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Zielgerade | Juni 2010
Fressen und gefressen werden
von Bernd Kleber

Da bin ich auf dem Weg in die Stube. Trabe an dem kleinen Schrank vorbei und fühle mich zu Hause. Das Domizil, welches mir Geborgenheit bietet, wo ich alles an seinem Ort weiß und die Gerüche mich anheimeln.
Das Buchregal mit dem Geruch tausender Menschenhände, derer die Bücher gehalten haben, die Küche mit der Abzugshaube, Gerüche vieler Speisen aus Jahren oder das Badezimmer mit seinen Duschbädern, dem Kloreiniger und den frisch gewaschenen Handtüchern. Das sind alles Impressionen, die nur auffallen, wenn sie sich verändern. Würde jemand eine neue Seife in die Ausbuchtung des Waschbeckens legen, dann registrierte ich den neuen Typ Luft sofort, so ist das hier zu Hause.
Die Zeitung habe ich im Flur aufgehoben und bringe sie Franz, der freut sich darüber, sagt danke und schlägt das riesige Papier raschelnd auf. Dahinter verschwindet er und ich höre ihn nur hin und wieder stöhnen, zischen, und andere Geräusche machen, die den gelesenen Text kommentieren. Er scheint zufrieden mit sich. Ich lege mich ein wenig auf die Couch, es gibt im Augenblick nichts zu tun. Wenn Franz seine Zeitung hat, dann kann ich mich entspannen, er reagiert dann nicht auf mich.
Ich höre in der Zimmerecke, am großen Fenster, einen Brummer protestieren, der sich schon einige Beulen an seinem Kopf zugezogen hat, da er in den Garten fliegen will. Eine unsichtbare Wand bremst ihn bei jedem Versuch hart aus. Ich bleibe ganz gelassen, das macht er noch einige Male, dann wird er beim nächsten Staubwischen auf dem Fensterbrett, mit seinen Beinen in der Luft, gefunden werden. Langsam döse ich ein, höre mein eigenes lautes Atmen. Schnarche ich?
Als Franz die Zeitung bei Seite legt, sich erhebt, um in der Küche zu klappern, werde ich wieder wach. Franz brät etwas, ich höre lautes Geknister. Fleisch wehrt sich gegen heißes Fett, als wolle es aus der Pfanne springen. Ein betörender Duft zieht durch die Räume. Der Geruch nach Hähnchen. Ich habe ja vorhin schon gegessen. Der leckere Geruch des fertig gebratenen Vogels zieht nun durch die Zimmer und hängt wie ein Faden auf bestimmter Höhe in der Luft. Frisch und saftig, kross gebraten. Dazu hat Franz sich eine Scheibe Brot genommen, bevor er wieder ins Zimmer kam. Ich höre ihn schmatzen und kauen und zufrieden immer wieder „hm“ sagen, wenn er das Zerkaute herunter schluckt.
Ich bekomme auch wieder ein wenig Appetit. Also höre ich zu, beobachte, wie gut es Franz mit seinem Essen geht. Ich sehe meist in eine andere Richtung, um nicht den Verdacht zu erwecken, ich könne gierig auf die Mahlzeit sein. Sehe aus dem Fenster, studiere die Vögel, wie sie von Ast zu Ast hüpfen und dabei unermüdlich sich etwas zuzwitschern. Manchmal machen sie Rast auf unserem Fensterbrett, kleine Sperlinge und bunte Meisen. Niedliche Vögel, ganz schnell und flink springen und fliegen sie da froh gelaunt hin und her. Der Stubentiger im Haus gegenüber sieht ihnen ebenfalls zu und wackelt rhythmisch mit dem Schwanz, als wolle sie gleich einen Sprung wagen. Die Dumme würde tief fallen, verfehlte sie den Ast der imposanten Kastanie.
Aber die Katze ist klug genug, es bei aller Jagdlust nicht zu versuchen. Wehe, wenn sich ein Vogel in ihre Reichweite verirren würde oder im Übermut, sich selbst überschätzend, in ihre Nähe wagte. Das wäre des Vogels Tod.
Der tote Vogel auf Franz´ Teller muss schon ein wenig erkaltet sein. Aber sein Appetit ist nicht zu bremsen, er knabbert immer noch an ihm, nagt an den Knöchelchen, legt sie blank beiseite. Zerrt an einem Flügel, sortiert eine Keule extra. Franz ist beschäftigt. Mir läuft Speichel zwischen den Zähnen und unter der Zunge zusammen. Ob ich ihm zu verstehen gebe, dass er mir eine Keule abgeben könne wenn er satt ist? Nein, ich habe mir ja schon meinen Bauch vollgeschlagen. Ich sehe wieder zu den lebendigen Vögeln auf der anderen Seite der Scheibe, die zum Verhängnis für den Brummer wurde. Denn der ist jetzt, in immer größeren Abständen, nur für einen kurzen Augenblick zu hören. Bald ist sein Leben vorbei. Sicher wäre er für die Meisen eine willkommene Abwechslung im Speiseplan geworden, wäre ihm der Weg ins Freie geglückt. Franz isst immer noch lautstark, und wenn er die Finger ableckt, läuft mir mehr Speichel zusammen; tropfe nun fast. Ich werde ihm doch ein Zeichen geben. Gerade will ich mich aufrichten, sehe ihn schon an, da sagt er „Lass das, du hattest schon!“
Also blicke ich wieder über den roten Couchflor in die Weite, diesmal bis an den Rand des Waldes. Zufällig wechseln dort zwei Rehe den Weg, der sonst nicht so menschenleer liegt. Sie lassen sich Zeit, sehen sich um, richten ihr Gehör in alle Richtungen, immer zur Flucht bereit. Die würden natürlich rennen, wenn wir dort spazieren gingen. So aber kann ich sie beobachten, so grazil, wie sie sich da bewegen.
Der Duft des Fleisches steigt mir wieder in die Nase, ich denke nur noch an Essen.
Es klingelt! Ich setze mich auf, sehe verwundert Franz an, der mir die Hand entgegen streckt, ich solle bleiben, er ginge die Tür öffnen. Ich kann also liegen bleiben. Bin aber sehr gespannt, wer da kommen wird.
Mein Blick fällt auf das Hähnchen, den Rest dessen, was auf dem Teller zu sehen ist. Da liegen noch eine fein säuberlich abgetrennte Keule und ein Stück großes, weißes Brustfleisch. Wenn Franz nun am Eingang spricht, die Tür hat er geschlossen ... Ich könnte ein wenig ... Nur die Hälfte vom Bruststück ... Ich könnte aber auch die Keule ...
Ich wage nicht zu Ende zu denken. Ich stehe von der Couch auf und gehe gelassen bis zum Teller. Ich muss mir die Stücke aus der Nähe betrachten. Ist ja auch irgendwie schade, da sie nun restlos kalt werden. Aus dem Flur höre ich Stimmen und gehe bis zur Tür. Ich mache ein lautes Geräusch, um Franz eine Chance zu geben, sich zu verabschieden. Er redet aber weiter angeregt. Ich wende mich wieder dem Teller zu. Weißes Porzellan, besprenkelt mit kleinen Rosen und einem geschwungenen Goldrand. Darauf ruht der saftige Schenkel und daneben, fast zu ordentlich, das weiße Brustfleisch. Auf dem Tisch liegt das angebissene Brot. Ich rieche daran und verdrehe die Augen: köstlich!
Wie egoistisch wäre es von mir, nun ein Stück zu nehmen? Machen Freunde so etwas? Franz kann ja eigentlich keinen Hunger mehr haben. Ihm würde das Stück nicht fehlen. Ich rieche den Braten, die Röhre aus der er kam. Wie knusprig das Fleisch ist. `Hm`, denke ich. Gehe nun ganz unaufgeregt zum Fenster, sehe die Katze an, tief in ihre Augen, die macht einen Buckel. Drehe mich wieder um. Das Fleisch liegt dort, und scheint wie der Backofen der Frau Holle, nach mir zu rufen. Es ruft jammernd nach mir, ich soll es fressen. Mein Magen zieht sich zusammen. Sabbere ich? Franz höre ich deutlich aus dem Flur lachen. Es sieht nun aus, als erhebe sich die Keule wie von allein, ohne Hilfe, und schwebe direkt auf mich zu. Ich schüttel heftig meinen Kopf. Ich bin angespannt, rieche ein Mal noch vor meiner Entscheidung an der Keule. Zielgerade!
Die Zimmertür öffnet sich: „Aus! Cleo, aus! Das ist: NEIN!“, ruft Franz. Ich ducke mich, lege mich flach auf den Boden und schiele nach oben in sein empörtes Gesicht. Mir wird vor Scham ganz schwindelig, aber Franz streicht mir schon über mein Rückenfell „Braver Hund, ganz brav!“

©Bernd Kleber

Letzte Aktualisierung: 23.06.2010 - 20.07 Uhr
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