erzählen.“
Das Steinmädchen hatte mit dem Weinen aufgehört und auch Stony schaute mit großen Augen.
Sie unterhielten sich noch die ganze Nacht. Erzählten Geschichten aus ihrem Leben, als alles noch in Ordnung war. Erst als die Sonne wieder aufging, gähnte Stony und auch dem Mädchen, das sich mittlerweile als Steffi vorgestellt hatte, fielen schon die Augen zu. Und so rückten sie sich zurecht, um sich auszuruhen.

Doch kaum hatten sie einen ruhigen Platz gefunden, als ein Beben durch den Fluss ging und Stony weiter getragen wurde. Den Fluss immer weiter und weiter bergab. Die Fahrt mit dem Fluss dauerte ganz schön lange.






Immer und immer wider blieb er liegen, aber nie für lange. Ein ganzes Jahr verging, und der Winter stand wieder kurz bevor. Stony bekam davon aber nichts mit, denn seine Reise war sehr beschwerlich. So fiel er sogar einen Wasserfall hinunter und schlug sich den Kopf an. Das tat ziemlich weh. Ganz benommen landete er auf einer Kiesbank.

Als er wieder zu sich kam, schaute er sich neugierig um. Ganz viele andere Steine lagen mit ihm da herum. Doch keiner schien sich um ihn zu kümmern. Das Wasser, mit dem er hierher gekommen war, schwappte über seinen Körper. Viele Pflanzen standen um ihn herum. Manche schon in voller Blüte, andere noch ganz verschlossen. Sie unterhielten sich angeregt über den bevorstehenden Winter, der wieder kalt werden würde und das Leben von vielen auszulöschen drohte.
Stony verstand nicht viel davon, denn er war noch so jung und konnte nicht verstehen, warum die Blumen sterben sollten. Er legte sich hin und fing an zu träumen. Von seiner Heimat und seinen Freunden. Es musste doch sehr lange gedauert haben, denn er wachte wieder auf, als sich Schneeflocken leise auf seinen Rücken setzten. Sie kicherten und lachten und erzählten von ihrem Flug durch die Wolken hindurch und auf die Erde nieder.
„Wo kommt ihr denn her?“ fragte Stony ganz erstaunt. Doch die Flocken kicherten immer weiter und es kamen immer mehr und mehr.
Bevor er ganz unter der Schneedecke zu verschwinden drohte, warf er noch einen Blick auf die Blumen. Und tatsächlich. Keine von ihnen strahlte noch in ihrer alten Schönheit. Sie waren verwelkt und ließen die Köpfe hängen. Trostlos sah das aus. Stony schloss die Augen und weinte. Er weinte, weil er das alles nicht verstand, weil er keine Freunde hatte und weil die stolzen Blumen gebrochen waren.
Darüber musste er wohl wieder eingeschlafen sein, denn als er das nächste Mal aufwachte, waren die Schneeflocken verschwunden, die Sonne schien wieder und es roch nach Frühling.

Da kam ein Vogel und setzte sich frech auf seinen Rücken. Stony hatte Angst, aber er wollte so gerne noch mehr über die Welt erfahren, dass er den Vogel einfach ansprach.
„Wer bist du denn?“ fragte er vorsichtig.
Der Vogel, der gerade sein Gefieder gereinigt hatte, schaute verdutzt hoch.
„Hier unten bin ich. Du sitzt auf mir“ sagte Stony. Da erst bemerkte der Vogel wer zu ihm gesprochen hatte und sprang erschrocken zur Seite. Er wollte schon wieder los fliegen, als Stony nochmals verzweifelt rief:
„Wer bist du, und wo kommst du her?“ der Vogel schaute sich noch mal kurz um und antwortete:
„Ich bin ein Vogel und bin gerade aus dem Süden zurückgekommen. Und wer bist du?“
„Ich bin Stony und komme aus den Bergen.“ antwortet der kleine Stein.
„Aus welchen Bergen? Aus den Alpen?!? Da bist du aber schon weit gekommen. Wo willst du denn hin?“ fragte der Vogel erstaunt.
„ Ich weiß es nicht. Ich bin einfach hier gelandet. Geht es denn noch weiter?“





Der Vogel lachte laut und schrill.
„Natürlich. Du hast doch noch gar nichts gesehen. Kennst du schon die Menschen oder Hasen und Füchse und…“
„Halt!“ rief Stony.
„So viel gibt es noch zu sehen? Wie soll ich das alles schaffen? Ich liege nun schon seit einem Winter hier. Mit den Blumen konnte ich nicht reden und auch die Schneeflocken wollten nichts mit mir zu tun haben. Ich will wieder weiter. Aber allein schaff ich es nicht zum Fluss. Hilfst du mir?“ Stony schaute den Vogel bittend an. Dieser überlegte kurz und meinte:
„Versuchen kann ich es ja mal.“ Er schubste Stony mit seinem Schnabel zum Ufer.
„Jetzt musst du nur noch auf eine passende Welle warten. Ich wünsche dir viel Spaß und ganz viel Glück.“

Damit breitete er seine Flügel aus und verschwand in den Wolken.
Stony konnte gerade noch ein „Danke“ hinterher rufen, da war er schon wieder allein. So wartet er also gespannt auf das Wasser, das ihn weiter bringen sollte.

Dann kam die Schneeschmelze. Viel Eiswasser floss den Fluss hinunter und bald darauf sprang auch Stony in das Wasser. Es floss sehr schnell und Stony wurde schwindelig. Er dachte schon, dass sich das nie ändern würde, und dass er nichts mehr sehen würde als nur dieses Wasser. Doch auf einmal war es vorbei. Er lag zwischen andern Steinen sicher im Flussbett und bewegte sich nicht mehr. Endlich ausruhen. Er schlief tief und fest, als sich etwas an ihm rieb.
Voller Angst ließ er die Augen geschlossen. Aber es wollte nicht aufhören, so dass er es nicht mehr aushielt. Er öffnete ein Auge und sah in riesige runde Glubschaugen.
„Blubb“ machte das Ding.
„Was hast du, blubb? Warum hast du Angst, blubb. Ich bin doch nur ein Fisch, blubb.“ Stony war immer noch misstrauisch, aber er antwortete.
„Ich komme aus den Alpen. Ich will die Welt kennen lernen.“
„Da bist du genau an den Richtigen geraten. Ich kenne sie alle. Ich habe auch schon Menschen gesehen. Sie haben mich aber nie erwischt, weil ich zu klug bin, blubb.“
Stonys Augen wurden immer größer.
„Wieso willst du denn nicht erwischt werden? Ich dachte, das ist spannend!“ fragte Stony neugierig.
„Aber doch nicht für mich. Mich würden sie essen. Aber du bist nur ein Stein. Dich wollen sie nicht haben. Aber ich wünsche dir trotzdem viel Glück. Ich muss weiter, blubb. Bis dann, vielleicht sehen wir uns noch mal, “ sprach der Fisch und verschwand. Er ließ einen nachdenklichen Stony zurück, der nicht mehr wusste, was er denken sollte.
Aber da erfasste ihn eine Welle und Stony wurde weiter getragen. Vorbei an Wiesen und Feldern. Einmal kam er auch durch eine Stadt hindurch und sah Menschen am Strand sitzen. Er sah voller Stauen, dass es große und kleine Menschen gab. Einmal wäre er beinahe von einer Menschenhand erwischt worden, doch er konnte gerade noch aus ihr heraus rutschen. Doch im gleichen Moment hörte er hinter sich einen Schrei. Als er sich umdrehte, sah er Steffi. Sie wurde von einem kleinen Menschen hoch genommen und in den Sand geworfen. Stony wartete nun auch darauf, hoch genommen zu werden. Und sieh an, da kam auch schon so eine kleine Hand, nahm ihn auf und warf ihn hoch in den Himmel. Dann wurde das Kind gerufen und lief davon. Stony landete im Sand - direkt neben Steffi. Sie erzitterten beide. Doch nun waren sie sich nahe. Überglücklich tauschten sie
ihre Erfahrungen aus und lachten über das, was sie erlebt hatten. So wurde es wieder dunkel. Stony und Steffi kuschelten sich aneinander und schliefen ein.

So lagen sie einige Tage dicht beieinander, bis sie wieder von den Menschen entdeckt wurden. Ein Mädchen kam und schaute sich alle Steine ganz genau an, und sie hob Stony hoch.
„Du bist aber ein toller Stein. Dich will ich haben, als meinen Glücksbringer. Ich hoffe, dass auch deine Freunde ein gutes zu Hause finden werden, aber dich nehme ich jetzt mit. Du bist für mich was ganz Besonderes. Ganz sicher bringst du mir auch Glück.“ sagte das kleine Mädchen und schob ihn in ihre dunkle Jackentasche.
Stony konnte sich gerade noch von Steffi verabschieden. Er warf ihr einen lieben Blick zu und lächelte.
„Ich habe es gut getroffen. Hoffe, du findest auch einen guten Platz. Werde dich nie vergessen. Machs gut…“, rief Stony glücklich.
Er fühlte sich wohl in der Tasche des Mädchens. Wichtig und einmalig. Ein Glücksstein sollte er sein. Er versprach sich selber, dass er sein Bestes tun wollte, um diese Aufgabe auch zu erfüllen.

Und so wurde aus einem Stein, der aus den Felsen der Alpen brach, ein Glücksbringer. Stony wird jedem, der ihn trägt Glück und Harmonie schenken, weil er selber glücklich ist.
Und wer ganz genau hinhört, ein reines Herz und viel Liebe für ihn hat, dem erzählt er vielleicht auch von seiner großen Reise.

(für meinen Papa)

Letzte Aktualisierung: 20.05.2010 - 12.46 Uhr
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