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Zielgerade | Juni 2010
Marathon Hopping
von Renate Hupfeld

Oft habe ich mich gefragt, ob es Zufälle gibt. Inzwischen bin ich mir sicher, dass alles, was geschieht, einer unsichtbaren Ordnung folgt. Und jeden Tag sage ich mir, wie sinnvoll es war, trotz eines gewissen Risikos, ich könnte Sarah auf der Zielgeraden des New York City Marathons verpassen, an diesem grauen Morgen des ersten November gegen acht Uhr vom Hotel am Beekman Place in Upper Midtown Manhattan zur 42. Straße zu laufen, mit der U6 vom Grand Central Terminal bis zur City Hall zu fahren, von dort den Fußweg über die Brooklyn Bridge und auf der anderen Seite des East River den Weg durch den Park zu nehmen, in dem die Leute aus der Umgebung morgens ihre Hunde ausführen. Es war auch kein Zufall, dass ich an der U-Bahn-Station Court Street stehen blieb, den Stadtplan auffaltete und überlegte, wie ich zum ersten Treffpunkt gelangen könnte, den ich mit meiner Tochter vereinbart hatte. Hätte sie Aaron jemals kennen gelernt, wenn mich nicht an jenem Sonntag am Eingang eben dieser U-Bahn-Station in Brooklyn ein Mann mit Hund angesprochen hätte?

„Kann ich helfen?“, fragte er.
„Ich bin auf dem Weg zur Marathonstrecke, dem 8-Meilen-Punkt in der vierten Avenue. An welcher Station muss ich aussteigen?“
„Ah, ein Marathon Fan“, sagte der Mann. „Dahin können Sie gut laufen. Sie gehen geradeaus bis zur Atlantic Avenue, biegen links ab, dann ist es ungefähr noch eine Meile.“
„Und wie komme ich später dann möglichst zügig zur Queensboro Bridge? Da will ich nämlich als nächstes an die Strecke.“
„Mit der U-Bahn direkt von dort hinüber nach Manhattan, am besten mit der Expressbahn, sonst schaffen Sie es am Ende nicht rechtzeitig. Die Läufer haben ja bekanntlich ein ziemliches Tempo.“
„Ja, ja.“
„Ich weiß ja nicht, wie schnell Ihr Favorit ist.“
„Ziemlich flott auf den Beinen. Am besten mache ich es, wie Sie mir raten. Dann will ich mal los.“

Obwohl ich mich bedankt und einen schönen Tag gewünscht hatte, ging der Mann neben mir und redete weiter.
„Fans an der Strecke sind wichtig, wenn man diese gewaltige Distanz schaffen will. Ich vermute mal, Ihr Mann läuft mit und er freut sich über Ihre Unterstützung.“
„Meine Tochter ist dabei. Sie hat sich einen Wunsch erfüllt, zum Schulabschluss.“
„Oh, ist sie da nicht ein bisschen jung für so einen Lauf?“
„Achtzehn, das Mindestalter für die Teilnahme.“
„Halb so alt wie ich und schon so entschlossen, ein großes Ziel zu erreichen.“
Seltsame Gedanken hatte dieser Mensch. Wie lange wollte er noch neben mir gehen? Sein Hund trippelte schon ungeduldig vor meinen Füßen herum.
„Sorry.“
„Ist okay. Ich hatte auch mal so einen quirligen Vierbeiner. Der sah Ihrem sogar ähnlich.“
„Jetzt haben Sie keinen mehr?“
„Nein.“
„Und Kinder? Nur die Tochter?“
Obwohl seine Fragerei mich nervte, fand ich ihn nicht unsympathisch. Das Lächeln in seinen Augen gefiel mir, so ein ganz helles Lächeln war das, mir irgendwie vertraut. Was sollte ich ihm antworten?
„Nur Sarah“, sagte ich und eigentlich stimmte das ja auch. Wozu schmerzvolle Erinnerungen hochwühlen, die mehr als zwanzig Jahre zurücklagen? Gekämpft, verloren, geweint, neu begonnen, niemals vergessen. Wen interessierte das?
Ich wollte nun schnellstens zu unserem Treffpunkt. Nass und kalt sei es am Start auf Staten Island, hatte Sarah in der SMS geschrieben. Gerade kam eine weitere auf meinem Handy an. Ich zog es aus der Jackentasche und öffnete die Nachricht.
‚Bin in der Startaufstellung. Wir werden jetzt auf die Verrazano-Brücke gebracht. Kann nix mehr schiefgehen. New York, New York…’
Der berühmte Sinatra Song. Mich beruhigte jetzt vor allem, dass sie endlich in Bewegung kam. Schließlich war sie seit dem frühen Morgen unterwegs und sicherlich total durchgefroren.
„Sie läuft jetzt los“, sagte ich.
„Ja, klar. Dort an der Ecke nach links und, wie gesagt, immer geradeaus, dann sehen Sie schon einen Turm und die Absperrung.“
„Danke, ich muss mich jetzt beeilen.“
„Einen Moment noch“, sagte er. „Ich werde nachher an der Strecke ein paar Fotos für die Zeitung machen. Vielleicht haben Sie Interesse. Hier, nehmen Sie mein Kärtchen.“
Ich steckte es in die Jackentasche.
„Noch etwas! Hätten Sie vielleicht eine Adresse für mich?“
Ein paar Visitenkarten mussten noch im Portemonnaie sein.
„Danke und viel Erfolg, auch beim Marathon Hopping“, sagte er noch und verschwand mit seinem Hund in der Seitenstraße.

Marathon Hopping! Nie gehört! Jedenfalls hatte er mich gut beraten. Neben dem Turm fand ich einen prima Platz mit freiem Blick auf die vierte Avenue. Da wurden schon einige Rollstuhlfahrer gefeiert und kurz darauf rannten die ersten Läuferinnen und Läufer vorbei. Auf Sarah musste ich noch ein wenig warten. Dann sah ich sie inmitten einer Gruppe, ein blondes Girl mit Pferdeschwanz in blauem Trikot. Sie lachte kurz in die Kamera und war auch schon wieder weg. Mein „Go, Sarah, go!“ brauchte sie noch nicht. Ob sie das Tempo durchhalten würde? Ein knappes Drittel der Strecke hatte sie hinter sich, es konnte noch eng werden. Auch für mich gab es nun eine beachtliche Distanz zu überwinden, von Brooklyn nach Upper Manhattan. Für die Musikband „Steel Wolf“ und Schlange stehen bei „Dunkin’ Donuts“ blieb keine Zeit, ich wollte rechtzeitig am 16-Meilen-Punkt sein. Also kein Kaffee, sondern gleich weiter, mich anderen Marathon Hoppern anschließen, in die U4 treiben lassen, an der Lexington Avenue / Ecke 59. Straße aussteigen, von dort laufen zur First Avenue, diese nach Polizeianweisungen überqueren, unten an der Brücke nur einen wackligen Platz in der dritten Reihe finden und Ausschau halten zwischen hunderten von Läufern, die dicht beieinander von der Queensboro Bridge herunter in die Kurve rannten. Wo blieb Sarah? Etwa schon vorbei? Nicht aufgeben, sagte ich mir, und erspähte sie dann auch, fast ein bisschen zu spät, doch für Fotos reichte es. Kein Blickkontakt. Wie sollte sie mich auch in der Zuschauermenge entdecken? Zehn Meilen hatte sie noch vor sich, zur Bronx und zurück, nicht viel bei ihrem Tempo. Inzwischen verstand ich noch besser, warum der Brooklynmann mir zur Eile geraten hatte, und lief sofort los. Schließlich hatte ich ja auch noch ein paar Kilometer vor mir. Je näher ich dem Central Park kam, umso heftiger wurde das Gedränge und Geschiebe, zumal man weiträumige Absperrungen umlaufen musste und vor jeder Straßenüberquerung von Polizisten angehalten wurde.
Nach etlichen Umwegen ergatterte ich ein winziges Plätzchen an der Zielgeraden in unvorstellbarer Enge. Jetzt noch zwischen wehenden Fahnen einen Blick auf die Strecke erwischen. Und da sah ich wieder die Läuferschlange an mir vorbeiziehen. So viele Gesichter, alte, junge, abgekämpfte, fröhliche, mehr oder weniger verschwitzte. Hunderte von Trikots in allen Farben. Den meisten Läufern sah man die 42 Kilometer wirklich nicht an. Meine Stimmung schwankte zwischen der Freude, nun in unmittelbarer Nähe dieses Events im Central Park dabei zu sein und der Sorge, Sarah wäre vielleicht schon längst im Ziel. Als ich eine Nachricht von ihr erhielt, brauchte ich die Ellenbogen, um das Handy aus der Jackentasche zu fummeln. Alles klar. Noch eine Meile. Fotoapparat bereithalten und sie ein paar Minuten später in ihrem blauen Trikot hinter zwei weißen und inmitten einiger gelber und roter entdecken. Wieder kein Blickkontakt, doch Sarahs Lauf war glücklich beendet.
Sie hatte ein großes Ziel erreicht. Eigentlich nicht zu überbieten. Doch das Highlight des Tages stand uns noch bevor. Hätte ich ahnen können, dass meine Begegnung mit dem jungen Mann, der mich einige Stunden zuvor ein Stück weit begleitet hatte, eine so unglaubliche Überraschung nach sich zog?

Während ich beim Eingang des Museum of Natural History auf eine Nachricht von meiner Tochter wartete, hielt ich plötzlich zusammen mit dem Handy die Visitenkarte des Brooklynmannes in der Hand. Ich las und traute meinen Augen nicht. Das konnte nicht sein! Oder doch? Ich setzte mich auf eine Treppenstufe. Kein Zweifel. Der Mann mit Hund war Aaron. Sollte ich das jetzt begreifen? Wie ferngesteuert wählte ich seine Nummer. Ja, wir haben zu reden, sehr viel zu reden, möglichst bald, sofort, ja, möglichst sofort, fürchterlich hektisch gerade hier, sechzehn Uhr, ja, ja, sechzehn Uhr ist gut, Bar im Beekman Tower, 26. Stock.
Sarah kam angehumpelt. Bevor ich ihr gratulieren konnte, legte sie sich auf die Stufe und packte ihre Beine auf meine Knie. Doch die Blasen an den Füßen mussten warten. Wie sollte ich es ihr nur sagen?
„Stell dir vor, wir haben nachher ein Date“, begann ich.
„In welchem Film bist du denn, Mama?“
„Heute Vormittag ist mir jemand begegnet, der sich mit uns zusammen freuen will. Wir haben doppelten Grund zum Feiern.“
„Wie finde ich das denn? Nur weil wir gerade in einer Wahnsinnsstadt den Wahnsinn erleben, musst du doch nicht verrücktspielen. Ist wohl alles ein bisschen viel für dich. Vielleicht bin ich erst mal kaputt und will vielleicht meine Verabredungen selber machen?“
„Du hast ja recht, Sarah. Aber es ist ganz anders, als du es dir vorstellen kannst. Eine Geschichte aus meiner Vergangenheit, also bevor du geboren warst. Ich hatte jemanden verloren und habe ihn wieder gefunden. Ausgerechnet heute. Du kennst ihn von Fotos und vom Erzählen.“
„Wen meinst du?“
„Von den ersten fünfzehn Jahren seines Lebens hab ich dir ganz viel erzählt. Du wolltest alles genau wissen. Denke an den kleinen Jungen auf dem Foto, den du immer so süß fandest.“
Sie sprang auf.
„Aaron?“
„Inzwischen ist er ein Mann und lebt in Brooklyn“, fuhr ich fort.
„Und das soll jetzt zufällig so passiert sein? Nicht wirklich, oder?“
„Doch, Sarah, so unwahrscheinlich es klingt.“
„Also dein verlorener Sohn ist ausgerechnet heute in New York aufgetaucht.“
„Richtig.“
„Wo und wann treffen wir uns mit Aaron?“
„In unserem Hotel, Sarah, oben in der Bar. Es ist noch ein bisschen Zeit.“
„Okay, es ist zwar unglaublich, doch heute ist so viel passiert, warum nicht das? Ich habe einen Bruder und bin kleine Schwester. Dann lass uns loswandern.“

Letzte Aktualisierung: 27.06.2010 - 19.50 Uhr
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