Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Zielgerade | Juni 2010
Der Job
von Marcus Watolla

Er steigt aus dem das Auto und betrachtet sich die Straße.
Hier.
Hier ist der richtige Ort, um den Job zu verrichten. So wie es sein Auftrag ist. Er greift in die Innentasche seines schwarzen Jackets. Holt eine Schachtel Zigaretten hervor, klopft eine heraus. Steckt sie sich an.
Sein Blick schweift ĂŒber die HĂ€user, die in Reih und Glied die Straße sĂ€umen. Man könnte fast meinen, sie seien mit dem Lineal gezogen worden. So gerade. So akkurat.
Es ist ihm nicht klar, warum der Job hier gemacht werden muß. Hier leben nicht die perfekten Opfer.
MittelstÀndler.
Sie haben im allgemeinen hart gearbeitet, um sich ihr eigenes kleines Paradies zu erschaffen. Ein Haus in der Vorstadt. Ein kleiner Garten. Nette Garagen.
Er lÀchelt schmerzlich.
“Der Job wird kurz und schmerzlos ausgefĂŒhrt”, denkt er bei sich und zieht wieder an der Zigarette. Dann Ă€ndert er seine Meinung. “Vielleicht sollte ich erst ihr Vertrauen gewinnen und dann zuschlagen.”
In Ringen pustet er den Rauch aus.
MittelstÀndler.
Mit einem eigenen Haus. Diese Sorte ist nicht so leicht klein zu kriegen. Haben eine Menge Lebenserfahrung. Meistens sehen sie es einem an. Dann wird es brenzlich. Die ersten Sekunden zĂ€hlen. In dieser Zeit entscheidet es sich, ob man ĂŒberlebt oder nicht.
Doch er ist gut vorbereitet.
Er zieht die Tarnung der Unscheinbarkeit vor. Sie öffnete ihm schon oft TĂŒr und Tor.
Als er den Auftrag erhielt, war er erst entsetzt. Ausgerechnet hier. In diesem Viertel. Er geht lieber zu den Reichen. Da hat man es nicht ganz so schwer. Die haben genug Geld. Meistens sogar schon zu viel.
Wieder zieht er an seiner Zigarette.
Immer wieder diese verdammte NervositĂ€t, immer wenn man kurz davor ist, loszuschlagen. Jedes Mal, bevor es beginnt wird er unruhig. Muß sich dann zur Gelassenheit zwingen. Immer dasselbe.
Aber es ist eine Sache der Erfahrung.
Mit den Jahren wird jeder Job wie der andere.
Man legt sein Gewissen gewissermaßen an der TĂŒr ab.
Direkt neben der Scham.
Gewissen ist so etwas wie Ballast beim Ballonfliegen. Wer eins hat, der kommt nicht weit. Erst, wenn es abgeworfen wird, erzielt man Erfolge, fliegt man mit dem Wind des Gewinns. Erfolge sind wichtig. FĂŒr ihn.
Er hatte in der letzten Zeit wenige.
Das schlĂ€gt auf den Ruf. Einer ohne Erfolg ĂŒberlebt nicht lange in dieser Branche.
Er zieht wieder an seiner Zigarette.
Nur ruhig.
Es wird schon alles klappen.
Er macht es schon seit einem Jahr. Musste damals. Hatte Geldprobleme. Da ist man nicht wÀhlerisch, wenn es um Berufswahl geht. Nimmt sogar dreckige Arbeit an.
Sein erster Auftrag war ein Fiasko gewesen. Er hatte völlig versagt. Fast hÀtten sie ihm die Bullen auf den Hals gehetzt.
Doch mit den Jahren lernt man dazu.
Wird besser.
Muß besser werden.
Entweder die oder ich. Man stellt da keine Fragen. Ein Job muß um jeden Preis erledigt werden. GrĂŒndlich. Schnell.
Dann kommen die nÀchsten.
Man bekommt eine gewisse Routine darin.
Ein hartes GeschÀft.
Er schnippt die Zigarette fort.
Atmet tief durch.
Er umrundet sein dunkles Auto und öffnet den Kofferraum. Holt seine Utensilien heraus. Die braucht man fĂŒr seine Arbeit. Ohne sie ist alles sinnlos. Man muss ihnen zeigen, mit was sie es zu tun haben. Manche werden sofort weich, andere erst spĂ€ter und wieder andere...
Nicht darĂŒber nachdenken.
Mit ihnen bewaffnet begibt er sich zur HaustĂŒr. Heute ist ein diesiger Tag. Drinnen brennt Licht. Also sind sie da.
Jetzt gibt es kein zurĂŒck mehr.
Auf dem Fußabtreter stehen in verschnörkelten Linien “Herzlich willkommen”. Darunter ist ein freundlich lĂ€chelnder Hund gemalt, der lustig die Zunge heraus streckt.
“Herzlich willkommen.”
Klingt doch nett. Vielleicht wird es gar nicht so schwer.
Sein Finger bewegt sich die Klingel zu. DrĂŒckt sie. Jetzt ist er in der Zielgerade.
Ein verspielter Klang sĂ€uselt durch die Luft. Die Melodie des Big Ben. Irgendwie spießig.
Es vergehen einige Sekunden. Die Zeit scheint still zu stehen.
Dann erklingen im Innern Schritte. Kommen nÀher.
Die TĂŒr öffnet sich.
Die Sekunde der Entscheidung.
Er fasst seine Utensilien fester.
Eine verschlafene Frau erscheint im TĂŒrspalt, mustert ihn aus fragenden Augen.
“Frau Peters?” fragt er, so freundlich wie es nur geht.
Sie nickt.
“Guten Tag. Mein Name ist Heinrich Töllen. Ich komme von der Firma Hinterwerk. Darf ich Ihnen unser neuestes Staubsaugermodell vorfĂŒhren?”

Letzte Aktualisierung: 03.06.2010 - 20.11 Uhr
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