Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Zielgerade | Juni 2010
Schläfer
von Ingo Pietsch

Ozzie erwachte aus einem Traum. Er hielt ein Schnellfeuergewehr in den Händen und zielte auf eine Pappfigur. Das war für ihn eigentlich nichts Ungewöhnliches, aber seinen Dienst beim Militär hatte er schon vor Jahren beendet und seitdem keine Waffe mehr angefasst.
In letzter Zeit häuften sich die Blackouts. Er konnte sich nicht erinnern, wie er von einem Ort zum anderen gekommen war. Außerdem fehlte ihm das Zeitgefühl und er hatte keine Ahnung was er in der Zwischenzeit getan hatte.
Rein instinktiv schaute er über Kimme und Korn bis sie die Zielgerade bildeten.
Ohne nachzudenken zog er den Abzugshebel und einen Sekundenbruchteil später flog der Kopf der Zielscheibe davon.
Ozzie hielt den Finger angespannt, bis das Magazin leer geschossen war.
Nur minimale Reste des Oberkörpers aus Pappe steckten noch in der Halterung.
Er wechselte mit gekonnten Griffen das Magazin und hielt das Gewehr so schnell wieder im Anschlag, dass sich aus dem Lauf noch leichter Qualm kräuselte.
Ein Blitz durchzuckte seinen Körper und er hatte statt des Gewehres Bücher in seinem Blickfeld. Wie er hier an seinen Arbeitsplatz gekommen war, wusste er nicht. Er erinnerte sich nur noch daran, wie er am Morgen aufgestanden war. Er sah aus dem Fenster: Die Sonne stand schon hoch am Himmel – es musste also gegen Mittag sein.
Ihm fehlte der gesamte Vormittag und er hatte rasende Kopfschmerzen.
Auch quälten ihn Alpträume. Er sah Menschen vor sich, die erst lächelten und sich dann mit schmerzverzogenen Gesichtern abwandten.
Ozzie beschloss seinen Therapeuten aufzusuchen. Seit er wieder in Amerika war, schlief er schlecht. Vielleicht lag es daran, dass er von seiner Familie getrennt war oder auch an dem Misstrauen, dass man ihm entgegenbrachte, weil er so lange im kommunistischen Russland gelebt hatte.

Ozzies Arzt kam auch aus Russland. Die beiden verständigten sich in der dortigen Landessprache und es ging ihm hier in der Praxis erheblich besser, weil er sich geborgen, wie zu Huse fühlte.
Ozzie erzählte dem Therapeuten von seinen immer stärker zunehmenden Gedächtnislücken und dass auch die Kopfschmerzen schlimmer wurden.
Er war bereits ein paar Monate in Behandlung und der Arzt kannte seine Krankengeschichte.
Der Russe verstand sich unter anderem auf Hypnose. Ozzie hatte gute Erfahrungen schon während seiner Militärzeit mit dieser schmerzfreien Behandlungsmethode gemacht.
Nach jeder Sitzung ging es Ozzie anschließend erheblich besser, allerdings kamen die Kopfschmerzen und die Lücken in seinem Gedächtnis stärker als zuvor wieder.
Der Arzt begann mit einem Licht vor Ozzies Augen hin und her zu pendeln und schon glitt er in den Hypnosezustand über.

Als Ozzie wieder zu sich kam, war er in seiner Wohnung und lag angezogen auf dem Bett. Gedankenfetzen kreisten durch seinen Kopf. Er sah einen Mann vor sich, der in einem Auto saß und fröhlich winkte. Leute jubelten ihm zu. Ozzie sah auf seine eigenen Hände: Ein Stock oder etwas Ähnliches lag darin. Langsam begannen sich die Erinnerungen aufzulösen. Ozzie hatte Angst. Er erlebte quasi mit, wie ein Teil von ihm gelöscht wurde.
Ozzie stand auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Anschließend holte er sich ein Glas Wasser und schaltete den Fernseher ein.
Es lief die Titelmelodie von The Avengers. Ozzies Augen wurden glasig und er holte seinen Revolver aus dem Schrank.
Sein Auftrag war noch nicht ganz erledigt.
Er verließ das Haus und wollte zur nächsten Bushaltestelle gehen.
Ein Polizist schritt zielstrebig auf ihn zu. „Im Namen des Gesetzes nehme ich Sie fest.“
Panisch zog Ozzie seinen Revolver und schoss dem Mann ins Bein.
Passanten liefen schreiend davon.
Der Polizist ging zu Boden. Er hielt sich die Wunde und versuchte stöhnend den Schmerz zu unterdrücken. Noch mehr Schüsse fielen.
Ozzie erwachte aus seiner Lethargie. Er hatte keine Ahnung, ob er die folgenden Schüsse abgefeuert hatte.
Während das Leben aus dem Polizisten floss, floh Ozzie.

Weit kam er nicht. Er wurde unter Arrest gestellt und verhört. Ozzie konnte aber keine Aussage machen.
Doch das FBI stellte Beweise sicher, die ihn belasteten.
Lee Harvey „Ozzie“ Oswald wurde wegen der Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy weiter in Untersuchungshaft gehalten.
Am Tag seiner Verlegung in ein anderes Gebäude, erschoss ihn ein Mann namens Jack Ruby. Jack Ruby war niemals straffällig gewesen und hegte eigentlich keinen Groll gegen Ozzie. Trotzdem war er einem inneren Impuls gefolgt.
Es kam niemals zur Anklage. Allerdings litt Jack unter zeitweiliger Amnesie und anhaltenden Kopfschmerzen und war deswegen in Therapie … .

Letzte Aktualisierung: 11.06.2010 - 00.05 Uhr
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