Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Zielgerade | Juni 2010
24 Stunden
von Susanne Ruitenberg

10:45
Einlauf der Mannschaften. Die Moderatoren von Radio Neudorf finden für jede Gruppe ein paar nette Worte. Olafs Team, die Kirchenmäuse, trägt Mäuseohren. Er winkt den Zuschauern zu, die frenetisch anfeuern. Es ist das dritte Mal, dass er mitläuft. 24 Stunden Stadionrunden drehen; immer muss einer auf der Piste sein. Die ersten zwei Stunden laufen alle, danach geht es in die Gruppen. Seine hat die erste Schicht.
Nachdem sie an der Tribüne vorbei sind, stellen sie sich hinter Schild 26. Olaf sieht auf die Uhr. Noch eine Stunde.
„Alles klar?“, fragt Anja, eine ihrer Betreuerinnen.
Olaf schmunzelt, als er das Team der rennenden Kochkünstler sieht, in voller Montur, mit Töpfen in den Händen. Monatelang haben alle trainiert. 24 Stunden werden sie sich schinden, um Geld zu sammeln, für Neudorfs Spezialschule für Körperbehinderte. Alle drei Jahre, das Ereignis in Neudorf.
Der Schuldirektor, die Bürgermeisterin und die Pfarrer sprechen Grußworte. Danach leiten die Pfarrer zum Vaterunser ein und bitten um Gottes Segen für die Veranstaltung. Olaf beugt den Kopf und spricht die vertrauten Worte. Es ist ungewohnt, die Pfarrer im Laufdress zu sehen, statt in Talar und Soutane

11:55: Olaf ist Starter. Jörg von Radio Neudorf ruft ins Mikrofon: „Es hat Tradition, dass wir euch hiermit auf die Piste schicken. Seid ihr bereit?“
„Final Countdown“ erklingt.
Olaf hüpft auf der Stelle, seine Beine kribbeln, er kann es kaum erwarten.
Das Publikum zählt die letzten Sekunden mit, der Schuss peitscht. Fünfzig Läuferinnen und Läufer rasen los; die Gerade entlang, um die Kurve, durch die Wechselzone. Normalerweise würde hier der nächste übernehmen, aber der Startläufer hat eine halbe Runde mehr. Wieder durch den Start, den Chip einwerfen; zwei Boxen stehen bereit, die man kaum verfehlen kann, ein Bewohner der Teresienschule sitzt hier, einer, der an den Rollstuhl gefesselten, der nie laufen wird. Bei jedem Chip, den Olaf einwirft, während die Muskeln müder werden und die Schmerzen zunehmen, wird ihm bewusst, wie gesegnet er ist mit seinen gesunden Beinen.

Zwei Stunden sind schnell vorbei. Olaf, Pia und Jan laufen die nächste Stunde allein. Radio Neudorf sagt Spenden durch. Anfangs führen die Firmenteams, die 1000-Euro-Spenden mitbringen. Aber bei den Kirchenmäusen laufen nur Neudorfer. Es hagelt Durchsagen: „15 Euro für Jan von den Kirchenmäusen; lauf, Papi, lauf“ und „10 Cent pro Runde für Team 26 von Oma Luise.“
Olaf sieht sich in seinen Laufpausen den Zwischenstand an. Wie immer führen die Heinstädter Runners, ein Team von Ironmen. Ja, aber sie haben nur 40 Euro Spenden, die Mäuse 252, und es geht schließlich um Geld für besondere Anschaffungen: ein neuer Bus, speichelresistente Tastaturen, Spezialcomputer. Nicht um sportliche Rekorde.
Nach einer Stunde übernimmt das Viererteam. Olaf schwimmt eine Runde im Hallenbad, bevor er zum Essen geht.

18 Uhr: Die ersten Runden sind die Hölle, bis die erkalteten Muskeln wach sind.
Sie schaffen weniger Runden pro Stunde als am Anfang. Es ist windig geworden und Thea steht mit den Jacken in der Wechselzone bereit. Anja füllt die Flaschen im Verpflegungszelt auf und schleppt Bananen und belegte Brote bei.
Olaf sieht auf die Uhr. Noch eineinhalb Stunden. Sie ziehen sich.
Bei der nächsten Ablöse geht er nach der Dusche ins Schlafzelt, stellt seinen Wecker und versucht, zur Ruhe zu kommen. Nicht einfach. Die Beine und Füße singen das Ave Maria, das Publikum hat Wuwuselas und Radio Neudorf feuert Spendendurchsagen ins Mikro. Von der Musik ganz zu schweigen.

1:30. Der letzte Läufer der alten Gruppe ist auf der Piste. Olaf steht bereit.
Diesmal hat er besser geschlafen, das Radio schweigt seit Mitternacht.
Pia streckt sich. „Mir tut jetzt schon alles weh.“
Jan beißt in eine Banane. „Ich hätte vorhin mehr essen sollen, da wollte ich nur schnell ins Bett.“
Olaf wirf seine Jacke auf den Stuhl. „Chip?“, fragt Anja. Sie betreut rund um die Uhr. Olaf nickt. Er hat immer zwei, so kann er die Kiste frei wählen, je nachdem, auf welcher Bahn er ist.
Nach etlichen Runden sieht er auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde. Es zieht sich, wie immer in der Nacht, obwohl viele Zuschauer die ganze Zeit ausharren. In der Kurve vor dem Spendenzelt sitzt ein Ehepaar. Sie haben sich häuslich eingerichtet, mit Schlafsäcken und Verpflegung, feuern jeden Läufer an, der vorbeikommt.
Noch zehn Minuten. Das nächste Team steht bereit. Doch halt, wo ist ihr Pfarrer? Anja ruft sicherheitshalber an. „Er kommt sofort. Ich glaube, ich habe ihn geweckt.“
„Wir laufen jeder noch eine“, entscheidet Olaf.
Während Pia startet, kommt der Pfarrer an. „Tut mir leid, Weckerproblem.“
Zehn Minuten später ist Olaf im Schwimmbad. Er hüpft ins Wasser, duscht, legt sich in den Ruheraum. Handywecker auf 5:50. Seine Waden kribbeln, die Fußsohlen brennen, die Leisten ziehen; es dauert, bis er einschläft.

Viel zu schnell dröhnt ihm „Highway to Hell“ ins Ohr. Der Song passt. Er sollte ins Massagezelt gehen. Alle Therapeuten Neudorfs massieren dort nonstop. Der ganze Ort von kaum 20.000 Einwohnern steht hinter dem Lauf. Es gibt Familien, die auf drei Teams aufgesplittet sind.
Olaf duscht, zieht ein neues Trikot unter das bedruckte Hemd mit Teamlogo an und pilgert ins Verpflegungszelt. Croissants und Kuchenbrot von Bäcker Hein bereichern das Müslibuffet. Kaffee und Tee duften, Säfte und Milch gehen nie aus. Die ganze Nacht haben die Landfrauen das Zelt gemanagt. Der Bäcker stiftet einen Großteil der Waren, den Rest sponsert die Sparkasse.
Müde aussehende Läufer sitzen hier und schaufeln Müsli hinein. Einige hinken, wenn sie aufstehen.

6:30: Die Vierergruppe hat über dreieinhalb Stunden hinter sich. So sehen sie auch aus.
Mattes, ein örtlicher Heilpraktiker, zieht mit seinem Köfferchen durch die Zelte. Olaf schnappt ihn sich, legt sich auf die Liege und lässt sich den linken Oberschenkel bearbeiten, der seit heute Nacht herumzickt. Es ist angenehm, wenn die Muskeln wieder locker werden.
Die erste Runde ist nicht ganz so mörderisch wie die der anderen Schichtwechsel.
Seit sechs Uhr läuft leise Musik. Um sieben dreht Radio Neudorf voll auf. Beschweren wird sich keiner; wer nicht läuft oder betreut, kommt über kurz oder lang ins Stadion. Viele haben die Nacht durchgemacht, vorne bei den Weinständen, wo die Band gespielt hat und es zwischen Kuchenbuffet, Grill und Gourmetstand einiges zu entdecken gab.
Um 8:30 hat Olaf seine letzte Pause. Er geht etwas essen und legt sich auf eine Luftmatratze.

9:30: Das Publikum steht immer dichter, Radio Neudorf brüllt die Spenden über den Äther, die Kirchenmäuse liegen gleichauf mit den Crazy Rollers, dem Team der Teresienschule. Diese Mannschaft ist die bewundernswerteste. Drei Sportler im Rennrolli, die ihre Beine gar nicht gebrauchen können, die Arme sind dafür umso muskulöser. Sie trainieren das ganze Jahr und einer hat es bis zu den Paralympics geschafft. Die restlichen sieben sind Läufer, und bei dem einen Mädel kommt das zweite Bein kaum auf den Boden; dennoch läuft sie tapfer Runde um Runde. Olaf würde ihr gerne auf die Schulter klopfen und Mut zusprechen, traut sich aber nicht.

Fünf vor zehn. Das Team ist wieder komplett. Und obwohl sie bis eben noch so aussahen, als würden sie sich am liebsten ins Gras werfen und schlafen, hat sich etwas verändert, in dem Moment, als es auf zehn Uhr zuging.
„Die letzten zwei Stunden sind angebrochen“, brüllt Radio Neudorf, und legt Partykracher auf. „Wo sind eure Hände, Neudorfer, jetzt gilt es. Die Läufer brauchen euch, und es darf gespendet werden. Endspurt.“
Einzelrunden, zu zehnt, eine knappe Viertelstunde Pause zwischen den Runden. Die Müdigkeit ist wie weggeblasen; Olaf hat das Gefühl, er könnte bis morgen weitermachen.
Um 11:20 kommt Hans, der heute Kollektendienst hat, und liefert die Kollekte des Gottesdienstes im Spendenzelt ab. 242,40 Euro gehen auf das Konto von Team 26.
Um 11 Uhr wachsen den Läufern Flügel. Es wird immer schwerer, durchzukommen, das anfeuernde Publikum steht dicht an dicht auf der Piste; die Rennrollis überholen; alle Helfer und Betreuer bilden in der Wechselzone ein Spalier. Der Sonnenbrand ist vergessen, die platten Füße und müden Beine ebenso. Noch eine halbe Stunde. Jeder rechnet sich aus, wie oft er noch muss. Jan gibt alles auf den letzten Runden, er schafft Zeiten von 1,15, wie anfangs. Nach jeder Runde hängt er japsend in der Wechselzone.
Die Vikarin hat heute den Gottesdienst gehalten, jetzt steht sie hier und feuert an. Anja verteilt die Chips. Es ist fünf vor zwölf. Wer wird die letzte Runde laufen, Olaf oder Pia? Pia ist auf der Piste. Olaf hält sich bereit. Sie kommt zurück, schreit „Lauf!“, und er sprintet los, als würde er eben zu einem 100m Lauf aufbrechen, als hätte er nicht 24 Stunden hinter sich. Raus aus der Wechselzone, ein Rollifahrer streift ihn beim Überholen, die Blase am Fuß ist geplatzt, aber das ist jetzt egal, jetzt zählt nur noch diese Runde. Olaf ist auf der Zielgeraden, wirft seinen Chip ein, rast weiter, „12 Uhr, die Kisten werden geschlossen, der 24 Stunden Lauf ist zu Ende, wir danken euch allen ...“ brüllt das Radio und spielt „We are the Champions“. Alle liegen sich lachend und weinend in den Armen, bunt durcheinander gewürfelt, klopfen sich auf die Schulter, formieren sich zur Ehrenrunde mit den Betreuern, Olaf winkt dem Publikum zu wie ein König, die Schmerzen sind vergessen, es zählt nur noch, dass sie es geschafft haben, wieder einmal, und ohne Ausfälle.
Platz 25 bei den Runden und Platz 9 bei den Spenden, und heute schon steht für Olaf fest, dass er in drei Jahren wieder dabei sein wird.

Für das echte „Neudorf“, die Läufer, die Schule, und besonders für Team 26.

Letzte Aktualisierung: 22.06.2010 - 20.37 Uhr
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